Die problematischen Mythen des Silicon Valleys – und die Gedankenwelt von Peter Thiel

Google, Facebook und Uber scheinen die Welt zu beherrschen. Und jedes Land hätte gerne ein eigenes Silicon Valley. Aber ist es wirklich so erstrebenswert, das Denken der amerikanischen Tech-Industrie zu kopieren? Und was wird dort eigentlich gedacht? Darüber hat 1E9 mit einem Stanford-Wissenschaftler und den beiden Initiatorinnen eines neuen Projekts gesprochen, das Gründen für alle möglich machen will – nicht nur für Mittelstandsjungs.

Ein Interview von Wolfgang Kerler

Die mutigen Rebellen, die ihr Studium hinschmeißen, um im Silicon Valley das nächste Start-up zu gründen, das die Welt verändert. Adrian Daub entlarvt sie als privilegierte junge Männer, die aus absurden Mengen von Kapital schöpfen können. Außerdem seziert er in seinem Buch Was das Valley denken nennt mit Sympathie und doch schonungslos die oft erstaunlich simplen Vorstellungen der amerikanischen Tech-Industrie über den Lauf der Welt – und deren (oft anders gemeinten) Ursprung. Der liegt in den Werken von Marshall McLuhan, Ayn Rand oder auch René Girard.

Adrian Daub ist deutsch, lehrt und forscht als Professor für vergleichende Literaturwissenschaft aber an der Stanford University. Er lernte das Valley also von innen mit der Perspektive eines Beobachters kennen. Von seiner kritischen Analyse der Mythen und Slogans, die inzwischen weltweit die Start-up-Szene dominieren, fühlten sich auch Julia Kümper und Verena Würsig angesprochen.

Julia Kümper, alias @JuliaK, ist Gründerin von Match-Watch und Geschäftsführerin des VentureVilla Accelerators. Verena Würsig, hier als @vreniwue, hat nach einer Karriere bei einer Förderbank mit IncluDivo ebenfalls ein Unternehmen gegründet. Gemeinsam starten die beiden nun außerdem einen neuartigen Start-up-Inkubator namens Ventreneurs. Damit wollen sie Menschen das Gründen ermöglichen, die im bisherigen System durchs Raster fallen.

Von zweifelhaften Vorbildern und Pilgerreisen ins Valley

Wir haben mit Adrian, Julia und Verena über schwierige Vorbilder aus dem Silicon Valley, deutsche Wirtschaftsminister in bunten Tech-Kantinen und das Bedürfnis nach Sicherheit gesprochen. Und über vieles mehr. Wer noch mehr hören will, sollte das digitale Event nicht verpassen, das die drei am 21. April um 17 Uhr geplant haben: Start-in: Was das Valley denken nennt. Bei Eventbrite könnt ihr euch kostenfrei registrieren.

1E9: Euch drei verbindet die Skepsis gegenüber dem Mythos vom wagemutigen, jungen Entrepreneur, der viel riskiert und die ausgetretenen Pfade verlässt, um mit einem erfolgreichen Start-up die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Was stört euch denn daran?

Adrian Daub: Natürlich ist es schön, wenn das für manche so funktioniert. Aber dieser Mythos beschreibt eine Utopie, die nur für Menschen aus ganz bestimmten Segmenten unserer Gesellschaft überhaupt existiert. Für andere ist sie nicht zugänglich. Das ist das Problem.

Julia Kümper: Umso schlimmer ist deswegen, dass diese Vorstellung des erfolgreichen Entrepreneurs die Schablone für alle Menschen geworden ist, die ein Unternehmen gründen wollen. Ich fände es vollkommen in Ordnung, wenn wir sagen würden: Das ist eine:r der 30 Typen von Held:innen, die wir mit Gründung verbinden. Doch im Moment wird dieser Mythos für alle als Ziel angesehen.

Verena Würsig: Ich kann – gerade mit Blick auf unsere mittelständisch geprägte Wirtschaftsstruktur in Deutschland – überhaupt nicht nachvollziehen, warum sich die Vorstellung durchgesetzt hat, alle Start-ups sollten möglichst Unicorns werden. Alle sind auf den „Think Big!“-Zug aufgesprungen. „Big“ wird dabei allerdings rein monetär definiert.

