Lasst uns optimistisch in eine nostalgische Zukunft aufbrechen!

Wir haben Corona kaum in den Griff gekriegt, wie wollen wir da die Klimakrise meistern? Ganz einfach: besser. Und das können wir auch. Dafür brauchen wir eine gemeinsame Zukunftsvision, die nicht nur darin besteht, durch Verzicht Schlimmeres zu vermeiden. Sie darf ruhig ein wenig nostalgisch sein.

Ein Kommentar von Wolfgang Kerler

Bei 1E9 haben wir uns vorgenommen, Zukunftsoptimismus zu verbreiten. Aber ist der nach so einem Horrorjahr noch angebracht? Wäre es nicht an der Zeit für nüchternen Realismus? Oder gar Pessimismus?

In den vergangenen Tagen musste ich viel über einen Satz nachdenken, der in einer der unzähligen Corona-Talkshows gefallen ist. Er stammt vom Bundestagsabgeordneten und Epidemiologen Karl Lauterbach. Als er gefragt wurde, ob ihn die Coronakrise verändert habe, gab er eine überraschende Antwort. „Ich bin in einem Punkt extrem pessimistisch geworden“, sagte Lauterbach. „Und das betrifft den Klimaschutz.“

Denn, so der SPD-Politiker, ohne die „technische Lösung“ hätten wir in Europa das Coronavirus nicht besiegt. Nur der Impfstoff wird uns vor noch mehr Kranken und Toten bewahren. Wir als Gesellschaft waren schließlich nicht in der Lage das umzusetzen, was vernünftig gewesen wäre. „Und es wird keine Impfung gegen CO2 geben.“

Ja, dachte ich. Da hat er Recht. Während andere Länder die Pandemie meistern, schleppen wir uns mit einem zweiten Shutdown ins neue Jahr und verlieren auf dem Weg viel zu viele Menschenleben. Wenn wir schon an einer Pandemie scheitern, wie wollen wir da jemals die Klimakrise bewältigen?

Resilienz bringt nostalgische Gefühle zurück

Dann allerdings bin ich eher durch Zufall über einen Artikel in The New Republic gestolpert, der berichtet, mit welcher Botschaft die kanadische Politikerin Sonia Furstenau den Parteivorsitz der Grünen in der Provinz British Columbia ergatterte. Es war ein nostalgischer Appell für Klimaschutz, der viel mit einem Begriff zu tun hatte, der uns auch bei 1E9 in diesem Jahr immer wieder beschäftigt hat: Resilienz.

Die Definition davon leihe ich mir wieder bei unserem Kolumnisten @sebastianhofer und bei @felixbeer vom Institut für Zukunftsstudien und Technologiebewertung aus, der mit mir im Juni ein Interview geführt hat.

Resilienz
Substantiv, feminin (von lateinisch resilire „zurückspringen“, „abprallen“)

  • Widerstands- und Anpassungsfähigkeit unserer Gesellschaft in Zeiten von stetigem Wandel und Unsicherheit;
  • die Kunst, Krisen erfolgreich zu meistern und die gemachten Lernerfahrung für die eigene Entwicklung positiv zu nutzen.

Aber was hat Resilienz mit Nostalgie zu tun? Aus Sicht von Sonia Furstenau kann nur eine resiliente Gesellschaft die nostalgische Sehnsucht nach einem Gefühl stillen, das viele zwar privat aus ihrer Kindheit oder ihrer Dorfgemeinschaft kennen, das uns aber auf gesellschaftlicher Ebene abhanden gekommen ist. Durch Globalisierung und Digitalisierung. Durch Fake News und Finanzcrashs. Und nicht zuletzt durch die drohende Klimakrise.

Es geht um das Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit in einer unsicheren Welt – und um die Gewissheit, zu einer solidarischen Gemeinschaft zu gehören, die sich durch Krisen nicht aus der Bahn werfen lässt.

