Trotz Insolvenz: So will eine deutsche Firma den Mond erobern

Ein Berliner Unternehmen will auf den Mond. Es hat die Technik dafür. Es hat international einen guten Ruf. Nur eines hat es momentan nicht: das nötige Geld. Dennoch möchte das Start-up PT Scientists in spätestens zwei Jahren eine Landefähre samt Rover auf den Erdtrabanten bringen.

Von Michael Förtsch

Rückblickend war es eine unmögliche Herausforderung. Und zwar von Anfang an. Vor über zehn Jahren riefen Google und die X-Prize Foundation unter großem Beifall den Google Lunar X-Prize aus: einen Wettbewerb, in dem es darum ging, welches private Team als erstes eine erfolgreiche Mondlandung absolvieren und ein Mondfahrzeug – also einen Rover – auf dem Erdtrabanten umherfahren könnte. Über 30 Teams traten damals an und ließen sich auf die ambitionierte Zeitvorgabe ein. Wer den mit mehreren Millionen US-Dollar dotierten Hauptpreis ergattern wollte, sollte bis Ende Mai 2015 auf der staubigen Mondoberfläche aufsetzen . Schon bald musste jedoch auch Google einsehen, dass das vielleicht einen Tick zu optimistisch war und verschob die Deadline auf Ende 2017. Doch als dieser Termin kam, war keine private Raumfähre auch nur in die Nähe des Weltraums gekommen.

Daher brachen die Veranstalter den Wettbewerb einen Monat später ab. Trotzdem hatte der Preis erreicht, was er sollte: Er löste ein privates Wettrennen zum Mond aus. Von den einst angetretenen Teams ist verfolt eine Handvoll immer noch das damals gesteckte Ziel - nur eben ohne die Hoffnung, mit einem Preis belohnt zu werden. Dazu gehört auch PT Scientists, ein Raumfahrtunternehmen aus Berlin. Das war 2009 unter dem Namen Part Time Scientists beim Google Lunar X-Prize angetreten und gehörte lange zu den aussichtsreichsten Kandidaten. Mit dem Ziel, auf dem Mond zu landen, ist es immer noch eines der wagemutigsten Raumfahrtunternehmen in Deutschland.

PT Scientists will das erste Privatunternehmen auf dem Mond sein

„Wir wollen das hier durchziehen“, sagt Robert Böhme, Gründer und Geschäftsführer von PT Scientists, zu 1E9. Der Informatiker bezeichnet seine Firma gerne als ein „New-Space-Unternehmen.“ Hinter dem Begriff New Space, so sehr er nach Marketing klingt, verbirgt sich nicht nur eine Umschreibung für dieses neue Wettrennen ins All, das vor allem von Privatunternehmen bestritten wird. Es geht auch um eine internationale Bewegung und eine neue Sicht auf das Weltall, die neue Möglichkeiten für die Gesellschaft, Kultur und sogar Menschheit eröffnen könnte.

Robert Böhme ist der Chef und Gründer von PT Scientists. Einst war er als IT-Experte unter anderem für die deutsche Regierung unterwegs – und enthüllte Schwachstellen der sogenannten Merkel Phones.

„Wir sind, das ist Tatsache, ein Unternehmen aus Berlin, das Raumtransporter entwickelt, die von der Erde zum Mond fliegen“, so Böhme. Das sei schon ziemlich unglaublich – zumindest in Deutschland. Daher sei er Google trotz der unrealistischen Erwartungen des Wettbewerbs auch heute noch ziemlich dankbar. Und tatsächlich sind die Pläne des mittlerweile über 60 Köpfe starken Teams, das nicht mehr nur aus den einstigen Teilzeitwissenschaftlern besteht, sondern auch aus Ex-Angestellten der europäischen Raumfahrtagentur ESA und anderen Spezialisten, sowohl technisch als auch zeitlich zum Greifen nahe.

„Momentan planen wir [den Start] irgendwo bis zum Zeitraum Ende 2021“, sagt Böhme. Das sei der Moment, in dem das Start-up unbedingt auf dem Weg zum Mond sein will. Obwohl das eine mehr als sechsjährige Verspätung bedeuten würde, wäre PT Scientists dann mit ziemlicher Sicherheit immer noch das erste Privatunternehmen, dem das gelingt. Das eigentliche Zeitfenster für die „Mission to the Moon“ getaufte Unternehmung sei ohnehin: „so früh wie möglich“. Davor müssen aber möglichst viele technische Fehlerquellen und Unwägbarkeiten ausgeräumt werden.