Aber könnten wir angesichts der globalen Probleme – von der Klimakrise bis zu den vielen weiterhin unheilbaren Krankheiten – nicht wirklich den ein oder anderen Mark Zuckerberg zusätzlich gebrauchen, der groß denkt und dem es egal ist, wie Dinge bisher gehandhabt wurden?

Adrian Daub: Die Frage ist doch, was solche Personen tun, wenn sie das große Rad drehen. Wie schon erwähnt, geht es bei „Think Big!“ vor allem um Geld. Hinter „Weltveränderung“ versteckt sich dann häufig genug nur Werbetechnologie. Und das Kapital heißt zwar „Risikokapital“, doch es sucht das Risiko nur in sehr eingegrenzten Arenen.

Ich will nicht behaupten, dass hier im Silicon Valley gar nichts Revolutionäres passiert. Aber wenn ich mich hinstellen würde, um von meiner Idee zu erzählen, mit der ich sämtliche Wäschereien an den nächsten Straßenecken auslösche, würde ich sicherlich leichter Geld bekommen als mit einer Lösung für unser Klimaproblem. Das System ist so ausgelegt, dass die Welt dadurch häufig nicht auf die Art verändert wird, wie sie verändert werden sollte.

Julia Kümper: Nett formuliert könnte man sagen, dass die passenden Kategorien fehlen. Es werden nicht alle Kosten für die Gesellschaft oder das Klima berücksichtigt.

Verena Würsig: Außerdem wird viel zu kurzfristig gedacht. Echtes Risiko wäre es doch, in eine Technologie zu investieren, die erst in zehn Jahren einen Beitrag zu mehr Nachhaltigkeit leistet, damit sich Menschen mit einer Vision und technologischem Wissen intensiv damit beschäftigen können. Da es aber keine Formeln oder Szenarien gibt, um so etwas zu beziffern, finden sich oft gar keine Geldgeber.

Adrian Daub: Dem würde ich beipflichten. Ich würde sogar noch ergänzen, dass man bei vielen der berühmten Einhörner, allen voran bei Uber, überhaupt nicht langfristig denken kann. Wenn die Regulierung in den USA deren Geschäftsmodellen irgendwann hinterherkommt, sieht es für Firmen wie Uber noch schlechter aus als ohnehin schon. Im Grunde können sie nur darauf hoffen, den Staat zu kapern.

Im Grunde genommen haben wir es hier also mit kurzfristiger Freibeuterei zu tun.

Wer in Uber investiert, muss den Zeithorizont von zehn Jahren, den Verena veranschlagt, daher eigentlich ausblenden. Sonst müsste man nämlich sagen, dass es ein fürchterliches Investment ist. Im Grunde genommen haben wir es hier also mit kurzfristiger Freibeuterei zu tun, bei der alle darauf hoffen, zum richtigen Zeitpunkt wieder auszusteigen. Langfristige Veränderung ist dann nicht machbar. Gegenbeispiele gibt es leider nur wenige. Tesla ist wahrscheinlich eines davon.

Nun kann man die Weisheiten des Silicon Valleys und der Tech-Industrie - „Move fast and break things!“, zum Beispiel – natürlich kritisch sehen. Doch spricht der Erfolg, den Konzerne wie Google oder Facebook damit haben, nicht für sich? Und pilgert nicht die halbe Welt ins Silicon Valley, um sich etwas von der vermeintlichen Magie abzuschauen? Oder noch zugespitzter gefragt: Bleibt Gründerinnen oder Investoren überhaupt etwas anderes übrig, als diese Erfolgsrezepte zu übernehmen und sich am Silicon Valley zu orientieren?

Adrian Daub: Das ist eine gute Frage. Einerseits würde ich sagen, dass man die Zukunft auch ganz woanders sehen könnte. Innovation im Silicon Valley ist aus meiner Sicht auch nicht besser oder schlechter als Innovation in Shenzhen, Hyderabad oder Zürich. Und bei diesen Pilgerfahrten aus Deutschland, die ich hier in Stanford auch erlebe – inklusive mehrerer Wirtschaftsminister und der Bundeskanzlerin, wird ohnehin immer dasselbe gezeigt. Bei den Unternehmen hier ist fast alles unter Geheimhaltung, also führen sie irgendeine bunte Mensa und ein paar Tretroller vor. Immerhin bei gutem Wetter.

