Das geheimnisvolle Flugauto-Imperium des Larry Page

Seit jeher war Google-Gründer Larry Page von High-Tech-Projekten fasziniert. Vor allem anderen scheinen ihn aber fliegende Autos zu begeistern. Vor zehn Jahren begann er daher, Millionen aus seinem Privatvermögen in verschiedene Start-ups zu investieren. Die haben bereits zahlreiche Fluggeräte gebaut – aber bereit für den Kunden scheinen die noch nicht.

Von Michael Förtsch

Ende 2019 gaben Larry Page und Sergey Brin ihre Chefposten beim Google-Mutterkonzern Alphabet auf. Doch schon zuvor hatten sich die Gründer zunehmend aus dem Tagesgeschäft ihres Milliardenkonzerns zurückgezogen. Vor allem Larry Page schien sich bereits vor Jahren gedanklich von Google als reinem Suchmaschinen- und Werbeunternehmen verabschiedet zu haben. Bei Mitarbeiterversammlungen war er nicht mehr zu sehen und selbst Besprechungen mit Investoren schwänzte er. Er widmete sich stattdessen Google X – heute nur noch X –, dem 2010 gestarteten Forschungs- und Entwicklungslabor des Konzerns. X wurde zum Ort, an dem an selbstfahrenden Fahrzeugen, Augmented-Reality-Brillen oder Windenergie-Segeln geforscht und sogar über Weltraumaufzüge und Teleportation debattiert wurde. „Wir sollten die Dinge bauen, die es noch nicht gibt“, hatte Page auf Google-Konferenz I/O mal gesagt.

Es waren die futuristischen und wagemutigen Ideen, die Page faszinierten. Ideen, die aus Science-Fiction-Filmen stammen könnten. Eine davon machte er sich schließlich ganz zu eigen, noch bevor sie in die mediale Öffentlichkeit rückte: fliegende Autos. Die erscheinen heute nicht mehr so futuristisch wie noch vor wenigen Jahren. Sie sind mittlerweile – zumindest als Prototypen, die von elektrisch getriebenen Rotoren in die Luft getragen werden, – Realität. Schon bald werden sie in Testläufen erste Passagiere transportieren. Larry Page wollte sich frühzeitig seinen Anteil an dieser möglichen Mobilitätsrevolution sichern. Ohne großes Aufheben baute er dafür ein kleines Flugautoimperium auf – das eine so turbulente wie faszinierende Geschichte hat.

Alles streng geheim!

Nur vier Minuten vom Google-Hauptquartier in Mountain View, Kalifornien, entfernt lag in einem unauffälligen Flachbau das Büro eines kleinen Start-ups, das 2013 allmählich das Interesse der Medien weckte. Sein Name: Zee.Aero. Wie durch Patentanmeldungen bekannt wurde, arbeitete es an einem „privaten Flugzeug“, wie die Presse seinerzeit schrieb. Allerdings sah das auf den Zeichnungen der Patentanmeldung ganz und gar nicht nach einem Flugzeug aus. Etwas, das auch Hobbypiloten auf dem Hollister Municipal Airport unterschreiben konnten, die dort immer wieder ein bizarres Fluggerät sahen, das so gar nicht zu dem passte, was sonst auf den Provinzflughafen abhob und landete: ein merkwürdiges Gefährt mit Stummelflügeln und abstehenden Trägern, auf denen zahlreiche Propeller angebracht waren.

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Die Nähe zum Google Campus befeuerte natürlich Spekulationen, dass der Suchmaschinenkonzern hinter dem super-geheimen Start-up stünde. Dieses Gerücht war allerdings das einzige, zu dem Zee.Aero ein Statement abgab: Genau das sei nicht der Fall. Das war faktisch zwar die Wahrheit, aber trotzdem eine Irreführung. Denn es war Larry Page, der Zee.Aero vorantrieb – und zwar sowohl mit seinem persönlichen Vermögen als auch mit seinen Ambitionen. Er hatte sich sogar direkt über dem Büro des Start-ups ein Appartement eingerichtet, in dem er zeitweise lebte, arbeitete und eine Raketenstufe aufbewahrte, die ihm einst Elon Musk geschenkt hat. Die Zee.Aero-Mitarbeiter nannten ihn daher nur GUY, „the guy upstairs“.

Geleitet und gegründet wurde das Start-up schon 2010 unter dem Namen Levt Inc. – jedoch nicht von Page selbst, sondern von Ilan Kroo. Der war zuvor als Professor für Luft- und Raumfahrttechnologie an der Universität Stanford tätig und hatte dort unter anderem für die NASA an neuartigen Flügelkonzepten geforscht. Vor allem hatte er aber Pionierarbeit auf dem Gebiet des Flugzeugleichtbaus geleistet, die durch neue Komposit- und Synthetikmaterialen möglich geworden war. Das brachte ihn zur Überzeugung, dass neben Flugzeugen und Helikopter nun auch ganz andere Fluggeräte möglich wären. Ursprünglich wollte er ein Flugauto mit einfaltbaren Flügeln konstruieren, das in eine normale Garage passen könnte. Aber er entschied für sich, dass große Flügel eigentlich gar nicht nötig wären, wenn das Fluggerät nur leicht genug wäre und genügend stabilisierende Rotoren vorhanden sind. Es könnte so schmal sein, dass es in eine Parklücke passe.

Bereits 2011, also ein Jahr nach der Gründung und der Namensänderung zu Zee.Aero konstruierte Kroo mit einem kleinen Team einen ersten Miniatur-Prototyp – ein Proof of Concept – seines Flugautos, der starten, landen und schweben konnte. Das war offenbar genug, um Larry Page zu überzeugen, dass das Projekt eine Zukunft und Aussicht auf Erfolg hat. Innerhalb der folgenden Jahre soll der Google-Gründer rund 100 Millionen US-Dollar in seine Passion, sprich: in Zee.Aero, investiert haben. Mit diesen Geldern konnte das Start-up der NASA, Boeing und SpaceX einige der renommiertesten Luftfahrttechniker und Ingenieure abwerben. Allerdings: So richtig gut ging es dann trotzdem erst mal nicht voran.

Probleme bei der Konstruktion

Mehrere Jahre versuchte Zee.Aero das visionäre und zwischenzeitlich Z-P1 getaufte Flugauto von Ilan Kroo in ein nutzbares Beförderungsgerät im 1-zu-1-Maßstab umzusetzen. Aber bei den Tests mit dem schmalen Senkrechtstarter mit den längs am Rumpf verlaufenden Rotoren lief das Team immer wieder in Probleme. Bei Seitenwinden soll es beispielsweise ins Trudeln gekommen sein und die Vorwärtsgeschwindigkeit zu wünschen übriggelassen haben. Das Team und Kroo mussten sich eingestehen, dass sie sich mit dem Konzept verrannt hatten. Larry Page hatten die Verzögerungen offenkundig besorgt. Daher kaufte er bereits 2014 insgeheim das in Cobourg, Kanada, beheimatete Team von Opener zu, das zu diesem Zeitpunkt noch unter dem Namen SkyKar firmierte.

Rund 10 Millionen US-Dollar soll Page für die Firma gezahlt haben, die damals abseits der Luft- und Raumfahrtszene kaum bekannt war. Hinter SkyKar stand und steht auch noch heute noch der Ingenieur und Hobby-Pilot Marcus Leng, der einst eine Schaumstofffirma gegründet und dann verkauft hatte, um sein Flugauto-Projekt finanzieren zu können. Mit seinen Mitarbeitern zog er nach dem Aufkauf durch Page in einen unauffälligen Büro- und Arbeitskomplex im Palo Alto Business Park, der nur zwei Querstraßen vom Zee.Aero-Büro entfernt lag.

Woran Opener da werkelte war der Ein-Personen-Multikopter BlackFly. Marcus Leng hatte eine pragmatische Herangehensweise, die die praktische Funktionalität über das Design stellte. Daher besteht BlackFly aus einer zentralen Personenkapsel und je zwei dicken Tragflächen an Front und Heck, die mit jeweils vier Rotoren bestückt sind. Ein einfaches Design. Mit dessen aus Fertigteilen gebauten Prototyp SkyKar Rebel hatte Leng bereits 2011 einen ersten bemannten Schwebeflug absolviert.

Bereits im August 2015 legte ein neuer, deutlich professionellerer aber im Grundkonzept identischer Prototyp einen ferngesteuerten 20-Kilometer-Flug in Kalifornien hin. Im Jahr darauf folgten zahlreiche weitere Langflüge ohne Passagiere und 2017 dann mehrere bemannte Flüge. „Es war unglaublich“, soll Leng über seinen Testflug gesagt haben. Gelandet wurde das Fluggerät jeweils nicht auf Kufen, sondern, wie bei der Enthüllung im Juli 2018 gezeigt wurde, auf einem besonders verstärkten und geschwungenen Unterboden. Mit dem schaukelt der Multikopter nach dem Aufsetzen einfach in die Gerade. Umfallen? Unmöglich!

Ein drittes Flugauto?

Wie es schien, war Larry Page mit den Fortschritten von Zee.Aero und Opener noch nicht zufrieden. Vielleicht wollte er auch einfach nur auf Nummer sicher gehen, dass irgendeines seiner Flugautoprojekte abhebt. Quasi direkt vor der Haustür von Zee.Aero und Opener gründete er 2015 daher selbst noch ein weiteres Start-up, das nochmals auf ein anderes Konzept setzen sollte – mit einem Mann an der Spitze, von dem Page wusste, dass er liefern kann: Sebastian Thrun, den Kopf von Google X, der unter anderem für das Selbstfahrauto-Projekt Google Car zuständig gewesen war, aus dem die heutige Google-Schwesterfirma Waymo hervorging. Der Name dieses Start-ups: Kitty Hawk, benannt nach dem Ort, an dem die Gebrüder Wright ihren Erstflug absolviert hatten.

Thrun lockte einige Zee-Veteranen zu sich aber auch junge Entwickler von AeroVelo, einem Team der University of Toronto, das einen mit Muskelkraft betrieben Helikopter gebaut hatte. Von AeroVelo stammte auch der leitende Kitty-Hawk-Ingenieure Todd Reichert, der sagte, dass es die Mission von Kitty Hawk ist, „die Welt vom Verkehr zu befreien. Gemeinsam heckte das junge Team verschiedenste und stellenweise kuriose Konzepte aus – darunter auch die Idee, Menschen mit einer Kapsel aufzunehmen, die an einem Seil von einem schwebenden Flugauto baumeln sollte. Das erste konkrete Projekt wurde aber der vergleichsweise simple Flyer, ein Einsitzer-Multikopter, der an einen Katamaran denken lässt und als Spaß- und Freizeitgerät taugen sollte.

Die Gründung von Kitty Hawk soll sowohl die Teams von Zee.Aero als auch Opener reichlich brüskiert haben. Wohl auch daher ging Zee.Aero-Gründer Kroo 2015 zurück nach Stanford – um fortan nur noch als Berater für das Unternehmen zu arbeiten. Der Ingenieur Eric Allison übernahm daraufhin die Firmenleitung. Er warf die Arbeit mehrerer Jahre über den Haufen und plante das Flugauto neu. Unter dem Titel Z-P2oder auch Mule – bekam es breite Flügel, die es stabiler und leichter lenkbar machen sollten. Recht schnell absolvierte das neue Modell erste Flüge. Aber das half nichts. Wann genau ist unklar, aber Zee wurde mit Kitty Hawk fusioniert und damit Sebastian Thrun unterstellt, der da auch ein weiteres Kitty-Hawk-Projekt anstieß: einen Multikopter, der, anders als der Flyer, möglichst schnell, weit und leise fliegen könne.

Opener, das andere Start-up in Larry Pages Sortiment, machte hingegen weiterhin sein eigenes Ding. Oder, wie ein Sprecher von Opener sagte: Die Firma „hat sich entschieden, nicht am Kitty-Hawk-Unternehmen zu partizipieren“. Opener und Kitty Hawk sollen über die Jahre sogar eine vitale Rivalität entwickelt haben. „Markus hasst Sebastian“, sagte ein Opener-Mitarbeiter gegenüber The Verge über Opener-Gründer Marcus Lang. „Und Eric Allison hat echt keine hohe Meinung von Marcus.“ Daher würden – obwohl es sich sowohl bei Kitty Hawk als auch bei Opener um Larry-Page-Unternehmen handelt – , weder Fachwissen, Software, Hardware, Personal noch sonst irgendwelche Ressourcen geteilt werden. Page soll das jedoch eher als Vor- denn als Nachteil sehen.

Früh dran, aber noch nicht fertig

Sollte es Larry Pages Plan gewesen sein, durch den Wettbewerb zwischen den Start-ups schnelle Ergebnisse zu erzeugen, scheint der Plan aufgegangen zu sein: Denn schon 2017 präsentierte Kitty Hawk seinen Flyer, der ab Juni 2018 vorbestellt werden konnte. „Ich bin begeistert, dass ich sehr bald für einen schnellen und einfachen Flug in meinen Kitty Hawk Flyer steigen kann“, sagte Larry Page damals. Dann, im März 2018, wurde Cora vorgestellt, das einst von Eric Allison angestoßene Flugauto Z-P2 von Zee.Aero. Das sollte ab 2021 durch das Tochterunternehmen Zephyr Airworks in Neuseeland als Lufttaxi erprobt werden, versprach Kitty Hawk.