Die Mission soll zukünftige Mondflüge vorbereiten

Über die vergangenen Jahre hat PT Scientists mit Partnern wie dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt, kurz DLR, und Audi sowohl Geräte als auch einen Plan für die Mondlandung ausgeklügelt. Mit ALINA – kurz für Autonomous Landing and Navigation Module – hat es als einziges Unternehmen in Europa eine Landefähre, die den Mond erreichen kann. In der aktuellen Version könnte diese dort 300 Kilogramm, später sogar 600 Kilogramm Nutzlast abladen. Diese Ladung soll für die erste Mission vor allem aus zwei Rovern bestehen, die für Experimente von Kunden und Geldgebern zum Einsatz kommen sollen. Ziel der Reise ist die Stelle, an der einst Apollo 17 aufsetzte – die letzte bemannte Mission zum Mond von 1972 –, in der nördlichen Region unweit des Bergmassives Mons Vitruvius.

„Das wird spannend“, sagt Böhme. „Das ist, wie wenn Indiana Jones in einen Mayatempel geht.“ Unter anderem soll der Rover untersuchen, was die fast 50 Jahre auf Mond mit dem Mondauto von Apollo 17 angestellt haben. Korrodierte das Metall? Sind Lederriemen und Klebeband inzwischen zerfallen? Und hat sich der Mondstaub auf dem Gerät niedergelegt? All das könnten wertvolle Informationen sein, um Installationen für zukünftige Missionen oder gar eine Mondkolonie zu konstruieren. Die in der Landeeinheit ALINA verbaute Technik könnte ebenfalls für spätere Einsätze wegweisend sein. Das LTE-Funkmodul an Bord, das von Vodafone bereitgestellt wird, soll eine möglichst schnelle und bandbreitenintensive Kommunikation mit dem Rovern ermöglichen. Die NASA hat schon angefragt, ob sie später ebenso auf die Technik zugreifen darf.

Auch geplant ist ein Experiment des Laser Zentrums Hannover und der TU Braunschweig. Dafür wurde ein Rover mit einem Laser ausgestattet, der den Mondstaub erhitzen und schmelzen soll. Mit seiner Hilfe soll getestet werden, ob sich die Mondoberfläche zu Glasflächen verarbeiten lässt. Auf diese Weise ließen sich zukünftig im großen Maßstab Landeplattformen schaffen, auf denen Raumschiffe aufsetzen können, ohne den feinen und ziemlich scharfkantigen Mondstaub aufzuwirbeln, der sich in Triebwerken, Solarpaneelen, Objektiven und anderen Systeme festsetzen und für Schäden sorgen kann.

Die Landeeinheit ALINA soll zunächst 300 und später 600 Kilogramm auf den Mond transportieren können. Damit will PT Scientists später als Transportdienstleister für allerlei Unternehmen und Universitäten auftreten – denn bislang gibt es in Europa sonst keine Firma, die einen derartigen Service anbieten könnte. Vodafone / PT Scientists

Die waghalsige Unternehmen soll möglichst weltweit zu sehen sein – egal, ob Erfolg oder Fehlschlag. Dafür hat PT Scientists eine Partnerschaft mit dem österreichischen Unternehmen Red Bull abgeschlossen, das schon den Atmosphäresprung von Felix Baumgartner übertragen hat. „Zuvor hatten wir uns überlegt: Wie machen wir das eigentlich? Können wir da mit Google etwas machen oder Youtube?“, lacht Böhme. „Jetzt haben wir halt jemanden, der das kann. Wir glauben, dass die es schaffen, die Leute zu begeistern.“ Auch wenn das Ziel technischer Natur sei, gehe es den Berlinern darum, zu inspirieren und die „Menschheit nach vorne zu bringen.“

