So will der Gründer von Web.de das menschliche Altern stoppen


Es heißt ja inzwischen, 40 ist das neue 20. Doch das reicht dem deutschen Internetpionier Michael Greve nicht. Er will 70 zum neuen 30 machen. Deshalb steckt er seine Zeit und sein Geld in die Entwicklung von Verjüngungs- oder Rejuvenation-Therapien, die den menschlichen Alterungsprozess nicht nur stoppen, sondern umkehren sollen. Erste Therapien nutzt er dabei auch selbst.

Ein Interview von Wolfgang Kerler

Es wäre nicht das erste Mal, dass Michael Greve einer Entwicklung zum Durchbruch verhilft, die das Zeug hat, die Welt zu verändern. Anfang der 1980er gründete er mit seinem Bruder eine Software-Firma. In den frühen 1990er Jahren gehörten die beiden dann zu den ersten, die hierzulande das Internet verstanden. Schon 1995, und damit drei Jahre vor der Gründung von Google, starteten sie in Karlsruhe das Portal Web.de, das erste durchsuchbare Verzeichnis deutschsprachiger Webseiten. Nochmal drei Jahre später kam der kostenlose E-Maildienst dazu, den viele bis heute nutzen.

Inzwischen ist der Verkauf von Web.de an United Internet mehr als 15 Jahre her. Und auf den ersten Blick hat das, womit sich Michael Greve jetzt beschäftigt, nichts mit seinen Anfängen zu tun. Doch genau genommen war die Gründung seiner gemeinnützigen Firma, der Forever Healthy Foundation, die Folge seines Durchbruchs als Internetgründer. Denn mit dem machte er nicht nur ein dreistelliges Millionenvermögen, das er für seine neue Mission einsetzen kann. In den Web.de-Jahren schlich sich bei Michael Greve auch eine ungesunde Lebensweise ein. Zigaretten, Alkohol, Kaffee, Junkfood, Übergewicht.

Der Unternehmer in mir ist sich absolut sicher, dass das die größte Industrie aller Zeiten wird. – Michael Greve über Rejuvenation

Er entschied sich, gegenzusteuern. Konsequent. Wo andere es vielleicht bei gesunder Ernährung und Sport belassen hätten, setzte er sich ein anderes Ziel: Er will den Menschen – und damit auch sich selbst – eine deutlich längere gesunde Lebensspanne ermöglichen und noch selbst dabei sein, wenn Altern heilbar wird. Mit Forever Healthy und seiner Investmentfirma will er dazu auf verschiedene Arten beitragen. Zum einen durch das Zusammentragen, Konsolidieren und Bewerten aller wissenschaftlicher Erkenntnisse, die es schon heute über mögliche Wirkstoffe gibt. Zum anderen durch Investitionen in Start-ups, die an Rejuvenation-Therapien arbeiten, also an Therapien, die uns buchstäblich verjüngen sollen.

Michael Greve im Interview

Michael GreveMichael Greve hat mit Internetunternehmen ein Vermögen gemacht. Jetzt investiert er es in den Kampf gegen das menschliche Altern. Bild: Forever Healthy

Im Gespräch mit 1E9 erklärt Michael Greve, warum es ihm nicht um Unsterblichkeit geht, welche Mittel er heute schon einnimmt, um jung zu bleiben, und weshalb Rejuvenation das größte Bussinnes aller Zeiten werden könnte.

1E9: Wie kommen immer mehr Wissenschaftler, Start-ups und auch Investoren eigentlich auf die Idee, dass sich das Altern aufhalten lässt? Es ist doch natürlich, dass wir altern.

Michael Greve: Viele Dinge galten im Laufe der Menschheitsgeschichte als natürlich. Bevor die Menschen Feuer machen konnten, sind viele natürlich im Winter erfroren. Bevor es erste Medikamente gab, sind viele natürlich an heute harmlosen Infektionen gestorben. Aber nur, weil etwas früher so war, muss es doch nicht immer so bleiben.

Unabhängig davon ist Altern nicht unbedingt natürlich. Es gibt Lebewesen, die nicht wie wir altern. Hummer, zum Beispiel. Die sterben an anderen Dingen, aber nicht an altersbedingten Krankheiten, unter denen wir Menschen leiden – an Krankheiten wie Alzheimer, Altersdiabetes oder auch Krebs, der vor allem im Alter auftritt. Da der Hauptgrund für diese Krankheiten nun einmal der Alterungsprozess selbst ist, wird schon lange überlegt, etwas dagegen zu unternehmen. Dadurch ist in den vergangenen dreißig Jahren eine beachtliche Community entstanden, in der wir uns nicht mehr die Frage stellen, ob wir das Altern stoppen können, sondern nur noch, wann das passiert.

