Copenhagen Suborbitals: So wollen ein paar Dänen den Weltraum erobern

Was einige Unternehmen mit Millionen- und Milliardeninvestitionen versuchen, will ein kleines Team aus Dänemark mit Spenden und Freizeitarbeit bewältigen. Copenhagen Suborbitals möchte eine Rakete samt Kapsel bauen, um einen Menschen ins All und danach wieder wohlbehalten zur Erde zu bringen. Die ersten Kandidaten für den Ritt stehen schon bereit.

Von Michael Förtsch

Die Halbinsel Refshaleøen liegt im westlichen Hafenteil von Kopenhagen, der dänischen Hauptstadt. Dort wurden einst die Schiffe der Großwerft Burmeister & Wain vom Stapel gelassen. Über 150 Jahre hatte das Traditionsunternehmen zunächst Handelsschiffe, dann Tanker und riesige Frachter produziert. Bis Burmeister & Wain im Jahre 1996 nach finanziellen Engpässen und einer Aufspaltung des Unternehmens aufgeben musste. Heute werden in den blechernen Büro- und Lageranlagen auf dem früheren Werftgelände dröhnende Heavy-Metal-Konzerte wie Copenhell veranstaltet, experimentelle Edelrestaurants und hippe Kaffeeröstereien betrieben. Und dann werden dort auch noch Raketen gebaut. Denn im hinteren Teil einer grasgrünen Halle, in der einst die Hüllen von Schiffen lackiert wurden, liegt die Werkstatt von Copenhagen Suborbitals.

Auf 630 Quadratmetern schweißen, flexen und löten dort Ingenieure, Informatiker, Elektriker, Lehrer, Projektmanager, Webdesigner, Kindergärtner aber auch Bank- und Verwaltungsangestellte und zahlreiche weitere Menschen aus allen möglichen Berufs- und Gesellschaftsgruppen. Denn Copenhagen Suborbitals ist, anders als es der Name vermuten lässt, kein gut finanziertes New-Space-Start-up. Es ist das größte weil auch einzige Amateurweltraumprogramm der Welt. „Wir machen das alles in unserer Freizeit“, sagt Mads Stenfatt zu 1E9. Er arbeitet eigentlich als Finanzanalyst bei der Danske Bank, fungiert bei Copenhagen Suborbitals aber als Verantwortlicher für die Fallschirm- und Rückholsysteme. „Gerade arbeiten wir uns an unsere große Herausforderung heran. Wir wollen einen Menschen ins All bringen.“

Mord und das All

Gestartet wurde Copenhagen Suborbitals im Jahre 2008 – vom Architekten und einstigen NASA- und Mars-One-Berater Kristian von Bengtson sowie einem Ingenieur, dessen Person und Tun der Verein heute nur noch ungern kommentiert. Es handelte sich nämlich um Peter Madsen. Der war nicht nur Raketen-, sondern auch U-Boot-Enthusiast und hatte 2017 die Journalistin Kim Wall getötet, die über ihn und sein Selbstbau-U-Boot UC3 Nautilus berichten wollte. Zu dieser Zeit hatte er aber nichts mehr mit Copenhagen Suborbitals zu tun. Sowohl Kristian von Bengtson als auch Madsen hatten sich bereits 2014 vom Verein getrennt. „Natürlich hatten sie einen großen und langen Einfluss auf unser Projekt“, sagt Mads Stenfatt heute. „Aber was wir erreicht haben, davor und danach, waren auch unsere Erfolge, unsere Leistungen.“

Und das waren so einige. Das rund 50 Köpfe starke Team hat bereits mehrere Raketen und über 25 Raketenmotoren von Grund auf konzipierte, getestet und abgefeuert. Schon 2011 starteten sie die HEAT-1X, eine über neun Meter lange und über 1,6 Tonnen schwere Rakete. Sie hievte den Prototyp einer rudimentären Raumkapsel aus Blech, Kork und Plexiglas samt Test-Dummy in 2,8 Kilometer Höhe. Darauf folgten die Raketen Smaragd und Sapphire, die bereits über acht Kilometer hochschossen. Zuletzt starteten die Dänen am 4. August 2018 die Rakete Nexø 2, die 6,5 Kilometer hochstieg und anschließend nahezu intakt geborgen werden konnte.

