Leben wir in einer dekadenten Gesellschaft?

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Dass die Bevölkerungspyramide in Deutschland inzwischen eher einem Rentnerpenis gleicht, weiß man ja. Aber meistens wird in dem Zusammenhang nur recht nüchtern von Versorgungslücken gesprochen, von Pflegenotstand, von Frauen, die das Kinderkriegen aufschieben, um am Erwerbsleben teilnehmen zu können, und von der Notwendigkeit qualifizierter Migration. Die größeren, sagen wir, philosophischen Fragen aber kommen selten zur Sprache: Was macht das mit uns als Gesellschaft, wenn wir weniger werden? Ist es Wurst, weil der Lauf der Dinge? Ist es vielleicht sogar gut so, z.B. als emanzipatorischer Akt weg vom Fortpflanzungstrieb unserer Reptilienhirne oder weil wir uns in der Vergangenheit ja genug ausgebreitet haben und jetzt mal andere dran sind? Oder ist es schlicht ein Zeichen von Dekadenz, aus der wir uns irgendwie befreien müssen?

Ein Grund für das Schweigen im Walde ist sicherlich der politische Zündstoff, der dem Thema innewohnt. Denn es sitzt mitten in einem der größten Kampfgebiete der beiden großen politischen Stämme, wo es um einen „neuen Nationalismus und völkische Gesinnungen“ auf der einen Seite, auf der anderen um „Umvolkung“, „Islamisierung“ oder „Masseneinwanderung“ geht. Die Linke schaut bei einem Blick auf so eine Statistik inzwischen vor allem auf Machtstrukturen (Stichwort: „Alte weiße Männer“), die Rechte sucht nach der guten, alten Zeit, in der der Biodeutsche noch morgens seiner Frau und seinen fünf blonden Töchtern aus der FAZ vorgelesen hat.

Aber eigentlich ist das Thema ja noch viel größer: Es betrifft letztlich die ganze westliche Welt. Das behauptet der New York Times-Kolumnist Ross Douthat, der gerade das Buch „The Decadent Society“ geschrieben hat. Einen Ausriss gibt es online zu lesen:

Douthat betont, dass er „Dekadenz“ zunächst als neutralen Begriff sieht, der also keine abwertende Bedeutung hat. Gekennzeichnet sei die Dekadenz einer Gesellschaft durch:

  • ökonomische Stagnation
  • Verfall von Institutionen
  • kulturelle und intellektuelle Erschöpfung
  • bei gleichzeitig hohem Niveau des materiellen Wohlstands und der technologischen Entwicklung

Opfer des eigenen Erfolgs

Eine solche Stagnation sei die natürliche Folge einer längeren positiven Entwicklung, die Gesellschaft werde Opfer ihres eigenen Erfolgs.

[W|e probably aren’t (…) hurtling forward toward transhumanism or extinction. Instead, we are aging, comfortable and stuck, cut off from the past and no longer optimistic about the future, spurning both memory and ambition while we await some saving innovation or revelation, growing old unhappily together in the light of tiny screens. The farther you get from that iPhone glow, the clearer it becomes: Our civilization has entered into decadence."

schreibt Douthat und kommt dann auf die Innovationsarmut einer overhypten Technologiebranche zu sprechen:

Take a single one of the great breakthroughs of the industrial age — planes and trains and automobiles, antibiotics and indoor plumbing — and it still looms larger in our everyday existence than all of the contributions of the tech revolution combined.

Als dekadente Sinnbilder nennt er das gescheiterte Fyre Festival, das Buhei um Elizabeth Holmes und ihre Firma Theranos, das überbewertete Wework und das angeberische, aber schwindsüchtige Uber:

After 10 years of growth, it has smashed the old business model of its industry, weakened legacy competitors and created value for consumers — but it has done all this using the awesome power of free money, building a company that would collapse into bankruptcy if that money were withdrawn. And it has solved none of the problems keeping it from profitability: The technology it uses isn’t proprietary or complex; its rival in disruption controls 30 percent of the market; the legacy players are still very much alive; and all of its paths to reduce its losses — charging higher prices, paying its workers less — would destroy the advantages that it has built. So it sits there, a unicorn unlike any other, with a plan to become profitable that involves vague promises to somehow monetize all its user data and a specific promise that its investment in a different new technology — the self-driving car, much ballyhooed but as yet not exactly real — will make the math add up. Which makes it another case study in what happens when an extraordinarily rich society can’t find enough new ideas that justify investing all its stockpiled wealth.

Und aus all dem ergäbe sich ein Teufelskreis, der nur noch tiefer in die Stagnation führe und ein beinahe klassisches Beispiel für Dekadenz sei :

This feedback loop — in which sterility feeds stagnation, which further discourages childbearing, which sinks society ever-deeper into old age — makes demographic decline a clear example of how decadence overtakes a civilization. For much of Western history, declining birthrates reflected straightforward gains to human welfare: victories over infant mortality, over backbreaking agrarian economies, over confining expectations for young women. But once we crossed over into permanent below-replacement territory, the birth dearth began undercutting the very forces (youth, risk -taking, dynamism) necessary for continued growth, meaning that any further gains to individual welfare are coming at the future’s expense.

Douthat schließt optimistisch: „[T]he renaissance can happen without the misery of an intervening dark age.“ Und vielleicht sei die Dekadenz ja auch gar nicht so schlecht:

A sustainable decadence, if you will, in which the crucial task for 21st-century humanity would be making the most of a prosperous stagnation: learning to temper our expectations and live within limits; making sure existing resources are distributed more justly; using education to lift people into the sunlit uplands of the creative class; and doing everything we can to help poorer countries transition successfully into our current position.

