„Wenn wir Science-Fiction als kritischen Gegenwartskommentar lesen, ist das politische Bildung“

Solarpunk, Climate Fiction und Solutionism: Unsere Kolumnistin @Kryptomania hat mit der Politikwissenschaftlerin und Science-Fiction-Kennerin Isabella Hermann darüber gesprochen, ob und wie uns Science-Fiction vor, in und nach Krisenzeiten als Wegweiser und Begleiter dienen kann. Science-Fiction hilft uns dabei mehr bei der Diagnose als bei der Therapie unserer Probleme, sagt die Wissenschaftlerin. Dies zu reflektieren und zu diskutieren, kann uns aber bei der Lösungsfindung helfen.

Ein Interview von Aleksandra Sowa

Kryptomania: Kann uns Science-Fiction zu besseren Bürgern, Menschen oder Demokraten machen?

Isabella Hermann: Science-Fiction hat das Potenzial, die aktuelle technische Entwicklung zu hinterfragen sowie Herrschafts- und Gesellschaftsmodelle kritisch zu kommentieren. Oft genug geht es in den Romanen, Filmen, Serien, Comics und Games gar nicht um das technisch Machbare. Stattdessen sind die wissenschaftlichen und technischen Errungenschaften Metaphern, um unsere menschlichen Urängste und Ursehnsüchte immer wieder aufs Neue zu verarbeiten. So sind Roboter in Menschengestalt immer auch eine Projektionsfläche für andere Menschen – seien sie Feinde, Entrechtete, Sexobjekte oder Sklaven. Wie wir mit Data aus Star Trek: Das nächste Jahrhundert, dem 200-Jahre-Mann, David aus A.I., den Hosts aus Westworld, den Zylonen aus Battlestar Galactica und vielen anderen menschlichen Robotern umgehen, zeigt, welchem Wertekanon wir als Menschen folgen und wie wir uns gegenüber den Schwachen und Ausgegrenzten der Gesellschaft verhalten.

Wenn wir Science-Fiction als kritischen Gegenwartskommentar unserer Verhältnisse lesen, ist das politische Bildung. Aber natürlich kann Science-Fiction auch in die andere Richtung wirken. Immer wieder wird uns zum Beispiel gezeigt, wie weltumspannende, profitgeile Unternehmen in Zukunft die Macht haben und die politischen Geschicke leiten wie die Tyrell Corporation in Blade Runner, die Weyland-Yutani Corporation in Alien oder Armadyne in Elysium. Wir nehmen es als ganz normal hin, dass in Zukunft vornehmlich weiße, männliche Tycoons undemokratisch die Welt regieren.

In einem Interview mit Nowa Fantastyka 7/2020 sagte Zachary Quinto alias Spock, als Produzent könne er durch die Auswahl geeigneter Geschichten den Menschen zeigen, welche Konsequenzen ihre Handlungen haben können. Er bemerke, sagte er, dass Zuschauer empfänglicher für Fiktion sind, die sie beispielsweise im Kino sehen, als für Fernsehnachrichten. Heute würden wir Tom Hanks, der über globale Erwärmung spricht, mehr als einem Wissenschaftler glauben. Brauchen wir mehr Toms Hanks?

Hermann: Fiktionale Geschichten bieten zwar Raum für Emotionen – aber nur selten realistische Lösungsansätze. Vor allem beim Thema globale Erwärmung und Klimawandel zeigt die sogenannte Climate Fiction zwar oftmals dystopische Zukunftsentwürfe à la Mad Max, aber ob das unser Handeln nachhaltig beeinflusst, bleibt fraglich. Menschen mögen empfänglicher für Fiktionen sein, aber wohl deshalb, weil sie am Ende meistens Hoffnung geben, sei es, dass die Menschen doch irgendwie auf der Erde überleben, wie in Mad Max, The Day After Tomorrow oder Snowpiercer, oder eine Raumstation bauen und/oder einen neuen Planeten suchen.

Wir leben in einer Zeit, in der Mächtige offenbar den Fortschritt entweder ausbremsen oder gar seine Errungenschaften rückgängig machen wollen. Es geht dabei aber um mehr als den technologischen Fortschritt oder Weltraumreisen. Es geht auch um Werte wie Toleranz, Feminismus, Gleichberechtigung, Demokratie. Sie befinden sich im Rückwärtsgang. Der amerikanische Publizist und Ethnologie David Graeber kritisierte anlässlich der Occupy-Wall-Street-Bewegung, dass der Kapitalismus der Fähigkeit verlustig geworden ist, Science-Fiction Realität werden zu lassen. Andererseits wird in Star Trek nie darüber gesprochen, dass man wählen gehen würde oder es politische Parteien gäbe. Hält Science-Fiction überhaupt geeignete Modelle für uns parat?