Das sind beeindruckende Leistungen, für die die Dänen sowohl von Amateurkollegen als auch von Profis gefeiert werden. Bis zum Weltraum müssten sie aber noch ein ganzes Stück weiterkommen. Der beginnt bei der sogenannten Kármán-Linie in 100 Kilometern Höhe. Aber: „Unsere letzten Starts haben uns gezeigt, dass wir das schaffen können. Die Raketen waren Technologiedemonstratoren, wenn man so mag“, sagt Mads Stenfatt zuversichtlich. „Wir haben uns selbst bewiesen, dass wir alle Systeme selbst bauen können, die wir brauchen, um an die Grenze zum All zu kommen – und einen Menschen bis dorthin mitzunehmen.“

Die Stahlrakete Spica soll das All erreichen

Die Rakete, die den Dänen im Weltall zur Realität machen soll (der erste Däne wäre es jedoch nicht, das war Andreas Enevold Mogensen), soll die Spica werden. Mit 13 Metern Höhe, 95 Zentimetern Durchmesser und einem Gewicht von vier Tonnen wird sie die bis dato größte Amateurrakete sein. Der Bau hat bereits begonnen. Gefertigt wird die Spica zu weiten Teilen, wie auch Elon Musks Starship, aus Edelstahl, der mit einem selbstgebauten CNC-Plasmaschneider in Form gebracht wird. Als Treibstoff werden Ethanol und flüssiger Sauerstoff herhalten, die ein schwenkbares Triebwerk befeuern sollen, das die Hobbyraumfahrern seit 2016 zu perfektionieren versuchen.

Die erste Spica wird aber noch nicht in den Weltraum, sondern „lediglich 30 bis 40 Kilometer hochfliegen“ – und das ohne Mensch an Bord –, sagt Mads Stenfatt. Denn es soll zunächst festgestellt werden, ob sich die vergleichsweise große Rakete überhaupt sicher unter Kontrolle bringen lässt. „Aber wir sind sicher, dass das der Fall sein wird“, sagt Stenfatt. Denn bei den Subsystemen und Steuereinheiten wird es sich vielfach um verbesserte Fassungen aus den Nexon-Raketen handeln.

Dennoch wird der erste Start der Spica wohl erst um das Jahr 2021 stattfinden. Es geht momentan nämlich nur langsam voran. „Unsere Probleme sind nicht die Technik oder mangelnde Fähigkeiten“, sagt der Finanzanalyst Stenfatt. „Wir sind hingegen gerade in einem Kaufstopp. Wir stellen unsere Teile schneller her als wir Material nachkaufen können. Denn gerade haben wir kein Geld dafür.“ Als reines Hobbyprojekt hat Copenagen Suborbitals nämlich kein Konto mit üppigen Investorengeldern zur Verfügung, sondern ist auf regelmäßige Spenden von Fans und Förderern aus der ganzen Welt angewiesen.

Ohne Spendengelder geht es nicht

Das Budget der NASA für „Human Space Flight Operations“, „Launch Services“ und „Rocket Propulsion Tests“ für das Jahr 2020 beträgt zusammen 213,19 Millionen Euro. Wenn Copenagen Suborbitals seine derzeitigen Spender treu bleiben, haben die Dänen jährlich nur rund 96.000 Euro zur Verfügung – was angeblich weniger als 10 Prozent des NASA-Budgets für Kaffee entspricht. „Das Geld kommt von Menschen, die es gut finden, was wir machen, die sehen wollen, wie weit wir kommen“, sagt Stenfatt. „Wir haben damit viel Glück und sind echt dankbar.“ Um die 8.000 werden ihnen pro Monat durch regelmäßige und einmalige Spenden überwiesen.

