Beginnt mit Weltraum-Fleisch aus dem 3D-Drucker eine neue Ära der Menschheitsgeschichte?

Seit Jahrtausenden züchten Menschen Tiere, um sie zu essen. Doch diese Ära könnte zu Ende gehen. Denn die Firmen, die an Fleisch arbeiten, das im Labor geschaffen wird, machen Fortschritte. Barbara Mutzbauer aus der 1E9-Community beschreibt die Entwicklung der vergangenen Jahre – und fragt sich dann, ob es überhaupt plausible Argumente gegen das neue Clean Meat gibt. Was meint ihr?

Ein Debattenbeitrag von Barbara Mutzbauer

Es klingt wie Science-Fiction, ist aber tatsächlich passiert: Auf der Internationalen Raumstation ISS wurde Fleisch aus Rinderzellen im 3D-Druckverfahren hergestellt. Mit dem Experiment wollte das israelische Startup Aleph Farms eindrucksvoll beweisen, dass die Produktion von schlachtfreiem Fleisch überall möglich ist – und ohne großen Ressourceneinsatz. Denn Fläche und Flüssigkeit sind im All Mangelware. Das bedeutet aber nicht, dass das Ziel von Aleph Farms wäre, Steaks im Weltraum herzustellen. Das Unternehmen will vielmehr den wachsenden Fleischkonsum der Menschen mit weniger Wasser- und Landverbrauch auf der Erde sichern. Ist die moderne Biotechnologie, die solche Konzepte überhaupt erst möglich macht, also gerade dabei die globale Ernährung zu revolutionieren? Läutet sie eine neue Ära der Menschheitsgeschichte ein? Und was sollen wir davon halten?

I. Der Weg zum Laborfleisch

Vom ersten Bier zur Massentierhaltung

Der technologische Fortschritt des Menschen hat in der Geschichte jedenfalls schon zwei Mal zu umwälzenden Veränderungen der Nahrungserzeugung geführt. Zuerst brachte die landwirtschaftliche Revolution vor etwa 10.000 Jahren mit Ackerbau und Viehzucht die kulinarische Kulturgeschichte der ehemaligen Jäger-und-Sammler-Gesellschaft in Gang. Und die Erfindung des Bieres, die in diese frühe Zeit fällt und später im alten Ägypten zu einer Bierindustrie ausgebaut wurde, war im Grunde auch schon eine biotechnologische Errungenschaft. Die industrielle Revolution des 19. Jahrhunderts ebnete dann den Weg in eine maschinell gestützte Nahrungsmittelproduktion, die mit dem Instrument der Massentierhaltung einen für den prähistorischen und antiken Homo Sapiens undenkbaren Fleischkonsum in der westlichen Welt ermöglicht.

Durchschnittlich 60 Kilogramm Fleisch werden in Deutschland pro Jahr und Kopf verspeist. Die dafür notwendigen Agrarflächen zum Anbau des Futters sind in Deutschland gar nicht verfügbar, weshalb für den deutschen Fleischverzehr auf Nutzflächen außerhalb der EU zugegriffen werden muss. Und andere Länder holen auf, weswegen der weltweite Fleischkonsum steigt. Dabei hat die Produktion von Fleisch negativen Einfluss auf das globale Ökosystem. Die Massentierhaltung verursacht 14,5 Prozent der globalen Treibhausgasemissionen und ist somit ein Treiber des Klimawandels in der Dimension des Verkehrssektors. Wie ernährt sich also die noch weiter anwachsende Erdbevölkerung der Zukunft, wenn sie der Klimakatastrophe entkommen will? Eine mögliche Antwort auf eine der brennendsten Fragen unserer Zeit könnte im aktuellen Kapitel der Biotechnologie liegen.

Fleisch aus dem Bioreaktor

Im 21. Jahrhundert heißt das Novum des Fortschritts In-Vitro-Fleisch, Cultured Meat oder auch Clean Meat und ist längst keine Science-Fiction mehr. Der Traum, das Tierprodukt Fleisch für den enormen Absatzmarkt und den wachsenden Proteinbedarf der Menschheit umweltschonend und ohne Tierleid herzustellen, wird dadurch erstaunlich greifbar. Einer der Pioniere der Szene ist Mark Post. Er sagt: „Irgendwann werden wir auf diese barbarischen Zeiten, in der wir Tiere getötet haben, mit Unglauben zurückschauen.“

Das Gentechnik-freie Verfahren basiert auf dem Züchten von einzelnen Zellen zu Gewebe. Dieses wächst nicht im Organismus eines Tiers heran, sondern in Bioreaktoren, ähnlich wie bei der Fermentation von Bier. Zur Herstellung von Rinder-Hackfleisch wird mittels Biopsie am lebenden Tier Muskelgewebe entnommen und daraus Stammzellen, sogenannte Satellitenzellen, extrahiert. Diese teilen und vermehren sich in einer Nährlösung. Um fleischige Fasern wachsen zu lassen, wird mit mechanischen und elektrischen Impulsen Muskelaktivierung simuliert. Eine Gewebeprobe kann nach diesem Prozess bis zu 80.000 Burger ergeben. Chemisch gesehen ist dieses Fleisch mit dem eines Tieres identisch, musste aber nie getötet werden. Die Wissenschaftsjournalistin Mai Thi Nguyen-Kim nennt es lieber „Leben, das nie geboren wurde“.

2013 präsentierte Mark Post den ersten In-Vitro-Burger, der damals an der Universität Maastricht entwickelt wurde – und 250.000 Euro kostete. Damit das Laborfleisch markttauglich werden kann, wird seitdem daran gearbeitet, diese Kosten zu senken. Zusätzlich soll die Auswahl an Laborfleisch erhöht werden, weil Hackfleisch allein noch keine Revolution macht. Außerdem galt es bisher noch ein ethisches Problem zu lösen. Denn das Nährserum, in dem sich die Zellen für das neue Fleisch vermehrten, entsprach noch nicht dem Traum vom Burger ohne Tierleid. Das notwendige Fetal Bovine Serum, kurz: FBS, wird nämlich aus den schlagenden Herzen ungeborener Kälber gewonnen. Das bedeutet den Tot von Mutterkuh und Fötus.