Das heißt, wir können erstmal nur warten?

Michael Greve: Nein, wir können schon jetzt etwas tun. Zum einen gibt es bereits viele simple Möglichkeiten, um unsere Gesundheit dramatisch zu verbessern oder Krankheiten entgegenzuwirken. Schon unsere Oma wusste, wie wichtig gute Ernährung, Bewegung, Schlaf und Ausgeglichenheit sind. Außerdem sollten wir keine Umweltgifte zu uns nehmen. Zum anderen existiert auch jetzt schon sehr viel medizinisches Wissen, das man nutzen könnte, um die gesunde Lebensspanne der Menschen deutlich zu verlängern. Leider ist dieses Wissen häufig in akademischen Texten verborgen und nur wenige Spezialisten verfügen darüber. Bei Forever Healthy haben wir uns vorgenommen, dieses Wissen zu sammeln, zu bewerten und so auf unsere Webseite zu stellen, dass es für jeden handhabbar wird.

Bevor wir über eure Arbeit bei Forever Healthy sprechen, könntest du uns verraten, was du persönlich gegen das Altern unternimmst.

Michael Greve: Das fängt wirklich bei den fast langweiligen Sachen an. Ich ernähre mich gesund – und zwar richtig gesund – und nehme nichts zu mir, was den Körper schädigt. Körperliche Aktivität ist wichtig, aber auch das mentale Wohl. Ich meditiere. Ich mache Yoga. Und dann gibt es durchaus ein paar Supplements, also Nahrungsergänzungsmittel, und auch die ersten Rejuvenation-Therapien, die ich jetzt schon anwende, um meinen Alterungsprozess entweder zu verlangsamen oder in manchen Bereichen umzukehren.

Welche Therapien und Supplements sind das?

Michael Greve: Schon jetzt kennen wir Wirkstoffe, die den Alterungsprozess verlangsamen, sogenannte Gero-Protektoren. Dazu gehört Metformin, ein seit den 1950er-Jahren verwendetes Diabetes-Medikament. Das kann ich auch nehmen, wenn ich nicht an Diabetes leide. Es senkt nicht nur den Blutzuckerspiegel, sondern verringerte bei Teilnehmern von Studien auch die Wahrscheinlichkeit an Krebs zu erkranken.

Außerdem kann man versuchen, bestimmte Prozesse, die zu altersbedingten Krankheiten führen, zu kompensieren. Zum Beispiel produziert der Körper, wenn wir älter werden, immer weniger von einem Molekül namens NAD+, das extrem wichtig für unseren zellulären Energiekreislauf ist. Doch es gibt das Nahrungsergänzungsmittel NR, mit dem ich meinen NAD+ Wert im Körper wieder auf ein jugendliches Niveau anheben kann. Allerdings muss ich das permanent machen, denn ich kompensiere nur, ich repariere nichts.

Keiner weiß genau, wie viel Gesundheit diese Wirkstoffe bei Menschen wirklich erzeugen, das wird gerade erforscht.

Beim dritten Ansatz, den man jetzt schon verfolgen kann, ist das anders. Da geht es tatsächlich um die molekulare und zelluläre Reparatur, um echte Verjüngung oder Rejuvenation. Es gibt zum Beispiel einen Wirkstoff, der nennt sich Fisetin, den man interessanterweise sogar im Internet bestellen kann. Normalerweise nimmt man den als Nahrungsergänzungsmittel in einer Dosis von 50 Milligramm pro Tag. Derzeit läuft aber eine Studie, bei der Probanden an zwei aufeinanderfolgenden Tagen 1.500 Milligramm Fisetin einnehmen, weil man davon ausgeht, dass der Wirkstoff dann seneszente Zellen killt. Das sind Zellen, die eigentlich am Ende ihres Lebenszyklus angekommen sind und sich nicht mehr teilen können. Doch anstatt Selbstmord zu begehen oder vom Immunsystem beseitigt zu werden, was eigentlich passieren sollte, bleiben sie im Körper und fangen an, eine Art Giftmüll zu verbreiten. Im Tierversuch mit Mäusen hat man festgestellt, dass sich die Gesundheit enorm verbessert, wenn man diese seneszenten Zellen entfernt. Die Lungen- und die Muskelfunktion kam zurück, die Hautelastizität nahm wieder zu, das Fell bekam seine Farbe zurück und sogar die Gehirnaktivität wurde besser.