Davon wollen dann aber nicht nur Materialien und Werkzeug (und, klar auch Kaffee), sondern auch die Mietkosten für die Werkstatt, Heizkosten und Strom bezahlt werden „Mit begrenzten Mitteln auszukommen, das ist ein Kern unseres Tuns. Was wichtig ist, ist daher, niemals aufzuhören, nachzudenken und zu improvisieren“, erklärt Stenfatt. Das Team versuche, wo „die großen Jungs“ ganz selbstverständlich exotische Materialien und High-Tech-Werkstoffe nutzen, einen deutlich günstigeren, einfacheren und damit manchmal sogar eleganteren Weg zu finden. Dabei seien das World Wide Web und Smartphones mit die größte Hilfe.

„Ohne das Internet wäre unsere Mission gar nicht denkbar“, sagt Stenfatt. „Denn nicht alles, was wir benutzen, kannst du einfach im Baumarkt um die Ecke kaufen oder selbst herstellen.“ Vieles davon lasse sich heute aber über größere, kleinere und manchmal sehr exotische Händlerwebsites, Kleinanzeigen oder auch Internetforen besorgen. Darunter war kürzlich ein Hochdrucktank, den das Team über Wochen gesucht und letztlich für nur 800 Euro in China gefunden hat. Andere Teile holen sie aus alten Smartphones, von Ersatzteilhändlern und Elektronikzuliefern. Darunter beispielsweise Beschleunigungssensoren, Gyroskope und GPS-Chips, die, wie Mads sagt, „in der Apollo-5-Rakete ganze Sektionen ausfüllten, aber heute in fast allen Telefonen stecken.“

Der bemannte Start der Spica ist in zehn Jahren geplant

Beim jetzigen Tempo, das hofft der dänische Raketenbauverein, könnte der bemannte Start in rund zehn Jahre bevorstehen. Bevor tatsächlich jemand auf die Reise geschickt wird, sollen mindestens zwei perfekte Probestarts mit der Spica-Rakete absolviert werden. „Wir müssen wirklich sicher sagen können, dass beim Start mit dem Astronauten alles safe ist und nichts schief gehen kann“, bestärkt der Raketenbauer und Fallschirmexperte. „Wenn wir davor noch ein paar Leute finden, die uns kräftig unterstützen, geht es vielleicht etwas schneller. Das wäre großartig.“

Selbst wenn die Dänen keine allzu große Eile haben, befinden sie sich dennoch in einem Wettrennen mit einem starken Kontrahenten. „Ja, das ist witzig: Wir sind mit unserem Hobbyprojekt der Anwärter auf den Titel um die vierte Nation, die einen Menschen ins All bringt. Und damit stehen wir in direkter Konkurrenz zu Indien“, lacht Stenfatt. Tatsächlich haben bislang nur Russland, die Vereinigten Staaten und China mit eigener Technik eigene und fremde Astronauten ins All gebracht. „Das ist schon ziemlich irre“, fährt Stenfatt fort. „Aber selbst wenn wir nur die fünfte Nationen werden, die das schafft, wäre das schon fantastisch. Ich denke, wir könnten auch dann noch ziemlich stolz auf uns sein.“

Wie der bemannte Start ablaufen würde, ist schon geplant. Genau wie bei vorherigen Abschüssen würde die Rakete von Kopenhagen zur 180 Kilometer entfernten Insel Bornholm verschifft. Dort befindet sich ein militärisches Übungsgelände, wo die Rakete bei Fehlern keinen großen Schaden anrichten kann. Der Astronaut oder die Astronautin würde nach dem Ankommen, die oben an der Rakete angebrachte Kapsel besteigen und müsste dann warten – lange warten. Denn gestartet wird von einer Plattform auf dem offenen Meer. Und dort muss die Rakete erst einmal hingeschleppt und dann das zeitliche Startfenster abgepasst werden – falls in der Zwischenzeit nichts schief geht.

Auch sonst wäre es für den potentiellen Raumfahrer nicht sonderlich gemütlich. Die Kapsel ist kleiner und enger als jene, die einst Juri Gagarin als ersten Mensch und Alan Shepard als ersten US-Astronauten ins All gebracht hatten. Wer auch immer hochfliegt, muss daher mit angewinkelten Beinen wie auf einem Besenstiel sitzen. Ansonsten, sagt der Raketenbastler, wäre der Trip von der körperlichen Belastung her aber „nicht anspruchsvoller als eine Fahrt in einer Achterbahn“.

