Was würde PornHub tun? Szenarien für die Stadt der Zukunft


Sollten wir unsere Städte nach dem Vorbild der großen Online-Pornografie-Portale führen? Oder der Billigflieger? Oder der Internetgiganten? Das Buch „How to Run a City like Amazon and other Fables“ erkundet, was das in der Praxis bedeuten würde. Gerade die Porno-Industrie könnte ein guter Ratgeber sein.

Von Sebastian Eisner

„Manchmal wandern verlorene Reisende auf endlosen Umwegen durch die riesigen extraterritorialen Gebiete unbenannter Straßen, unbeleuchteter Gassen und weitläufiger Schwarzmärkte. Sie werden nicht das finden, wonach Sie gesucht haben, aber immer etwas, das sie zum Bleiben einlädt. Es gibt Gerüchte über Ausbeutung und Gewalt. Jedoch wird das von den Bürgern und Verwaltern normalerweise ignoriert. Meist sind es ja die Besucher selbst, die vergebens darauf beharren entkleidet zu werden. Stattdessen werden ihnen dann zweifelhafte Mittel zur Körperverbesserung oder Dutzende heißer Singles in ihrer Umgebung angeboten. Seltsamerweise scheint hier niemand jünger als 18 Jahre alt zu sein. Und selbst der Müllmann fordert dazu auf, doch Premium-Bürger zu werden um seine Dienste zu nutzen…“

So oder so ähnlich könnte das Szenario eines fiktiven urbanen Raums aussehen, der von einem Unternehmen aus der Online-Pornografie-Branche betrieben wird.

Auf dem Zündfunk-Netzkongress 2019 bin ich auf das Buchprojekt „How to run a City like Amazon and other Fables“ aufmerksam gemacht worden, das genau solche Szenarien untersucht. Autorinnen und Autoren schreiben Geschichten aus der Corporate Future und fragen: Wie könnte die Gesellschaft von morgen aussehen, wenn beispielsweise die Geschäftspraktiken von Amazon, Twitter oder PornHub als Standards für das soziale Leben in einer Stadt Anwendung fänden?

Ein interessantes Gedankenexperiment.

Anstoß dafür gab das Buch „A New City OS“ von Steven Goldsmith und Neil Kleiman, in dem sie behaupten, dass Städte mehr wie Unternehmen handeln sollten, um ihren Bürgern durch Effizienz, Datensammlung und Privatisierung besseren Service zu liefern. Dass unsere Stadt ein bisschen mehr wie PornHub werden sollte, ist dazu ein Statement, das wahrscheinlich kein Bürgermeister jemals verkünden würde. Aber wer will eigentlich nicht in einer Stadt leben, die sich an die eigenen Bedürfnisse anpasst und schnell und effizient Probleme löst?

In der Amazon-Stadt werden Bürger zu Kunden

Mit zunehmender Lektüre kommt man schnell zu dem Schluss, dass sich durch eine zunehmende Privatisierung auch zunehmend die Rolle der Bürgerinnen und Bürger von der Rolle von Menschen mit Rechten gegenüber der Stadt zur Rolle von Kundinnen und Kunden hin wandelt, die bestimmten Anspruch auf Services haben oder nicht.

Die Frage wäre dann eher, wie sehr eine Stadt WIE ein Unternehmen geführt werden sollte und wie sehr VON einem Unternehmen. Im ersten Fall, verlagern sich die Handlungsorientierung einer Stadtverwaltung von einer Bürokratie, die in demokratischen Entscheidungen den Bürgern und dem Gemeinwohl dienen soll, hin zu einer technokratischen Verwaltung, die Geschäftsmodelle und -praktiken von Unternehmen übernimmt. Technokratien entscheiden nicht demokratisch, sondern setzen dem Bürger eine durch Expertise legitimierte Entscheidung vor. Wenn eine Stadt von einem Unternehmen gelenkt wird, werden Dienstleistungen und wesentliche Infrastrukturen zusätzlich nicht mehr von öffentlichen Institutionen bereitgestellt, sondern von privaten Gesellschaften zu deren Konditionen übernommen.

