„Die Menschen können ihre Körper in meteorologische Instrumente verwandeln“, sagt der Künstler Jonathon Keats

Der amerikanische Künstler, Experimentalphilosoph und Autor Jonathon Keats sieht die Corona-Krise als entscheidenden Wendepunkt. Sie könnte zur katastrophalen Beschleunigung der Klimakrise führen. Oder zum Gegenteil. Die Menschen könnten die Zerstörung des Planeten deshalb nicht länger hinnehmen wollen. Im Interview mit 1E9 erklärt er, wie sein neues Projekt das Bewusstsein für unsere Umwelt schärfen soll.

Ein Interview von Wolfgang Kerler

Die Kunstprojekte von Jonathon Keats sind zu fantastisch, um nicht fasziniert zu sein, und zu konkret, um nicht ins Grübeln zu kommen. Über die Zeit, unser Verhältnis zur Natur, die Zukunft und andere große Fragen. Auf den ersten Blick wirken manche der Arbeiten irgendwie naiv. Doch ihr gedanklicher Überbau, der so schlüssig ausformuliert ist, lässt keine andere Wahl, als sie dennoch ernst zu nehmen. So geht es mir jedenfalls.

Um unsterblich zu werden, erklärte Jonathon Keats sein Gehirn zum Kunstwerk, das vom Urheberrecht auch nach seinem Tod geschützt wird. Zumindest für 70 Jahre. Auch mit Gott beschäftigte er sich. Einmal wollte er nachweisen, dass auch der nur eine weitere Spezies ist, indem er Fruchtfliegen mit religiösen Gesängen beschallte, um sie zu göttlicheren Wesen zu transformieren. Ein anderes Mal verkaufte er für 20 Dollar ein Do-It-Yourself-Kit, um Gott zu spielen und Universen zu erschaffen. Außerdem produzierte er Reisereportagen für Pflanzen. So konnten Gewächse in Kalifornien den italienischen Himmel sehen, der ihnen sonst verborgen geblieben wäre.

Pflanzen spielten auch eine wichtige Rolle beim ersten Projekt, über das wir bei 1E9 berichtet haben. Mit den Pioneers of the Greater Holocene startete er im Herbst 2019 eine Graswurzel-Bewegung, die das menschengemachte Erdzeitalter des Anthropozäns doch noch stoppen beziehungsweise das Holozän retten soll. Um das zu erreichen, sollen alle Unterstützer auf die Suche nach Orten gehen, an denen die Natur noch intakt ist, Mensch und Natur in Einklang leben oder die Natur nach großen Zerstörungen wieder zurückkehrte. Außerdem geht es darum, die Wildnis in die Städte zurückzuholen, zum Beispiel mit Samenbomben.

In diesem Interview spricht Jonathon über die Corona-Krise und über den Almanach der Atmosphäre, der ebenfalls ein Beitrag sein soll, um die Menschen wieder in die Natur zu integrieren und die Trennung zwischen uns und anderen Lebewesen aufzuheben. Ganz konkret fordert er uns dazu auf, unsere Körper in meteorologische Instrumente zu verwandeln. Das gewinnt gerade auch deshalb an Aktualität, als die Wetter- und Atmosphärendaten, die sonst von Flugzeugen gesammelt werden, derzeit wegfallen.

1E9: Wie beurteilst du die Corona-Krise? Siehst du darin eine Chance, um echten Fortschritt zu erreichen? Oder bist du pessimistisch?

Jonathon Keats: Die Krise könnte durchaus ein Wendepunkt sein. Wir könnten in eine unfassbar düstere Zukunft eintreten, weil die Pandemie als Vorwand genutzt wird, um die Regulierung der Industrie zurückzufahren. In den USA erleben wir das bereits. Die Folgen für Klima und Umwelt wären katastrophal. Außerdem könnten Maßnahmen, die jetzt ergriffen werden, um die Pandemie einzudämmen – die Schließung der Grenzen etwa –, aus fremdenfeindlichen Motiven heraus beibehalten werden. Das Ergebnis wäre eine verschlossene, ängstliche Gesellschaft, die an einem System festhält, das unsere Umwelt zerstört. Das ist die düstere Vision.

Diese wird aber aufgewogen durch die Vorstellung davon, was wir alles erreichen können. Ich sehe jetzt das Potenzial für positive Veränderungen, weil wir erkennen, was die Gesellschaft gar nicht braucht. So können wir nach einer Alternative zu unserer überindustrialisierten Vergangenheit suchen, die zu einer ökonomischen Schieflage führte. Wir könnten ein Phänomen erleben, dass sich Shifting Baseline nennt.

Shifting Baseline würde auf Deutsch eine sich verschiebende Grundlinie bedeuten. Sich verändernde Referenzpunkte. Oder eine sich wandelnde Ausgangslage. Was steckt dahinter?