Selbst Steak wird möglich

Dieses FBS-Problem hat Mosa Meat, die Firma, die Mark Post im Anschluss an die Entwicklung seines ersten Burgers mitgründete, nach jahrelanger Forschung an pflanzlichen Alternativen nach eigenen Angaben gelöst. Das Serum ist jetzt frei von Tierprodukten. Die Hürde der hohen Produktionskosten ist noch nicht ganz genommen. Doch große Fortschritte gab es auch hier. „Wir gehen davon aus, dass sich die Kosten für die Herstellung eines Hamburgers auf etwa neun Euro belaufen werden, sobald die Produktion hochgefahren ist", sagte eine Mosa-Meat-Sprecherin vergangenes Jahr zu Reuters . In ein oder zwei Jahren sollen die Burger auf den Markt kommen. Allerdings vermutlich eher in Läden in Gegenden, in denen die Konsumenten ohnehin aufgeschlossen für ökologische und hochpreisige Alternativen sind.

Die Zielgruppe für das neue Fleisch dürfte wohl weniger aus Vegetariern und Veganern bestehen, für die sich pflanzliche Fleischersatzprodukte immer stärker etablieren. Die In-Vitro-Burger sollen auch die Menschen ansprechen, die gerne echtes Fleisch essen. So investiert auch der deutsche Fleischproduzenten Wiesenhof in diese Zukunftstechnologie. Auch die Migros, eines der größten Einzelhandelsunternehmen der Schweiz, glaubt an das Marktpotential – und ist eine Partnerschaft mit Aleph Farms eingegangen. Mit dem Start-up also, das sein Fleisch im Weltraum 3D-gedruckt hat.

Auch Start-ups wie Meatable aus den Niederlanden, Memphis Meats aus den USA oder Innocent Meat aus Deutschland haben die Technik inzwischen aufgegriffen und arbeiten an eigenen Produkten. Sie forschen intensiv, um neben Burgern aus Hackfleisch, auch Hühnchen, Fisch oder das noch komplexere Rindersteak nachbauen zu können. Aleph Farms will inzwischen in der Lage sein, die gewünschte dreidimensionale Struktur eines Steaks herzustellen. Beim Experiment in der Thermosphäre der ISS wurde dafür ein spezielles 3D-Druckverfahren mit der Technologie der russischen Firma 3DPrinting Solutions verwendet. Beim Prozess in Schwerelosigkeit wird nicht Lage für Lage übereinander gedruckt, sondern simultan von allen Seiten. Auf der Erde ist das schwieriger. Dort zwingt die Gravitation die Zellen nach unten, was mit einer essbaren Gerüststruktur gelöst werden soll, auf die die Zellen aufgetragen werden.


Das Steak von Aleph Farms ist noch etwas dünn. Aber für ein leichtes Gericht im Video hat es schon gereicht.

Es scheint also fast alles technisch möglich zu sein. Auch geschmacklich kann Clean Meat offenbar mithalten, wie berichtet wird. Gesünder als das getötete Pendant könnte es auch sein, da das Wachstum im Labor kontrollierbar ist und damit, zum Beispiel, die Zugabe von Antibiotika obsolet wird. Und das Weltraum-Experiment zeigte, dass der enorme Wasser- und Landverbrauch der industriellen Massentierhaltung vermeidbar ist. Angesichts dieser Fortschritte der vergangenen Jahre, könnte auch die noch bestehende Herausforderung des beträchtlichen Energiebedarfs gelöst werden, den die für die Massenproduktion des Laborfleischs nötigen Industrieanlagen haben würden.

Die Innovationen, die wir in den vergangenen Jahren erlebten, könnten eine dritte Nahrungsmittelrevolution hervorbringen, die Winston Churchill bereits 1931 kommen sah. Damals sagte er: „Es besteht kein Zweifel daran, dass sich diese Evolution mit zunehmender Geschwindigkeit fortsetzen wird. […] Wir werden der Absurdität entkommen, ein ganzes Huhn zu züchten, um die Brust oder die Flügel zu essen, indem wir diese Teile getrennt mit einem geeigneten Medium züchten."

Sollten wir unsere Ernährung also bald ganz auf das dann hoffentlich erschwingliche und klimafreundliche neue Fleisch umstellen? Zumindest wenn Struktur und Geschmack stimmen, was die Fleischliebhaber zufrieden stellen sollte, und die Produktion wirklich ohne die Tötung von Tieren auskommt, was die Fraktion der Vegetarier und Veganer erfreuen müsste?

II. Die Debatte: Spricht etwas gegen Laborfleisch?

Paul Shapiro ist zwar Veganer, probiert aber schon mal In-Vitro-Fleisch, was er in seinem Buch Clean Meat. How Growing Meat Without Animals Will Revolutionize Dinner and the World beschreibt. Für ihn ist neben dem Mitgefühl für empfindsame Tiere der Ressourcenverbrauch der Tierindustrie ausschlaggebend. So rechnet er auf, dass mit dem Verzicht auf ein einziges Hühnchen zum Abendessen mehr Wasser gespart würde, als damit für sechs Monate nicht zu duschen.

Die meisten Menschen essen aber nun einmal gerne Fleisch und daher muss man über Lösungen sprechen. Eine ehrliche, öffentliche Diskussion wünscht sich auch Hendrik Hassel, Autor von Neues Fleisch. Essen ohne Tierleid – Berichte aus der Zukunft unserer Ernährung. Er sagt, Bier wachse auch nicht auf Bäumen, sondern würde vom Menschen gemacht. Genau wie ein Schnitzel, nur mit den Vorteilen der technischen Möglichkeiten. Ich möchte hier fünf denkbare Kritikpunkte am Laborfleisch aufführen – und einige Gedanken dazu.