Die Herausgeber des How-to-Run-a-City-Buchs geben bewusst keine Empfehlung ab, ob sie die These von Goldsmith und Kleiman in „A New City O/S“ unterstützen. Sie verweisen allerdings darauf, dass Infrastruktur, im Idealfall, frei von Gewinnorientierung und disruptiven Innovationen verwaltet werden sollte. Dennoch sollte jeder die Geschichten und Essays vorrangig dazu nutzen, um die Frage, wieviel Einfluss wir Unternehmen und ihren Geschäftspraktiken zur Lenkung des städtischen Gefüges geben wollen, für sich selbst zu beantworten.

Ein Großteil der behandelten Szenarien wird von einem dystopischen Hintergrunderauschen begleitet. Die Szenarien bilden dabei neben allgemeinen und bekannten Entwicklungstendenzen, auch vergangene und mögliche zukünftige Entwicklungen ab.

easyJet

Zum Beispiel berichtet der Text zu EasyJet über die Wohnsituation in den meisten Großstädten dieser Welt, in denen sich junge Paare fragen müssen, wo finden wir noch unseren Platz in der urbanen Community. EasyCity scheint die Antwort zu haben und bietet günstigen Wohnraum und EasyLifestyle zu einem erschwinglichen Basis-Tarif an. EasyBedroom ist der Verkaufsrenner: stilvolles Appartment in Betonoptik gehalten. Allerdings nach dem Motto no frills, no thrills muss man sich durch eine Liste von Zusatzoptionen kämpfen: Eine Küche ist nur gegen einen monatlichen Mietaufschlag inbegriffen. Genauso wie Teppichboden oder Jalousien, mit Fenster in den Innenhof oder ohne. Die Optionen schlagen mehr oder weniger hoch zu Buche, allerdings gibt es die EasyHangers, Haken um etwas an der Wand zu befestigen, schon ab zwei Pfund pro Monat. Die Interessenten müssen sich nach der Abwägung über alle Optionen nur fragen, wo wohnen wir eigentlich? Denn der neue Stadtteil scheint weit ab von städtischem Leben, aber bestens angebunden an einen weit in der Peripherie liegenden Kleinflughafen.

Starbucks

Eine ähnlich überflüssig scheinende Entscheidungsflut begegnet einem im Text zu Starbucks, wo man zwar über die CityHub App direkten Zugang zu den städtischen Services hat. Die Serviceanfragen werden auch umgehend bearbeitet, allerdings nur per handgeschriebem Namensschild mit Vornamen vermerkt. Da kann es schon einmal vorkommen, dass Anfragen vertauscht werden und man anstatt dem gewünschten Platz in einer öffentlichen Schule für die jüngste Tochter, mit Option für Tanzstunden und in der näheren Umgebung, den Platz in einem streng disziplinierenden Internat, den Colonel Sanders für seinen Sohn ausgewählt hat, zugewiesen bekommt.

Deliveroo

Die Masse an Zusatzleistungen und Zusatzkosten, die einem bei Starbucks oder EasyJet angeboten werden, bekommt man bei Deliveroo nicht. Dort ist das Schlüsselwort Synchronisation. Nachdem Deliveroo sein erstes Kitchen-Box-Fulfilment-Centre auf dem Platz eines früheren Wochenmarktes errichtet und zunehmend mehrere Restaurants in der Stadt übernommen hat, gibt es in der Stadt nur noch eine spärliche Auswahl an Lebensmittelgeschäften. Diese sind auch eher warehouses und für die Lieferdienste gedacht. Der Bürger hat also keine Wahl mehr, als die Konditionen von Deliveroo zu akzeptieren. Der wichtigste Punkt der Geschäftsbedingungen des immer größere Ausmaße annehmenden Essensliefersystems heißt, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein. Das System dreht die Standards um, und nicht der Kunde entscheidet, wann er sich etwas liefern lassen möchte. Sondern der Lieferdienst entscheidet, wann der Kunde zu Hause sein muss um seine Bestellung zu empfangen. Bei Nicht-Sychronität, sprich wenn der Lieferdienst niemanden antrifft, behält er sich auch vor zu entscheiden, was man isst. In diesem Fall eine Woche lang: Refried beans, taco, refried beans, taco. Taco, refried beans…