Nur wenig später, im Juli 2018, enthüllte Opener das kuriose BlackFly-Fluggerät, das zu diesem Zeitpunkt schon mehrere Tausend Kilometer an Flugstrecke absolviert haben soll. Erst da wurde erstmals publik, dass Larry Page auch hier seine Hände und sein Geld im Spiel hatte. 2019 folgte dann noch die Enthüllung des Elektroflugzeugs Heaviside von Kitty Hawk, das jedoch wie die Flugautos senkrecht starten und landen kann; ähnlich wie Cora aber dennoch anders.

Nach dieser Serie an verheißungsvollen Neuvorstellungen aus dem Larry-Page-Flugautoimperium folgten erstmal einige Rückschläge: Zwei Jahre nach der Vorstellung des Flyers entschied sich Kitty Hawk, ihn doch noch nicht zu verkaufen. Vorbesteller bekamen ihre Anzahlungen zurückerstattet. Offenbar war das als nahezu serienreif angepriesene Spaßflugauto doch noch nicht soweit. Zugunsten einer schnellen Vorstellung und Vermarktung sollen Sorgen um die Flugsicherheit beiseite gewischt worden sein, berichteten ehemalige Mitarbeiter dem Magazin Forbes. Mehrfach sollen die Prototypen nach wenigen Stunden technische Ausfälle gehabt oder sogar Feuer gefangen haben. 2019 soll es zudem durch Batterien, die aus einem abgestürzten Flyer geborgen worden waren, zu einem Brand in einem Lager gekommen sein.


Kitty Hawk wieder hatte seit seiner Gründung angeblich über 150 Prototypen seiner verschiedenen Fluggeräte auf über 30.000 Flüge geschickt.

Nun soll der Flyer angeblich überarbeitet werden. Es soll offenbar nicht mehr als Freizeitgerät, sondern als ernsthaftes Transportmittel dienen und dafür voll automatisiert in Städten über kurze Strecken von Punkt zu Punkt zu fliegen. Kitty Hawk soll dafür mehrere Städte auskundschaften, die für Probeläufe taugen. Idealerweise welche mit großen Wasserflächen, die überflogen werden könnten und im Falle eines Crashs oder Systemausfalls schwere Verletzungen oder Tote verhindern könnten. Jersey City und San Francisco sollen unter den Kandidaten sein.

Auch das Lufttaxi Cora und der dazu gehörige Flugdienst kommen wohl später und anders als gedacht – und vor allem nicht mehr von Kitty Hawk. Seit Ende letzten Jahres trägt das Flugtaxi-Projekt den Namen Wisk. Offiziell ist das ein Joint Venture von Kitty Hawk und Boeing. Doch ehemalige Angestellten zufolge sei es eher so, dass der Luft- und Raumfahrtgigant den geplanten Flugtaxi-Dienst samt dem Flugtaxi Cora aufgekauft und Kitty Hawk selbst keine Kontrolle mehr darüber hat. Kitty-Hawk-Mitarbeiter dürften an dem Flugtaxi, das sie über Jahre entwickelt haben, nicht weiterarbeiten. Auch die Abstimmung mit Behörden für den Betrieb soll nun von anderem Mitarbeitern übernommen werden.

Wer braucht sie, die Flugautos?

Von Opener und seinem BlackFly war seit der Einhüllung vor fast zwei Jahren nur sporadisch etwas zu hören. 28 BlackFly-Prototypen gebe es derzeit, erklärte der Firmenleiter Ben Diachun im Januar, die mittlerweile 49.000 Kilometer zurückgelegt hätten. Damit sei bewiesen, dass der Multikopter bereit für die Massenproduktion sei. Aber wann die genau beginnen wird, blieb bislang unkommentiert. Ebenso allerdings wie bei vielen anderen Flugauto-Start-ups rund um die Welt.

Ob Larry Page heute noch genauso von Flugautos und Lufttaxis überzeugt ist wie vor 10 Jahren, lässt sich schwer sagen. Sicher ist, dass er mit Zee.Aero, Opener und Kitty Hawk eine teure Wette auf eine futuristische Mobilitätsvision abgeschlossen hat. Ob sie am Ende aufgeht, hängt nicht nur davon ab, ob seine Entwickler die technischen Hürden meistern können, sondern auch davon, ob wir für den Verkehr der Zukunft wirklich Flugtaxis brauchen. Und da gehen die Visionen und Meinungen mittlerweile recht weit auseinander. Einige sehen die Flugautos und Lufttaxis als die Erfüllung eines futuristischen Erlösungsfantasie. Andere sehen sie als überflüssig an, als Laubbläser des Lüfte, die den Verkehr lediglich von der Straße in den Himmel verlagern.

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