Insolvent, aber nicht geschäftsunfähig

Abheben soll die Mondmission, wenn alles bereit ist, mit einer Falcon 9 von SpaceX, die schon lange gebucht ist. Die Chancen, das alles glatt geht, stünden gut. Die Mission sei nicht viel unsicherer als eine Urlaubsreise. „Es ist unwahrscheinlich, dass wir unterwegs unsere Koffer verlieren“, lacht Böhme. „Die Frage ist eher: Kommen sie heil an?“ Das war etwa bei SpaceIL nicht der Fall, das auch aus dem Wettbewerb des Google Lunar X-Prize hervorging. Das israelische Team von der Universität Tel Aviv hatte im April dieses Jahres mit einem Lander eine Mondlandung versucht. Der Lander kam bis zum Mond – aber zerschellte beim Anflug. „Die haben es leider nicht geschafft“, sagt Böhme. „Wir haben denen wirklich die Daumen gedrückt.“

Das Team von PT Scientists wisse in etwa, was bei den ehemaligen Wettbewerbskonkurrenten schief lief, und glaubt, nicht die gleichen Fehler zu machen. Die große Herausforderung sei derzeit ohnehin nicht die Technik, sondern das Geld. Mittlerweile habe das Unternehmen „grob 20 Millionen“ investiert, schätzt Böhme. Hinzu kämen Leistungen von Partnern wie Audi, Vodafone oder Nokia. Derzeit allerdings sind die Kassen leer. Anfang Juli musste das Unternehmen Insolvenz anmelden.

Auf dem Mond will PT Scientists unter anderem den Zustand des Mondautos überprüfen – und welche Schäden die Zeit auf dem Erdtrabanten hinterlassen hat. NASA

„Das klingt immer so dramatisch, aber ist es eigentlich gar nicht“, scherzt Böhme. „Wir haben vorläufig Insolvenzschutz beantragt.“ Die Zukunft von PT Scientists sehe durchaus positiv aus – und die Mondmission stünde nicht in Frage. Es hätten sich eben Verhandlungen mit Geldgebern verzögert, die an Bord geholt werden sollen. „Wenn wir relativ schnell unsere Investitionsrunde abschließen, die wir gerade schieben“, sagt Böhme, könne es „in zwei Monaten weitergehen“. Nicht ganz wie bisher – aber fast.

Denn die Situation sei auch selbstverschuldet, gesteht der Gründer ein. Ein „besseres Management“ müsse her, „das sehen wir auch“, sagt Böhme. Daran werde schon gearbeitet. Dennoch sieht der Weltraumunternehmer die Finanzierungssituation in Deutschland kritisch und wünscht sich mehr Mut und weniger Verunsicherung.

Deutschland fehlt der Mut zur Raumfahrtnation

Die politische Unterstützung für Raumfahrt- und Technologie-Start-ups in Deutschland hat sich in den vergangenen Jahren zwar verbessert. So unterstützen das DLR und staatliche Stellen junge Unternehmen. Das bestätigt auch Böhme. Was aber fehle, sei mehr Risikobereitschaft bei Investoren und Geldgebern. „Es ist nicht so, dass es keine Investoren gibt“, sagt der Unternehmer. „Ganz klar fehlt ihnen der Mut.“ Sie hätten gerne ein deutsches Silicon Valley – trauten sich aber nicht, in riskante und ambitionierten Ideen und Firmen zu investieren, die schließlich das Silicon Valley auszeichnen.

„Das geht nicht ganz nicht zusammen“, kritisiert Böhme. „Man hätte einerseits gerne Facebook und Elon Musk – aber ohne das Risiko.“ Genau hier müsse sich einiges ändern, um Deutschland zu einer echten Raumfahrtnation zu machen. Investoren müssten sich trauen, nicht nur in Soft-, sondern auch in Hardware zu investieren. „Warum? Weil: Da werden Werte geschaffen“, sagt Böhme. „Was hat denn Elon Musk gemacht? Elon Musk hat Triebwerke gebaut und Raketen.“ Aber statt die zu verkaufen, verkauft er nun die Möglichkeit, damit Güter ins All zu transportieren – ganz ähnlich, wie es PT Scientists mit dem ALINA-Lander tun will.