Twitter

Weniger absurd humoresk geht der Text zu Twitter mit dem Thema um. Twitter hat Mitte der 00er-Jahre als Start-up im Bereich Soziale Medien begonnen und rasch expandiert. Video-Streaming und Live-Events kamen in den 10er-Jahren hinzu. Und 2020 hat Twitter seine eigene Währung herausgegegeben: den Follow. Der Follow wurde auch in kürzester Zeit zum ersten und einzigen Zahlungsmittel für städtische Services. Generell können dadurch Unternehmen ihre personalisierten Werbekampagnen in der Stadt in Follows bezahlen und Bürger als Zusatzeinkommen, durch den Verkauf ihrer Aufmerksamkeit, Follows erhalten. Diese Follows sind dann beispielsweise das einzig akzeptierte Zahlungsmittel für U-Bahn-Tickets oder um die Gasrechnung zu begleichen. Die Höhe der Auszahlung an die Bürger hängt ab von den Shares, die man durch Selbstvermarktung erreicht. Bekannte Persönlichkeiten und Influencer können an einem Exchange-Programm teilnehmen und Follows in Pfund tauschen oder andersherum. Für Bürger ist dies jedoch nicht mögliche. Für sie ist es unerlässlich sich selbst, beispielsweise per digitalem e-ink shirt als Werbefläche für shortbread, zu vermarkten, um letztendlich Zugang zu städtischen Services zu erhalten.

Google Adwords

Zugang zu einer Sprache haben die meisten Menschen. Bei Google Adwords wird der Ausverkauf der Sprache thematisiert. Der Text ist teilweise als Tagebucheintrag verfasst: Der letzte Penny wird aus den Wörtern gepresst, indem sie zum Auktionsobjekt werden, jedesmal, wenn wir eine Internetsuche starten. Google kontrolliert 2020 80 Prozent der Internetzugänge und sieht seine Expansionsmöglichkeiten im physischen Raum. Jedes gesprochene Wort wird monetarisiert. Auf diesem System sogar ganze Städte errichtet. Bis 2041 die globale linguistische Katastrophe hereinbricht und eine Kommunikation mit Worten nicht mehr möglich scheint.

Ikea

Ganz so radikal wie das vorhergehende Szenario wird die Analyse zu Ikea nicht. Ikea wirbt ja mit dem Motto 'To create a better everyday life for the many people’. Die meisten Smart-Cities könnten danach errichtet werden. Allerdings kann Ikea auch synonym mit prosumption und Quantität zu billigen Preisen verstanden werden. Der Text kreiert dafür den Begriff flat-pack-urbanism und setzt sich auf der einen Seite mit dem positiven Gefühl auseinander, das diejenigen empfinden, die die praktischen Selbstorganisations- und Selbstbauaufgaben in einem städtischen Kontext erfüllen. Auf der anderen Seite kritisiert er die unersättliche Gier nach niedrigen Preisen. Niedrige Preise haben die Menschen von Qualität, Haltbarkeit und Handwerkskunst weg hin zu Quantität und viel zu viel Müll getrieben. Der Text empfiehlt eine circular economy für jegliche urbane Anwendung.

Tesla

Auch der Text zu Tesla gibt eine Empfehlung ab: you can always add another tunnel level deeper. Der Text bezieht sich auf eine Aussage von Elon Musk, in der er seine Abneigung gegenüber dem öffentlichen Nahverkehr kundtut, Public transit sucks. Ein von Musk vorgeschlagenes 3D-Tunnelsystem als Lösung für den städtischen Individualverkehr wird auf Nutzbarkeit und Nachhaltigkeit untersucht, kommt aber schnell zu einem Ende. Jevons Paradox besagt, dass technischer Fortschritt, der die effizientere Nutzung eines Rohstoffes erlaubt, letztlich zu einer erhöhten Nutzung dieses Rohstoffes führt, anstatt sie zu senken. Dasselbe gilt für die Erhöhung der Verkehrskapazitäten für eine Stadt.

Alle Geschichten, ob fiktiv oder wissenschaftlich durchleuchtet, zeigen durchaus mögliche Szenarien für eine zukünftige Stadt oder Gesellschaft auf dem aktuellen Stand neuer Technologien auf. Einige davon habe ich versucht kurz zusammenzufassen, die anderen kann man in einer kostenfreien Veröffentlichung als .pdf selbst nachlesen.

