Studie: Deutsche Medien berichten eher einseitig über Künstliche Intelligenz

In den Medien wird immer mehr über Künstliche Intelligenz geschrieben. Eine Analyse zeigt nun allerdings, dass in der deutschen Medienlandschaft vor allem auf deren wirtschaftliche Seite geschaut wird. Die Studienautoren meinen, dass auch andere Perspektiven nötig sind. Zum Beispiel die Frage des Gemeinwohls.

Von Michael Förtsch

Sie wird immer wichtiger, diese Technologie, die gerne als Künstliche Intelligenz bezeichnet wird. Denn auch wenn Künstliche Intelligenz bislang kaum etwas mit menschlicher Intelligenz gemein hat, revolutionieren und verändern Maschinen-Lern-Modelle, Algorithmen und Mustererkennungssysteme die Medizin, Forschung, Architektur, Gesellschaft, Kultur und Politik. Daher ist es nicht überraschend, dass auch immer mehr darüber gesprochen und geschrieben wird – sowohl in den traditionellen als auch in den sozialen Medien. Und gerade natürlich auch bei 1E9. Wie genau die Künstliche Intelligenz bislang in den Medien dargestellt wurde, haben die Bertelsmann Stiftung und Universität Bremen nun untersucht.

Betrachtet haben die Studienautoren und -autorinnen in der Wie Deutschland über Algorithmen schreibt genannten Analyse insgesamt 18.000 Artikel aus den Jahren 2005 bis 2020. Diese stammen aus Leitmedien wie der Süddeutschen Zeitung und Der Spiegel, Tech- und Fachblogs und auch Twitter. Wie zu erwarten war, ist das Thema KI mit der Entwicklung der Technologie und sehr präsenten Produkten wie Siri, Alexa und Co. über die Jahre immer häufiger aufgegriffen worden. „Wie aus der Auswertung hervorgeht, hat sich die Präsenz des Themenkomplexes Algorithmen und KI in den betrachteten Leit- und Fachmedien in den vergangenen zehn Jahren deutlich erhöht“, heißt es in der Studie. „Von gerade einmal 17 monatlichen Erwähnungen im Jahr 2010 auf 498 Erwähnungen pro Monat in der ersten Jahreshälfte 2020.“

Am häufigsten geschrieben wurde dabei über Künstliche Intelligenz und Algorithmen als Produkt, Wirtschaftsfaktor und Technologie. Fast 18 Prozent aller Artikel hätten sich etwa um Sprachassistenten gedreht. Oft hätten die Artikel daher in Verbindung zu Unternehmen wie Google, Facebook oder dem Thema IT-Sicherheit gestanden. Zu Wort kamen in den Artikeln am häufigsten „Akteure aus der nationalen und internationalen Wirtschaft“. Letztere machen rund 37 Prozent der zitierten Personen aus – wohingegen Politiker und Vertreter der Zivilgesellschaft nur im einstelligen Prozentbereich vorkommen. „Im Fokus stehen, neben einzelnen Chancen für das Individuum wie Personalisierung und Optimierung von Fähigkeiten, vor allem ökonomische Vorteile wie wirtschaftlicher Fortschritt und Effizienzsteigerung“, heißt es in der Analyse.

Sehr oft sei das übergreifende Thema eines Artikels zu Künstlicher Intelligenz auch der digitale Wettstreit zwischen den USA, China und Europa oder die digitale Infrastruktur gewesen. Kaum eine Rolle hätten gesellschaftspolitische oder gemeinwohlorientierte Themen gespielt – beispielsweise KI im Gesundheitswesen, der Bildung oder ihr Bezug zum Klimaschutz. Nur ein Prozent der gezählten Artikel würden sich diesen Aspekten widmen. Die Studienautoren und -autorinnen sehen hier „blinde Flecken“, die sichtlich größer würden. Künstliche Intelligenz werde zu einseitig und zu ökonomisch betrachtet. „Die Analysen zeigen, dass wirtschaftliche Belange gerade in den letzten vier Jahren deutlich an Gewicht gewonnen haben“, erläutern die Studienverfasser. „Gesamtgesellschaftliche Chancen wie eine bessere Verteilung knapper Ressourcen oder ein fairer Zugang zu staatlichen Leistungen werden hingegen nur selten erwähnt.“

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Es braucht mehr Diversität

Insgesamt steht die Medienlandschaft in Deutschland der Künstlichen Intelligenz offenbar recht optimistisch und positiv gegenüber. Es werden häufiger die Chancen beschrieben, die die Technologie bietet und wie sie etwa Probleme effektiv lösen, im Alltag behilflich sein oder die Wirtschaft und Wissenschaft voranbringen könnte – nämlich in 42 Prozent aller Artikel. Nur zwölf Prozent der ausgewerteten Artikel sind eindeutig negativ.

