Die Corona-Krise könnte die Fahrrad-Wende bringen

In der Corona-Krise zeigt sich eine Wende im Stadtverkehr. Die Straßen sind nahezu frei von Autos. Einige Städte nutzen das, um temporäre Radwege aufzubauen. Denn das Fahrrad ist in dieser Zeit das beste aller Fortbewegungsmittel. Dieser Wandel könnt jedoch von Dauer sein.

Ein Kommentar von Michael Förtsch

Auf die Bedrohungen durch den Klimawandel haben Politiker, aber auch Unternehmen und viele Menschen bisher nur schleppend reagiert. Der steigende Meeresspiegel, die Ausbreitung von Wüsten, die steigenden Temperaturen – all das passiert schließlich nicht plötzlich, sondern schleichend. Beim Coronavirus verlief die Reaktion anders. Hier waren die Folgen nämlich instantan spür- und sichtbar. Innerhalb weniger Wochen legten Politiker – wenn auch nach kurzem Zögern – umfassende Maßnahmen auf. Unternehmen digitalisierten sich. Hunderte Millionen von Menschen arbeiten nun im Home Office. Social Distancing ist angesagt. Der Weg zur Arbeit hat sich damit für viele erledigt. Supermärkte sind für etliche Menschen auch ohne Auto erreichbar. Sie nehmen das Rad oder gehen zu Fuß. Viele haben selbst erlebt, wie leer die Straßen in manchen Metropolen, aber auch Mittelstädten dadurch sind. Das ist nicht nur ein Gefühl, sondern mit Daten belegt.

Vor allem die Rush Hour fällt aus. Und das nicht nur in Deutschland. Das hat schon jetzt Folgen. Mit dem veränderten Verkehr verändern sich auch die Städte und deren Verkehrswege. In Berlin entstehen derzeit Pop-Up-Fahrradwege. Aus ihnen bildet sich ein Netz aus zwei bis drei Meter breiten Radwegen, die sich markiert durch dicke gelbe Streifen unter anderem am Tempelhofer Ufer, dem Kottbusser Damm, der Lichtenberger und der Petersburger Straße entlangziehen. 15 Kilometer davon gibt es bisher. „Wir wollen, dass mehr Leute Rad fahren – ohne Gefahr für Leib und Leben“, sagte Felix Weisbrich dazu, der als Leiter des Straßen- und Grünflächenamtes von Friedrichshain-Kreuzberg die Pop-Up-Radwege verantwortet.

Radeln ist gut gegen Corona

Tatsächlich ist das Rad in Corona-Zeiten mit das sicherste Verkehrsmittel. Das muss sogar der Autoclub ADAC eingestehen. Der Grund? Wer mit dem Rad – oder auch mit E-Scootern, Inline-Skates und Vergleichbarem – fährt, der hält automatisch Abstand zu anderen und ist höchst individuell unterwegs. Weil das Coronavirus hauptsächlich über Tröpfcheninfektion auf kurze Distanz übertragen wird, liege die Chance, sich beim Radeln zu infizieren quasi „bei Null“, wie der Pneumologe Michael Barczok dem Spiegel sagte. Dazu stärkt das Radfahren das Herz-Kreislaufsystem. Die Infrastruktur – insbesondere bei dem jetzt perfekten Rad-Wetter – für Radfahrer aufzustocken ist daher nicht nur eine nette Geste, sondern auch ein sinnvolles Mittel zum Bevölkerungsschutz. Wenn denn genug Menschen auf das Rad steigen und die neuen Wege auch nutzen.

Die Regierung im kolumbianischen Bogotá hat daher gleich 117 Kilometer an Straßenfläche für Radler freigegeben. In Oakland wurden sogar 119 Kilometer an Straßen für den motorisierten Verkehr gesperrt und zu slow streets erklärt, die nur von Radfahrern und Fußgängern genutzt werden dürfen. In Denver wurden zumindest zwei der großen Innenstadtstraßen geteilt. Die Autofahrer müssen dort nun mit der Hälfte der Spuren auskommen. Die andere steht für Radler und Sportler zur Verfügung. In den USA: ein echtes Novum! Und im kanadischen Vancouver wurde der 405 Hektar große Stanley Park zur Rad- und Fußgängerzone deklariert.