Keiner weiß genau, wie viel Gesundheit diese Wirkstoffe bei Menschen wirklich erzeugen, das wird gerade erforscht. Aber ich möchte mich nicht in fünf Jahren, wenn die Wirkung dann bestätigt ist, ärgern, weil ich die Zeit nicht genutzt habe. Deswegen nehme die Stoffe schon jetzt.

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Dann wollen wir aber auch wissen, wie alt du bist und wie alt du dich fühlst.

Michael Greve: Ich fühle mich super fit, so fit wie noch nie in meinem Leben. Ich bin 56, aber gefühlt eher 35, würde ich sagen. Es ist allerdings schwer zu sagen, welchen Anteil daran meine gesunde Lebensweise oder eben die Therapien haben. Negative Nebenwirkungen haben sie bei mir jedenfalls nicht.

Es gibt noch keine Medikamente, auf deren Packung offiziell steht, dass sie uns jünger machen. Und im Netz finden sich unzählige Informationen, bei denen man sich nicht immer sicher ist, ob sie verlässlich sind oder nicht. Woher weißt du, dass du dir mit den Wirkstoffen nicht sogar schadest?

Michael Greve: In 50 Jahren werden wir zum Arzt gehen – oder wie auch immer der Dienstleister dann heißt –, und der sagt dir dann: „Rejuvenation? Das machen wir seit 30 Jahren.“ Und er wird dir genau erklären können, was funktioniert und wie es funktioniert. An diesem Punkt sind wir aber noch nicht. Die Frage ist also, was kann ich jetzt schon mit vertretbarem Risiko tun? Darauf eine Antwort zu finden, ist für jemanden, der sich noch nicht mit dem Thema beschäftigt hat, gar nicht so einfach. Denn der heutige Markt ist komplett intransparent und viele Anbieter wollen teure Infusionen verkaufen, die komplett nutzlos sind. Dagegen wollen wir etwas unternehmen.

Wir haben eine Initiative gestartet, die sich Rejuvenation Now nennt und mit der wir uns eine lange Liste an Therapien vornehmen, die es schon gibt. Von denen gehen wir eine nach der anderen durch. Wir schauen uns alle klinischen Studien und wissenschaftlichen Papiere an, die es zum jeweiligen Thema gibt, was meistens an die 2.000 sind. Dann selektieren wir die 100 bis 150 relevantesten Veröffentlichungen, analysieren die im Detail und veröffentlichen dann eine Nutzen-Risiko-Analyse zur jeweiligen Therapie und zum möglichen Risikomanagement. Alle, die sich dafür interessieren, aber auch Ärzte finden diese Analysen auf unserer Website. Bei Fisetin, zum Beispiel, ist das schlimmste, was mir passieren könnte, dass es nichts bringt.

Wie weit sind wir denn von mächtigen Wirkstoffen, die nachweislich das Altern stoppen oder umkehren, noch entfernt? Sind das Jahre oder eher Jahrzehnte?

Michael Greve: Es wird nicht die eine Pille gegen das Altern geben, das muss man verstehen. Altern ist ein komplexer Prozess, der sich aus vielen verschiedenen Veränderungen zusammensetzt. Wahrscheinlich brauchen wir im Endeffekt 40 Therapien in Form von Tabletten oder Injektionen, die irgendwann bestimmt auch als Kombipräparat gespritzt werden können. Aber diese Therapien werden nach und nach entstehen, eine nach der anderen.

In sechs, sieben oder acht Jahren werden die ersten Medikamente in den Handel kommen.

Die ersten Start-ups arbeiten schon an Therapien, um einzelne Ursachen des Alters umzukehren. Wir selbst sind an 10 Unternehmen beteiligt. Und die brauchen keine Jahrzehnte mehr. Wahrscheinlich werden sie schon in den nächsten zwei bis drei Jahren erste klinische Studien starten, nach denen wir wissen, ob ihre Ansätze funktionieren. Dann wird es nochmal ein paar Jahre bis zur Zulassung dauern. Aber in sechs, sieben oder acht Jahren werden die ersten Medikamente in den Handel kommen.

Was wäre aus deiner Sicht ein realistisches Ziel, was die Forschung erreichen kann? Dass wir 150 werden? Dass ich mit 90 noch arbeiten kann wie mit 30? Unsterblichkeit?

