“Global Mindfulness Practice”

Um Mitstreiter für diese Diskussion zu gewinnen, möchte ich an dieser Stelle noch nicht so viele Worte vorgeben.
Ich beschäftige mich schon sehr lange mit diesem Thema und könnte viele Seiten füllen. Es geht viel um Achtsamkeit und Gewahrsein.
Wenn wir über Nachhaltigkeit nachdenken, dann wird unsere individuelle Haltung zum und im Leben eine unbedingte Voraussetzung sein - oder?

3 Like

Oh, Mindfulness. Das ist ein Thema, bei dem ich wohl vielen auf die Füße treten werde. Denn ich halte diese „Praxis“ oder „Methode“ für verblendet und sogar gefährlich, wie sie gerade vermarktet wird – auch wenn die Essenz, die es mal gehabt haben mag, schon positiv gewesen sein könnte.

Denn Mindfulness wird nicht als einfaches Konzentrationstraining (mehr ist es in seiner Basis ja nicht) verkauft, sondern eine Art Selbsthilfewerkzeug, das individuelle Probleme bekämpfen und den eigenen Geist justieren soll. Dahinter steht eine so gefährliche wie arglistige Logik: Nämlich, dass die Probleme, die damit bekämpft werden, selbstverschuldet oder im eigenen Kopf zu finden sind.

Dabei sind die Probleme, die Mindfulness „bekämpft“ – Überforderung, Konzentrationsschwäche, Zerstreutheit, Stress etc. pp. – vielfach Ausprägungen unserer Konsum-, Medien-, Fördern-, nicht Fordern- und Aufmerksamkeitsökonomie: Sie sind oft externer Natur. Damit ist Mindfulness eine Methode, die Symptome zu bekämpfen aber nicht deren Verursacher. Es soll erreichen, dass sich Menschen dem falsch laufenden System anpassen und nicht das System den menschlichen Bedürfnissen; sie sollen durch diese Praxis weiterhin funktionierende Konsumenten und Produzenten bleiben und damit das System akzeptieren.

Es erfolgt dadurch eine Problem- und Lösungsumkehr im Sinne marktliberaler Präferenzen und eine Privatisierung der Negativeffekte der heutigen Wirtschaft und Ökonomie. Es wird die Nachricht verbreitet, dass alles, was dir und deinem Geist Probleme, Schmerzen und Unruhe bereitet, alleinig in deinem Kopf stattfindet und du gefälligst, daran arbeiten musst, das für dich zu klären – obwohl das Gegenteil der Fall sein sollte. Nämlich eine Debatte über die Negativeffekte unserer heutigen Welt und wie wir nun tatsächlich damit umgehen.

Damit ist Mindfulness vor allem eben auch ein Werkzeug, das von großen Playern wie Google, Facebook, etc. pp. an seine gestressten Mitarbeiter vermarktet wird, die unter Zeit-, Termindruck, hierarchischen Strukturen, einer mangelhaften Fehlerkultur und zunehmender Komplexität ihrer Produkte und Systeme leiden.

3 Like

Ha, danke @Michael, die Diskussion ist eröffnet…

Ja, in ihrer Essenz habe ich die “Praxis” schon gemeint.
Du hast in allen von dir angesprochenen Punkten recht! Ich muss gestehen, einen ziemlich großen Fehler gemacht zu haben, oder sogar zwei.

Hiermit hast du deine gesamte Kritik an der “Methode” Global Mindfulness Practice perfekt zusammengefasst. Mit Begeisterung stelle ich das fest.
Also, mein erster Fehler war der irreführende Glaube, dass endlich eine gewisse Bewusstwerdung der Beschäftigten in Institutionen, Firmen und Unternehmen begonnen hat.
Deine Ausführungen haben aber deutlich gemacht, dass es doch mehr mit Gaukelei zu tun hat.
Der zweite Fehler war, das erkenne ich jetzt, dass ich durch meinen Irrtum (erster Fehler) einen vollkommen unangebrachten Titel gesetzt habe. Ich hätte wissen müssen, dass “Global Mindfulness Practice” eine voll ausgereizte, vermarktete und institutionalisierte Methode ist, die wie du erwähnst, nur darauf abzielt:

Deine gewählten Worte sind Speerspitzen - und sie sind treffend.

Vielleicht kannst du mir noch einen Rat geben:
Ich könnte diesen Beitrag, so wie er hier steht, einfach wieder löschen. Damit hätte ich nicht die geringsten Schwierigkeiten. In diesem Fall würde ich die Essenz oder besser das Essentielle, was nötig ist, um mündige Erdbewohner zu werden, die unser falsch laufendes System erkennen oder durchschauen (externe Problematik) ohne dabei den intrinsischen Faktor, der dem äußeren System seine sog. Legitimität verleiht (interne Problematik), außer acht zu lassen, in einem neuen Beitrag mit einem anderen Titel verfassen.
Andererseits bringt unsere Diskussion auch etwas ans Licht, was interessierten Lesern die Augen öffnen kann, um nicht auf Spuk hereinzufallen. Dann würde der Beitrag vielleicht der Beginn für eine breitere Diskussion werden…

1 Like

Ja, das ist tatsächlich meistens so. Wobei es weniger Gaukelei, sondern eher Blendwerk ist.

