Warum wir jetzt entscheiden müssen, welche Zukunft wir nach der Krise wollen


Auf die Corona-Krise muss reagiert werden. Jetzt! Doch dabei dürfen wir nicht aus den Augen verlieren, dass wir weiterdenken müssen als nur bis ans Ende der Pandemie, mahnt unsere Gastautorin Julia Stamm. Mit „The Futures Project“ hat sie eine Initiative gestartet, die ein ähnliches Ziel verfolgt wie 1E9: Visionen für eine gute Zukunft entwickeln – und dann die Umsetzung unterstützen. Gerade sucht sie in einem Call nach Innovationsprojekten. Auch ihr seid gefragt!

Ein Gastbeitrag von Julia Stamm

Die Situation, aus der wir uns zumindest in Europa gerade langsam herausarbeiten, ist eine noch nie dagewesene – zumindest in der jüngeren Geschichte. Wir erinnern uns: Mehr als 50 Prozent der Weltbevölkerung befand sich im Lockdown, um die Ausbreitung des Coronavirus zu stoppen.

Die aktuelle Krise hat – insbesondere wegen der Reaktionen auf sie – tiefgreifende Auswirkungen auf fast alles, was wir kennen und noch bis vor Kurzem für selbstverständlich hielten: Wirtschaft, Arbeit, physische und psychische Gesundheit, Sicherheit, Information, Bildung, kurz: auf den ganz normalen Alltag. Die Corona-Krise hat zu bemerkenswerten Verschiebungen und Entwicklungen geführt, die noch vor wenigen Wochen undenkbar waren. Demokratien haben das bürgerliche Leben und Freiheiten dramatisch eingeschränkt. Der „starke Staat“ ist zurück. Und auch in der Geopolitik sind wir Zeugen bedeutender Veränderungen.

Und was ist mit uns persönlich? Krisen lassen uns zunächst kleiner denken. Wenn alles unsicher ist, wenden wir uns nach innen. Wir konzentrieren uns auf das Wesentliche. Wir überleben. Die wichtigste, dringlichste Frage scheint dann zu sein: Wann wird es endlich wieder normal? (Über das, was „Normalität“ ist, soll an anderer Stelle nachgedacht werden.)

Entscheidungen, die wir jetzt treffen, wirken lange nach

Wenn man jedoch über diesen Kreis der Unmittelbarkeit hinausblickt, wird deutlich, dass die gegenwärtige globale Pandemie viel mehr von uns verlangen wird als lediglich das Auftauchen in die „Normalität“. Über das Hier und Jetzt hinaus wird immer klarer, dass die Corona-Krise einen enormen Bedarf für die aktive Gestaltung der Zukunft schafft. Doch wie soll die Post-Corona-Welt aussehen?

Es ist von essenzieller Bedeutung, zukünftige Herausforderungen zu antizipieren und anzugehen. Wenn wir auf die dringenden Bedürfnisse des Augenblicks reagieren wollen und gleichzeitig die Zukunft, die wir uns wünschen, im Blickfeld behalten möchten, müssen wir die Entscheidungen, die wir jetzt treffen, mit Bedacht und Sorgfalt treffen. The Futures Project positioniert sich exakt an der Schnittstelle von Gegenwart und Zukunft. Aus unserer Perspektive ist es klar, dass wir nicht über die Lösung von Problemen in der Gegenwart sprechen können, ohne sicherzustellen, dass wir wissen, wohin wir gehen wollen.

Wir müssen nur den Rissen folgen, die in den letzten Wochen und Monaten deutlich sichtbar geworden sind.

Man muss nicht weit ausholen, um klar zu erkennen, welche künftigen Bedürfnisse sich angesichts der Corona-Krise abzeichnen. Wir müssen nur den Rissen folgen, die in den letzten Wochen und Monaten deutlich sichtbar geworden sind. Die meisten dieser Risse gibt es schon lange, aber wir haben sie bis jetzt ignoriert. Die Risse führen uns auf direktem Weg zu einigen der Herausforderungen, die unsere Zukunft prägen werden.