Wer den Klimawandel stoppen will, sollte demnach nicht nur auf die Vernunft der einzelnen Menschen bauen. Und auch nicht nur Verzicht predigen. Sonst könnte Karl Lauterbach mit seiner pessimistischen Vorahnung richtig liegen. Denn die Herzen der Menschen lassen sich dadurch nicht gewinnen.

Doch wenn der Kampf gegen die Klimakrise verknüpft wird mit der Aussicht auf eine resiliente Gesellschaft, die uns von unserer permanenten Zukunftsangst befreit, ließen sich vielleicht Mehrheiten organisieren. Dann besteht Klimaschutz auch nicht nur aus Abgasgrenzwerten, EEG-Umlagen und Ladesäulen, sondern auch aus Politik, die gesellschaftlichen Zusammenhalt fördert und Raum für Innovationen und Experimente schafft.

Wir sind wahrscheinlich schon weiter als wir dachten

Warum ich angesichts dieser Überlegungen der Meinung bin, dass wir optimistisch ins nächste Jahre starten können, hängt damit zusammen, dass wir vieles von dem, was eine resiliente Gesellschaft ausmacht, schon haben. Denn die Pandemie hat nicht nur unsere Schwächen aufgezeigt, sondern auch unsere Stärken.

Klar, es wäre schön gewesen, wenn wir alle gemeinsam so vernünftig gewesen wären, dass es keinen zweiten Lockdown gebraucht hätte. So bleibt uns eben nur der Impfstoff. Aber wir haben einen Impfstoff! Und er ist sogar in Deutschland entwickelt worden. Wir verfügen über das Wissen, um akute Probleme schnell zu lösen.

Gegen den Klimawandel können wir uns nicht impfen. Auch klar. Aber es mangelt uns nicht an Ideen, wir wir ihn bremsen oder besser mit seinen Folgen umgehen können. Täglich wird in Start-ups und Forschungseinrichtungen, in NGOs und selbst in dem ein oder anderen Großkonzern bewiesen, welche Kreativität und Innovationskraft in uns steckt. Bei 1E9 haben wir in diesem Jahr oft von Beispielen dafür berichtet.

Es gibt schon heute Technologien, um CO2 aus der Luft zu saugen und daraus langlebige Produkte zu machen. Wir können Elektroautos aus Müll herstellen. Flugzeuge könnten in Zukunft mit grünem Wasserstoff fliegen, Frachtschiffe mit riesigen Segeln vom Wind angetrieben werden. Außerdem wird an allerlei Stromspeichern gearbeitet, um die Energiewende zu vollenden. Das klimaschützende und pandemiefeste Fahrrad, eine altehrwürdige Technologie, erlebt eine Renaissance.

Außerdem haben wir gerade am eigenen Leib erfahren, dass wir uns die ein oder andere Dienstreise dank virtueller Alternativen sparen können. In Zukunft könnten sogar ganze Lieferketten digitalisiert werden.

Auch am Wunsch, sich einzubringen, und an gesellschaftlicher Solidarität mangelt es aus meiner Sicht nicht. Viele von uns wünschen sich mehr Transparenz, um nachhaltiger konsumieren zu können. Einer neuen Generation von Gründerinnen und Gründern geht es nicht nur um Gewinn. Sie wollen die Welt besser machen. Und abertausende Menschen haben zu Beginn der Coronakrise bewiesen, dass sie anpacken möchten. Zum Beispiel beim #WirVsVirus-Hackathon. Daraus lässt sich doch was machen!

Auch auf die Politik kommt es an

Was oft noch fehlt, ist der politische Gestaltungswille, aus den vielen Ideen und dem Engagement vieler Menschen etwas zu machen – die optimistische Zukunftsvision einer resilienten Gesellschaft und eine Plattform, die eine aktive Beteiligung der Bürgerschaft ermöglicht.