Hermann: Science-Fiction liefert weniger Modelle als Gedankenexperimente und Gegenwartskritik. Blade Runner von 1982 zeigte zwar das Los Angeles des Jahres 2019, das heißt aber nicht, dass der Film eine Zukunftsvorhersage über die reale Stadtentwicklung geben wollte. Vielmehr wird der Zeitsprung genutzt, um die Auswüchse eines menschenverachtenden Hyperkapitalismus ohne Werte prägnant darzustellen. Science-Fiction zeigt uns unsere aktuellen Herausforderungen wie unter einem Vergrößerungsglas als eine Diagnose, nicht als Therapie. In Star Trek wird der Rassismus auf der Erde überwunden – und doch nur ins Weltall ausgelagert, wo es nun eine Hierarchie von positiven und negativen zivilisatorischen Merkmalen von Außerirdischen gibt: die kriegerischen Klingonen, die ruchlosen Ferengi, die kollektivistischen Borg. Das zu reflektieren und zu diskutieren, kann uns zu neuen Modellen führen.

In Romanen wie Margaret Atwoods Oryx und Crake oder Jack Londons Scharlachpest wird eine Vision der postepidemischen Welt gezeichnet, in der sich die Überlebenden, am unteren Rand der maslovschen Bedürfnispyramide angelangt, mit reinem Überlebenskampf beschäftigen. Gar die Natur, die sie einst an ihre Bedürfnisse (genetisch) angepasst haben, wendet sich gegen sie, als die Organschweine in Oryx und Crake aus ihren Zuchtstäten befreit zur tödlichen Bedrohung für die Menschen werden. Der Mensch kann ohne seine Technologie nicht überleben – und diese Technologie heißt nun Pfeil und Bogen.

Warum hat kein Chemiker oder Physiker die Epidemie überlebt, fragt sich der Protagonist in Scharlachpest, ein ehemaliger Geschichtsprofessor. Seine Enkel haben kein Bedürfnis, Lesen oder Schreiben zu erlernen. Im Vergleich dazu ist die Welt – bisher jedenfalls – aus der COVID-Pandemie eher glimpflich davongekommen. Lernt der Mensch aus den Krisen? Erkennt man in den Science-Fiction-Szenarien innovative, revolutionäre Vorgehensweisen? Oder bleibt es etwa beim Alten?

Hermann: Der konstruierte Gegensatz zwischen Natur und Kultur prägt unsere westliche Denkweise. Die Natur ist da, um vom Menschen geformt zu werden. Sie kann bedrohlich sein und bedarf Bändigung, oder sie ist gut und wird vom Menschen bedroht. Dieser Gegensatz zieht sich auch in vielen Science-Fiction-Narrativen weiter, ohne uns Lösungen anzubieten. In Interstellar suchen wir uns einen neuen Planeten zum Ausbeuten, in Wall-E kehren wir auf die verwüstete Erde zurück, sobald dort wieder ein Grashälmchen wächst, in Avatar leben die Bewohner von Pandora im Einklang mit der Natur – als patriarchale unterwürfige Häuptlingsgesellschaft.

Der konstruierte Gegensatz zwischen Natur und Kultur prägt unsere westliche Denkweise.

Es gibt radikale Gegenentwürfe, wie beispielsweise in Jeff VanderMeers Southern Reach Trilogy, aber dafür müssen wir den Gegensatz von Natur und Kultur komplett aufheben und zu wahrhaft posthumanistischen Wesen werden. Seit ein paar Jahren etabliert sich ein neues Science-Fiction-Subgenre – der Solarpunk – mit Vertretern wie beispielsweise Cory Doctorow. Im Solarpunk werden Welten beschrieben, die ökologisch und inklusiv sind, wo Menschen Grenzen überschreiten und den Gemeinsinn leben. Neueste Technik im Sinne der Maker-Bewegung ermöglicht diese antikapitalistischen Utopien, birgt aber wiederum eine Abhängigkeit von der Technik, die sich rächen kann. Solange es Menschen gibt, werden wir diese Gegensätze wohl aushalten müssen.