1. Laborfleisch bedeutet Entromantisierung.

Die idyllische Vorstellung vom Fleisch aus ökologischer Haltung vom freundlichen Bauernhof wäre mit der biotechnologischen Lösung dahin. Aus unzähligen Gesprächen weiß ich, dass viele Fleischkonsumenten gerne auf Biozertifizierung achten (würden). Aber de facto liegt der Marktanteil von Biofleisch in Deutschland bei unter zwei Prozent – gegenüber 98 Prozent aus konventioneller, meist Massentierhaltung. Der Wunsch wird also bei den meisten Verbrauchern nicht zur Realität. Die idyllische Vorstellung von der Kuh auf der grünen Weide ist damit leider unangebracht. Mit In-Vitro-Fleisch würde also kein romantischer Biohof ersetzt, sondern die Realität der Massentierhaltung.

2. Laborfleisch führt zum Branchensterben.

Die herkömmlichen Fleischproduzenten müssten sich umorientieren und, sofern möglich, umrüsten, um marktfähig zu bleiben. Der Philosoph Richard David Precht ist Befürworter der technologischen Entwicklung, sieht aber eine Gefahr, was Ökonomie und Sozialverträglichkeit angeht. Marc Posts erster Burger wurde von Sergey Brin, dem Mit-Gründer von Google, finanziert. Laut Precht investiert das Silicon Valley doppelt so viel Geld in Biotechnologie wie in Künstliche Intelligenz. Sofern sich aber wenige große Firmen die Patente an den neuen Verfahren sichern würden, könnte der deutsche Mittelstand nicht mehr mithalten. Kleinbauern schon gar nicht. Die Disruption hätte dann negative wirtschaftliche und soziale Konsequenzen. Precht würde sich also wünschen, dass die Verfahren von allen frei kopiert werden dürfen. Ob solches Open-Source-Laborfleisch allerdings – auch rechtlich – realistisch ist, bleibt unklar.

3. Laborfleisch ist unnatürlich.

Die evolutionsbiologische Entwicklung zum Homo Sapiens war ein natürlicher Prozess. Gängige Theorie ist, dass der hohe Energiebedarf des menschlichen Gehirns nur durch nährstoffreiches Essen gestillt werden konnte, wozu Fleisch gehörte. Das Töten von Tieren liegt in der natürlichen Entwicklungsgeschichte unserer Spezies.

Wir leben aber nicht mehr als Jäger und Sammler, sondern kaufen Fleisch als Tierprodukt, meist vorportioniert, verpackt oder schon zubereitet. Die wenigsten von uns führen einen so naturverbundenen Lebensstil wie etwa die Inuit. Aber schon mit der Erfindung der Kleidung hat sich der Mensch aus dem natürlichen Gefüge zu seinem Vorteil hervorgehoben. Das zeigt: Dass etwas unnatürlich ist, erscheint uns oft nicht als plausibles Argument gegen Erfindungen.

4. Laborfleisch ist nicht normal.

Ja, aber was ist schon normal, könnte man sagen. Aber mangelnde gesellschaftliche Akzeptanz ist ein valider Punkt, der Entwicklungen verhindern kann. Menschen, die gerne echtes Fleisch essen, führen in Studien als häufiges Argument an, dass es für sie rational normal ist. Es handelt sich also um eine Gewohnheit. Aber zur der könnte auch der Griff zum im Bioreaktor erzeugten Fleisch werden. Es lässt sich mutmaßen, dass Menschen, die sich eine bessere Zukunft wünschen, vielleicht eher bereit wären, ihre Gewohnheiten zu hinterfragen. Wenn man eine New Humanity denkt, wäre für mich auch die Frage zu beantworten, was in dieser neuen Gesellschaft zukünftig als Normalität gelten könnte.

5. Tierfleisch gehört zu unserer Identität.

Das Argument der Normalität hebt Nadine Filko auf eine andere Ebene. Ihr Buch hat einen ähnlichen Titel, wie das von Paul Shapiro. In Clean Meat. Fleisch aus dem Labor: die Zukunft der Ernährung? gibt sie kritisch zu bedenken, dass der Mensch nun einmal auch ist, was er isst, und kein Problem damit habe, dass es auch Tiere sind. Sollte die Revolution keine Kompromisse zulassen, geht für sie „ein Teil der Grundlage dessen, was der Mensch heute ist“ verloren. „Tiere zu essen, gehört zu unserer Identität“, sagt sie.

Zu diesem „wir“ zähle ich mich nicht. Wahrscheinlich würden auch viele Menschen in Indien, deren Identität durch eine vegetarische Religion und Kultur geprägt ist, auch nicht zustimmen. Die Identitätsfrage ist eine Frage des kulturellen Wertesystems einer Gesellschaft, eine soziale und eine psychologische noch dazu. Sie fragt nach dem kollektiven und individuellen Selbstverständnis und hat mit der Persönlichkeit eines Menschen zu tun. So gesehen könnte die fleischliche Kulinarik ohne Schlachtung nach einer Phase der Entscheidungen Einzelner durchaus zu einer gemeinschaftlichen Prägung werden. Und damit zu einem Teil unserer Identität.

Die Revolution kommt

Auch Nadine Filko spricht von einer Revolution des Systems, die sich anbahnt. Für sie ist es aber eher eine pluralistische Revolution mit mehreren Alternativen: Clean Meat, pflanzenbasierte Produkte und echtes Fleisch, von dem sie sich wünscht, dass es nur von Tieren stammt, die ein gutes Leben hatten. Biotechnologie wäre also ein Teil der Lösung.

