Dieser Laptop lässt sich reparieren – und soll die Wegwerf-Kultur bei Elektronik beenden

Das Geschäftsmodell des amerikanischen Start-ups Framework ist ungewöhnlich: Es will sich einen Namen machen, indem es den Nutzern weniger neue Geräte verkauft. Denn die Laptops vom Framework sollen sich reparieren und nachrüsten lassen – und trotzdem schick aussehen. Das steckt hinter der Idee.

Von Jared Newman

Der Laptop, bei dem der User jede Komponente selbst austauschen oder aufrüsten kann -– vom Bildschirm über die Tastatur bis hin zum Mainboard im Inneren --, ist das erste Produkt von Framework. Geht ein einzelnes Teil kaputt, sollen daher keine horrenden Reparaturkosten anfallen. Um eine bestimmte Kommponente zu verbessern, müssen die User außerdem nicht gleich einen komplett neuen Laptop kaufen.

Das ultimative Ziel des Startups ist laut dem Gründer von Framework, Nirav Patel, um seine Produkte ein ganzes Ökosystem für Reparaturen und Upgrades aufzubauen, damit Nutzer ihren Geräten ganz einfach neues Leben einhauchen können. Patel hofft, dass er dadurch das kaputte Geschäftsmodell im Markt für Unterhaltungselektronik ablösen kann. Denn bisher ist es aus Kundensicht oft sinnvoller, ältere Produkte zu ersetzen – anstatt sie zu reparieren oder nachzurüsten.

Eine Alternative zu Wegwerfprodukten

„Es muss nicht so sein, und es sollte auch nicht so sein“, sagt er. „Doch die Industrie wird sich nicht selbst reparieren.“ Der Plan von Framework, ein Ökosystem rund um reparierbare, aufrüstbare Elektronik aufzubauen, ist ehrgeizig. In der Vergangenheit scheiterten viele Unternehmen an ähnlichen Ideen. Doch sollte das Start-up genügend Kunden und Komponentenhersteller überzeugen, an Bord zu kommen, dann könnte es eine dringend benötigte Alternative zu Technik bieten, die von vornherein als Wegwerfprodukt konzipiert ist.

Bevor er Framework gründete, war Patel Teil des ursprünglichen Teams von Oculus VR und verantwortete die Entwicklung der Hardware-Architektur für fast alle Geräte des Unternehmens. Davor arbeitete er drei Jahre lang als Software-Ingenieur bei Apple.

Diese Erfahrungen, sagt er, machten ihn auf den Wegwerfcharakter von Unterhaltungselektronik bewusst. Gerätehersteller konzipieren ihre Produkte nicht immer so, dass sie leicht zu reparieren sind. Sie optimieren ihre Lieferketten auch nicht für die langfristige Instandhaltung der Geräte - ein Trend, der sich im Laufe der Zeit noch verschlimmerte, da die Hardwarehersteller Geräten mit schlankem Design Vorrang vor Geräten geben, die sich einfach reparieren lassen. Die Folge: Sowohl die Preise für einzelne Komponenten als auch die Kosten für Reparaturen und Updates sind heute viel höher, als sie aus Sicht von Patel sein sollten.

Magnete und Klammern statt Klebstoff

Die Reparatur des Bildschirms eines MacBook Air, zum Beispiel, kostet in den USA 99 US-Dollar – und das nur mit einem AppleCare+ Plan, der für drei Jahre zusätzlich 249 US-Dollar kostet. Apple verrät nicht, wie viel eine Reparatur ohne das erweiterte Garantieprogramm kostet. Doch der Preis dürfte deutlich höher sein. Patel sagt zwar noch nicht, wie viel genau ein Framework-Ersatzbildschirm kosten wird, er deutet jedoch an, dass der Austausch viel billiger sein wird.

„Wenn der Bildschirm eines MacBooks bricht, muss der gesamte Deckel ausgetauscht werden, einschließlich des CNC- Aluminiumgehäuses, der Webcam, des Frontglases und all dem“, sagt er. „Bei einem Framework-Laptop hingegen tauscht man bei einem Riss im Bildschirm nur den Bildschirm aus.“

Über Zoom demonstriert Patel, wie einfach ein solcher Austausch sein kann. Der Display-Rahmen des Framework-Laptops ist mit Magneten am Rahmen befestigt, so dass der Benutzer ihn auseinanderziehen kann. Der Bildschirm selbst wird mit Klammern statt mit Klebstoff befestigt. Die Tastatur lässt sich ebenfalls vom Rahmen abnehmen und gibt den Blick auf die klar beschrifteten internen Komponenten frei. Benutzer können den Speicher und den Arbeitsspeicher des Systems mit handelsüblichen Teilen aufrüsten. Außerdem plant Framework plant, Ersatz-Akkus und aufrüstbare Hauptplatinen zu verkaufen, die den Prozessor des Systems enthalten.