„Wenn wir unseren großen grünen Knopf drücken, zündet die Rakete, dann beschleunigt sie für 60 bis 90 Sekunden“, schlüsselt Stenfatt auf. Anschließend würde sie „an die Atmosphäre stoßen“ und die Kapsel ausklinken. Für zwei bis fünf Minuten würde der Däne im Weltall die Schwerelosigkeit erleben. „Wenn alles so läuft, wie wir wollen, wird man aber vor allem einen großartigen Blick auf Dänemark haben“, hofft Stenfatt. „Das ist eigentlich der Grund, warum wir all das tun. Das wird spektakulär.“ Kurz darauf würde die Kapsel zur Erde zurückgezogen, fallen und letztlich mit einem Fallschirm im Meer landen, um aufgefischt zu werden.

Kandidaten stehen schon bereit

Wer der Däne im Weltraum werden soll, steht noch nicht fest. Aber Kandidaten gibt es durchaus schon. Nämlich Mads Stenfatt selbst, den Kindergärtner Carsten Olsen und dessen Tochter, die Biotechnologiestudentin Anna Olsen. „Wer den Flug aber nun macht, das muss noch entschieden werden. Wir wissen noch nicht einmal, wie wir es auslosen sollen“, meint Mads Stenfatt. „Doch bis es akut wird, ist es ja auch noch eine Weile hin und natürlich können noch weitere Kandidaten dazukommen. Wichtig ist nur, dass wir das machen und jemand vom Team da rauf kommt.“

Was nach dem bemannten Raumflug für Copenhagen Suborbitals anstehen könnte, ist noch nicht entschieden. Das Projekt damit einfach zu beenden stehe jedoch nicht im Raum. Denn das wäre ja „verdammt langweilig“. Aber auch die Idee, aus Copenhagen Suborbitals ein echtes Start-up zu machen, erscheint dem Team eher abwegig. „Wir wollen zeigen, dass man nicht auf das Geld von Regierungen angewiesen oder ein großes Unternehmen sein muss, um so etwas [wie einen Raumflug] zu erreichen“, sagt Mads Stenfatt. „Wir machen das, weil wir es wollen und toll finden, nicht um damit Geld zu verdienen.“

Reizend als nächster Schritt wäre jedoch für Mads Stenfatt selbst und einige weitere der Raketenbauer, „wenn wir irgendwann das Sub aus unseren Namen streichen und zu Copenhagen Orbitals werden könnten.“ Heißt: Es ginge dann darum, nicht nur einen Menschen ins All zu bringen, sondern ihn auch im Orbit komplett um die Erde fliegen zu lassen. Aber momentan liegt der Fokus ganz klar auf der Rakete Spica und dem ersten dänischen bemannten Raumflug. „Einen Menschen ins All und sicher zurück zu bringen, das ist für uns vorerst schwierig genug“, lacht Stenfatt. „Aber wir schaffen das. Es ist eigentlich nur eine Frage der Zeit … und des Geldes, bevor wir jemanden in den Weltraum schicken.“

Teaser-Bild: Sarunas Kazlauskas

Achtung: 1E9 soll die neue Community für Zukunftsoptimisten werden. Wir sind derzeit noch in der Closed Beta, aber du kannst dich hier auf die Warteliste setzen lassen. Dann melden wir uns schon bald!

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Die WARR (Wissenschaftliche Arbeitsgemeinschaft für Raketentechnik und Raumfahrt) als studentische Gruppe an der TU München hat über die vergangenen Jahrzehnte ähnliches erreicht. Auf deren Insta-Kanal wird seit kurzem peu à peu auch historisches Material neben aktuellen Tests und arbeiten geteilt:

Wirklich beeindruckend was Hobby- oder Studentengruppen schaffen können. Liegt wohl am Mindset und der Haltung mit der man solche Projekte angeht und der daraus resultierenden anderen Organisation, vielleicht?!