Trotzdem kommt man am Silicon Valley kaum vorbei, wenn man wirklich viel Geld bekommen will. Die Kapitalschwemme hier ist einfach um Dimensionen größer als irgendwo anders. Mag sein, dass sich das durch die Pandemie ändert. Doch bisher musste man Kontakt zu den Investmentinstitutionen dieser Region aufnehmen.

Adrian, du lebst und arbeitest im Silicon Valley, kommst aber aus Deutschland. Warum ist der Wunsch, das Silicon Valley nachzuahmen, gerade hier so stark ausgeprägt?

Adrian Daub: Ich will da jetzt keinem auf den Schlips treten, aber ich würde sagen, die große Angst, irgendwie zurückzufallen, ist eine deutsche Tendenz. Vielleicht auch deswegen, weil sich der Nationalstolz nach 1945 rein über die Wirtschaft definiert hat und über Marken wie Volkswagen, Mercedes oder BMW. Insgesamt finde ich den deutschen Blick aufs Silicon Valley fast schon etwas putzig – und das macht mir Hoffnung.

Denn einerseits hätte man gerne Google oder Stanford, aber kosten darf es nichts und das bestehende System sollte auch nicht angekratzt werden. Natürlich könnte Deutschland ein Stanford oder ein Harvard aufbauen. Man müsste dafür nur die Erbschaftsteuer ganz runterfahren, unglaublich viel vererbten Reichtum zusätzlich schaffen, man müsste die soziale Ungleichheit verschärfen und sicherstellen, dass man, ohne von bestimmten Universitäten abgegangen zu sein, eigentlich gar keinen Erfolg haben kann, damit der Druck groß genug ist, dass jemand idiotische Summen wie 70.000, 80.000 Euro pro Jahr für eine Universität ausgibt.

So obszöne Mengen an privatem Kapital kann es doch nur in einem kaputten Land geben.

Die Frage ist, will man in so einem Land leben? Ich glaube, die Leute, die nach Stanford kommen, um sich das anzuschauen, würden sagen: Nein. Bei den Start-ups ist es ähnlich. Man sieht bei Google die Innovation, die ich auch toll finde, aber man sieht die gesellschaftlichen Verwerfungen nicht, die Google erst möglich gemacht hat. So obszöne Mengen an privatem Kapital kann es doch nur in einem kaputten Land geben.

Das Silicon Valley in Deutschland nachzubauen würde heißen, die Errungenschaften von 150 Jahren Sozialpolitik kaputtzumachen. Das will eigentlich niemand. Deswegen ist die Begeisterung für das Silicon Valley inkonsequent. Das freut mich. In ein paar bunte Tretroller kann man ja trotzdem investieren.

Der Titel deines Buches lautet Was das Valley denken nennt. Was nennt das Valley denn denken?

Adrian Daub: Das Valley versteht unter denken den Versuch, die Gründe für den Erfolg ganz bestimmter Personen, Unternehmen oder Wirtschaftssektoren zu finden – und uns diese Gründe als einzigen möglichen Weg in die Zukunft zu verkaufen. Das geht einher mit einer starken Verknappung dessen, was Erfolg, Veränderung oder Freiheit bedeutet. Gewisse Begriffe werden verabsolutiert, so dass am Ende der Eindruck entsteht, die Plattformen, denen das Silicon Valley seinen Reichtum verdankt, die aber andere arm halten, seien unvermeidlich, universell und global plausibel.

Dabei ist das Denken des Silicon Valleys recht provinziell, was nicht negativ gemeint ist. Es kommt aus dieser Gegend, ist stark von der Hippie-Kultur der 1960er geprägt, dem früheren militärisch-industriellem Komplex und einer Art kalifornischer Ideologie. Ein bisschen radikal-libertär, aber trotzdem sozial irgendwie links. Inzwischen wird so getan, als seien das jetzt unser aller Werte – und manchmal stimmt das auch. Der globale Wert des Katzenvideos hat sich fest etabliert.

Aber oft wird bei näherem Hinsehen völlig klar, dass es sich um die Werte einer ganz bestimmten Region und eines ganz bestimmten Milieus handelt. Wir haben es hier mit einer Industrie zu tun, die verglichen mit anderen besonders stark von Kindern des Mittelstandes oder sogar der Reichen dominiert wird, relativ weiß ist und von einem besonderen Männlichkeitskult bestimmt wird. Deswegen wird es zum Problem, wenn das Silicon Valley, wie besprochen, zum Maß des Erfolgs wird und mit Zukunftsträchtigkeit gleichgesetzt wird. Stattdessen sollten wir sagen: Okay, so sind die eben, aber wir machen es jetzt anders.

Ein Beispiel dafür, wie Begriffe irgendwie überhört werden, ist das Scheitern. Im finalen Kapitel deines Buches setzt du dich damit auseinander. Scheitern gehört in der Tech-Welt scheinbar zum guten Ton – und zu jedem vollständigen Lebenslauf. Und es klingt doch auch toll, plötzlich ohne Scham scheitern zu können. Beim nächsten Mal sollte man eben nur besser scheitern. „Fail Better!“ Doch, wie ich dich verstanden habe, gilt das nur in hübschen TED-Talks, aber nicht für alle Menschen, richtig?

Adrian Daub: „Fail Better!“ ist unglaublich attraktiv. Was für eine schöne Vorstellung! Nur gilt sie längst nicht für jeden. Für den Programmierer bei Uber wahrscheinlich schon. Da kann etwas schief gehen – der nächste Job kommt trotzdem sicher. Wunderbar! Der Uber-Fahrer sollte es auf „Fail Better!“ aber lieber nicht ankommen lassen. Fällt der einmal unter vier Sterne, ist er von der Plattform gebannt. Dann geht nichts mehr! Nach oben spucken diese Systeme eine gewisse Flexibilität aus, nach unten eine immer stärkere Einengung.

Die weißen Mittelstandsmänner, die sich in den Führungsebenen dieser Unternehmen tummeln, können auch noch aus einem anderen Grund besser scheitern als es, zum Beispiel, oft in europäischen Start-ups der Fall ist. Im Silicon Valley sind diese Leute nämlich deutlich jünger, oft erst 22, 23 oder 24. „Fail Better!“ geht da besser als mit 40. Andererseits lassen sich die Energie und der Enthusiasmus dieser jungen Menschen besser ausnutzen. Du gehörst doch zum Team! Lass uns ein paar Nächte durcharbeiten! Mit Mitte 30 würde man da sagen: Eigentlich habe ich einen Arbeitsvertrag, in dem steht, dass ich mal nach Hause darf. Zumindest der „Fail Better!“-Mythos bröckelt inzwischen aber auch im Silicon Valley. Die Galionsfiguren der Branche wie Mark Zuckerberg werden ja auch nicht jünger.

Dem Kult um „Disruption“ kannst du ebenfalls nicht viel abgewinnen. Oder der Leichtigkeit, mit der man sich, um Disruption zu rechtfertigen, auf die „schöpferische Zerstörung“ beruft, die der Ökonom Joseph Schumpeter als Treiber des technischen Fortschritts identifizierte. Liegt Schumpeter falsch oder warum sollte Disruption schlecht sein?

Adrian Daub: Er liegt richtig, wird aber falsch interpretiert. Ich habe für Schumpeter sogar unglaublich viel Respekt. Nun bin ich kein Ökonom, aber ich finde, er beschreibt unsere heutige Wirklichkeit relativ gut, obwohl sein bekanntestes Buch mittlerweile 70 Jahre alt ist. Allerdings hat er den Begriff der „schöpferischen Zerstörung“ sehr vorsichtig eingesetzt. Er bezog ihn vor allem auf Monopolisten, denen von Herausforderern das Wasser abgegraben wird. Er hat damit aber, soweit ich ihn verstehe, nicht staatliche Monopole wie die Post gemeint – und auch nicht die Taxifahrer in einer Stadt oder Hunderttausende von Tante-Emma-Läden. Für das Silicon Valley sind aber genau die plötzlich die bösen Monopolisten und irgendwelche Schnösel aus San Francisco die Herausforderer, die eigentlich von Milliardären bezahlte trojanische Pferde sind.

Sorry, du hast deinen Job verloren, aber das ist eigentlich gut!

Außerdem wird behauptet, dass Disruption per se gesellschaftlichen Nutzen stiftet, deswegen passieren muss und der Staat auch nicht eingreifen sollte. Sorry, du hast deinen Job verloren, aber das ist eigentlich gut! Schumpeter tat das nicht. Er stellte fest, dass es diese schöpferische Zerstörung im Kapitalismus eben gibt – und dass diese irgendwann zum Sozialismus führen wird, weil die Gesellschaft sie nicht mehr mittragen will und der Staat einspringt, um die Wogen zu glätten.

Für alle, die so denken wollen wie Peter Thiel: Welche Literaturempfehlungen hast du für sie?

Adrian Daub: Da gibt’s drei. Sie sollten auf jeden Fall ein bisschen Nietzsche lesen, ihn aber möglichst missverstehen. Ihn richtig zu verstehen, wäre fatal. Zweitens: Ayn Rand natürlich. Am besten alle ihre Bücher – und die Reden, die Charaktere wie John Galt darin halten, am besten laut vorlesen. Sind jedes Mal nur so 80 Seiten, sollte also leicht sein. Wenn man dann noch René Girard liest, wird man auf jeden Fall zu Peter Thiel.

Von Peter Thiel zu euch Verena und Julia – mit Ventreneurs wollt ihr „Gründen für alle“ ermöglichen. Können nicht längst alle gründen, wenn sie es nur wagen? So wie einst Peter Thiel?

Julia Kümper: Ich glaube, das schließen wir wieder am Mythos des wagemutigen Entrepreneurs an, den wir ganz am Anfang besprochen haben. Weitergedacht bedeutet der, dass es immer an der Einzelperson liegt, wenn es nicht funktioniert. Das Individuum performt dann nicht so, wie es theoretisch könnte. Dahinter steckt aber die falsche Annahme, dass alle die gleichen Voraussetzungen haben. Dabei hat eigentlich keiner und keine die gleichen Voraussetzungen, es ist alles sehr individuell. Und das müssen wir auch dabei berücksichtigen, wie wir aufs Gründen schauen, wie wir Erfolg bewerten und welche Unterstützungsangebote wir entwickeln.

Verena Würsig: Das bestehende System bietet für so viele Menschen mit ihren Ideen und mit der Wirkung, die sie mit ihren Ideen erzielen können und wollen, keine Lösungen. Sie scheitern am System. Mit Ventreneurs wollen wir ganz viele Bausteine anbieten, um ihnen zu helfen.

Julia Kümper: Bei den Gesprächen, die wir mit Menschen geführt haben, die gerne gründen würden, den Schritt aber nicht machen, war ein roter Faden immer wieder das Wort „Sicherheit“. Gerade bei Frauen spielt das eine zentrale Rolle, ist unser Eindruck. Die Definition von Sicherheit ist auch wieder sehr individuell und ist geprägt durch Erfahrungswerte, die man gemacht macht. Die Ungleichheit liegt darin, dass manche Menschen viel mehr Hindernisse auf dem Weg haben, um auf einem Mut-Level anzukommen, bei dem eine Gründung funktioniert. Wir möchten neue Wege finden, wie wir das Sicherheitsbedürfnis dieser Menschen befriedigen können, damit auch sie ihre Chance bekommen – von der Frau, die ein Kind bekommt, aber dennoch gründen will, bis zu ausländischen Studierenden.

Und wie genau wollt ihr Gründerinnen und Gründer unterstützen, die im bisherigen System nicht ihre Chance bekommen?

Verena Würsig: Im Prinzip wollen wir ein Brückenszenario bieten. Wir könnten uns vorstellen, zum Beispiel, eine junge Frau übergangsweise tatsächlich fest anzustellen, um ihr einen Raum zu schaffen, ihre Gründungsidee relativ entspannt zu entwickeln – unter dem Schutz des deutschen Sozialstaats. Das vermittelt ein ganz anderes Gefühl als in einem klassischen Accelerator dabei zu sein und Zuschüsse zu bekommen. Natürlich schauen wir dann auch, wie wir die junge Frau weiter unterstützen können – durch den Zugang zu Netzwerken oder auch durch Coaching und Mentorenprogramme.

Es geht uns immer darum, den Weg zu ebnen.

Wir waren auch mit der Gründungsproblematik von Migranten konfrontiert. Da kam uns die Idee, dass auch hier eine Anstellung vieles erleichtern könnte im Umgang mit den verschiedenen involvierten Behörden, die oft nicht richtig miteinander kommunizieren. Während der Zeit bei uns schaffen wir dann die Zugänge, auch zu weiterführender Finanzierung, die das Start-up auf dem weiteren Weg braucht. Es geht uns immer darum, den Weg zu ebnen, um Gründung aus einem nicht-systemkonformen Szenario, aus widrigen Umständen heraus zu ermöglichen.

Glaubt ihr, dass Ventreneurs am Ende vielleicht ganz andere Unternehmen hervorbringt als die klassischen, oft am Silicon Valley orientierten Förder- und Finanzierungsmechanismen? Oder gibt’s dann halt das nächste „Uber für X“ oder „Netflix für Y“ – nur eben von einer jungen Gründerin mit Migrationsgeschichte?

Julia Kümper: Wieso sollten wir uns anmaßen, jemandem zu sagen: Nein, du darfst nicht das nächste Uber gründen, wenn wir dich unterstützen sollen! Wenn ein Mensch das Ziel hat, das nächste Unicorn zu erschaffen, ist das für mich völlig legitim. Das ist eine individuelle Entscheidung. Aber wir haben schon den Anspruch, ein Bewusstsein dafür zu schaffen, ob das gleiche Maß an persönlicher Sicherheit und Zufriedenheit nicht auch mit einem anderen, nicht-monetären Verständnis von „Think Big!“ zu erreichen sein könnte.

Verena Würsig: Wir wollen ein ehrlicher Sparringspartner sein – und weder als Blockierer auftreten noch Sozialunternehmen en masse hervorbringen. Durch Coaching und Mentoring wollen wir schauen, was der Weg für den jeweiligen Menschen ist: Willst du wirklich das nächste Unicorn? Oder willst du das nur, weil alle es wollen?

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Zum Schluss noch der Compliance Check: Seid ihr nicht eigentlich auch froh, dass uns die Tech-Welt mit Google Maps und Lieferando, Alexa und AirBnB das Leben so viel bequemer gemacht hat?

Julia Kümper: Total. Aber kritischer Konsum ist etwas, wo ich selbst noch viel lernen muss. Wir hätten für das Interview auch Jitsi nehmen können statt Google Meet. Trotzdem sollten wir uns schon fragen, warum wir die Schuld eigentlich immer dem Individuum geben, das Dienste nutzt, und nicht den Organisationen, die diese mit größtmöglicher Gewinnmarge und Ausbeutungspotential konzipieren.

Adrian Daub: Ich denke auch, dass kritisch konsumieren wichtig ist, aber als großer Freund von TikTok muss ich mir da auch an die eigene Nase fassen. Ich springe auf jeden noch so blödsinnigen Trend wieder mit auf. Andererseits tanken die meisten Leute auch immer noch Benzin, sind aber trotzdem keine großen Fans der Ölindustrie. Klar sind wir mittlerweile kompromittiert, das heißt aber auch, dass wir ein Recht auf Mitsprache einfordern können. Friss oder stirb ist doch keine Option. Insofern würde ich sagen, dass wir natürlich dankbar sein sollte für viele wunderbare Technologien, die uns bereitgestellt werden, aber dass uns diese Unternehmen als User auch etwas schuldig sind.

Verena Würsig: Ich glaube schon, dass der mündige User der neuen Entwicklungen eine eigene Verantwortung hat. Ich finde auch, dass unser Bildungssystem dieses Verantwortungsbewusstsein noch nicht ausreichend aufbaut. Viele Menschen gehen zu unkritisch mit neuen Diensten um, wobei man sich natürlich erst dann kritisch mit Dingen auseinandersetzen kann, wenn man sie auch ausprobiert hat. Insofern bin ich zwiegespalten. Was wir aber nicht vergessen sollten: Die Entwicklungen von Tech-Unternehmen ermöglichen uns bestimmte Dinge. Sie sind aber nicht das Maß aller Dinge.

Adrian Daub: Das finde ich einen ganz wichtigen Punkt. Vor Kurzem habe ich wieder irgendwo gelesen: „An Facebook führt kein Weg vorbei.“ Eine Zeit lang mögen solche Aussagen stimmen, aber grundsätzlich führt an Facebook sehr wohl ein Weg vorbei – und das merken wir doch eigentlich oft. Wir können ganz schnell diese Ökosysteme verlassen. Ich weiß gar nicht mehr, wann ich mich zuletzt bei Facebook eingeloggt habe. Natürlich haben diese Unternehmen ein Interesse daran, dass sie unausweichlich erscheinen. Das spielen sie auch ihren Investoren vor.

Früher gab es in den USA an jeder Straßenecke einen Blockbuster Video und es sah aus, als wären sie für die Ewigkeit gemacht. Wenn man jedoch genau hingeschaut hat, waren die aber so, dass man sie in zwei Tagen komplett ausräumen konnte – und von einem auf den anderen Tag waren sie verschwunden. Ich habe das in meinem Buch „Shitty Permanence“ genannt. Was die Plattformen des Silicon Valleys angeht, werden wir uns, glaube ich, in den nächsten Jahren noch selbst überraschen.

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Ein klasse Thema, ein tiefgründiges Thema. Vielen Dank dafür. Wollte es auf Linkedin schon posten, funktionierte leider nicht. Aber klar, ich warte, bis es von euch kommt ;))
Viel Erfolg an Ventreneurs,

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Wird bald freigeschaltet… Aber 1E9 Mitglieder lesen natürlich zuerst :slight_smile:

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Vielen Dank! Wir sind für jedes Feedback & Ideenimpuls dankbar.

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Toller Artikel @Wolfgang >> Danke!! (

Den Artikel hätte ich gestern für eine Vorbereitung eines Gesprächs mit dem Vorstand der GLS Bank lesen sollen :grinning:)

Das trifft es ganz gut finde ich. Ich frag mich da direkt, wer und wie denn definiert wird, „wie sie verändert werden sollte“?

Gut auf den Punkt gebracht.

Hey, nichts gegen Tretroller :wink: /

Stimme ich bei und es geht so schön konträr zum Leistungsparadigma unser Gesellschaft.

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Der letzte Satz trifft den Nagel auf den Kopf :wink:

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Die Welt soll sich schon verändern, doch diejenigen die definieren, "wie sie verändert werden sollte!" wollen an den grundlegenden Strukturen und den Machtverhältnissen nichts ändern.

Und „… diejenigen, die definieren …“ sind nicht nur die Superreichen, sondern noch mehr ihre Vasallen.

Vor ein paar Tagen habe ich beim Petitionsausschuss des Deutschen Bundestages eine Petition zur Einführung einer -NOTA- Wahl gestartet und bin sehr gespannt, ob sie angenommen wird.

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Vielen Dank für Euer Feedback & Rückmeldungen :rocket: Wer noch etwas tiefer eintauchen möchte: wir haben die Veranstaltung mit Adrian aufgezeichnet. Schaut doch gerne rein:

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Hier eine Studie, die einige der Hürden aufgreift, die ihr auch angeht @JuliaK

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Ja, vielen Dank. Die Daten stammen aus dem ersten Migrant Founders Monitor: https://deutschestartups.org/wp-content/uploads/2021/04/MigrantFoundersMonitor_2021.pdf

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Die Antwort vom Petitionsausschuss: "Die Forderung nach einer Möglichkeit, der Stimmenthaltung bei Wahlen Ausdruck zu verleihen, war bereits Gegenstand eines Petitionsverfahrens mit dem Ergebnis, das Petitionsverfahren abzuschließen."

"Nach Auffassung des Ausschussdienstes enthält Ihre Eingabe keine neuen Gesichtspunkte, die zu einer anderen Beurteilung der Angelegenheit führen müssten." (man beachte die Wortwahl „müssten“ nicht „könnten“)

Politics as usual und business as usual in der marktkonformen Demokratie.

Ein Satz der einiges über die gegenwärtige Politik sagt:

Kanzlerin Merkel: “Wir leben ja in einer Demokratie und das ist eine parlamentarische Demokratie und deshalb ist das Budgetrecht ein Kernrecht des Parlaments und insofern werden wir Wege finden, wie die parlamentarische Mitbestimmung so gestaltet wird, dass sie trotzdem auch marktkonform ist.

Die Geschichte zu diesem Satz.

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