Dabei könnte sich durchaus zeigen, dass diese Veränderungen im urbanen Verkehr nicht nur temporär sein müssen. Dass die Corona-Krise auch eine Chance darstellen kann, um allzu festgefahrene Konventionen aufzubrechen. Tatsächlich sollen die Berliner Pop-Up-Radwege nicht ganz so kurzlebig sein, wie es zunächst schien. Die Radwege sollen via Drohne dokumentiert und dann ihre Nutzung evaluiert werden. Zumindest einige könnten also in kleinerer oder auch größerer Ausführung dauerhaft bleiben. Und in Bogotá und anderen Städten werden schon Forderungen gestellt und Petitionen im Internet gestartet, um manche der autofreien Wege für die Nach-Corona-Zeit zu bewahren.

Andere Orte nutzen die Krise, um gleich noch einen großen Schritt weiterzugehen. Im derzeit nahezu autofreien Mailand sollen 35 Kilometer an Straße dauerhaft umstrukturiert werden. Sie sollen künftig für Radfahrer, Fußgänger, Freizeitaktivitäten und Geschäfte nutzbar werden. Teile der Stadt sollen zudem in verkehrsberuhigte Zonen umgewandelt werden. „Wir haben jahrelang daran gearbeitet, die Autonutzung zu reduzieren. Wenn jeder ein Auto fährt, gibt es keinen Platz für Menschen, es gibt keinen Platz, um sich zu bewegen, keinen Platz für kommerzielle Aktivitäten außerhalb der Geschäfte“, sagt der Bürgermeister Marco Granelli dazu. „Wir müssen es wagen, Mailand in dieser neuen Situation neu denken.“

Wenn jeder ein Auto fährt, gibt es keinen Platz für Menschen, es gibt keinen Platz, um sich zu bewegen, keinen Platz für kommerzielle Aktivitäten außerhalb der Geschäfte.

Weniger Auto wagen

Brüssel hat unter dem Motto Vélorution – das heißt soviel wie Entzerrung – ähnliche Pläne wie Mailand verkündet. Jedenfalls auf Zeit. Die gesamte Innenstadt wird vorerst zur Fahrrad- und Fußgängerzone gemacht. Die Höchstgeschwindigkeit für Autos, Busse und Bahnen wird zudem auf 20 Kilometer pro Stunde begrenzt. Das soll von der Polizei streng kontrolliert werden. Radfahrer und Fußgänger dürfen überall fahren und gehen. Dadurch soll der Autoverkehr verringert und gleichzeitig die Einhaltung des weiterhin empfohlenen Mindestabstands möglich sein. Ob und wann die Vélorution endet, das steht nicht fest.

„Wir werden die Maßnahme später auswerten“, heißt es vom Bürgermeister Philippe Close. Das bedeutet, ein Teil der temporären Verkehrswende könnte langfristig bestehen bleiben und die Brüsseler Innenstadt partiell wieder den Fußgängern und Radfahrern gehören. Das würde durchaus in die langfristigen Pläne der EU-Stadt passen. In Brüssel ist schon seit langem geplant, die Macht der Autos zu brechen. Für 2021 war daher schon ein stadtweites Tempolimit von 30 Kilometern pro Stunde in der Diskussion. Damit sollte die Stadt in Sachen progressiver Umwelt- und Verkehrspolitik mit EU-Vorreitern wie Amsterdam gleichziehen.

Paris wiederum soll mit dem Ende des Lockdowns am 11. Mai ganze 650 Kilometer an Radwegen bekommen. Auch hier gab es schon zuvor Pläne, die Stadt für Fußgänger- und Radfahrer einladender zu gestalten und die Autos zunehmend aus der Innenstadt zu verdrängen. Eigentlich war das Jahr 2024 ausgerufen worden, um alle Straßen auch mit dem Rad nutzbar zu machen. Aber der nun schon jetzt herunter geregelte Verkehr, der bereits bei vielen Parisiennes stattfindende Umstieg auf das Rad, machte es möglich den mehrere Millionen Euro schweren Plan Vélo schon jetzt in einigen Facetten umzusetzen. Zudem habe die Corona-Pandemie „uns gezwungen, unser Verkehrssystem jetzt neu zu denken“, sagte Valérie Pécresse, Präsidentin der französischen Regionalräte. Wenn die Maßnahmen gelockert werden, soll das unter den bestmöglichen Bedingungen geschehen: mit Abstand, reduzierter Ansteckungsgefahr – und zwar auf dem Rad.

