Von der Pharmaindustrie bis zum Rettungsdienst: Augmented Reality kann komplexe Arbeit einfacher, schneller und sicherer machen


In vielen Berufen kriegt man es mit komplexen Maschinen, Produktionsanlagen oder Verfahren zu tun. Die Folge können Fehler, zusätzliche Kosten oder sogar Unfälle sein. Doch Augmented Reality – also digitale Informationen, eingeblendet in die reale Welt – soll Abhilfe schaffen. Wie das geht, beweisen zum Beispiel das Münchner Unternehmen Goodly Innovations und die Nürnberger Digitalagentur SEVEN M, die AR-Systeme für die Pharmabranche und den Rettungsdienst entwickeln.

Von Christian Schweinfurth

Ob Tablette, Salbe oder Injektionslösung: Die Herstellung pharmazeutischer Produkte, die nicht selten unter sterilen Reinraumbedingungen stattfinden muss, ist hochindividuell und unterliegt gleichzeitig strengsten Vorschriften. Dennoch werden oft viele Erzeugnisse in derselben Produktionsstraße angefertigt, die jedes Mal auf das jeweilige Produkt angepasst werden muss.

In der Praxis müssen kleine Teams also Prozesse ausführen, die mehrere Hundert Schritte mit teils genau festgelegter Reihenfolge beinhalten können. So müssen Schalter oder Regler an den Anlagen neu eingestellt oder Teile ein- und ausgebaut werden – und das in der Regel von Hand und nach komplexen Anleitungen, die oft immer noch auf Papier gedruckt werden. Eine mühselige und fehleranfällige Arbeit. Versehentlich zerdrückte Kartons, Nähte, die nicht richtig schließen, oder unerwünschte Keimbelastungen können die Folge sein und ganze Produktionschargen vernichten.

„In der Pharmabranche werden manchmal über 100 Produkte auf einer Linie verpackt“, sagt Robert Hoffmeister, Geschäftsführer von Goodly Innovations aus München, im Gespräch mit 1E9. Genau hier will seine Firma mit ihrer Software OptiworX ansetzen: Es soll die komplex regulierten Prozesse exakt abbilden und den Teams und Mitarbeitern die passenden Aufgaben zum passenden Zeitpunkt am passenden Ort anzeigen – und damit die Fehlerquote beim Umbau senken sowie den gesamten Ablauf beschleunigen. Auch das Onboarding und Training von Mitarbeitern soll mit OptiworX schneller und präziser funktionieren – und auf die unterschiedlichen Hintergründe abgestimmt sein. Gelingen soll all das mit Augmented Reality.

Denn bei OptiworX handelt es sich um ein Augmented-Reality-System, das die Anleitungen aus Papier komplett ersetzt – und noch mehr kann. Mehrere Mitarbeiter können damit gleichzeitig auf Informationen zu den unterschiedlichsten Maschinen zugreifen. Über AR-Brillen, Smart Glasses oder Tablets werden die relevanten Informationen in das Sichtfeld der User eingeblendet, die dadurch sofort wissen, was als nächstes zu tun ist.

Auch die Dokumentation ist automatisiert

„Ich komme eigentlich aus der Medien-Technologie-Ecke“, sagt Robert Hoffmeister, der über zehn Jahre in Kalifornien bei Lucasfilm und Disney in verschiedenen technischen Positionen gearbeitet hat. Bei Goodly Innovations bündeln er und sein Mitgründer Dirk Schrader, der über jahrelange Erfahrung in der Pharma-Industrie verfügt, nun ihr Wissen.

Ihre AR-Lösung soll die Arbeit um über 40 Prozent beschleunigen – mit potenziell weitreichenden Folgen für die Kunden: Beispielsweise können sie dank AR selbst kleine Chargen, die bisher aus Kostengründen eher im Ausland produziert wurden, in Zukunft lokal abwickeln, verspricht Robert Hoffmeister. Erste Fallstudien bei sechs der globalen Top-10-Pharmafirmen sollen die Effizienz belegen. Auch neurowissenschaftliche Erkenntnisse führt das Unternehmen an, nach denen das Arbeiten mit AR-Medien die Aufmerksamkeit und Lernfähigkeit der User besonders stark bündelt. Ein weiterer Vorteil der digitalen Lösung: Die vorgeschriebene Dokumentation der einzelnen Arbeitsschritte wird automatisch, sicher und konform abgewickelt.

Zu Konkurrenzanbietern wie der AR-Plattform Vuforia von PTC möchte sich Goodly vor allem durch das branchenspezifische Know-How, die Einhaltung geltender Dokumentations- und Entwicklungsstandards der Pharmaindustrie und die flexibleren Konfigurationsmöglichkeiten abgrenzen. Goodly Innovations ist Microsoft-Partner und setzt mit seiner Lösung prinzipiell auf die volle Funktionalität von Microsofts AR-Brille HoloLens 2. Doch die OptiworX-Software erlaubt auch die Einbindung von vielen Mobile-, Smart- und AR-Devices anderer Hersteller.

Technische Beschränkungen gebe es allerdings durchaus, zum Beispiel durch einstrahlendes Sonnenlicht. Auch die nicht immer ausreichende Akku-Laufzeit der HoloLens von zwei bis drei Stunden gelte es bei längeren Einsätzen mit externen Battery Packs zu überbrücken. Eine weitere Herausforderung: die Brillen-Reinigung. Nicht jede Gerätehardware hält den Substanzen stand, die die Regularien der Pharmabranche in manchen Bereichen vorschreiben.