Bevor wir uns in diesem Jahr über Maskenpflicht, Beherbergungsverbot oder Glühweinhopping zerstritten haben, gab es einen überzeugten #FlattenTheCurve-Konsens, der auch die Gesellschaft erfasste. Er bröckelte erst, als er in die Mühlen der ambitionslosen Tagespolitik geriet, die schon lange verlernt hat, an die Zukunft zu denken. Die Zukunft ist aber kein Verwaltungsakt. Wie wäre es zur Abwechslung mit Aufbruchstimmung?

Werde jetzt Mitglied von 1E9!

Als Mitglied unterstützt Du unabhängigen, zukunftsgerichteten Tech-Journalismus, der für und mit einer Community aus Idealisten, Gründerinnen, Nerds, Wissenschaftlerinnen und Kreativen entsteht. Außerdem erhältst Du vollen Zugang zur 1E9-Community, exklusive Newsletter und kannst bei 1E9-Events dabei sein. Schon ab 2,50 Euro im Monat!

Jetzt Mitglied werden!

Doch selbst da gibt es Grund zur Hoffnung. Schließlich wird 2021 gewählt. Und vielleicht nimmt sich dabei jemand im Wahlkampf ein Beispiel an Anne Hidalgo, der Bürgermeisterin von Paris. Sie wurde gerade wiedergewählt – und das, obwohl sie zehntausende Parkplätze für neue Fahrradwege opferte. Doch sie betonte nicht, worauf die Menschen verzichten müssen. Sie betonte, was die Menschen dadurch gewinnen.

Wir alle sehnen uns doch gerade nach einer Welt, in der wir in Ruhe ein erfülltes (und gerne spannendes) Leben führen können – ohne permanente Zukunftsangst, ohne schlechtes Gewissen, ohne tägliche Hiobsbotschaften. Der Schlüssel dazu ist aber kein Zurück in eine fiktive Vergangenheit, wie sie Populisten propagieren.

Stattdessen könnten wir in eine resiliente, von einem angenehm nostalgischen Geborgenheitsgefühl erfüllte Gesellschaft aufbrechen. Wir sind von ihr auch gar nicht so weit entfernt. Wenn das kein Grund für Zukunftsoptimismus ist, was dann?

Titelbild: Getty Images

16 Like

Das kann ich absolut bestätigen: Anstrebensziele sind immer besser als Vermeidensziele.
Das konnten wir in der Corona-Zeit erleben: alle waren dabei, kurzfristig die Kurve abzuflachen (da wollten wir hin), beim langfristigen Kontakte vermeiden und Aktivitäten einschränken dann wieder nicht so (davon wollten wir weg).

Wir brauchen mehr leuchtende und mitreißende Vorbilder und schnelle Erfolge in kleinen Schritten und nicht langweilige Bürokraten mit langfristigen und abstrakten Zielen.

Ich konnte das selbst einige Male erleben, wie eigentlich unpolitische und wenig engagierte Menschen auf nahe liegende Aktionen anspringen (aktuell im Corona-Zusammenhang etwa öfter das Fahrrad ins Büro zu nutzen), anstatt zu überlegen, wie man „den Klimawandel“ aufhalten kann (die globale Erwärmung auf weniger als zwei Grad Celsius bis zum Jahr 2100 gegenüber dem Niveau vor Beginn der Industrialisierung zu begrenzen - GÄHN, das verstehen die wenigsten und solange hält auch keiner von uns durch… :smirk:).

Technik ist gut und wird uns viel helfen, das zugrunde liegende Problem einer Wachstumsgesellschaft wird sie aus meiner Sicht nicht lösen können.

Vielleicht (hoffentlich!) kamen/kommen doch einige zum Nachdenken, dass es keine 3 Flugreisen im Jahr braucht und es in der Region auch ganz schön ist und man hier mit oft nur etwas Einsatz sich auch das eigene Umfeld verbessern (und damit die Umwelt schützen) kann.