Porno war schon immer Zukunft

Auch ich würde mir jetzt kein Urteil erlauben, ob eine Stadt von oder wie ein Unternehmen geführt werden sollte. Die Pointen der Geschichten sind teilweise erwartbar, teilweise erfrischend absurd. Dennoch möchte ich eine Branche im nachhinein genauer beleuchten. Es lohnt sich also noch einmal näher auf den Text zu Pornhub und auf die Pornoindustrie im Allgemeinen zu blicken. Online-Pornografie im frühen Internet wurde größtenteils als unsicheres Terrain angesehen, ob das nun gerechtfertigt war oder nicht. Es führte zu neuen sozialen Praktiken, neuen ethischen Dilemmata und neuen Arten von Verbrechen.

Dietmar Offenhuber von der privaten Northeastern University in Boston, einer der Autoren des Buches, legt in seinem Text jedoch auch eine ganze Reihe von Innovation dar, die zuerst in diesem anarchischen, digitalen Porno-Dschungel aufgenommen wurden und erst dadurch die nötige Entwicklung zur massentauglichen Anwendung erfahren haben: Angefangen bei Dial-Up-Bulletin-Board-Systemen, kurz: BBS, die schon in den 1970er Jahren – also lange vor dem Durchbruch des World Wide Web – einen ersten Platz für den Online-Austausch von pornografischem Material boten, wurde auch schon in den frühen 1990ern – also lange vor YouTube – der weltweit erste Video-Streaming-Dienst gestartet. Die niederländische Online-Plattform Red-Light-District war dafür verantwortlich.

Während des ersten Dotcom-Booms Anfang der 2000er Jahre und während viele Internet-Start-ups noch damit beschäftigt waren, funktionierende Geschäftsmodelle zu suchen, nutzte die Online-Sexindustrie bereits robuste und profitable Online-Zahlungssysteme und Pay-Per-Click-Systeme, kurz: PPC. Mit dem ehemals als Adwords bekannten Pay-Per-Click-System hat Google bis heute seine Haupteinnahmequelle. Als das Internet schließlich mit der Entwicklung zum Web 2.0 den Benutzer als primären Produzenten und Konsumenten – als Prosumenten – von Inhalten feierte, war die Online-Amateurpornografie längst fest etabliert. Der Prozess, dass Porno dem Rest des Internets voraus ist, dauert bis heute an.

Seit Ende der neunziger Jahre zeigt die Online-Sexindustrie ein großes Interesse an virtuellen Realitäten. Trotz seiner simplen Grafik wurde Second Life schnell von Anbietern pornografischer Inhalte überrannt. Und während in anderen Entertainment-Bereichen gerade vergebens Anwendungen für VR- und AR-Brillen gesucht werden, erleben 360-Grad-Stereo-Videoumgebungen in der Sexindustrie einen Boom. Selbst Kryptowährungen wurden in der Pornobranche früh akzeptiert. Und Ende 2017 eröffneten die ersten Roboterbordelle in Barcelona, Amsterdam und Paris. Deepfakes haben gerade Hochkonjunktur.

Städte brauchen Anarchie, Unordnung und (ein bisschen) Gefahr

Es ist schwer zu sagen, inwieweit die Sexindustrie neue Technologien erfunden hat, aber sicher ist, sie war schnell darin, sie sich anzueignen.

Die Unsicherheit und Zwielichtigkeit im Umfeld der Online-Pornografie können außerdem die Möglichkeit bieten, neue soziale Praktiken zu erproben, wie sie umgekehrt auch zu neuen Arten von Verbrechen führten. Dietmar Offenhuber spricht von der Schaffung einer gesunden Paranoia, die auch für die Teile des Internets geeignet ist, die als arbeitssicher (safe for work) gelten.

Was hat das alles mit Städten, gesellschaftlichen Entwicklungen und neuen Technologien zu tun?

Es ist das Übermaß an Ordnung, wie der angesehene Sozialkritiker Richard Sennett in seinem Buch „The Uses of Disorder“ anmerkt, welches eine Gesellschaft hemmen kann. Er argumentiert, dass ein zu hohes Ideal von Ordnung, Verhaltensmuster unter den städtischen Mittelschichten erzeugt, die lähmend, eng und gewaltanfällig sind. Und er schlägt eine Stadt vor, die ihren Menschen auch Anarchie, Unordnung und geringfügig gefährliche Orte bietet. So wie es Online-Pornografie schon heute tut.