Henrik Hassel hingegen glaubt nicht an eine Revolution, die das Laborfleisch zum neuen Standard macht. Nicht aus kulturellen Gründen, sondern weil die anstehende Klimakatastrophe zum sofortigen Handeln zwinge. Die Akzeptanz der In-Vitro-Produkte als Alternative für Interessierte reicht da aus seiner Sicht nicht aus. „Große Hebel müssen dafür bewegt werden“, sagt er. Doch eine komplette und globale Umstellung auf Clean Meat würde einfach zu lange dauern. Er sieht es aber als eine Lösung für eine noch fernere Zukunft – eine, in der wir den Klimawandel abgewendet haben werden.

Wenn ich sein Argument weiterführe, wäre die dritte Revolution der Ernährung wohl erst einmal eine pflanzliche, denn die herbivore und klimafreundlichere Kost ist bereits verfügbar. Die Ära der biotechnologischen Clean-Meat-Industrie wäre für eine Post-Klimakatastrophen-Gesellschaft vorbehalten. Vorausgesetzt wir erleben dieses Zeitalter. Ich hoffe es. Yuval Harari jedenfalls meint, dass wir schon mit den Möglichkeiten des 21. Jahrhunderts göttliche Instrumente haben, um zu erschaffen und zu zerstören. „Wir könnten die Wunder der Biotechnnologie nutzen, um entweder das Paradies oder die Hölle zu erschaffen. Es liegt an uns allen, weise zu wählen.“

Was sagt ihr zu diesen Argumenten? Und denkt ihr, dass die biotechnologie Revolution schon im Gange ist und wir an einem neuen Kapitel der Menschheitsgeschichte schreiben? Oder ist das Töten echter Tiere zum Verzehr ihres Fleisches aus der Kulturgeschichte des Menschen nicht weg disruptierbar?

  • Ja, die Revolution kommt.
  • Nein, Fleisch wird immer an Tieren wachsen.

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Titelillustration: Barbara Mutzbauer

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Ich denke, dass eine Revolution kommen muss. Vor allem, wenn man Absurditäten sieht, wie 1kg Minutensteaks für 1,99Euro oder davon liest, dass in Deutschland zwar massenhaft Fleisch verarbeitet wird, aber nur ein Bruchteil davon in den Kühlregalen landet. Ich finde, wenn romantischer Fleischkonsum von glücklichen Kälbern, dann auch mit Lebern, Nieren, Kutteln und Bries. Denn das ist in der industrialisierten Fleischproduktion verloren gegangen: das Bewusstsein wieviel Tier noch so an einem Filet hängt. Und in der romantischen Verklärung unserer Verbundenheit mit dem Fleischkonsum, muss man sagen, in der Vergangenheit wurde das ganze Tier verarbeitet. Mit einem bewussten und für mich damit verbundenen reduzierten Fleischkonsum, brauche ich allerdings kein clean meat. Wir sind zwar keine Jäger und Sammler mehr (vielleicht noch eher Hamster :wink:) aber jedes immer höher prozessierte Lebensmittel treibt das Ganze ja noch eine Stufe weiter und entkoppelt von Ursprung (der banalen Nahrungsaufnahme / der Mensch ist doch noch lange nicht so Hightech, wie das was er isst) und den Problemen (egal ob Viehhaltung, Soja- oder Palmölanbau). Ich finde es auch absurd pflanzliches Protein mit Rote-Bete-Saft und Raucharoma in Patties zu pressen.

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Die Revolution kommt und wird wenn der ökonomische tipping point erreicht ist die Massentierhaltungsindustrie glücklicherweise killen. Die Industrialisierung von Leben für unser Billig-Minutensteak wird in Zukunft rückblickend als eines der größten Verbrechen der Menschheit gesehen werden.

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Hallo Barbara,
danke für Deinen sehr interessanten Beitrag. Ich bin inzwischen Flexitarier, für mich würden nach Fleisch schmeckende vegane Produkte durchaus ausreichen.

Ich schließe also wahrscheinlich nur von mir auf Andere, wenn ich davon ausgehe, daß die eigentliche Revolution von Fleischersatzprodukten kommen wird, nicht von anders hergestelltem Fleisch.

Hoffe, es wird es erstmal unüblich, daß Fleisch von toten Tieren stammt. Und wenn dann keine sichtbare Kreatur mehr leidet, stellt sich die Frage viel abstrakter, ob für Tier-Zellen andere Verwertungsregeln gelten müssen als für Pflanzen- oder Pilz-Zellen.*

Ein noch gravierenderer Umbruch für die Landwirtschaft und damit uns alle wird m.E. sein, daß man sich nicht mehr aufs Wetter verlassen kann und die Agrarproduktion zunehmend überdacht und künstlich bewässert stattfinden muß. Welcher Bauer kann sich diese Umstellung leisten und wem werden die neuen fabrikmässigen Farmen gehören?

LG Stefan

*Es gibt übrigens eine nette SF-Kurzgeschichte von Arthur C. Clarke zum Thema Künstliches Fleisch in „Die Speise der Götter“ [The food of the gods, 1961] in