4 Like

Und damit haben wir dann eine schönere Umgebung, in der wir uns noch lieber aufhalten und vor der wir nicht so oft flüchten müssen… Wieder was gewonnen :slight_smile:

2 Like

Super., - ich finde Zukunftsoptimismus immer angebracht. Dafür würde ich auch generell vorschlagen an Schulen und sämtlichen Bildungseinrichtungen mehr Sci-fi Bücher zu lesen und zu bearbeiten… Dann könnte man schon als Kind über mehr Zukunfts-Variationen lesen., was sich dann im besten Fall weiterspinnen lässt … Evtl. Beruhigt oder inspired das gleichermaßen… Wenn man jetz nich einzig Dystopien im Lehrplan hat… :wink::blush::dizzy::star2::christmas_tree:

5 Like

Nein, gegen die Klimakrise gibt es keinen Impfstoff.
Aber die Suche nach einem Corona Impfstoff hat gezeigt, dass mit gemeinsamen weltweiten Anstrengungen Großes erreicht werden kann und mit der Entwicklung mehrerer Impfstoffe auch erreicht wurde. Schon allein das macht Hoffnung.
Leider ist es so, dass das Kind schon in den Brunnen gefallen sein muss, um eine gemeinsame Rettungsaktion zu initiieren. Aber immerhin!

Mit der Klimakrise ist dass nicht anders. Wie lange ist es fünf vor Zwölf gewesen? Nennenswerte Reaktionen setzen erst viel später ein, wenn es um die Schadensminimierung und das Handling der Folgen geht.

Insofern könnten

die Rolle des „Impfstoffs“ in der Klimakrise übernehmen, was möglicherweise realistischer ist, als die Ursache der Krise weltumspannend (und nur damit erfolgreich) bekämpfen/beseitigen zu können. Besser so als garnicht…also auch hier wieder…immerhin :wink:

Und ja, es ist doch deutlich ein Umdenken zu beobachten und vor allem auch ein tatsächliches Handeln, denn

Auch und vermehrt im Zusammenhang mit der Umwelt-/Klimakrise. Also durchaus Anlass, auch etwas optimistisch zu sein!

4 Like

Absolut! Das fördert die Zukunftskompetenz :wink:

3 Like

Ich bin bei dem Thema Optimismus sehr zwiegespalten. Optimismus lädt doch auch zur Passivität ein. Optimismus auf was bezogen? Zwangsoptimismus? Optimistisch immer weiter so? Optimistisch „nachhaltig“ konsumieren? Optimistisch im gleichen System verweilen, obwohl wir mittlerweile eindrucksvoll wissen sollten, dass genau diese Dynamik uns einen sterbenden Planeten beschert? Es wäre ja Optimismus angebracht, wenn die Versuche der Intervention wenigstens fruchten würden. Stattdessen, erleben wir aber das genaue Gegenteil. Staatsübergriffe, Wutbürger, Kollaps der Kooperationsbereitschaft, Konzernfundamentalismus, sich exponentiell verbreitende Armut. Die wenigen, die sich als neue Millionäre hierzulande feiern lassen können, wirtschaften ja allesamt gegen die Zukunft und gegen die Natur. Kein Naturschützer ist dieses Jahr steinreich geworden. Ideen für soziale Unternehmungen werden bereits vor der eigentlichen Gründung bekämpft, in Ihrer Kredibilität von allen Seiten bekriegt. Die Forschungslandschaft hat sich einer „cutthroat“ Ideologie gebeugt und zelebriert gerade in vollem Umfang den Niedergang demokratischer Werte. Wer versteht wie man am Untergang und an Ausbeutungsmodellen partizipieren kann, wird lukrativ entlohnt. Da lese ich dann doch lieber # Infinite Resignation: On Pessimism von Eugene Thacker und weiß, das Alternativen nicht durch ein Wohlbefinden im fatalistischen Optimismus entstehen können. Ich wäre so gerne mit dir Wolfgang diesbezüglich d’accord. Aber keine einzige cost–benefit Rechnung dieser Welt macht in diesem Modus noch Sinn. 50 Jahre Tatenlosigkeit sind in irreversiblen und exponentialen Zeiten nicht mehr zu kompensieren. Nur im totalen Kulturpessimismus finden wir gregäres Aufblühen, in der totalen Ablehnung der bürokratisierten, globalen Geistesgestörtheit, entsteht das Neue.