Die ersten Hands-On-Videos mit dem Framework-Laptop gibt es inzwischen bei YouTube.

Patel sagt, er möchte, dass die Leute den Laptop von Framework mindestens doppelt so lange behalten, wie sie es normalerweise tun würden. „Jemand, der alle vier Jahre ein Notebook kauft, aber die letzten zwei Jahre irgendwie leidet, dem wollen wir die Möglichkeit geben, mit diesem Produkt acht glückliche Jahre zu haben", sagt er.

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Verkaufsstart im Sommer 2021

Das Notebook von Framework soll im Sommer 2021 auf den Markt kommen und kann für einen Preis ab 999 US-Dollar vorbestellt werden. Patel sagt, dass es auf Augenhöhe mit anderen Premium-Laptops sein soll, die ähnliche technische Spezifikationen haben, darunter das Dells XPS 13 und Microsofts Surface Laptop. Je nach Konfiguration können diese Geräte zwischen 1.000 und 2.000 US-Dollar kosten.

Die Preise der Komponenten sollen so gestaltet sein, dass Kunden klare Anreize haben werden, ihre Laptops zu reparieren oder aufzurüsten, anstatt sie zu ersetzen, sagt Patel. „Wir wünschen uns, dass das irgendwann die naheliegende Entscheidung ist“, sagt er. „Wir wollen nicht, dass die Leute einen Aufpreis für Langlebigkeit zahlen müssen. Wir glauben nicht, dass das funktioniert oder Sinn macht.“

Auch andere arbeiten an langlebigen Geräten

Framework ist nicht der einzige Laptop-Hersteller, der sich für Reparaturen und Upgrades einsetzt. Kyle Wiens, Mitbegründer und CEO von iFixit, weist darauf hin, dass auch große PC-Hersteller wie Dell, Lenovo oder HP Laptops herstellen, die einfach zu reparieren sind und für die sie Ersatzteile über ihre Websites verkaufen. „Wenn Sie einen praktikablen Laptop wollen, gibt es sie da draußen“, sagt Wiens.

Framework will jedoch noch einen Schritt weitergehen –- und seine Marke auch auf der Idee der Modularität aufbauen. Die Möglichkeit, den Prozessor eines Computers auszutauschen, ist zwar bei Desktop-Computern üblich, aber bei Laptops ist sie weitgehend unbekannt. Patel sagt, dass Framework in Gesprächen mit großen Chipherstellern ist, um Teile zur Aufrüstung zu verkaufen. Das Unternehmen entwickelt außerdem ein Miniatur-Desktop-Gehäuse, das das aktuelle Mainboard des Laptops aufnehmen kann. Wenn Benutzer auf einen neuen Laptop-Prozessor umsteigen, könnten sie den alten weiterverwenden – zum Beispiel für einen Desktop-Computer für eher leichte Aufgaben.

„Viele der Module im Produkt haben eine Lebensdauer über das eigentliche Produkt hinaus. Auch das ist Teil unserer Mission, Elektroschrott zu reduzieren", sagt Patel. Der vielleicht cleverste Schachzug von Framework ist ein System von austauschbaren Anschlüssen, die in den Rahmen des Notebooks passen. So kann der Nutzer wählen, ob er zusätzliche USB- Anschlüsse, HDMI-Ausgänge, MicroSD-Kartensteckplätze oder

zusätzlichen Speicherplatz möchte, und er kann die Module jederzeit gegen einen anderen Satz von Anschlüssen austauschen. „Das nimmt einfach die Dongles, die wir mit uns herumtragen, und komprimiert sie direkt in das System", sagt Patel.

Mehr als nur ein Laptop

Mit der Zeit, so hofft Patel, wird Framework mehr als nur ein Hardware-Hersteller werden. Das übergeordnete Ziel sei es, einen eigenen Marktplatz zu etablieren, auf dem Nutzer neue Teile kaufen und ihre alten verkaufen können. Framework wird auch eine offene Lizenz für seine Komponenten anbieten, in der Hoffnung, dass Drittanbieter ihre eigenen Teile herstellen werden.

Letztendlich will Framework auch über den Laptop hinausgehen. Patel sagt, dass das Start-up auch andere Produktlinien in Erwägung zieht, die aufrüstbare Teile gebrauchen könnten, wie

Audio-/Videogeräte oder Ausrüstung für Gamer und Fotografen.

Wenn alles nach Plan läuft, wäre das Ergebnis ein positiver Kreislauf, in dem Framework-Kunden ständig auf den Marktplatz zurückkehren, um ihre Geräte aufzurüsten, und das, was sie bereits haben, loszuwerden. Vielleicht könnten sie dort auch neue Arten von nachhaltigen Produkten kennenlernen, die sie kaufen können. Dieses breitere Ökosystem könnte den entscheidenden Unterschied zwischen Framework und anderen Start-ups ausmachen, die ihre Marken rund um Reparaturen und Upgrades aufgebauen, wie etwa Fairphone und Teracube im Smartphone-Geschäft.

„Anstatt uns auf einzelne Geräten zu konzentrieren, wie es bei den meisten Unterhaltungselektronik-Produkten der Fall ist, streben wir ein ganzes Ökosystem an“, sagt Patel. „Wir denken darüber im Sinne von Langlebigkeit nach.“

Ab einem gewissen Punkt klingt all das noch sehr nach Wunschdenken. Die Industrie für Unterhaltungselektronik hat eine reiche Geschichte an gescheiterten Versuchen, Produkte mit bequemen, modularen Upgrades herzustellen, von Googles Project Ara bis zu Razers Project Christine. Die große Herausforderung bei dieser Art von Projekten ist es, die Komponentenhersteller davon zu überzeugen, mitzumachen – was nicht einfach ist, wenn es keine bestehende Benutzerbasis gibt und das gesamte Konzept unbewiesen bleibt.

Patel sagt, dass sich Framework bis zu einem gewissen Grad auf seine bestehenden Beziehungen stützen kann, wie die, die er während seiner Arbeit bei Oculus aufbaute. Er ergänz außerdem, dass das Start-up mit „Tier One“-Zulieferern und einem der weltweit größten Unternehmen zusammenarbeitet, die Laptops in ihren Fabriken tatsächlich fertigen.

Doch letztendlich muss Framework vor allem die Verbraucher überzeugen, um einen Vertrauensvorschuss zu bekommen. Das bedeutet, mit einem Laptop auf den Markt zu kommen, dessen Qualität für sich sprechen kann, mit neuartigen Features wie der modularen Anschlussauswahl oder einer integrierten 1080p-Webcam mit 60 Bildern pro Sekunde, die unter gängigen Laptops heutzutage eine Seltenheit ist.

Zunächst bietet Framework übrigens keine Garantie, dass seine Produkte über Jahre hinweg aufrüstbar sind - schließlich handelt es sich um ein Start-up -, aber Verbraucher, die von der Idee eines endlos modularen Laptops fasziniert sind, haben kaum eine Alternative. „Bei Notebooks dringen wir in einen Bereich vor, in dem es für die User überhaupt keine andere Möglichkeit gibt, als diese verschlossenen, versiegelten Produkte zu kaufen“, sagt Patel.

Von Jared Newman via The Story Market; zuerst erschienen bei Fast Company.

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Titelbild: Framework

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Richtig toll! Als Computer-Fetischist habe ich schon immer ein Problem mit der Geschlossenheit von Laptops gehabt. Seit einigen Monaten habe ich das Fairphone und habe mich in diesem Zuge auch gefragt, warum es sowas noch nicht als Laptop gibt.

Aus den Zeiten des Early-Adopters bin ich raus, aber nach den ersten Nutzungsberichten, werde ich wohl definitiv noch einmal drüber schauen und dann vlt. endlich mal ein nachhaltiges portables Computergerät kaufen.

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Yeah, endlich auch seinen Laptop aufrüsten oder gar selbst zusammen konfigurieren können. Hoffentlich hat Framework Erfolg. Schließlich müssen am Ende immer noch genug Nutzer/Käufer da sein…

Ich überlege gerade wie wohl eine Kooperation von Purism und Framework aussähe. Security, privacy and sustainability.

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