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Solarpunk scheint stark mit der Hauptaussage des sogenannten Brutland-Berichts aus dem Jahr 1987 zu korrelieren, die sehr einflussreich die Vorstellung der Nachhaltigkeit mit dem Glauben an Technik und ihre problemlösende Kraft verknüpft. Die Journalistin Christiane Schulzki-Haddouti schaute sich für Agora 42 die Ergebnisse einer Literaturanalyse von Kuntsman und Rattle an und stellte fest, dass auch die wissenschaftlichen Nachhaltigkeitsszenarien von „digital solutionism“ nicht frei seien: Kein einziger Artikel in der Untersuchung sprach sich beispielsweise für die Reduktion digitaler Lösungen (Suffizienz) aus.

Auch das Konjunkturpaket der Bundesregierung scheint von der Idee geprägt zu sein: Digitalisierung und Nachhaltigkeit werden in einem Atemzug genannt. Dort, wo es beispielsweise um einen Digitalisierungsschub in der Verwaltung geht, werden „Maßnahmen für die digitale Befähigung von Kommunen“ und der nachhaltige Energieverbrauch zugleich angestrebt. Und neben der Bahn wird „auch die Schifffahrt als klimafreundliches Verkehrsmittel“ gestärkt, modernisiert und digitalisiert. Laut aktueller Studien entfallen jetzt schon mehr als vier Prozent des weltweiten Primärenergieverbrauchs auf die Digitalwirtschaft – und ihr Konsum steigt jedes Jahr um neun Prozent. Müssen wir künftig auf unsere iPhones verzichten, um den Planeten retten zu wollen?

Hermann: Das ist die große Frage. Brauchen wir mehr oder weniger technischen Fortschritt? Müssen wir unseren Konsum und unsere Lebensweise radikal reduzieren und „de-technologisieren“, damit die Menschheit eine Zukunft hat? Oder müssen wir so viele Ressourcen wie möglich in den technischen Fortschritt stecken, um unsere menschengemachten Probleme technisch zu lösen, wie beispielsweise durch Umformung des Planeten, also Geoengineering. Fakt ist, dass die menschliche Zivilisation, wie wir sie kennen, durch wissenschaftlich-technischen Fortschritt gekennzeichnet ist. Das heißt, dass es vor allem in unserer westlich geprägten Kultur immer vorwärts geht: Digitalisierung und Künstliche Intelligenz sind da und nicht mehr abzuschaffen. Und Digitalisierung und Künstliche Intelligenz können unser Wirtschaften auch nachhaltiger gestalten, Lieferketten optimieren, Produktionsabläufe effizienter machen, Angebot und Nachfrage besser matchen. Doch am kapitalistischen Wirtschaftssystem ändert das nichts.

Auf das iPhone gleichzeitig nicht und doch zu verzichten, das ist die wahre Science-Fiction.

Zudem existieren digitale Technologien nicht im luftleeren Raum – sie verbrauchen genauso Energie wie alle anderen Techniken und Industrien. Auch Daten müssen auf Hardware gespeichert werden, auch Code muss physisch geschrieben werden. Doch auch in den postkapitalistischen Utopien des Solarpunk muss die Energie irgendwo herkommen, um beispielsweise Mind-Uploads für alle Menschen zur Verfügung zu stellen, damit sie frei von allen Beschränkungen im Cyberspace leben können – ganz zu schweigen davon, dass ja jemand das System managen muss. Das Paradox ist also, dass es nicht mit iPhone, aber auch nicht ohne geht. Das Grau dazwischen ist auf der kleinen Ebene eine kritische Reflexion der Herstellungsbedingungen, Produktionsweisen und Verwendungszwecke. Auf höherer Ebene geht es dann weder darum, wie wir unser kapitalistisches System durch digitale Technologien effizienter machen können, noch darum, dass wir so tun, als würden wir keine staatlichen Institutionen und wirtschaftlichen Strukturen brauchen. Die Lösung für komplexe Probleme wird immer irgendwo dazwischen liegen, und sie wird immer neu ausgehandelt werden müssen. Auf das iPhone gleichzeitig nicht und doch zu verzichten, das ist die wahre Science-Fiction.

Der Mensch ist ein technisches Wesen durch und durch, wie der Technikphilosoph Pascal Chabot sagte. Aber die Lösung für seine Probleme ist nicht immer und nicht unbedingt eine App :blush: Liebe Frau Dr. Hermann, vielen Dank für dieses Gespräch!