Michael Greve: Wir wissen nicht, um wie lange man das Leben tatsächlich verlängern kann. Was ich aber eine schöne Vorstellung finde, wäre, wenn Menschen mit 70 noch genau so fit sind wie mit 30 – nur eben mit 40 Jahren mehr an Lebenserfahrung. Wir reden also nicht über Hunderte von Jahren, wir reden nicht von Unsterblichkeit. Denn selbst wenn wir nicht 150 werden, aber dafür alle 80 oder 90 Jahre bei bester Gesundheit leben können, ohne altersbedingte Krankheiten, dann hätten wir doch schon viel gewonnen.

Sprechen wir noch über deine Motivation. Du warst ein erfolgreicher Internetpionier, hast finanziell längst ausgesorgt – und jetzt setzt du dich für das neue Forschungsfeld der Rejuvenation ein. Warum eigentlich?

Michael Greve: Zunächst mache ich das natürlich aus Eigeninteresse, weil ich gerne selbst von den Therapien profitieren möchte. Ich will möglichst lange gesund bleiben und alt werden. Der Unternehmer in mir ist sich außerdem absolut sicher, dass das die größte Industrie aller Zeiten wird. Denn was sollte den Menschen mehr Wert sein, als nie wieder Angst vor Herzinfarkten, Schlaganfällen, Krebs oder Alzheimer haben zu müssen? Gerade ist das wertvollste Unternehmen der Welt eines, das Telefone verkauft. Aber was ist ein Telefon gegen die Gewissheit, lange jung und fit zu bleiben?

Hast du den Eindruck, dass die Öffentlichkeit sich schon im Klaren darüber ist, dass da möglicherweise gerade eine gigantische Industrie entsteht?

Michael Greve: Nein, absolut nicht. Momentan ist das noch eine stille Revolution. Viele Leute sagen mir auch, dass es total unglaublich klingt, was auf unserer Webseite steht – wie Science Fiction. Aber ich denke, sobald wir die erste Therapie haben, die einen Aspekt des Alterns nachweislich umkehren kann, werden plötzlich viele Leute verstehen, dass das real ist. Dass wir dem Altern nicht ausgeliefert sind. Und dann wird es sehr schnell gehen. Es wird mehr Start-ups geben und es werden Investments kommen. Denn die Kalkulation ist einfach. Wenn jeder von den vier Milliarden Menschen, die über 30 sind, pro Jahr 10.000 Euro ausgibt, um nicht zu altern, sprechen wir über einen Jahresumsatz von 40 Billionen Euro.

Titelbild: Getty Images

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Mich würde natürlich sehr interessieren, was ihr so über die Aussicht sagt, das Altern möglicherweise stoppen zu können. Vor ein paar Monaten haben wir darüber auch schon einmal ausführlich diskutiert – und ein kleines Voting, das immer noch offen ist, veranstaltet. Hier geht’s zur Debatte.

Würdest du deinen Körper verjüngen, um älter als 120 zu werden?

Das Ergebnis der Umfrage ist bisher, dass 77 Prozent der Teilnehmenden gesagt haben, dass sie sich „verjüngen“ würden, um 120 zu werden. 23 Prozent haben nein gesagt. Was sagt ihr?

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Wahrscheinlich sehr treffende Aussage! Wobei ich mich, wenn ich mir so einen Alltag vorstelle, frage, ob wir uns das Ziel in der fernen Zukunft permanent vor Auge halten können, Vs, die kurzfristigen Glücksmomente beim Kauf eines neues Telefons oder Ä. doch noch höher schätzen …

Interessant ist in jedem Fall, dass man den alten tradeoff mit permanenten Therapien vielleicht brechen kann: nicht mehr entweder gesund lange leben oder intensiv und kurz sondern beides :slight_smile:

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Mega gut. Gibt es hier eine andere Antwort? :slight_smile:
Nein, aber auch im Ernst, ich glaub, es geht nicht nur eindimensional darum länger zu leben, sondern länger zu leben und dabei gesund und bei Sinne zu bleiben. Dann müsste sich aber auch unser ganzes System anpassen: vielleicht gibt es dann echt nicht nur den einen Weg: Schule, Uni, Beruf, Family, Ciao, sondern man kann eben mehrere Wege einschlagen. Find ich gesellschaftlich super interessant, was das für eine Wirkung auf uns hätte!

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