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Ich glaube das 3D-gedruckte Fleisch wäre eine neue Alternative, die aber vielleicht von vornherein nicht als „Fleisch“ bezeichnet werden sollte. Davon abgesehen sehe ich eine Gefahr darin, das die Patente in absehbarer Zeit in der Hand einiger weniger Firmen liegen könnten. Ich würde schon davon ausgehen, das auf lange Sicht die Produktionskosten geringer sind als die jetztige Bio-Haltung und vllt auch der Massentierhaltung. „Fleisch“ könnte also diese Betriebe verdrängen und Monopolstellungen schaffen, wie wir sie heute bei Google und Amazon sehen. Gleichzeitig wäre „Fleisch“ ja ethisch einwandfrei weshalb viele Vegetarier zur Zielgruppe werden könnten. Diese im Artikel ja auch angeführte Disruption führt wohl zu einer noch stärkeren Abhängigkeit von „Fleisch“ Riesen. Jetzt könnte man sagen, dass Deutschland oder Europa sich da jetzt Marktanteile oder eigene Player sichern sollten. Oder man sagt wir schaffen eine globale Zusammenarbeit, die solche Global Player kontrollieren kann. Na ja ich schweife ab. Aber ich glaube schon, das auch diese Revolution ein weiterer Schritt der Beschleunigung darstellt, der hinterfragt werden sollte. Höher, schneller, weiter, im Weltraum und so. Statt vielleicht mal ein wenig Verzicht zu üben und wieder ein mehr an Diversität zu wollen, wie ja auch schon angesprochen wurde. Für mich ist also gezüchtetes Fleisch ein Teil unserer zukünftigen Ernährung, aber ein Teil der auch allen zugänglich sein sollte und auch ein Teil von vielen Möglichkeiten bleibt.

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Cooler Artikel! Danke…!Es gab vor kurzem eine spannende Sonderausstellung - die sowohl im Biotopia als auch in Pforzheim lief - zu Future Meat und seinen Variationen - so called: „Meat the future“… Hier auf youtube noch eine Reportage gefunden:

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Vielen Dank für diese Worte @0x78 ! :blush:

Wahrscheinlich würde Marc Post zustimmen und es auch als Verbrechen bezeichnen, er benutzte ja das Wort der Barbarei. Ich würde ihn das gern nochmal konkret fragen. Denn das ist ein wichtiges Wort und ein gewichtiges, das Emotionen bei Menschen auslösen kann, wenn man es ausspricht.

Ja, wahrscheinlich könnte die Demarkationslinie erst dann gezogen werden, wenn es wirtschaftlich lohnenswert ist. Für Konsumenten und Produzenten gleichermaßen. Und die Beurteilung wird wohl, wie Du sagst, erst rückwirkend mit einer Distanz vollzogen werden können.

Die Frage, die sich mir nun stellt, ist, ob ein Turn der moralischen Beurteilung „als etwas“, also als Verbrechen oder als etwas anderes, mit einem ökonomischen Sachverhalt korrelieren muss. Ändern sich die Werte erst, wenn man die Sicht frei hat und es das Hindernis des „es ist zu teuer“ ausgemerzt ist? Also wenn man aus einer relativ bequemen Warte heraus so urteilen kann. Oder kann man in akuten Situationen auch zu diesem Turn kommen, und ihn sozusagen nicht passiv erleben, sondern aktiv (herbeiführen)?
Oder ist bei wertenden Beurteilungen nicht unbedingt von konkreten Points zu sprechen, sondern eher von einem prozesshaften Bewusstwerden dessen, was schon da ist. Dann könnte man auch ohne die zeitliche Distanz in einer gegenwärtigen Lage zu dem Schluss kommen.

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Hallo Stefan,

danke für den Hinweis auf Arthur C. Clarke. Das hatte ich noch nicht gelesen und mir jetzt besorgt :slightly_smiling_face:. Die alternative Produktion von tierischen Produkten, oder computergestützte Materialisierung von Nahrung, etc. ist ja ein futuristischer Gedanke, der öfter variiert wird. Z.B. in Oryx and Crake von Margaret Atwood.

Ich finde Du stellst eine interessante ethische Frage: Was ist die Definition von diesen Zellen? Und welcher Umgang mit ihnen entsteht daraus, oder sollte als Richtwert gelten?

Im ersten Schritt fände ich wichtig, dass diese Zellen nicht Bestandteil eines Lebewesens waren, das geboren wurde, als empfindsames Wesen lebte und als solches wieder um dieses Leben gebracht wurde. Bewusstsein und Empfindungsvermögen spielen hier für mich eine Rolle. Also das was du sagst mit dem „Leiden der Kreatur“.

Ich würde mir jedenfalls bei allen „Verwertungsregeln“ einen gewissen Respekt wünschen. Und dass man weiterhin und mehr die überholte Einstellung hinterfragt, die die belebte Natur als biologische Mechanik oder Robotik versteht und sich nur der Mensch mit seiner Anima davon unterscheidet.

Die Frage der Umstellung der Landwirtschaft finde ich ebenfalls mehr als berechtigt. Solche Umwälzungen wurden allerdings schon öfter radikal vollzogen. Ich will damit keines Falls sagen, dass ich mögliche Konsequenzen gut finde, aber dass man versuchen muss, sie abzufedern. Dass eine solche radikale Veränderung aber grundsätzlich machbar ist zeigt das Beispiel: Das Straßenbild New Yorks noch im Zeitalter der Kutschen und Pferde und 13 Jahre später im Zeitalter des Automobils.

Die sozialen Auswirkungen einer solchen Disruption spricht auch Richard David Precht an.

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Hallo Barbara,
danke. daß Du ausführlich auf meine Mail eingegangen bist! Besonders den Vergleich 1900-1913 find ich stark. Hab ich glaub ich so prägnant noch nie gesehen.
LG Stefan

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Vielen Dank Barbara für diesen Artikel. Das Verhältnis Mensch und Tier, speziell zu den sogenannten Nutztieren, also zu denen die wir auch essen, beinhaltet immer auch die Frage, wie nah bin ich, der Mensch, diesem Tier? Nehme ich es als empfindendes lebendiges Wesen war? Und wenn ja wie kann es dann derart ausgebeutet werden. Ich habe nirgendwo etwas Eindrücklicheres dazu gefunden als der Schluss eines Briefes von Rosa Luxemburg an Sonja Liebknecht 1917 aus dem Gefängnis in Breslau. Die Worte von Rosa erreichen ohne Umwege mein Herz und ja, ich kann es nicht anders ausdrücken, mir ging es wie ihr, auch ich hatte beim ”Anblick" des Tieres in seine Augen, Tränen in den meinen.