Dietmar Offenhuber sieht darin ein Prinzip, das er mit einer aktiven Impfung vergleicht. Und schließt daraus, dass erfolgreiches Lernen, Entwickeln und Anwenden, gefährliche Räume und die Exposition gegenüber riskanten Ideen erfordert. Ähnlich der Schattenwelt, in der die Pornoindustrie ihre erfolgreichen Adaptionen und Entwicklungen neuer Technologien durchläuft und vorantreibt. „Skin in the Game“ ist Offenhubers Begriff dafür. Städte, Gesellschaften sowie Unternehmen mit Appetit auf kreative Störungen sind nicht schlecht beraten, sich die Online-Sexindustrie genauer anzusehen und sich die Frage zu stellen: "What would PornHub do?“

Gerade leben die meisten von uns ja in ungewohnter Unordnung in einem anarchischen Raum, den wir zu Hause nennen. Was sind also die Entwicklungen für euch, die Gesellschaft, Stadt und neue Technologien die ihr erkennt?

Titelbild aus der Reihe: Night Project von Marilyn Mugot

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In diesen Zeiten, in denen ein Teil der gewohnten Freiheit beschränkt wird und wir in unseren 4 Wänden mit den Menschen des eigenen Haushalts und/oder und mit uns selbst mehr zu tun haben denn je:

Wie wäre es der humanistischen Philosophie ein neues Kapitel hinzuzufügen?
Wie wäre es wenn wir mit dem inspirierenden Anstoß von @unulaunu z.B. überlegen würden: „How to run a city like Erich Fromm?“
Wie würde dieses Kapitel aussehen, wenn man, frei nach Fromm, die Liebe zur Motivation und zum Funktionsprinzip für menschliches Handeln auserwählen würde?

Kein infantil-romantisches Märchen, sondern eine ernsthafte ethische Reflexion zur Stadt der Zukunft. Die Freiheit das zu denken hätten wir.

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Ich finde die Idee von ein bisschen Anarchie in der Gesellschaft ganz gut. Das schafft kreative Freiräume, in denen Menschen ganz neue Ideen und Ansätze entwickeln können die dann vielleicht der Gesellschaft zu Gute kommen. Momentan scheint mir ja genau das Gegenteil zu laufen. Der digitale Terminkalender ist durchgetaktet und zeigt uns an, wo wir uns noch weiter Selbstoptimieren müssen! Im Endeffekt spiegelt sich das ja in den im Artikel gezeigten Beispielen, easyJet etc., wieder. Und das die Marktwirtschaft bzw der Effizienzgedanke eben nicht der Allheilsbringer ist zeigt sich ja in der aktuellen Krise, in der ein in „Normalzeiten“ optimiertes Gesundheitssystem schnell an seine Grenzen kommt. Das bisschen gesparte Geld kostet uns jetzt sozusagen Menschenleben. Das klein wenig Anarchie löst diese Probleme nicht, schafft aber Zeit zum Nachdenken, vielleicht um sich man anzuschauen und welchen Umständen das Fleisch produziert wurde, dass ich mir gerade billig beim Discounter gekauft habe. Und ob es Sinn macht dass plötzlich von Ernteausfällen geredet wird, weil die Osteuropäer nicht einreisen dürfen, die das ganze für nen Appel und ein Ei machen. Der oben genannte Frommsche Ansatz könnte eine Möglichkeit sein Dinge neu zu betrachten. Auch wenn ich mich mit Fromm nicht auskenne. Aber ich denke wir sollten zumindest mal anfangen die Menschen wertzuschätzen (auch monetär), die sich in der Krise plötzlich aus systemrelevant herausstellen, z.B. die Kassierer. Aber ich befürchte die marktwirtschaftliche Lösung wird sich durchsetzen: die Kassierer werden vollständig Maschinen ersetzt. Geringere Infektionsgefahr für alle, ne!

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Ich pflichte bei, Anarchie eröffnet Raum für Neues! Und ich sage trotzig: „Regeln sind für die, die welche brauchen.“

Doch da ich in der erwähnten Marktwirtschaft lebe (mangels adäquater Alternativen), kann ich nicht umhin mich wohl mit den Regeln des Marktes herumzuschlagen. Da ist es ja auch nur gut mal zu überlegen wie die Player auf dem Markt das eigentlich machen.
Aber wer bringt die Player in Position? Die Konsumenten – also wir alle – haben das letzte Wort. Wir müssen nicht „deren Regeln“ kopieren, sondern wir müssen die Regeln machen. Denn: wir können entscheiden das nicht ganz so günstige Gemüse zu kaufen anstatt das billige gequälte Tier. Und das Ganze bei einem echten Menschen im kleinen Laden, den wir weiter unterstützen, obwohl das Brot da teurer ist. Wenn wir die Corona Pause zum Nachdenken über systemrelevante Jobs, Discounter und so etwas wie (Nächsten)Liebe nutzen, könnte sie etwas bringen.