In Zukunft soll die ArianeGroup die Starts übernehmen

Ob nun 2020 oder 2021, dass ALINA und die Rover zum Mond fliegen, davon ist Böhme fest überzeugt. Letztlich, sagt er, sei das Timing nicht einmal so essentiell. „Ob du Zweiter oder Dritter bist, das ist nicht wichtig“, sagt Böhme. „Wichtig ist, dass wir zeigen, dass es hier in Europa möglich ist, unabhängig einen Zugang zum Mond zu haben.“ Daher sollen die Starts später möglichst von einem europäischen Partner gestemmt werden: der ArianeGroup, die die von der ESA genutzten Ariane-Raketen produziert und gerade erst einen Kooperationsvertrag mit PT Scientists unterzeichnet hat.

„Wir wollen für die zukünftigen Missionen dann gerne die Ariane 6 verwenden“, sagt Böhme. Die befindet sich derzeit noch in der Entwicklung und soll, wenn fertig gestellt, fünf bis 11,5 Tonnen ins All heben können. Dann gehe es für das Berliner Unternehmen „erst richtig los“. Denn die Mondmission ist mehr als der Traum der neuen deutschen Raumfahrpioniere. Sie soll auch zeigen, dass ihr Geschäftsmodell machbar ist.

Sicher und zuverlässig wollen sie mit ihrem Lander die Gerätschaften von Unternehmen, Universitäten oder Regierungen regelmäßig zum Mond bringen –ähnlich wie es SpaceX mit Satelliten tut. Da sei ein „ökonomischen Mehrwert“. „Wir haben dann gezeigt, dass wir das können“, so Böhme. „Wir haben jetzt schon ganz, ganz viele Anfragen für die zweite Mission.“ Darunter sollen namhafte Institutionen sein, die sensible Geräte mitschicken wollen. Denn gehen soll die Reise in Richtung des Südpols des Mondes, wo unter anderem gefrorenes Wasser vorzufinden sein soll.

Teaserbild: Audi AG / PT Scientists

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Das bringt es auf den Punkt. Die Sehnsucht nach dem Silicon Germany - wie Christoph Keese es bezeichnet - ist groß; leider nur nach den Früchten, doch die Arbeit dahinter und Risiken die eingegangen werden müssen, um derartige unternehmerische Erfolgsgeschichten zu schreiben werden gerne ausgeblendet. Schlimmer noch: sobald es darum geht für den Normalbürger große Summen in Unternehmen zu investieren, die noch nicht profitabel sind, schlägt die Stimmung um und man verspürt Abneigung zu solchen Unterfangen.

Gleichzeit versenken wir gerade in der Luft-und Raumfahrt zig Millionen in Forschungsinstitute, die bewiesenermaßen kaum zur Kommerzialisierung von Technologie beitragen. Vielleicht könnt ihr mal diese Diskrepanz aufzeigen und eine PT-Science Mission ins Verhältnis zu Doppel- und Dreifachausgaben in Forschungsinstitute setzen :wink:

@Thomas hat es in seinem kürzlichen Artikel So können wir in Deutschland die Hightech-Weltmarktführer von morgen finanzieren
ebenfalls angedeutet: Um Lösungen für Finanzierungsprobleme wie dem bei PT Scientists gegenzuwirken braucht es neue Finanzierungsinstrumente in Deutschland; denn Geld ist da, der Zugang jedoch fehlt. In diesem Fall zum Glück nicht die Bereitschaft von etablierten Unternehmen zu kooperieren…

Fingers crossed @Robert !

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Airbus ist wohl auch in einer Partnerschaft mit Astrobotics aus den USA. Gemeinsam hat Airbus mit diesem Startup einen ESA Auftrag für eine Mondmissionsstudie gewonnen.

Mehr dazu: https://www.astrobotic.com/2019/2/26/astrobotic-team-selected-by-esa-to-study-delivery-of-lunar-resources-mission

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Hierbei sieht man auch klar die Mentalitätsunterschiede zwischen Nordamerika, China, Japan und eben Deutschland/EU. Start-ups wie Uber, Lyft etc. machen Milliardenverluste aber werden dennoch mit Milliarden bewertet. Ebenso wie Drive.ai, das quasi insolvent gewesen war bevor es von Apple gekauft wurde.

„Geldverbrennen“ ist in Nordamerika ein Teil der Start-up-Kultur, ein legitimes Instrument – ebenso wie das an die finanzielle Schmerzgrenze gehen. In Deutschland gleicht es eher dem Scheitern, wenn ein Unternehmen auf Risiko geht und nicht innerhalb der ersten paar Geschäftsjahre einen Gewinn abwirft.

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