Ach, Sonitschka, ich habe hier einen scharfen Schmerz erlebt, auf dem Hof, wo ich spaziere, kommen oft Wagen vom Militär, voll bepackt mit Säcken oder alten Soldatenröcken und Hemden, oft mit Blutflecken. Die werden hier abgeladen, in den Zellen verteilt, geflickt, dann wieder aufgeladen und ans Militär abgeliefert. Neulich kam so ein Wagen, bespannt statt mit Pferden mit Büffeln. Ich sah die Tiere zum erstenmal in der Nähe. Sie sind kräftiger und breiter gebaut als unsere Rinder, mit flachen Köpfen und flach abgebogenen Hörnern, die Schädel also unseren Schafen ähnlicher, ganz schwarz mit großen sanften Augen. Sie stammen aus Rumänien, sind Kriegstrophäen. Die Soldaten, die den Wagen führen, erzählen, daß es sehr mühsam war, diese wilden Tiere zu fangen, und noch schwerer, sie, die an die Freiheit gewöhnt waren, zum Lastdienst zu benützen. Sie wurden furchtbar geprügelt, bis daß für sie das Wort gilt „vae victis“ … An hundert Stück der Tiere sollen in Breslau allein sein; dazu bekommen sie, die an die üppige rumänische Weide gewöhnt waren, elendes und karges Futter. Sie werden schonungslos ausgenützt, um alle möglichen Lastwagen zu schleppen, und gehen dabei rasch zugrunde. — Vor einigen Tagen kam also ein Wagen mit Säcken hereingefahren, die Last war so hoch aufgetürmt, daß die Büffel nicht über die Schwelle bei der Toreinfahrt konnten. Der begleitende Soldat, ein brutaler Kerl, fing an, derart auf die Tiere mit dem dicken Ende des Peitschenstieles loszuschlagen, daß die Aufseherin ihn empört zur Rede stellte, ob er denn kein Mitleid mit den Tieren hätte! „Mit uns Menschen hat auch niemand Mitleid“, antwortete er mit bösem Lächeln und hieb noch kräftiger ein … Die Tiere zogen schließlich an und kamen über den Berg, aber eins blutete … Sonitschka, die Büffelhaut ist sprichwörtlich an Dicke und Zähigkeit, und die ward zerrissen. Die Tiere standen dann beim Abladenganz still erschöpft und eines, das, welches blutete, schaute dabei vor sich hin mit einem Ausdruck in dem schwarzen Gesicht und den sanften schwarzen Augen wie ein verweintes Kind. Es war direkt der Ausdruck eines Kindes, das hart bestraft worden ist und nicht weiß, wofür, weshalb, nicht weiß, wie es der Qual und der rohen Gewalt entgehen soll … ich stand davor und das Tier blickte mich an, mir rannen die Tränen herunter — es waren seine Tränen, man kann um den liebsten Bruder nicht schmerzlicher zu-cken, als ich in meiner Ohnmacht um dieses stille Leid zuckte. Wie weit, wie unerreichbar, verloren die freien, saftigen, grünen Weiden Rumäniens! Wie anders schien dort die Sonne, blies der Wind, wie anders waren die schönen Laute der Vögel oder das melodische Rufen der Hirten! Und hier — diese fremde schaurige Stadt, der dumpfe Stall, das ekelerregende muffige Heu mit faulem Stroh gemischt, die fremden, furchtbaren Menschen und — die Schläge, das Blut, das aus der frischen Wunde rinnt … O mein armer Büffel, mein armer, geliebter Bruder, wir stehen hier beide so ohnmächtig und stumpf und sind nur eins im Schmerz, in Ohnmacht, in Sehnsucht. Derweil tummelten sich die Gefangenen geschäftig um den Wagen, luden die schweren Säcke ab und schleppten sie ins Haus; der Soldat aber steckte beide Hände in die Hosentaschen, spazierte mit großen Schritten über den Hof, lächelte und pfiff einen Gassenhauer. Und der ganze herrliche Krieg zog an mir vorbei …
Schreiben Sie schnell, ich umarme Sie, Sonitschka.

Ihre Rosa.

Sonjuscha, Liebste, seien Sie trotz alledem ruhig und heiter. So ist das Leben und so muß man es nehmen, tapfer, unverzagt Und lächelnd — trotz alledem.
Rosa Luxemburg, Schluss eines Briefes an Sonja Liebknecht Dezember 1917, aus dem Gefängnis in Breslau

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Danke für eure Reaktionen! Sie bringen mich vom Ursprung, über den Begriff zur Poesie :blush:.

Den Naturbezug anzusprechen finde ich sehr wichtig und er ist mir im Grunde auch ein sehr sympathisches Argument. Wieso die prozessierte Art und Weise unter Einsatz von Energie und Effort dem vorziehen, was uns die Natur schenkt? Absolut!
Aber hier darf ich sagen, die Natur schenkt uns das Steak eben nicht. Es wird ihr gewaltsam abgerungen. Naturvölker kennen diese Gewalt. Sie wenden sie an um zu töten und vergeuden nichts vom Tier. Und wie du auch ausführst, dann müsste man auch das Unappetitliche verzehren. Das muss man dort tun, wo kein Obst und Gemüse wächst. Denn z.B. Vitamin C aus Früchten ist dort nicht verfügbar. Es ist allerdings in Tierorganen gespeichert. Ich ziehe für mein Vitamin C den Apfel vom Baum vor. In der modernen Gesellschaft ist das auch keine Angelegenheit wie im Paradies mehr, sondern ebenfalls eine agrarindustrielle, aber eine weniger gewaltsame. Wenn also das Ursprüngliche so erstrebenswert ist, möchte ich anfügen: dann müsste man das Tier auch persönlich schlachten, ausnehmen und verwerten. Und das beginnt damit, ihm in die Augen zu sehen und ihm gegen seinen Willen das Leben zu nehmen. Ohne Kampf wird das nicht gehen. Mir kämen da die Argument abhanden, warum ich den Bolzen ansetzen sollte, warum es ausbluten soll und ich es nun mit einer Axt zerteile. Das wäre aber eher diese ursprüngliche und unverfälschte Natur. Ich bin froh, dass ich diesen Aspekt an der Natur hinter mir lassen konnte, genauso wie ich froh bin, dass ich Kleidung tragen kann. Auch die war uns eigentlich nicht gegeben, aber wir finden recht ansehnliche und auch inspirierte Wege und zu kleiden ;-), zudem praktische. Definitiv ein Fortschritt zur dichten Ganzkörperbehaarung der ursprünglicheren Version von Homo Sapiens minus Sapiens. Vielleicht gehört zur Spezies Sapiens auch eine „gelenkte“ sprich überlegte Entfremdung?