Vielleicht kannst du mir noch einen Rat geben:
Ich könnte diesen Beitrag, so wie er hier steht, einfach wieder löschen.

Lass ihn stehen. Der Beitrag ist ja dennoch ein guter Start für eine Debatte.

2 Like

Ich trete hier mal zur Teil-Rehabilitierung deines Posts an @lifequest :upside_down_face: Denn obwohl ich es grundsätzlich auch für schräg halte, dass Unternehmen ihren Mitarbeitern Achtsamkeit beibringen wollen anstatt für ein Betriebsklima zu sorgen, indem sich das erübrigt, so würde ich @Michael doch in einem Punkt ein wenig widersprechen. Nämlich in diesem hier:

Tatsächlich liegt der unmittelbare Auslöser für Leistungsdruck, Minderwertigkeitsgefühle, Stress und andere Symptome in vielen Fällen in uns selbst. Zumindest ist das meine Erfahrung. Wir setzen uns unter Druck und projizieren Erwartungen an uns in andere Personen. Wir wollen jedem alles recht machen. Die Gründe dafür können im Betriebsklima liegen, oft aber wohl noch weiter in der Vergangenheit. Sie sind durchaus extern und resultieren in einem angeschlagenen Selbstwertgefühl, was dann zu diesen Reaktionen führt. Daran arbeiten muss dann aber jeder selbst.

Insofern ist alles, was Menschen dabei hilft, sich selbst mehr zu schätzen und selbstbewusster zu werden schon eine feine Sache, finde ich…

Das ist richtig – sie finden dort statt aber entstehen nicht unbedingt dort. Denn die eigentliche Ursache dafür liegt ja wiederum sehr oft in dem prägenden Arbeits- und Gesellschaftsumfeld. Eine Mensch wird weniger schnell in Stress, Schlaflosigkeit und Minderwertigkeitsgefühle verfallen, wenn seine Arbeitsstelle dies nicht heraufbeschwört.

Das Problem ist nun aber auch, dass Mindfulness so ziemlich nichts davon bekämpft; auch nicht die persönlichen Probleme, die vielleicht „wirklich im Kopf“ stattfinden. Es ist ein Mix aus Konzentrationübungen; was bei derartigen Problemen wirklich nötig wäre, wäre ein gesellschaftlicher Umschwung und psychologische Betreuung.

Schön @Wolfgang, wie du unsere Gedanken in einer Synthese verbindest.

Für mich ist es ein wichtiges Element, das FÜR und das WIDER mit gleichem Respekt zu betrachten, die für uns brauchbaren Bestandteile aus dem ihnen Gemeinsamen zu extrahieren und sie nicht als feindliche Gegensätze zu behandeln. Es sind eher Gegen-Spieler…

Überall erleben wir menschenunwürdige Produktionsverhältnisse aus Gründen der sog. Rationalisierung.
Unter diesen Verhältnissen ist es nur zu verstehen, dass die externen Einflussfaktoren den Menschen innerlich zermürben.
Wenn nun eine wirtschaftliche Institution bzw. ein Multi-Konzern, ein Global Player, Methoden wie “Global Mindfulness Practice” einsetzt, um die Produktionstauglichkeit ihrer Mitarbeiter zu gewährleisten,

dann ist es wie @Michael sagte:

Darum halte ich es an dieser Stelle für klüger, unsere Diskussion mehr auf den Schwerpunkt der Entwicklung menschlicher Qualitäten zu legen, um seine geistigen und körperlichen Potenziale zu optimaler Größe zu verhelfen.
Somit bekäme der Begriff Mindfulness (Achtsamkeit; Aufmerksamkeit) eine ihm gebührende Wertung. Wir würden schnell auf weitere Begriffe stoßen, wie z.B. Wachheit (Alertness) und
Geistesgegenwart (Presence of Mind). :relaxed:

@Michael, dank dir schreitet die Debatte voran. :slightly_smiling_face:
Aus der Antwort an @Wolfgang:

erkennst du die Richtung, in welcher ich unseren Diskurs fortschreitend lenken möchte.
Das erwähne ich hier, weil in mir die Frage auftaucht, wie viel jeder für die Entwicklung dieser stets wach zu haltenden Eigenschaften, von seiner Lebenszeit aufwendet.
Ist es nicht so, dass wir uns augenblicklich neu erschaffen?