2 Like

Sehe ich genauso - bin aber optimistisch, dass diese

kommt. Der Druck baut sich immer mehr auf je länger eben nichts passiert. Aus dem Konflikt wird dann neues Entstehen, weil die Notwendigkeit und Radikalität in den Idee wieder da sein wird.

Einen Lock-Down wie im Frühjahr hätte keiner für möglich gehalten. Jetzt ist das normal.

Damit sich das ändern braucht es andere Spielregeln, die solche Leute / Modelle finanziell nach oben katapultieren, also Ideen für eine andere „systemarchitektonische Veränderung“, wie ich gerade bei @JuliaK in der Vorstellung gelesen hab. Würd mich freuen mehr dazu zu hören.

Ich glaube man weiss ganz gut was zu machen ist um über die nächsten 10 Jahre grundsätzlich die notwendige Veränderung herbeizuführen.

4 Like

Das finde ich richtig gut. Und würde mir wünschen sowas mehr aufzubauen!
Sicherheit und Geborgenheit entstehen durch den sozialen Kontext (im Dorf-Gemeinschaftsbild; das kann auch richtig bitter sein, btw!). Die hardcore Individualisierung, beschleunigt durch die social media und internet bubbles, die um jedem herum hinkonstruiert sind, steht dem Gemeinsinn entgegen und baut in der Gesellschaft unsichtbare Mauern und schafft noch mehr Polarisierung…Wir Affen packen es einfach nicht mit der Scale und der Ausdruckspower übers Internet vernünftig umzugehen…

Dieser Trend ist eine Wechselwirkung aus Technologie und Menschen mit diesen massiven Effekten auf gesellschaftlicher Ebene. Ich sehe nicht wie Demokratie heute in der Lage sein soll mit dieser Geschwindigkeit, Scale und Granularität mitzuhalten. Politik und Demokratie sollte heute anders funktionieren als vor 150 Jahren, weil die Dynamik in der Gesellschaft eine andere ist. Hab keine Idee wie - aber würde sich doch lohnen zu den Ursprüngen zu gehen und zu versuchen so gut es geht in die Gegebenheiten der Neuzeit zu mappen! Politologen sollten sich mit tech beschäftigen und weniger system-affin ausgebildet sein…

Wenn man so denkt braucht es glaube ich entweder echte disruptive Veränderung in der Administration und Politik, oder in Richtung der Tech-Giganten und ein Angriff auf dieses Megageschäft! Daran glaub ich wenig. Und bei letzteren hat man auch nur ein Problem der Vergangenheit gelöst und noch nicht die vor uns liegenden noch größeren…

5 Like

Ich denke, mit „optimistisch“ wird schon das richtige assoziiert, auch wenn mitschwingt, dass dadurch die Welt in einem optimalen Zustand betrachtet wird, was natürlich naiv ist und träge macht, aber diese Assoziation haben wir in der Regel bei „Optimismus“ nicht. Das erinnert mich an den Roman „Der Peptimist“ von Emil Habibi, dessen Protagonist die negativen Seiten seines Lebens pessimistisch willkommen heisst, um (durch ihre Verbesserung - also Optimierung) weiterzukommen.

Vielleicht ist auch eine „konstruktive“ Sicht (nicht unbedingt konstruktivistisch!) auf die Welt ein passender Begriff, um auszudrücken, dass wir an Mängel anknüpfen, um die Welt zu verbessern.