Spannend finde ich, dass aus der WARR nun auch Startups entstehen. Isar Aerospace hat somit eine ähnliche Geschichte wie ORBEX mit der Copenhagen Suborbitals Connection.

OroraTech aus München hat ebenfalls eine Verbindung zur WARR und TUM.

Bin gespannt was aus dem Hyperloop Projekt der WARR entstehen wird.

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Ja, das ist ein Thema, das ich auch noch auf meiner Liste habe , )

Und Isar Aerospace hatte ich bei WIRED auch schon einmal groß aufgearbeitet.

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Dann musst du unbedingt auch die @Space_BY Truppe auf 1E9 kennenlernen, interviewen und was dazu schreiben :slight_smile:

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Ich bin immer wieder beeindruckt, mit was für pragmatischen Lösungen die Dänen ankommen:
Sensoren aus Smartphones, Kindergärtner als Astronaut, Raumkapsel aus Blech, Kork und Plexiglas, etc.
Die Raumfahrt hat eine lange Entwicklung hinter sich und solch frische Gesichter und Ideen zu sehen ist wunderbar (und auf jeden Fall eine Bereicherung).

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Ja, vollkommen! Und vor allem zeigen die Dänen, das man die Fähigkeiten und Profession eines Menschen nicht an seinem Hauptberuf ablesen kann. Denn nur weil das Team aus Bankern, Kindergärtnern und Webdesignern besteht, heißt das nicht, dass sie keine Raketenprofis wären.

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Man würde den – überwiegend männlichen – Akteuren in diesem Sektor etwas mehr Selbstreflektion wünschen. Der notorische Tunnelblick der Ingenieure (erlaubt ist, was geht) hat die Erde an eine gefährliche Grenze gebracht.

Dasselbe gilt für Siedlungen wie z.B. diese:

Das große Thema, vor dem wir aktuell stehen, ist auch einmal die Option des Verzichts wahrzunehmen…
Die aktuelle Ringvorlesung an der LMU München macht da Hoffnung…

https://www.uni-muenchen.de/studium/studienangebot/lehrangebote/ringvorlesung/rv_19_20/index.html

In ihrem Vortrag am 3. Dezember 2019 hat Prof. Dr. Henrike Rau – LMU erwähnt, dass in der Sozialwissenschaftlichen Forschung die Unsichtbarkeit des Nicht-Konsumierens (wird im statistischen Erhebungen nicht abgefragt und wir somit nicht sichtbar) dazu geführt hat, das es gänzlich ignoriert wurde als kollektive Strömung. Dies führt dazu, dass verfehlte Bedarfsprognosen Umweltsünden legitimieren.

Ich fände es gut, wenn auch in dieser Gruppe erhoben würde, auf was man zu verzichten bereit wäre um ein nachhaltiges Leben auf der Erde zu ermöglichen.

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Magst du deinen Gedanken vielleicht noch etwas weiter auszuformulieren? Denn so ganz mag sich mir dein gedanklicher Brückenschlag von Copenhagen Suborbitals hin zum Rüstungswettlauf im All und (ich denke) Fracking in Fort McMurray nicht so ganz erschließen.

Mir würde es auch derzeit auch schwer fallen, den Mannen und Damen von CopSub einen Tunnelblick zu unterstellen.

Dennoch: Natürlich sollte nicht alles gemacht werden, was gemacht werden kann. Insbesondere, was Gewinnung von fossilen Energien, Rüstung aber auch Raumfahrt angeht.

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Der Weltraum ist aktuell im Grunde ein rechtsfreier Raum. Bislang waren die Akteure überschaubar.
Mit der „Demokratisierung des Weltraums“ laufen wir wieder Gefahr eine „Tragödie des Allgemeinguts“ (William Forster Llyod) hervorzurufen – so wie bei der hemmungslosen Umweltzerstörung z.B. aufgrund eines vollkommen überzogenen Mobilitätswahns. Bei der Tragödie des Allgemeinguts geht es darum, dass der Vorteil von Einzelnen im Widerspruch zum langfristigen Ziel der ganzen Gesellschaft steht.

Zum ersten Mal in der Erdgeschichte sind die Menschen in der Lage, eine Schwarmintelligenz zu entwickeln. Es ist davon auszugehen, dass die Vernetzung von ca. 7 Milliarden Gehirnen es schaffen könnte, eine weitere Tragödie des Allgemeinguts zu verhindern. Bei der Schwarmintelligenz allerdings kommt es auf die Selbstreflektion eines jeden einzelnen Individuums an, das seinen Platz und seine Möglichkeiten in Bezug auf die Interessen des Gesamtkollektivs genau wahrnehmen kann.
(Stichwort: Fermi Paradoxon
https://youtu.be/uoISn18qP_E)

Ein erster Einstieg, um belastbare Daten für den tatsächlichen Ressourcenbedarf zu erlangen, wäre zum Beispiel die Quantifizierung des Verzichtspotentials.
Wie viel wäre den Menschen eine neue Metaerzählung (Schutz der Erde) wert?

Hier noch ein Beispiel von unreflektierten „Männerfantasien“. Wofür brauchen wir so etwas? Für den dritten Weltkrieg?

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Nun, ein rechtsfreier Raum ist der Weltraum nicht gerade. Es gibt ein Weltraumgesetz und andere internationale Abkommen und dann nochmal nationale Regelungen, was geht und was nicht. Aber ich weiß, was du meinst.

Natürlich hat die Demokratisierung des Weltraums klare Schattenseiten. Unter anderem, weil nicht absehbar ist, welche Folgen beispielsweise Megakonstellationen wie das Starlink von SpaceX oder OneWeb haben könnten. Allerdings ist die Frage, in wieweit sich die These zur Tragödie des Allgemeinguts sonst auf den Weltraum anwenden lässt. Wenn wir etwa über die Besiedlung des Mars, die Erforschung des Titan oder internationale „Dörfer“ auf dem Mond reden.

Das wäre tatsächlich eine größere Debatte wert.

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Gegen internationale Kooperationen (z.B. Mondbasis, Titan, Mars, schon jetzt ISS) im Weltraum ist sicherlich nichts einzuwenden. Die Kräfte sollten halt smart gebündelt werden.
Aber gegen den Weltraum als Wirtschaftsterrain (Kräfte des freien Marktes) oder Muskelspiele wie gegenseitiges Satellitenabschießen bin ich definitiv. Diejenigen, die ohne das nicht auskommen können, wären in einem Simulator mit Joystick besser aufgehoben…

Freut mich, dass du das Thema interessant findest! :+1:

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Die Ozeane werden ökonomisch in Zukunft extrem interessant. Daher wundert es nicht, dass hier Interessen auch mit Muskeldemonstration und -aufbau kenntlich gemacht werden.

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Ja, es ist ein Problem

:+1:

Und nicht nur dort selbst bei Zielgruppenanalysen etc. werden dann nur Konkurrenten verglichen. Tatsächlich wäre es interessant dann die Gruppe, derer die es nicht interessiert oder die darin einfach keinen Bedarf sehen gegenüberzustellen, dann relativieren sich schnell ein Geschäftsmodell, eine Kampagne, eine Strategie…

Umfragen dazu werden über SocialMedia gemacht, man sollte eigentlich zusehen können wie sich alles in Rekursionsprozessen totläuft. (Aber vielleicht zu lang für einen schnellen Wandel, Klima z.B.)

Aber letztendlich kann ich dem nur positives Abgewinnen, wenn eine Gruppe Individuen ohne staatlichem oder wirtschaftlichem Auftrag der Herausforderung stellen, einen bemannten Weltraumflug durchzuführen. Die Macht der Community und die Macht der Vision! Wer Visionen hat sollte zum Arzt gehen, hat Helmut Schmidt gesagt. Aber warum nicht machen? Davon lebt und blüht das Nicht-kommerzielle Internet.

