Ein Künstler identifiziert Politiker, die bei Sitzungen mit dem Smartphone spielen – um vor Überwachung zu warnen

Der Künstler Dries Depoorter hat eine Software entwickelt, die die Live Streams aus dem flämischen Parlament analysiert. Sie markiert Politiker auf Twitter und Instagram, die bei den Sitzungen zu ihrem Smartphone greifen. Jedoch will er diese mit der Kunstaktion nicht bloßstellen, sondern zum Nachdenken zwingen.

Von Michael Förtsch

Politik kann ganz schön anstrengend und ziemlich öde sein – auch für Politiker. Insbesondere, wenn die Sitzungen und Debatten mal wieder länger ausfallen. Daher lenken auch sie sich gerne einmal ab, wenn sie eigentlich zuhören und konzentriert sein sollten. Immer wieder ist bei Übertragungen aus Parlamenten rund um die Welt zu sehen, wie Ministerinnen, Minister und Abgeordnete ihr Smartphone oder Tablet in der Hand halten, darauf herumscrollen und herumtippen. Manche lesen da ihre Emails oder Nachrichten. Andere lesen Medienberichte oder spielen Mobile Games wie Candy Crush, wie beispielsweise der thüringische Ministerpräsident Bodo Ramelow erst kürzlich ganz offen eingestand. Das sorgte für einen kurzen Aufschrei. Aber weitestgehend bleibt es unbeachtet, ob und wann Politiker nicht ganz bei der Sache sind.

Im flämischen Parlament in Belgien ist das jedoch seit kurzem anders. Wer hier während einer Sitzung oder Debatte auf sein Smartphone schielt, statt zuzuhören, der wird nun auf Twitter und Instagram mit Beweisvideoschnipseln samt Verweis zum eigenen Social-Media-Profil gerügt. Und zwar von einer Künstlichen-Intelligenz. Diese identifiziert die Politiker anhand ihres Gesichts und erkennt, wenn diese ein Smartphone in der Hand halten. Und zwar live während der Übertragungen der Sitzungen des Parlamentes auf YouTube. Daher dürfte so mancher Politiker den Fingerzeig sogar binnen Sekundenbruchteilen direkt als Push-Notification auf seinem Telefon sehen.

Bei dem The Flemish Scrollers getauften Digitalprojekt handelt es sich um eine Kunstaktion. Entwickelt und umgesetzt hat sie der belgische Künstler und Technologie-Aktivist Dries Depoorter. Der hatte in vergangenen Jahren bereits einen Computer entwickelt, der in Überwachungskameraaufnahmen nach Promis sucht, und eine Überachtungskamera gebaut, die über einen Lautsprecher beschreibt, was sie sieht. Auf diese Projekte habe er bei The Flemish Scrollers aufbauen können, sagt Dries Depoorter in einem Kurzinterview mit 1E9. „Eine Menge an Arbeit war quasi schon erledigt“, erklärt er. „Es war viel [fertiges Material] von diesen abgeschlossenen Projekten übrig.“

Lediglich eine Woche hat es Depoorter gekostet, die Software aus seinen vorhandenen Projekten anzupassen und zu implementieren. Die Smartphone-Erkennung hat er mit der vergleichsweise zugänglichen KI-Deep-Learning-Bibliothek Keras umgesetzt. Ebenso die Gesichtserkennung, die die Politiker anhand einer großen Bildersammlung identifiziert, die er aus Pressephotos und Videos zusammengestellt hat. „Gerade arbeite ich an einem Update der Software“, sagt uns der Künstler. „Die soll dann auch erkennen, ob jemand wirklich nur auf herumscrollt oder auf seinem Telefon herumtippt.“

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Was soll das?

Bei der Frage danach, was The Flemish Scrollers nun eigentlich erreichen soll, bleibt Depoorter recht vage. Aber er widerspricht den Schlussfolgerungen, die viele Zeitungen und Online-Magazine ziemlich schnell zogen. Er wolle weder die Politiker rügen, noch bloßstellen oder als Faulenzer entlarven. Stattdessen gehe es ihm darum, ein Bewusstsein für die „Gefahren von Künstlicher Intelligenz und Gesichtserkennung“ zu schaffen. „Ich hoffe [The Flemish Scrollers] regt die Politiker an, Fragen zu stellen“, sagt er. Niemand fühle sich wohl, wenn er überwacht wird. Darum gehe es. Das Projekt solle dazu führen, das sich die Politiker mit dem Für und Wider moderner Überwachungstechnologien befassen.

Ob das funktioniert? Zumindest, meint Depoorter, wären die Reaktionen auf das Projekt überwiegend positiv. „Und wenn ich mir die negativen Kommentare so anschaue, dann kommen sie aus dem politischen Spektrum“, sagt der Künstler. Und das sei schon irgendwie das, was er erreichen wolle – eine Debatte, die auch in anderen Ländern nötig sei. Aus diesem Grund denkt er gerade auch darüber nach, die Software hinter The Flemish Scrollers als Open-Source-Projekt freizugeben. Er bekäme schon jetzt zahlreiche Anfragen von Künstler und Aktivisten, die das Projekt für ihr eigenes Parlament adaptieren wollen – auch aus Deutschland.

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