Dr. Isabella Hermann ist promovierte Politikwissenschaftlerin und leidenschaftlicher Science-Fiction-Fan. Sie untersucht, wie in der Science-Fiction – dem Genre der Zukunft – der technische Fortschritt dargestellt wird, welche Auswirkungen Technik auf die uns bekannten sozialpolitischen Strukturen hat und was uns das über unsere Gegenwart verrät. Tagsüber koordiniert sie die interdisziplinäre Arbeitsgruppe „Verantwortung: Maschinelles Lernen und Künstliche Intelligenz“ der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, nachts schaut sie als Direktorin des Berlin Sci-Fi Filmfest die neuen eingereichten Filme.

Dr. Aleksandra Sowa gründete und leitete zusammen mit dem deutschen Kryptologen Hans Dobbertin das Horst Görtz Institut für Sicherheit in der Informationstechnik. Sie ist zertifizierter Datenschutzauditor und IT-Compliance-Manager. Aleksandra ist Autorin diverser Bücher und Fachpublikationen. Sie war Mitglied des legendären Virtuellen Ortsvereins (VOV) der SPD, ist Mitglied der Grundwertekommission, trat als Sachverständige für IT-Sicherheit im Innenausschuss des Bundestages auf, war u.a. für den Vorstand Datenschutz, Recht und Compliance (DRC) der Deutsche Telekom AG tätig und ist aktuell für eine Wirtschaftsprüfungsgesellschaft als Senior Manager und Prokurist aktiv. Außerdem kennt sie sich bestens mit Science Fiction aus und ist bei Twitter als @Kryptomania84 unterwegs.

Titelcollage: 1E9 (mit Bildern aus Wall-E, Westworld und Blade Runner)

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Sehr schönes Interview – und Isabella Hermann ist sowieso großartig. Faszinierend finde ich bei der Passage mit den „profitgeilen Unternehmen“ vor allem, was sich über die Zeit herauslesen lässt, in der die entsprechenden Werke entstanden.

Die Weyland-Yutani Corporation zeigt etwa gut, wie an der Grenze der 1970ern zu den 1980ern klar wurde, dass Japan und Asien allgemein technologisch und finanziell eine tragende Rolle in der Zukunft spielen würde. Und welche Macht Konglomerate haben würden, die durch transkontinentale Fusionen entstehen. Ridley Scott und Dan O’Bannon wollten da keine Prognosen treffen – aber trafen den Nagel dennoch auf den Kopf.

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Volle Zustimmung (Isabella betreffend:)!

Die zunehmende Willkür der „profitgeilen Unternehmen“ und damit einhergehende Hilflosigkeit staatlicher Kontollgremien und Institutionen hat aktuell Daniel Suarez in „Delta-V“ aufgegriffen. Ausgehend von mega-reichen CEO-Stateman, wie „The Economist“ einst Zuckerberg, Gates oder Bezos bezeichnete, etwickelt sich bei Suarez die Privatwirtschaft zu (aus heutiger Perspektive) kriminellen Organisationsformen. Die gute Nachricht ist: bevor alle Sterben, mischen sich der Staat und Whistleblower ein :wink:

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Wenn wir als Gesellschaft den Abbau von Technologie vorantreiben, dann verlieren wir die Fähigkeit der Aufrechterhaltung unserer Souveränität in der Welt. Und das meine ich hinsichtlich der Konflikte zwischen Menschengruppen / Völkern oder mit der Umwelt und darüber hinaus.

Das Ziel, warum wir Technologie entwickeln und rasant vorantreiben sollte sich ändern. Heute ist es getrieben von sich beschleunigenden marktwirtschaftlichen (Profit- orientierten) Zielsetzungen. Die in Macht / Geopolitik etc. übergreifen.

Irgendwo in star trek oder so wurde mal beschrieben wie der wandel in der Gesellschaft hin zu einem Ideal des Wissensvermehrenden Moments gekommen ist. War es der Kontakt und die Einsicht dass man nicht allein ist? Keine Ahnung. Aber so ein Ziel fände ich sehr viel angenehmer. Und das könnte Reduktion von Physischen-Ressourcen-gebundenem Konsum und Ressourcen-Ausbeutung mit Kollaboration und Beschleunigung von Wissenschaft und Technologie Entwicklung verbinden :slight_smile:

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