2 Like

Schöne Dialektik (Zukunftsoptimismus und Nostalgie)!
Es ist schon erstaunlich und schade, dass wir leiden müssen, um Änderungen herbeizuführen. Kaum ist eine Gefahr greifbar, geht alles ganz schnell. Sonst lassen wir uns die Bequemlichkeit unserer Routinen nicht nehmen! Nach dem Informatiker-Motto: Never change a running system; vielleicht gepaart mit Murphys Law, also der Angst vorm Scheitern. Was mir durch die Pandemie noch klarer geworden ist: Die Innovation im Einsatz von Technologien liegt primär in einer sozialen Innovation, also wie Menschen dazu gebracht werden können, technische Innovationen in routinierten Lebensbereichen zuzulassen. Sogesehen ist es immer eine sozio-technische Innovation. Ich denke, da gibt es noch einige „low hanging fruits“, deren Innovation nicht primär technologisch ist, und somit schwerer greifbar.

4 Like

Was mich an Wörtern wie Optimismus und Zukunft mittlerweile stört, sie können ganz einfach als Meme genutzt werden. Jeder kann diese Vokabel nutzen ohne sie differenziert unterfüttern zu müssen. Das heißt demnach auch, sie sind inhaltslos, solange sie nicht explizit und konvivial kommuniziert werden. Was ich damit meine, ist folgendes. Die Grafik, die Ihr hier sehen könnt, zeigt auf, dass unsere technologische Entwicklung auch exponentiell weltverbrauchend Wirksamkeit entfaltet. Technologischer Optimismus ist demnach eine ganz gefährliche Form des Denkens, weil diese die Grenzen des Wachstums zu verdrängen scheint. Deep Ecology ist ebenfalls zu kurz gedacht, weil wir damit zu verdrängen scheinen, dass sich diese Natur nicht mehr von selbst regenerieren kann, solange wir hier sind. Was ist aber die dritte Variante? Und mehr noch, verstehen wir alle, dass es die Radikalität und konsequente Bewusstseinsebene der dritten Variante benötigt, um aus diesem Fuckup eines ‚wicked problem‘, der existentiellen Risiken rauszukommen? Wir haben sicherlich alle ein Gespür dafür, eine Intuition. Aber diese neue Richtung muss eben auch artikuliert werden und vor allem systematisch übersetzbar sein. Nur sehe ich nirgends eine strategische Förderung dieser Richtung. Bisher verweilen wir immer noch im Modus, Chain-of-Command, mit dem wir keine Kompetenz entwickeln, um Kompetenz überhaupt zu erkennen. Pessimismus ist daher logisch, weil er uns befähigt anzuerkennen, abkehren zu müssen von verratener Liebe und falschen Göttern. Es ist der Schlüssel um den Selbstzerstörungsmodus abzuschalten. Ach ja, und ich wünsche Euch allen zwangsentschleunigte Tage. Zwangsentschleunigt, geiles Wort! :joy:

3 Like

Danke für diesen Einwurf. Ich denke, die weltweiten Fakten geben wenig ANlass für diesen „Optismismus“ als über allem stehende Programmatik. Leider .Auch wenn diese Zeit sicher einiges an Optimismus und Konstruktivität vertragen kann, damit die Menschen nicht resiginieren. ABer :München ist schließlich auch nur eine Bubble :wink: Klar, „Geborgenheit“, „Sicherheit“ wollen wir alle. „Resilienz“ hilft da sicher. In der „Nostalgie“ steckt aber auch ein regressives, infantiles Element. Am besten so wie früher und „wie immer“ (für wen eigentlich?) Und wenn’ snicht klappt , dann menno, ist eh alles egal. Too much von meiner Seite? Ich will nur sagen: die Kritik, der Blick aus anderen "Kulturkreisen " und „Lebensläufen“ (zur Relativierung der eigenen SIcht) und auch der politische Realismus (Stichwort: Beharrlichkeit, dicke Bretter, die politischen Prozesse insgesamt) sollten in diesem Forum vllt noch mehr zu SPrache kommen, damit hier keine Welt imaginiert oder konstruiert wird, die es so repräsentativ einfach nicht gibt oder die dann einfach ganz schnell wieder zusammenbricht. (Ist das zu groß für diese „Community“?) AUsmalen kann man sich viel, echte Ergebnisse sind deutlich schwieriger. Hier soll doch ein Beitrag geleistet werden, oder? Peace, TS