Mit der Schließung von Schulen erkennen wir nicht nur, dass der Zugang zum Internet ungleich verteilt ist, sondern wir sehen auch, wie diese Ungleichheit direkt in konkrete Ergebnisse mündet: Einige Schülerinnen und Schüler kehren in die Schule zurück und können mehr oder weniger mit dem Unterrichtsstoff Schritt halten, während andere zurückfallen oder sogar komplett den Anschluss verloren haben. Wir sehen, dass soziale Distanzierung, systematisches Händewaschen und ein sicheres Zuhause für Menschen ohne eine stabile Unterkunft oder ohne Zugang zu Nahrung und Wasser schlicht nicht möglich sind. Wir sehen, dass unsere unentbehrlichen Arbeitskräfte lange Zeit am wenigsten geschätzt wurden und dass ihr Lebensunterhalt zu den prekärsten überhaupt gehört. Dies sind nur wenige Beispiele.

Wir sehen aber auch, dass wir unsere Probleme lösen können – vor allem, wenn wir bereit sind, die Realitäten und Ungleichheiten anzuerkennen, die wir bislang stillschweigend akzeptiert haben. Dies erfordert eine umfassende Neudefinition dessen, was möglich ist, und eine tiefgreifende Neuausrichtung dessen, was für uns akzeptabel ist.

Die Vereinten Nationen fordern uns zum Gespräch über die Zukunft auf

Die globale Gesprächsinitiative UN75, die anlässlich des 75. Geburtstags der Vereinten Nationen in diesem Jahr ins Leben gerufen wurde, hat einen internationalen Dialog über genau diese Themen eröffnet. Die Initiative fordert Menschen auf der ganzen Welt dazu auf, über die Zukunft zu sprechen. Dabei stellt sie drei big questions : Welche Art von Zukunft wollen wir schaffen? Sind wir auf dem richtigen Weg? Was brauchen wir, um die Kluft zu überbrücken? Als diese Fragen geschrieben und die Initiative gestartet wurde, ahnte noch niemand, welche Umwälzungen auf uns zukommen würden. Und auf einmal scheinen diese abstrakten Fragen nur von geringer unmittelbarer Relevanz zu sein.

Meine Kollegen von The Futures Project und ich sind jedoch der festen Überzeugung, dass die Reaktionen auf die Krise und das Nachdenken über die Zukunft Hand in Hand gehen müssen. In diesem unsicheren Moment gibt uns die Frage nach der Zukunft, in der wir leben wollen, ein Gerüst und auch eine gewisse Hoffnung auf unserem Weg. Angesichts des manchmal überwältigenden Ausmaßes der Krise hilft uns der Fokus auf die Zukunft dabei, unseren nächsten kleinen Schritt zu gehen.

Was sind die Zukünfte, die wir uns wünschen, und wie erreichen wir sie?

2020 sollte der Beginn eines entscheidenden Jahrzehnts für die 17 Nachhaltigen Entwicklungsziele der UN-Agenda 2030. Auch wenn die meisten von ihnen eine globale Pandemie in ihren Reaktionsplänen nicht berücksichtigten, liefern die SDGs auch einen Entwurf für die Zukunft, der uns bei unserer Krisenreaktion als Leitlinie dienen kann. Wenn wir auch nur die geringste Hoffnung haben, die Risse reparieren zu können und Lösungen für dringende Probleme zu finden, die uns nicht nur durch den Augenblick bringen, sondern uns darüber hinaus den Weg in eine widerstandsfähigere Zukunft ebnen, müssen wir Menschen über Generationen, Sektoren und Grenzen hinweg zusammenbringen, um gemeinsam Visionen für die Zukunft zu entwerfen und Pläne zum Handeln zu machen. Genau dies ist die Raison d’être und Motivation des Futures Project. Was sind die Zukünfte, die wir uns wünschen, und wie erreichen wir sie?

Unsere aktuelle Ausschreibung Innovators for the Future schlägt eine Brücke zwischen Reflexion und Aktion, dem Denken und dem Handeln. Wir möchten Innovationsprojekte identifizieren, die jetzt, in diesem Augenblick, positive Auswirkungen auf ihre Gemeinschaften haben, aber gleichzeitig die Zukunft im Blick behalten. Innovators for the Future erweitert den Ansatz der UN75, indem wir nicht nur fragen, welche Art von Zukunft wir schaffen wollen, sondern auch, was wir konkret tun, um dorthin zu gelangen. Mit unserem Social Impact Accelerator unterstützen wir dann die „Doer“ der Welt und die Zukunftsvisionen für ihre Gemeinschaften, auf die sie hinarbeiten.