Kollektiver shift of thinking könnte zu kollektiven shift of acting führen. Angesichts zweier kulminierender globalen Krisen – die des Klimas und die der Gesundheit – ein drängender Gedanke. Das heisst wir können Post-Corona Humanisten werden und durch unser letztes Wort die Regeln der Stadt, der Gesellschaft und der Marktwirtschaft selbst bestimmen. Dann heisst das neue inspirierende Kapitel nicht: „Was würde PornHub oder Erich Fromm tun?“ Sondern: „Was würden wir tun?“

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Yeah, ein tolles Wort. Und ein sehr lohnenswertes Ziel, finde ich.

Bei der Antwort auf diese Frage könnten wir uns natürlich inspirieren lassen, mal von PornHub, mal von Erich Fromm, und so oft es geht, sollten wir daraus eigene, neue Ideen entwickeln. Einen Remix von Ideen hat das @CTTF hier genannt: So können wir die Ungewissheit möglicher Zukünfte ertragen und die Komplexität der Welt zelebrieren

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So können wir die Ungewissheit möglicher Zukünfte ertragen und die Komplexität der Welt zelebrieren

Oh ja, pluralistische Zukünfte! Wir sind dran einige davon zu machen.

Eine weitere positiv stimmende Anregung dafür und für eine „Wir-Gesellschaft“ in urbanen und technologisierten Räumen bietet auch Hanno Rauterberg: Wir sind die Stadt! Urbanes Leben in der Digitalmoderne.

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Vielen Dank für diesen phantastischen Input. Mir helfen solche plakativen Beispiele immer sehr, die Tragweite assoziativ zu erkennen.

Spannend, dass Du von den neoliberalen, für mich fast dystopischen Szenarien einer durch Unternehmen geführten Stadt=Welt hin zu Erich Fromm führst. Ich war so drin in dem Gedanken wie Unternehmen das machen würden, dass der Hinweis erfrischend ist. Ich denke auch direkt an Hartmut Rosa mit diesem Zitat, denn für mich schwingt da die Notwendigkeit der Flexibilität, ja der Leichtfüßigkeit mit. Wenn man das Unverfügbare akzeptiert heißt das nicht auch, dass man sich dann von einem starren, unternehmerisch-KPI-geführten Zielbild lösen darf?
„Unablässig versucht der moderne Mensch, die Welt in Reichweite zu bringen; sie ökonomisch verfügbar und technisch beherrschbar, wissenschaftlich erkennbar und politisch steuerbar und zugleich subjektiv erfahrbar zu machen. Daher droht sie uns aber stumm und fremd zu werden. Lebendigkeit entsteht aus der Akzeptanz des Unverfügbaren.“

Dazu passt dann auch diese Formulierung

PS: ich frage mich, woher Du diese Hintergründe zur Entwicklung (BBS und PPC) der Online-Sex-Industrie kanntest? :space_invader:

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Danke für den inspirierenden Artikel.
Wie die Stadt der Zukunft aussieht und was wir von anderen Industrien und Ländern abschauen können ist eine gute Frage, auch wenn die Beispiele natürlich bewusst überspitzt sind.

Individuellen Freiraum, ein Schuss Anarchie und ‚Weirdness‘ sind auf jeden Fall gut. Andererseits hat das Leben in der Stadt und Anarchie einen Preis, den man beispielsweise im Bereich Mobilität mit langen Reisezeiten / Staus und schlechter Luft bezahlt, wenn die Verwaltung nicht eingreift. Wo man einen fairen Preis für die Nutzung des öffentlichen Raums bezahlen muss, z.B. in London, Stockholm, Singapur erhöht sich Lebensqualität.

Wie immer geht es darum, die richtige Mischung zu finden. Und zu sehen wie privatwirtschaftliche Eco-Systeme organisiert sind kann auch einer Stadt gut tun.

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Wer kennt sie nicht? :wink: Man ist ja nicht verpflichtet pornografische Inhalte zu tauschen. Bulletin boards hab ich so tasächlich nicht miterlebt. Aber newsgroups und ftp’s waren mit meinem ersten Windows-Rechner noch aktiv.

Ja, das ist ein sehr guter Punkt. Das leitet für mich auch sehr gut von Fromms Analyse des Menschen als abstrakte Größe, hin zu der Enfremdung von sich selbst. Denn KPI’s sind ja nur ein Mittel, der Unverfügbarkeit Herr zu werden. Wenn man jetzt auch nach Fromm davon ausgeht, dass Liebe (oder @barbara.mutzbauer?) der KPI für die Ganzheit des Menschen und einen erfolgreichen Humanismus ist, dann ist Unverfügbarkeit ja ein erster Schritt. Unsere aktuelle und temporäre Unverfügbarkeit, meine ich, wirft jeden ein stückweit auf sich selbst zurück. Ablenkung kann, zwar online, aber sonst in vielen Fällen nur in Form des Einzelnen mit der Natur gesucht werden.

Wenn daraus keine New Humanity ensteht, oder @Wolfgang ?

Ja, die Beispiele sind überspitzt und natürlich die gefährlichen Räume auch. Es ist glaube ich einfach aus einem sehr geordneten System mit Anarchie zu romantisieren - vielleicht auch falsch. Aber wenn man sich diese Orte einfach als Orte mit einem Mangel an einem Übermaß an Ordnung vorstellt und dazu eine gewisse Unverfügbarkeit mischt, dann kann ich mir schon sehr viel positive Kreativität vorstellen. Aber es ist natürlich ein Kreislauf, bis sich etwas aus einer Nische zur Norm erhebt und etwas anderes ablöst. Vielleicht wäre ein gewisser Mut zur Unschärfe, was Ordnung angeht, richtiger?

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Oh schön! Hartmut Rosa zielt mit diesen Worten ja auf das Prinzip Resonanz ab, das er eine Art der Weltbeziehung favorisiert:
„Denn Resonanz als Inbegriff einer gelingenden Weltbeziehung setzt die Existenz von Unverfügbarem im Sinne eines Fremden und Unerreichbaren voraus.“ https://www.resonanz.wien/blog/hartmut-rosa-ueber-resonanz/

Um zu verstehen was er wirklich alles zum Resonanzprinzip zählt (quasi alles!) kann man sich sein 500 Seiten Werk mit selbigen Titel zu Gemüte führen. Oder es lassen und wie Du @sebastianhofer Zielbilder generell weniger statisch sehen. Für mich ist das die Offenheit zum Dialo, egal mit wem oder was. Und das heißt, dass man nicht bestimmen kann wie der andere Part reagiert. Unbestimmtheit ist ja letztendlich das was @unulaunu mit der PurnHub Analogie quasi ehrt. Das steht aber im Gegensatz zur Kontrolle, die auch scheinbar ein Aspekt menschlicher Natur ist. In Nietzsches „Wille zur Macht“ wird damit für mich ein relativ pessimistisches Weltbild gezeichnet.
Als Modell für den gelungene Einsatz von Unbestimmtheit und Unschärfe können die Künste und die Ästhetik dienen. Ist doch beispielsweise oftmals eine unscharfe Fotografie sehr viel interessanter für den Betrachter, als die pure Realität. Denn es bleibt Raum für die eigene Phantasie.

Ich denke man müsste sagen, dass Liebe nicht nur KPI als Messgröße ist, sondern sozusagen key itself! Liebe (und Fromm spricht von allen ihren Arten) ist nicht etwa im Gegensatz oder als Ergänzung zur Technik zu sehen, sondern kann uns als Schlüssel in eine neue Ära dienen. In Fromms wegweisenden und visionären Werk „Die Revolution der Hoffnung. Für eine humanisierte Technik“, das er 1968 angesichts des drohenden Atomkrieges schrieb, steht:

„Es [das Buch] beruht auf der Überzeugung, dass wir die notwendigen neuen Lösungen nicht durch Irrationalität und Hass, sondern mit Hilfe der Vernunft und einer leidenschaftlichen Liebe zum Leben finden können“.

Das key word also lautet Liebe, wenn es eine technologiebasierte New Humanity geben soll, finde ich.

Und Ihr?

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