4 Like

Eine Programmatik ist Optimismus sicherlich nicht, sondern eine Einstellung. Ich fürchte, wenn wir alle nur pessimistisch auf die Welt blicken – und dazu gibt es angesichts vieler Fakten genug Grund – landen wir irgendwann bei einer Abrissparty… Dann ist eh schon alles egal. Und, klar, viele wussten es dann die ganze Zeit besser, aber wäre da nicht diese unbelehrbare Mehrheit gewesen…

Es gibt aber auch Fakten, die Anlass zu Optimismus geben. Wir haben etwa in Sachen Klimaschutz schon Fortschritte gemacht, wenn auch nicht genug. Europa bringt einen Green Deal auf den Weg. Und so weiter. Immer nur die Dinge sehen, die nicht funktionieren, ist auch kein realistisches Abbild der Welt.

Man kann das in Anführungszeichen setzen und infantil finden… :wink: Man kann sich aber auch fragen, warum außerhalb der Münchner Bubble so viele Menschen plötzlich irre Populisten wählen, selbst wenn es vielen davon wirtschaftlich sogar gut geht. Ich denke, da hängt viel mit einem verlorenen Sicherheitsgefühl zusammen. Menschen sind emotionale Wesen. Und warum sollte man Nostalgie den Zerstörern überlassen („Make America Great Again“).

Ich verstehe was du meinst und, ja, die Gefahr besteht immer. Andererseits werden Menschen zu 95% der Zeit mit Schreckensbotschaften bombardiert, die irrationale Ängste schüren… Die Welt und die Menschen sind auch nicht so übel, wie es manchmal dargestellt wird. Da kann man auch einen Gegenpol setzen.

Und wenn ich mir die mehreren Hundert Artikel und Beiträge so anschaue, die wir hier im Jahr 2020 gebracht haben, würde ich doch sagen, dass hier Optimismus nicht oder zumindest nicht oft mit Naivität oder Kritiklosigkeit verwechselt wurde. Und dass auch nicht alle geistig in einer Münchner Bubble gefangen sind :stuck_out_tongue:

Da sehe ich den kausalen Zusammenhang jetzt nicht. Nur, weil man optimistisch ist, heißt das nicht, dass man Probleme und Fakten leugnet.

Pessimismus wiederum kann uns auch einfach nur zynisch machen und uns dazu verleiten, aufzugeben.

Und diese „dritte Variante“? Klingt gut. Neustart. Alles besser machen. Aber woher soll sie kommen? Und wann? Sollen wir jetzt Jahrzehnte warten, bis alles zusammengebrochen ist? Ist das Setzen auf diese „dritte Variante“ nicht eher eine verlockende Ausrede, jetzt nichts zu tun? Wir haben nunmal das System, das wir jetzt haben. Und eine Revolution ist gerade nicht in Sicht…

Daher sollten wir vielleicht lieber JETZT anfangen, zu retten, was zu retten ist? Dafür bin ich. Und wenn man das pessimistisch macht (…wird eh nix…), sind die Erfolgsaussichten eher nicht so der Hammer.

4 Like

Nachtrag: Genau um den geht es bei dem Beispiel aus Kanada ja, das im Text anklingt. Da geht es um die Frage, wie man Mehrheiten für durchaus radikalen Klimaschutz gewinnen kann, ohne nur Verzicht und Verbot zu predigen.

2 Like

Vielen Dank für deine Einschätzung, Wolfgang. Ich empfinde es immer wieder als sehr erstaunlich wie verschieden man auf die Welt blicken kann. Mir wird dann manchmal ganz schwindelig bei dem Versuch, das alles irgendwie „zusammen“ zu kriegen.

Und warum sollte man Nostalgie den Zerstörern überlassen („Make America Great Again“).
Das finde ich einen sehr guten Punkt. Ja, man muss die (meisten) Menschen auch emotional abholen, denke ich, sonst wird das nix mit der neuen GEsellschaft. ein bisschen Zumutung darf aber auch sein. Auf jeden Fall eine Gradwanderung.
Haha, die Münchner Bubble. Kenne ich. Ist so schrecklich gemütlich bei Euch. Grüße an die Isar.
PS: Ich habe jetzt auch die Raketen entdeckt und kann sie bedienen.