Für die nahe Zukunft plant Goodly Innovations neue Funktionen für den Remote-Support inklusive Audit Trail, also die lückenlose Aufzeichnung von Prozessänderungen zur Rückverfolgung und Qualitätssicherung. Damit ließen sich beispielsweise Mitarbeiter über von externen Fachkräften aus der Ferne anleiten, ein gerade in Corona-Zeiten überaus nützliches Feature.

So kann Augmented Reality bei Rettungseinsätzen helfen


AR verleiht uns zwar noch keine Superkräfte, macht die Welt aber schon jetzt einfacher In diesem Video aus unserer Serie New Realities mit dem XR HUB Bavaria erklären wir, wo AR schon jetzt eingesetzt wird und an welchen Projekten bereits gearbeitet wird. Auch RASAR von SEVEN M wird darin vorgestellt.

Rettungseinsätze sind schnell und unübersichtlich. Doch auch hier soll AR helfen, wenn es nach der Digital-Agentur SEVEN M aus Nürnberg geht. Ihr Anliegen ist die Digitalisierung von Rettungsplänen. Das sind jene schematische Übersichtsdarstellungen, die manchmal in Kraftfahrzeugen meist hinter der Frontsichtblende ausliegen, um Rettungskräften einen schnellen Überblick über Details der Fahrzeugkonstruktion zu geben, zum Beispiel über gezielt verstärkte Punkte der Karosserie, die sich nur schwer aufschneiden lassen, Sprengsysteme wie Airbag und Gurtstraffer sowie gefährliche Hochvoltsysteme.

Im aufkommenden Zeitalter der Elektromobilität wird vor allem die Batterie eine entscheidende Rolle spielen, denn die verbaute Hochvoltelektronik ist für die Rettungskräfte potenziell lebensgefährlich. Mit einer AR-App für Smartphones oder Tablets mit dem Arbeitstitel RASAR will SEVEN M Rettungskräfte in die Lage versetzen, sich schnell einen Überblick über die vorhandene Elektronik zu verschaffen. Die App soll Fahrzeugmodelle automatisch anhand der geometrischen Form erkennen können, bietet aber auch verschiedene Optionen, um bei Bedarf manuell nachzuhelfen. Zum Beispiel, wenn die Modellerkennung aufgrund von Rauchentwicklung am Unfallort oder einem extrem beschädigten Fahrzeug versagt. Dazu sind Fahrzeugmodelldaten fest in der App hinterlegt. GPS-Signale werden für die Fahrzeuglokalisation nicht ausgewertet.

Phillip Taufenbach, der Kreativ-Direktor der Agentur, vertraut auf die AR-Technik – auch unter schwierigen Bedingungen: „Die Gesamtproportion reicht für die Erkennung des entsprechenden Typs in der Regel gut aus“, sagt er. Auch soll die App durch gezielte Rückfragen, etwa ob der Airbag ausgelöst wurde, und eine effiziente Menüführung den Zugang zu allen für den Einsatz relevanten Informationen beschleunigen. Natürlich steht zur Not auf Knopfdruck auch einfach der zweidimensionale Rettungsplan zur Verfügung.

Mit der App wollen Phillip Taufenbach und seine Kollegen zudem die Abhängigkeit der verschiedenen Rettungsdienste (THW, Feuerwehr, DRK) von den Leitstellen reduzieren, die die erforderlichen Fahrzeugdetails nicht immer sofort bereitstellen können. Mit der AR-App geht das direkt am Unfallort. Die App ist übrigens nicht nur für die Rettungseinsätze konzipiert, sondern soll auch zu Schulungszwecken dienen.

Vergleichbare Lösungen gibt es bisher auch von einzelnen Autoherstellern. Diese beschränken sich jedoch in der Regel auf die eigenen Fahrzeugmodelle wie beispielsweise die AR-App Mercedes-Benz Rescue Assist, bei der es sich derzeit aber offenbar lediglich um einen Prototypen handelt. Eine funktionierende App ist in den Stores von Google und Apple jedenfalls nicht abrufbar.

Wie es zu der Idee kam? „Der Automobilsektor ist tief in unserer Firmen-DNA verwurzelt“, sagt Phillip Taufenbach. „Das Thema Hochvoltabsicherung bei Rettungseinsätzen ist uns in den letzten beiden Jahren schon öfter über den Weg gelaufen und somit bei uns im Hinterkopf immer mit präsent gewesen. Die AR-Tracking Technik hat, wie wir uns in einem aktuellen Kundenprojekt überzeugen konnten, auch ein entsprechendes Qualitätslevel erreicht. Somit haben wir im Kontext des New Realities Wettbewerbs entschlossen, das Thema intensiver anzugehen“.

Sowohl Goodly Innovations als auch SEVEN M nehmen mit ihren AR-Anwendungen am New Realities Wettbewerb von 1E9 und dem XR HUB Bavaria statt, dessen Sieger im Rahmen der 1E9-Konferenz im November gekürt werden.

New Realities ist ein gemeinsames Projekt von 1E9 und dem XR HUB Bavaria und wird gefördert durch das Bayerische Staatsministerium für Digitales. Den dazugehörigen Podcast kannst du bei bei Podigee, Spotify, Deezer und bei Apple Music hören und abonnieren.

Titelbild: Goodly Innovations

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