Reicht eure Ideen ein!

Im Zentrum von The Futures Project und unserem Call for Innovators for the Future geht es vor allem um das Engagement für die Idee, dass wir eine bessere Zukunft aufbauen können – und werden. Wir wissen nicht genau, wie das aussieht. Das Erschaffen dieser Zukunftsvisionen ist Teil der Arbeit. Wir glauben jedoch fest daran, dass unsere Vorstellungen der Welt von morgen uns zeigen kann, wie wir es heute besser machen können. Wenn Ihr innovative Projekte habt, die uns dabei unterstützen, meldet Euch: Ihr könnt Euch noch bis zum 3. Juli registrieren! Und wenn Ihr unseren Call unterstützen möchten, meldet Euch gern direkt bei mir!

Titelbild: Shunli Zhao / Getty Images

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Eine sehr kritische Frage meinerseits. Diese Idee, dass man junge Menschen dazu ermuntert verheißungsvolle, ausgereifte Projekte einzureichen, sich also kostenlose Ideengebung beschafft, mit dem Anreiz einer möglichen aber nicht wahrscheinlichen Unterstützung, liegt ja jetzt seit knapp 10 Jahren stark im Trend. Keine dieser Initiativen gibt aber jemals preis, wie der Prozentsatz aussieht der Projekte die dann tatsächlich Unterstützung erfahren. Ich selbst habe schätzungsweise an 30-40 solcher Aufrufe bereits teilgenommen und sehr viel Lebenszeit in die Vorbereitung hineingesteckt, ohne jemals eine positive Antwort erfahren zu haben. In vielen Fällen kam sogar nie wieder irgendein Antwortschreiben zurück. Ich sehe Lieve van Woensel ist bei Euch im Advisory Team, was natürlich für Qualität spricht. Warum sollte man aber trotz dieser allgemeinen Tendenz der Ideenausbeutung bei Euch mit machen und hoffen das es anders wird? Ist nicht genau dieses Versprechen besserer Zukünfte und dann das nicht einhalten des Versprechens eines unserer Grundprobleme der momentanen demokratischen Infrastruktur? Und wie stellt Ihr sicher das es anders laufen könnte?

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Danke für Deine kritische Frage. Es ist ganz sicher nicht unser Anliegen als gemeinnützige Organisation, uns kostenlose Ideen zu beschaffen. Unser Ziel ist es, spannenden Projekten, auch wenn sie nicht in die letzten Runden kommen, zumindest wertvolles Feedback zu geben. Wenn möglich (und ganz sicher bei den Top 75), bieten wir auch Sichtbarkeit und Vernetzung an. Wer das nicht möchte, wird aber auch nicht dazu gezwungen.
Außerdem kann ich Dir garantieren, dass jeder Bewerber, der uns anschreibt oder ein Projekt einreicht, eine Antwort erhalten wird. Ich finde es selbst sehr frustierend, Organisationen zu konktaktieren oder bei Ausschreibungen mitzumachen und keine Reaktion zu bekommen. Uns ist ein möglichst persönlicher Austausch sehr wichtig, natürlich im Rahmen dessen, was mit unseren Resourcen möglich ist.
Und dann hoffen wir, dass die Fragen, die wir im Rahmen des ausführlichen Bewerbungsformulars stellen und die sich, da sind wir überzeugt, von dem, was man sonst sieht, unterscheiden, auch alle Bewerber anregen, noch mal anders über sich und ihre Arbeit nachzudenken, und die investierte Zeit als wertvoll empfinden.

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Ich finde das toll was Sie machen, schließe mich ab Herrn CTTF zu 100% an. Kapital gehört zur Innovation. Die Gemeinnützigkeit ist ein kommunistisches Konzept das nicht funktioniert. Um in der Zukunft etwas bewirken zu können benötigt man in der Gegenwart Kapital.