Wie denkt ihr darüber? Leben wir in einer dekadenten Gesellschaft - speziell in der westlichen Welt/Europa/Deutschland?

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Spannend!

Den Zusammenhang zwischen dem Dekadenzbegriff, den Ross Douthat formuliert, und der ziemlich eindeutigen deutschen Alterspyramide sehe ich nicht so stark. Seine Beobachtungen beziehen sich offensichtlich vor allem auf die USA – und dort sieht die Demografie doch ziemliach anders aus. Die USA „altern“ deutlich weniger als Westeuropa oder Japan.

Dass es zwei große, politische „Stämme“ in Deutschland gibt, würde ich ebenfalls anzweifeln. Zumindest im Wahlverhalten, das nachweislich immer volatiler wird, zeigt sich eher eine immer stärkere politische Flexibilität und keine Zuordnung zu irgendwelchen Tribes… Wir sind sicherlich wieder polarisierter als vor einigen Jahren, aber weit davon entfernt, dass Kommunisten und Nazis auf den Straßen mobil machen oder das Katholiken und Protestanten nicht miteinander reden dürfen. Das sieht im Netz sicherlich anders aus, aber da kriegt man ja auch nur die lauten und meinungsstarken mit.

Aber zur eigentlichen Dekadenz-These… Die klingt irgendwie verlockend schlüssig und welterklärend. Aber ich habe meine Zweifel daran, weil es einfach mal pauschale Grundvoraussetzungen postuliert, die nicht wirklich begründet werden. Ist das Internet, das nun wirklich nicht alt ist, wirklich unbedeutend im Vergleich zum Automobil? I don’t think so. Die Fortschritte in der Gesundheitsversorgung waren in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten auch gewaltig… Und und und. Wenn man alle Innovationen der „Industriellen Revolution“ zusammenfasst, als wären sie gleichzeitig entstanden (und nicht über einen Zeitraum von Jahrzehnten), kann die heutige Zeit vielleicht nicht mithalten. Aber dann hätte man auch in den 1950ern oder 60ern von einer dekadenten Phase schreiben können… Da wurden weder das Auto noch das Internet noch das Smartphone erfunden.

Finde es einen spannenden Denkansatz. Aber von Uber auf den Zustand der gesamten westlichen Gesellschaft zu schließen, in der es offensichtlich ja wieder mehr brodelt als noch vor ein paar Jahren… Ist noch kein abschließendes Urteil zur These. Nur ein erster Gedankengang… Kann nicht ausschließen, das nochmal zu überdenken :wink:

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Aber umso mehr könnte man den Zusammenhang ja dann hierzulande sehen: Weniger Junge -> weniger Risikobereitschaft -> weniger „Gründergeist“ -> weniger Innovationen -> …

Zugespitzt auf den Bereich, wo sowas heute öffentlich und mit der größten Breitenwirkung verhandelt wird, in Social Media und den großen Zeitungen, und die sind ja inzwischen schon recht eindeutig positioniert leider. Dass „da draußen“ alles noch mal viel stärker differenziert ist, ganz klar…

Inzwischen hat sich übrigens auch Peter Thiel in die Debatte eingeklinkt:

Bin sonst kein Fan, aber hier finde ich ihn gut, gerade wenn er von „Moderation“ als große Qualität in einer solchen Phase spricht:

A renaissance will require motivational goals. To be motivational, a goal must be both ambitious and achievable. For this reason, I suspect that we should hesitate to put our faith in distant star systems. The fountain of youth and the Tree of Life are not waiting for us in Tau Ceti or on Planet Vulcan in 40 Eridani. We need not be “loyal to the earth” like the atheist Zarathustra, but we would do well to expect our salvation to be worked out in the solar system we have been given.

For technologists, that means pursuing goals that are difficult but possible: cures for cancer and ­Alzheimer’s; compact nuclear ­reactors and fusion power. For statesmen, that means deconstructing the ­corrupt institutions that have falsely claimed to pursue those goals on our behalf.

It is a paradox of our time that the path to radical progress begins with moderation. Extreme optimism and fatalistic pessimism may seem to be stark opposites, but they both end in apathy. If things were sure to improve or bound to collapse, then our actions would not matter one way or the other.

Not only do our actions matter, I believe they matter eternally. If we do not find a way to take the narrow and moderate path, then we may find out that stagnation and decadence were all that kept immoderate men from stumbling into the apocalypse.

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Okay, steile Annahme… Könnte es sein, dass wir uns über solche Thesen unterhalten und das gesamte System und alles als „korrupt“ oder „ineffizient“ diskreditieren, ohne zu hinterfragen, wie und warum unsere Institutionen sich entwickelt haben und was vorher war,… weil es uns (und damit meine ich nicht die Globalisierungs- und Digitalisierungsverlierer, die es gibt) insgesamt doch ziemlich gut geht?

Insofern wäre die Diskussion darüber, dass wir dekant sind, ein Indiz für Dekadenz.

Oder religiös gelesen: Ein einziger Sündenpfuhl, den {Name your god here} derzeit mit Heuschreckenplagen, Pandemien, Waldbränden und allerlei weiteren Naturkatastrophen maßregelt…

Finde dann ja die Frage noch spannender: Wie leapfroggt man das Dark Age und macht bei der nächsten Renaissance weiter?

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