2 Like

Danke auch für deine :slight_smile: Haben einen interessanten Nachdenkprozess bei mir ausgelöst.

Ich fürchte, so ganz zusammenbringen wird man das alles nie. Dieses Jahr hat – mir zumindest – auch wieder schnerzhaft vor Augen geführt, wie unfassbar kompliziert alles mit allem zusammenzuhängen zu scheint…

Aber ich finde es da immer ganz ermutigend, dass viele Leute, auch wenn sie die Lage ganz unterschiedlich sehen, gute Motive haben. Nicht alle, aber ich würde sagen die meisten. Kann natürlich meinem Optismus geschuldet sein :wink:

Ich rede ja nicht von Tatenlosigkeit wie es in den letzten 50 Jahren des rasenden Stillstandes vorherrschend war. Das wir wirtschaftlich expandieren ist ja von vielen bereits als Kompensation dafür beschrieben worden, dass wir unsere eigentlichen Bedürfnisse nicht zu erfüllen im Stande sind. Wir sehen schöne Menschen auf einer tollen Segeljacht im Werbeclip, die ganz viel Spass gemeinsam haben. Und dann wird uns aber Alkohol als Neurotoxin angeboten, welches zu Zellschädigungen führt und Suchtverhalten erzeugt und uns keineswegs das Lebensgefühl beschert, nachdem wir uns eigentlich gesehnt haben. Ich sage ja auch nicht, dass man per se pessimistisch sein sollte, vielleicht eher ein paranoides Lesen zwischen den Zeilen, basierend auf gesunder Skepsis. Denn was sollen wir denn JETZT machen, wenn das JETZT hier, das 2007 woanders zu sein scheint? Zeit ist kein Singular, eher pluralistisch und überhaupt einer sehr diversen temporären Polylogik untergeordnet. Unsere Individualisierung ist temporär zu differenzieren, d.h. manche leben bereits transparadigmatisch und transkontextuell in anderen Zeiten. Wenn du deinem eigenen zukünftigen Ich begegnen würdest, könntest du dich selbst erkennen? Oder wärst du dir fremd und unergründlich? Genauso ist es bereits jetzt für viele, weil wir nicht nur individuell eine Multi-temporalität leben, sondern vor allem auch in unseren Tribus (tribes). Das was ein Mensch in der Zukunft macht, kann doch von einem Menschen in der Vergangenheit überhaupt nicht nachvollzogen werden. Und abholen kann man da erst recht keinen. Ich versuche z.B. Computational Complexity Theory irgendwie nachzuvollziehen https://arxiv.org/pdf/2001.04383.pdf und weiß, dass es mir zu Lebzeiten nicht mehr gelingen wird. Das sind Tatsachen mit denen wir leben müssen. Genauso, das vieles was wir JETZT zu machen glauben, bereits viel zu spät ist. D.h. im Umkehrschluß, sich auf eine Reise in die fernen Zukünfte zu begeben, um paradoxerweise hier und jetzt andere Realitäten zu erträumen und zu erdichten. Es hieß doch schon bei Aldous Huxley, back to nature, back to culture. Yes, back to culture, when you’re sitting still and reading books, you don’t consume much. Es geht doch prinzipiell darum keine zukünftige Zeit mehr zu konsumieren, sondern zukünftige Zeit zu produzieren.

1 Like

Es ist doch egal, ob das Glas halb voll ist, oder halb leer. Okay, sagen wir, das Glas ist halb voll. Aber es ist halb voll mit Gift. Mit dieser Situation sehen wir uns momentan konfrontiert. Vielleicht hilft das Beispiel um den Kontext ganzheitlich zu erfassen.

1 Like

Das Beispiel ist gut. Ich sehe aber nicht ganz so schwarz :wink: