Russische Kosmonauten streiten sich mit einem twitternden Weltraumroboter

Auf Twitter tobte in den vergangenen Tagen ein skurriler Streit. Russische Kosmonauten äußersten sich kritisch über die Raumfahrtbehörde Roskosmos und deren Leiter. Daraufhin warf ihnen der Twitter-Account eines Weltraumroboters vor, auf der Raumstation betrunken gewesen zu sein.

Von Michael Förtsch

Die russische Raumfahrt steckt in einer tiefen Krise. Bereits seit Jahren fällt es der russischen Raumfahrtbehörde Roskosmos zunehmend schwerer, neue Raumfahrt- oder Satellitenprojekte sowie Starts ins Weltall zu finanzieren. Nachdem die NASA nun mit der Dragon-2-Kapsel von SpaceX und bald auch Boeings Starliner nicht länger auf teure Mitfluggelegenheiten in der Sojus angewiesen ist, dürfte die Lage noch prekärer werden. Nötige Neuentwicklungen und Modernisierungen werden aufgeschoben oder wurden in den letzten Jahren bereits gänzlich eingestellt – vor allem unter Dmitri Olegowitsch Rogosin, dem aktuellen Leiter von Roskosmos.

In den vergangenen Tagen haben mehrere ehemalige Kosmonauten auf Twitter ihrem Frust gehörig Luft gemacht und sich gegen die Führung und den Führungsstil von Rogosin ausgesprochen. Unter anderem verbreitete Maxim Suraev ein Bild, das die enge Sojus-Kapsel mit der modernen Dragon-2-Kapsel von SpaceX vergleicht. Erstere sei die Holzklasse, zweitere die Erste Klasse. Ebenso wurde ein Videoausschnitt verbreitet, in dem Elon Musk sagt, dass sein „Trampolin funktioniert“. Das ist eine Anspielung auf Rogosin, der 2014 US-Sanktionen nach der Annexion der Krim mit den Worten kommentierte, dass die US-Amerikaner ja statt mit Russland „mit einem Trampolin ins All fliegen“ könnten. Und dann entschuldigten sich Ex-Kosmonauten wie Suraev auch noch beim toten Juri Gagarin für den miserablen Zustand des russischen Raumfahrtprogramms.

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Roskosmos-Chef Dmitri Rogosin hatte seinen Twitter-Account bereits im Frühjahr 2020 gelöscht, nachdem er mehrfach ausfällig gegen Kritiker geworden war. An seiner Stelle antwortete daher überraschend der Account des russischen Raumfahrtroboters Fedor, der 2019 auf der Internationalen Raumstation ankam, auf die Äußerungen der Ex-Kosmonauten. Im Namen des Roboters wurde behauptet, dass Suraev und sein damaliger Missionkamerad Alexander Samokutyayev an Bord der Internationalen Raumstation betrunken gewesen wären. Von der Ex-Kosmonautin Jelena Olegowna Serowa, behauptete der Roboter, habe er eine „sehr niedrige Meinung“. Nach mehreren dieser Äußerungen wurde der Account blockiert.

Auch Alexei Nawalny kritisierte Rogosin

Laut russischen Journalisten und den Ex-Kosmonauten war es wohl Dmitri Rogosin, der im Namen des Roboters schrieb. Sein Stil und die Art der Anschuldigungen wären „konsistent mit früheren Äußerungen“. Der Ex-Kosmonaut Alexander Samokutyayev forderte eine offizielle Untersuchung des Vorfalls und Konsequenzen für denjenigen, der den Roboter-Account gekapert hat. Rogosin selbst bestritt, das Konto von Fedor übernommen zu haben – und behauptete, dass der Roboter vielleicht wirklich selbst gewittert haben könnte. Die Geschehnisse sind skurril und schwer fassbar – aber passen damit zu den derzeitigen Zuständen in der russischen Raumfahrt, insbesondere unter der Führung von Rogosin.

Rogosin wurde erst im vergangenen Jahr vom oppositionellen Politiker Alexei Nawalny, der im August 2020 zum Opfer eines Giftanschlags und daraufhin in Deutschland behandelt wurde, Korruption und Selbstbereicherung vorgeworfen. Teile der Milliardensummen, die zum Ausbau des Kosmodrom Wostotschny gedacht waren, sollen abgezweigt worden und die Kosten daraufhin auf mehr als das Doppelte angestiegen sein. Ebenso verdient Rogosin als Roskosmos-Leiter fast das 40-fache der Spitzeningenieure der russischen Raumfahrtagentur und mehr als das Doppelte seines US-Pendants bei der NASA. Dmitri Rogosin gilt in Russland seit langem als streitbare Figur. Er soll unter anderem mit bekannten Rechtsextremen verkehren und erklärte, dass die Arktis russisches Territorium und die Venus ein russischer Planet sei.

Russische Experten und Raumfahrtenthusiasten warnten bereits mehrfach, dass die russische Raumfahrt unter Rogosin in „ein dunkles Mittelalter“ rutsche. Einem Bericht zum Stand der russischen Raumfahrt wird ausgeführt, dass das Missmanagement von Roskosmos der Konkurrenzfähigkeit von Russland schade und das Land hinter den USA, China und möglicherweise auch der EU zurückfallen werde. Es gäbe bei Roskosmos keine Modernisierung, nur den Kampf ums Überleben. Geld würde seit Jahren falsch investiert und in obsolete Technologien investiert. Die Neuentwicklung der Amur-Rakete gleicht beispielsweise auf bizarre Weise der Falcon 9 von SpaceX und sei mit einem frühsten Startdatum im Jahre 2026 bereits jetzt 15 Jahre hinter dem Stand der Technik zurück.

Teaser-Bild: NASA

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