Nur am Beispiel der MPCNC, einer selbst-druckbaren CNC-Fräse, geplant von einem Briten, optimiert überall auf der Welt. Letztes Upgrade war die Optimierung der Steuerung mit einem selbstdesignten Board zum selbstlöten. Alles organisiert von einer Facebook-Gruppe(!).

Also: Wer keine Visionen hat, sollte zum Arzt gehen! :wink:

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Kannst du bitte näher erläutern, was diese Interessen sein werden? Bodenschätze etwa?

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Ich habe überhaupt nichts gegen Visionen, im Gegenteil! Aber die Visionäre sollten so viel Selbstreflektion aufbringen, dass sie vom Ende her denken:
Quidquid agis, prudenter agas, et respice finem.

Hier ist ein wunderbares Beispiel dafür:
https://www.wunschliste.de/serie/das-geheimnis-der-verlorenen-atombomben/episoden

Das einzige „Ende“ das ich akzeptieren kann, ist das durchqueren des Nadelöhrs (Fermi Paradoxon).

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Also ich glaube bei dem Budget ist der Optimierungs- und Wiederverwertungseffekt größer als jegwelche Zerstörung dadurch. Natürlich hat es erstmal keinen Sinn, warum Dänen eine Rakete ins All schießen. Es ist aber ein Zeichen. Im übertragenen Sinne vielleicht: Monopolisten zu zeigen, wir sind nicht einverstanden mit dem, was ihr macht und dem Angebot und der Leistung, die ihr bietet - wir machen es selbst. Und dazu Open Source und für jeden individuell anpassbar. Und dass sich zunehmend Non-Professionals mit solchen Themen auseinandersetzen kann nur eine positive Auswirkung auf die Gesellschaft haben. Dadurch entsteht Neues auf Basis von neuen Idealen. Überhaupt nicht vergleichbar mit aktuellen Machtansprüchen vermeintlicher Großmächte.

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Zum Einen steigt der Meeresspiegel durch die globale Erwärmung und es wird zu massiver Re-Location von Menschen kommen, die heute in Küstennähe leben. Mit dem Nach Norden und Süden wachsen der Trockengebiete, und dem „wenigen“ Platz in nördlichen Regionen wird es denke ich dazu kommen, dass man sich mit Wasser mehr arrangiert. Wenn man sich die Utopien / oder Dystopien der Valley Milliardäre anschaut (und nicht nur deren), dann erkennt man einen Trend hin zum Leben in schwimmenden Städten. Klimatisch sicherlich angenehm in Zukunft.
Hab hier auf 1E9 sogar einen Artikel dazu gefunden: Schwimmende Städte: Wie leben wir in Zukunft auf dem Wasser?

Was aber darüberhinaus zunehmend passiert ist in der Tat Abbau von Rohstoffen am Meeresboden und das Vordringen in neue Tiefen. Der Planet Erde besteht zu 2/3 aus Wasser! und den größten Teil davon kennen wir gar nicht. Ressourcenaufteilung und Marktzugang sind heute DER Treiber in der Geopolitik. Ein netter Artikel zu Deep Sea Mining findet sich zB hier: https://www.theneweconomy.com/energy/deep-sea-mining-could-provide-access-to-a-wealth-of-valuable-minerals

Selbst der Guardian hat zur „New Industrial Frontier“ kürzlich was geschrieben: https://www.theguardian.com/environment/2019/jul/03/deep-sea-mining-to-turn-oceans-into-new-industrial-frontier

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Danke für deine Zusammenstellung!
Sehr aufschlussreich!

Ich würde mir wünschen, dass diese Akteure keine „verbrannte Erde“ im Meer hinterlassen – wie so oft, wenn nur das Gelingen der eigenen Wertschöpfung im Vordergrund steht.

Ein vielversprechender Zweig dürften auch die Offshore Windparks sein (siehe die Liste auf Wikipedia https://de.m.wikipedia.org/wiki/Liste_der_Offshore-Windparks#Schwimmende_Windkraftanlagen).

Der Meeresboden Liebe dabei unangetastet. Allerdings stellt sich mir irgendwie die Frage, wie die Energie dann an Land transportiert werden soll, z.B. nach Deutschland.

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