@unulaunu, du sprichst von reduzierten Fleischkonsum. @andreas.j.metz, du sprichst mehr Verzicht an. Das wäre super. Ich fürchte hier allerdings, dass viele nicht mitmachen werden beim Verzichten. Doch es wären schon allein wegen der Klimakrise drastische Aktionen nötig, „right here, right now“, wie Greta mit bebender Stimme sagte. Deshalb plädiert auch Hendrik Hassel für die schnellste aller Lösungen, die er ja eben gar nicht der Technologie zutraut. Er würde sich wohl eher auf die ursprünglichere Variante der Pflanzen verlassen. Der globale Trend geht allerdings kontinuierlich zu mehr Fleischkonsum. Und das ist der Grund, warum man sich mit den Ansätzen beschäftigen muss. Zu tief sitzt, dass Fleisch mit Wohlstand und Sicherheit verknüpft ist und einfach ein „eingefleischter“ Habitus ist. Diese Studie hat die 4Ns beschrieben (eine Weiterführung der 3Ns von Melanie Joy). Es sind die Argumente mit denen Menschen das Essen von Tieren rational rechtfertigen und somit auch, dass sie ihre Gewohnheiten nicht zu ändern gedenken; natural, normal, necessary und nice. Auf natürlich und normal bin ich bereits eingegangen. Dass es als Proteinquelle nicht notwendig ist, muss ich eventuell gar nicht ausführen und nice steht dafür, dass es gut schmeckt (was auch der Grund ist, warum Fleischalternativen mit Rote Beete etc. versuchen den Geschmack und das Aussehen nachzuahmen). Das sind viele Argumente die eine Bereitschaft der breiten Bevölkerung zum Verzicht in Frage stellen. Daher ist die Idee des „Gleichen, nur anders“ eine vielversprechender Ausweg, wenn auch nicht der Perfekte in manchen Augen.

Ich verstehe, dass Du für das neue Produkt auch eine differenzierte Bezeichnung möchtest. Hast Du eine Idee für einen Namen? Es gibt bisher einige alternative Behelfsbezeichnungen, die allesamt nicht ganz befriedigend sind. Ich denke Neues Fleisch trifft es für eine gewisse Zeit noch am besten. So wie die Neue Musik auch zum festen Begriff avancierte. Doch ich sinniere mal laut: Im Grunde ist es essbares Zellgewebe. Leben besteht aus Zellen und Zellfleisch könnte dann für vieles stehen. Fruchtfleisch, Menschenfleisch, Tierfleisch… Vielleicht wird es irgendwann klar sein, dass das Tierfleisch zum Verzehr ohnehin im Reaktor wächst, wie Bier, und es also keiner anderen Bezeichnung mehr bedarf. Sprache ist agil und ändert sich mit den Gewohnheiten der Menschen. Sprache ist aber auch mächtig, Begriffe können auf das zurückwirken, dass sie beschreiben (Theorie der Unbegrifflichkeit von Hans Blumenberg). Das In-Vitro-Fleisch benötigt Marketing und ein taugliches Wording, das noch zu finden ist.

Der Begriff Menschenfleisch führt mich derweil zu dem Kommentar von @Ronit.
Interessante Ausstellung :slight_smile: !

Vor allem weil sie eben die idiosynkratrischen Haltungen der Menschen zeigt: sie ekeln sich. Das ist wichtig mitzudenken. Denn der Ekel war gerade in den Anfängen der Laborfleisch-Debatte ein lauter Aspekt. Ekel und Unbehagen zeigten sich auch im Begriff „Frankenstein-Fleisch“. Dieser ist aber nun schon weniger oft zu hören, man hat sich wohl an die Science Fiction News gewöhnt. Was wieder das Argument der Gewöhnung und der Normalität streift. Die Ausstellung zeigt: wenn das ungewohnt hergestellte Gewebe auch noch ungewohnt präsentiert wird, wird zwar eine Freiheit in der Gestaltung aufgezeigt, aber es entsteht auch eine Überforderung beim Publikum. Das regt jedoch auch zum Nachdenken und Weiterdenken an. Insofern ist es eine Art provokante Kunst und für Reflexion wertvoll.

Ich will dem Menschenfleisch kurz nachgehen: Am Anfang des Beitrags zur Ausstellung wird Lady Gaga erwähnt. Ich frage mich ist das Design des Fleisches von ihrer Erscheinung inspiriert? Oder könnten es (irgendwann) Zellen sein, die sich aus ihrem Gewebe entwickelten?

Das führt zu einem interessanten Aspekt. Die Biopsie mit dem beschriebenen Prozedere könnte technisch auch an Menschen durchgeführt werden. Wo ist die Grenze zu menschlichem Laborfleisch und wäre es ethisch ein Problem diese Grenze zu überschreiten? Intuitiv und idiosynkratrisch wohl ja. Aber das sieht nicht jeder so. 2017 schrieb die Zeit:

Koert Van Mensvoort, Direktor des Next Nature

Network, einer Nonprofit-Organisation in Amsterdam, die untersucht, wie die

Technik unser Verhältnis zur Natur verändert:

"Was kann man sich für proteinreiche, köstliche, etwas seltsame,

außergewöhnliche Gerichte ausmalen?", fragt er. Er versteht sich als "Radar für

mögliche Zukünfte" und erklärt als solcher: Eines Tages könnten wir Fleisch

aus unseren eigenen Zellen kultivieren. Schöne rosa Gläser mit

Menschenfleisch. Meint er etwa moralisch vertretbaren Kannibalismus? "Man

könnte ein intimes Gericht für eine geliebte Person daraus machen –

verschenken Sie Ihren eigenen Körper." Er gibt zu, das die Idee abseitig ist.

"Wenn ich davon erzähle, graut es den meisten, sie sehen die Poesie darin noch

nicht."

Nun, bevor ich mir das als romantisches Candle-Light-Dinner ausmale, möchte ich, dass kein empfindsames Wesen für meinen poetischen Abend leiden oder sterben musste.

Der Grund für Veganismus scheint durch Clean Meat nicht obsolet zu werden. Viele Vegetarier und Veganer empfinden Laborfleisch nicht als attraktiv (eigene qualitative Umfrage) und wollen den Weg der Nahrung von der Natur weiterhin über die Pflanze wählen. Wie man von den Laborfleisch-Produzenten hört sind sie auch nicht die Zielgruppe. Für Veganer wäre die leidlose Lösung also eher ein pflanzliches dînée und für Karnivore gäbe es bald eine leidloses Tierfleisch-Lösung, die geschmacklich nicht von der klassischen Façon abweicht. Beides jedenfalls käme ohne den ethischen Definitionshorror à la Gewebe vom Menschen aus.

Und für mich noch viel wichtiger: beide Dates kämen ohne den täglichen Horror aus, den die sogenannten Nutztiere als ihr Leben erleben müssen und dessen Ende in einem zumeist industriell-rationalisierten Tötungsmechanismus gipfelt. Für mich ist das Poesie zu Tisch.

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Namens-Brainstorming: Aus „Metzger“ könnte „Eiweissler“ oder „Protineur“ werden.

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:blush: Oh ja, Protineuse! Und Haute Protine! :+1:

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Bin gespannt, ob und wann der erste Metzger auf den Trip kommt, daß er eigentlich ein Fachverkäufer für Eiweiß aller Art ist. Bisher ist ja immer so ein konstruierter Gegensatz zwischen Veganern und Fleischfressern.

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Ich finde ja „defilet“ sehr schön. Quasi der (Vor-)Übergang von in-vivo-Fleisch über in-vitro-Fleisch zu no-Fleisch. Hat was elegantes und könnte ich mir sehr gut in der Küche vorstellen. Das de- sagt das etwas von der Stammbedeutung aber fehlt. :+1: :wink:

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Richard David Precht rät der klassischen Fleischindustrie ja auch sich die Patente an der neune Fleischproduktionsweise zu sichern. Damit nicht Google auch bestimmt was wir essen und die Industrie mittelständisch bleibt.

Nun ja, aber von der Praxis her betrachtet möchte ich die Warte des traditionellen Handwerks nochmal einnehmen. Jemand der Tiere tötet und verwertet um seinen Lebensunterhalt zu verdienen ist rein handwerklich nicht nur Fachverkäufer von etwas Austauschbaren. Für diese Menschen ist das auch mitunter eine Berufung. Ich habe mich sehr gut und intensiv mit Metzgern unterhalten. Sie sehen in ihrem Beruf unter anderem auch eine Tradition, die sie nicht verraten wollen. Da muss man also auch Tradierung von Handwerk disruptieren, also die Werte dahinter und nicht nur die Technologie und die wirtschaftliche Umsetzung.

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@unulaunu zu

Treffliche Etymologie!
Und es hat was von Defilee, also der Modenschau, die ja immer eine neue Saison einläutet und Trends setzt.

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Ja, das war jetzt etwas grob von mir. Wenn die große Disruption über andere kommen soll, fällt einem das immer leichter als am eigenen Leib.

Hast Du in Deinen Gesprächen mit Metzgern denn das Thema der Erweiterung auf andere Proteine mal angesprochen?

Da gäbe es ja auch einiges an KnowHow zu erringen, um etwas gesund UND schmackhaft zu produzieren, nicht nur zu verkaufen. Und nicht alles großen Konzernen wie Rügenwalder Mühle zu überlassen.

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Tatsächlich war das da noch kein Thema. Müsste ich nachholen.

Ich habe vor allem darüber gesprochen, wie ein Tier stirbt, wie das handwerklich gemacht wird in kleinen Betrieben und dann eben in großen.

Das eindrücklichste Gespräch war, als mir jemand eines Familienbetriebes in einem kleinen Dorf beschrieben hat, wie ein junger sehr starker Stier in Panik geriet und sich auf dem Weg vom Transporter ins Schlachthaus losgerissen hat. Er rannte in Angst über die Straße und in das Schaufenster eines gegenüberliegenden Ladens. Für alle schockierend.
Aber als sie mir das erzählten wunderte es mich nicht. Denn wer würde nicht in Todesangst alles versuchen.

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Ja, richtig…zu Deiner Frage mit Lady Gaga:…das ist ein Brain Fart nachdem man Stammzellen von Berühmtheiten z.B.Lady Gaga nutzt um diese ‚berühmten Klötzen‘ dann zu bauen …in der Ausstellung hieß es noch - so wörtlich: Serviert werden die Promis als köstlicher Leckerbissen getaucht in eine einfache Glasur aus Whisky…na dann Prost Mahlzeit! :slight_smile:

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