Andere Städte sollen nachziehen

Rund um die Welt wirkt das Corona-Virus also wie ein Turbo für die stets geplante, aber oft nur sehr widerwillig oder gegen viel Widerstand durchgekämpfte Verkehrswende. Dabei offenbaren sich nun auch Versäumnisse, etwa mangelnde, schlecht gepflegte und damit unsichere Wege für das Fahrrad, den E-Scooter oder auch einfach die Passanten. Defizite werden vor allem in den um das Auto herum gebauten Metropolen wie Los Angeles sichtbar, in denen neben Bus, Taxi und UBER kaum eine Alternative zum eigenen Wagen besteht. Aber auch in und an der selbsternannten Radl-Hauptstadt München gibt es Kritik. Nachdem über Jahre hinweg immer wieder große Pläne für umfassende Radwegnetze präsentiert wurden, fordert der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club, dass aus der Theorie endlich auch mal Praxis werden muss.

Auch mit Blick auf das Coronavirus und mögliche zukünftige Pandemien, die einen Mindestabend beim Bewegen in der Öffentlichkeit nötig machen, müsste in der bayrischen Hauptstadt die Infrastruktur für Radler und E-Scooter-Fahrer ausgebaut werden. Gefordert werden autofreie Zonen und zumindest temporäre Radspuren auf mehrspurigen Straßen – wie eben in Berlin und anderen Metropolen. Die neue grün-rote Mehrheit im Münchner Stadtrat verspricht, einiges davon nun angehen. Laut Experten und Politikern werden uns die Abstandsregeln wohl noch über Monate begleiten – und damit das Rad wohl vor allem im Sommer zum idealsten aller Fortbewegungsmittel werden. Ohne genügend Radwege könnte es dann aber eng werden. Zeit also, allerorts die Städte für Zweiräder und Fußgänger endlich fit zu machen – und zwar auf Dauer.

Teaser-Bild: Tiffany Nutt auf Unsplash

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Danke für den Überblick, Michael. Spannend wäre ein Follow-up im Herbst 2020. Thema: konkrete Daten zur Wirkung der Maßnahmen.

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:ok_hand:
Danke für die Ergänzung um Milan, Brüssel und Paris. Die drei Städte sind wirklich voll klugen Tatendrangs!

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Wo wäre es denn sinnvoll jetzt in München anzusetzen um die radl Infrastruktur auszubauen? Highways? Parkplätze weg und in Radwege umwandeln zB an der Leopold str?

Finde die 30kmh Beschränkungen für Autos super. Und Parkplätze in der Stadt sollten teurer werden.

Gleichzeitig braucht es vielleicht aber auch mehr on demand / flexible ÖPNV Kapazität auf Rädern. Was meint ihr? Denke da an die neuen Kleinbusse die im Betrieb sind und dynamische Buchung / fahrplansysteme…

Im Prinzip ja; gäbe es nicht die Unart mancher Radfahrer, immer noch wie gewohnt, sehr dicht (manchmal haarscharf) an Fußgängern (von hinten) vorbeizufahren. :frowning:

Ja, das Problem wäre eben gelöst, wenn es sicher abgetrennte Radwege gäbe ; )

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Puh! Es gäbe sehr viele sinnige Optionen. In der Innenstadt ließen sich quasi überall Parkspuren in Radwege umwandeln. Toll wäre auch ein Verbindung von den ganzen Studentenhochburgen wie Eching, Ismaning, Unterschließheim etc. pp. zum Garching Forschungszentrum. Vor fünf Jahren gab es auch mal den Vorschlag einer echten Rad-Autobahn, die die ganzen Gemeinden rund um München anschließen sollte: Dachau, Garching, Poing, Fürstenfeldbruck.

Einige der Strecken wurden auch schon als definitiv machbar erforscht, weil sie beispielsweise direkt neben Autostraßen eingezogen werden könnten.

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Bloß nicht. Das schöne beim radeln ist eigentlich auch die frische Luft. Nervt neben Autobahnen oder Bundesstraßen zu radeln und den Smog direkt abzubekommen. Die Uni Vororte München mit garching Forschungszentrum zu verbinden wäre sehr cool. Konnte eine ganz eigene Dynamik und Zusammengehörigkeit entwickeln.

Und für mich sogar mit ein Grund dorthin zu ziehen :slight_smile:

Eine Hauptmagistrale und dermaßen schlecht ausgebaut ist die Landsbergerstraße vom Hauptbahnhof bis Pasing. So als ein erstes To-do. :wink:

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jawohl! die Strecke hat mich quasi zum Wegzug aus der Stadt bewogen!

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Als kleiner Nachtrag: Auch London könnte nun teilweise vom Auto befreit werden. Und als jemand, der schon mal dort fast überfahren wurde, kann ich das nur begrüßen ; )

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Tja, das wäre wohl ein Anfang. Das Rad war zeitweise das wichtigste Verkehrsmittel - dank Corona.

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