Aber: „Trotz des insgesamt positiven Tenors werden zentrale Problemfelder und Risiken unseres Umgangs mit Algorithmen und künstlicher Intelligenz, wie etwa fehlende Kompetenzen, Intransparenz und mangelnde Kontrolle, in der Berichterstattung durchaus thematisiert“, heißt es in der Studie. Dabei würden in einer Vielzahl von Berichten auch konkrete Empfehlungen ausgesprochen – aber eher in Richtung der Leser, die lernen sollten, mit der neuen Technologie umzugehen. Forderungen nach mehr Aufsicht, Kontrolle oder Regulierung würden sich hingegen selten zeigen.

Laut der Analyse mangle es im Diskurs um Künstliche Intelligenz an Vielfalt. Sowohl was die Perspektiven als auch jene Menschen angeht, die in Artikeln zu Wort kommen. Die mediale Besprechung von Künstlicher Intelligenz müsse besser werden. „Dazu benötigen vor allem zivilgesellschaftliche und politische Stimmen größere Resonanz in der Debatte über Algorithmen und künstliche Intelligenz“, so die Studie. Insbesondere Leitmedien sollten diversere Positionen und Gesprächspartner zulassen. Außerdem wird von der Politik und Zivilgesellschaft gefordert, sich stärker in den Diskurs einzubringen und klare Positionen zu formulieren.

Dieser Artikel ist Teil des 1E9-Themenspecials „KI, Verantwortung und Wir“. Darin wollen wir herausfinden, wie wir Künstliche Intelligenz so einsetzen, dass die Gesellschaft wirklich davon profitiert. Alle Inhalte des Specials findest du hier.

Teaser-Bild: Maximalfocus auf Unsplash

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Das ist ein wichtiger Punkt und hat stark mit Kultur in D zu tun. In dem Kontext zusammenhängend sehe ich auch die mehrheitlich wirtschaftsorientierte Berichterstattung.

Ich fände es super wenn man auch über die üblichen ausgetretenen Pfade hinaus kreativ würde und zB über Anwendungen oder Weiterführung von Forschung oder auch Philosophisches / anthroposophische Aspekte diskutieren würde.

Und auch einfach über Dinge die vielleicht mehr Spaß machen und nicht so bitter ernst sind wie der reale Kampf um die speerspitze der welt-Wirtschaft …

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Ziemlich coole Übersicht! Zeigt ziemlich gut den aktuellen Stand und Zweck der Debatte: Deutschland hat wie immer Angst wirtschaftlich abgehängt zu werden, Deutschland checkt, dass KI ein wirtschaftlich immer wichtigeres Thema wird, Deutschland merkt, dass es im KI-Bereich weltweit noch keine Rolle spielt und muss jetzt Gas geben. Gesellschaftliche und ethische Debatten und Initiativen haben da eine schwierige Doppelfunktion. Zum einen werden sie vorgeschoben, um deutsche Politiker und die Bevölkerung zu beruhigen und eine potenziell wachstumshemmende harte Gesetzesregulierung so lange wie möglich zu umgehen und mit der Konkurrenz aufschließen zu können. Zum anderen versucht man das Ausland mit der ethischen Keule zumindest teilweise aus dem europäischen Markt zurückzudrängen. Künstliche Empörung über Datenkapitalismus (USA) und Datentotalitarismus (China) werden inszeniert, um dem Ausland eigene „ethische Prinzipien“ diktieren zu können, die vorrangig solche Digital-Praktiken verurteilen, in denen die Konkurrenz besonders gut ist. In der ganzen Debatte um ethische Prinzipien geht es auch nur darum, wer, wem seine Werte aufdrängen kann, um die eigenen Wettbewerbsposition zu stärken und die des Gegenübers zu schwächen. Ethik ist da leider nur Mittel zum Zweck.

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