Jonathon Keats: Das Phänomen basiert darauf, dass unsere Erinnerungen sehr unvollkommen sind. Im Laufe der Generationen, manchmal schon im Laufe einiger Jahre akzeptieren wir etwas, das eigentliche eine Verschlechterung darstellt, als neuen Normalzustand. Der Referenzpunkt, um die Zukunft zu bewerten, verschiebt sich dadurch immer weiter zum Schlechteren. Die Folge ist, dass wir unverantwortliche und nicht nachhaltige Praktiken, die unsere Umwelt gefährden, nicht hinterfragen. Gerade könnte dieses Phänomen in die entgegengesetzte Richtung stattfinden.

Die Ausgangslage verschiebt sich zum Positiven?

Jonathon Keats: Genau. Während des Shutdowns haben wir erlebt, wie viel sauberer die Luft ist, wenn weniger fossile Brennstoffe verbrannt werden. Wo sonst Autos fuhren, konnten wir die Vögel zwitschern hören. Und wir konnten uns dort wieder gegenseitig hören. Die Folge könnte sein, dass wir die Zerstörung der Natur in Zukunft weniger hinnehmen werden und stärker darüber nachdenken, wie wir mit unserer Umwelt eigentlich umgehen.

Diese Hoffnung haben am Anfang der Krise viele geäußert. Doch inzwischen macht sich die Befürchtung breit, dass alle nur so schnell wie möglich weitermachen wollen wir vor der Pandemie.

Jonathon Keats: Gerade deshalb ist es enorm wichtig, jetzt alles dafür zu tun, um diese neue Grundlinie, diesen neuen Referenzpunkt festzuhalten. Wir können das derzeitige Momentum nutzen, um die Entwicklung, den Shift zum Positiven weiter auszubauen. Dafür wird es ökonomische und technologische Veränderungen brauchen. Wir müssen unsere Erwartungen ändern und es wird auch nicht ohne gesellschaftliche Spannungen gelingen.

Ist das angesichts der Wirtschaftskrise, die bereits begonnen hat, realistisch?

Jonathon Keats: Natürlich dürfen wir die Situation nicht aus der sehr bequemen, fast schon luxuriösen Perspektive heraus verklären, dass wir gerade wunderbare Ferien erleben. Denn gleichzeitig steigt die Arbeitslosigkeit rasant und Menschen stehen unter enormen wirtschaftlichen Druck. Viele wissen nicht, wie sie sich noch Essen leisten sollen. Das ist inakzeptabel.

Wahrscheinlich gehören Pandemien zum Betriebssystem der globalisierten Welt. Damit müssen wir uns wohl abfinden – und damit, dass die bestehenden Systeme diesen Umständen nicht standhalten.

Uns wird derzeit eben nicht nur vor Augen geführt, wie unsere bestehenden Systeme die Umwelt zerstört haben, sondern auch, welche Systeme in der Pandemie nicht mehr funktionieren. Wenn wir diese jetzt nur reparieren und wieder hochfahren, wird das nicht von Dauer sein. Das Coronavirus wird vermutlich über einen langen Zeitraum durch die Gesellschaft pulsieren. Oder es werden andere Zoonosen kommen. Wahrscheinlich gehören Pandemien zum Betriebssystem der globalisierten Welt. Damit müssen wir uns wohl abfinden – und damit, dass die bestehenden Systeme diesen Umständen nicht standhalten. Wir müssen daher auch neu über Wohlstand und Fortschritt und Gerechtigkeit nachdenken.

Welche Systeme, die jetzt zusammengebrochen sind, meinst du?

Jonathon Keats: Der Flugverkehr ist wohl das deutlichste Beispiel. Oder generell die scheinbar immer verfügbaren Transportsysteme, mit denen wir uns als globalisierte Gesellschaft bewegen. Gerade erleben wir am eigenen Leib, wie diese Systeme den Planeten aus seinem dynamischen Gleichgewicht bringen – selbst, wenn man die CO2-Emmissionen noch gar nicht miteinbezieht. Und unsere Transportformen machen es nicht nur Viren leicht, sich so schnell auszubreiten, dass wir sie nicht eindämmen können. Invasive Spezies, die unvorbereitete Arten in anderen Ökosystemen ausrotten, nutzen schon lange die gleichen Mitfahrgelegenheiten wie das Coronavirus.

Ich sage nicht, dass wir deswegen alle für immer zuhause bleiben sollten. Oder, dass wir nicht mehr fliegen sollten. Oder den globalen Handel einstellen sollten. Ich sage aber, dass wir uns der Konsequenzen unseres Transportsystems – und der anderen Systeme, die wir geschaffen haben – stärker bewusst werden müssen, um dann neue Wege zu finden, die diese Konsequenzen vermeiden.

Mit deinem aktuellen Projekt, dem Almanach der Atmosphäre , willst du die Leute dabei unterstützen, die langfristigen Auswirkungen unseres Handelns auf die Umwelt stärker wahrzunehmen. Kannst du uns die Idee dahinter näher erklären?

Jonathon Keats: Die Arbeit daran begann am Campbell Creek in Alaska, wo ich zusammen mit dem Anchorage Museum an einem Langzeitprojekt arbeite. Dahinter steckt der Gedanke, dass die Zeit nicht etwas ist, was dem Planeten von einer Atomuhr aufgezwungen wird, sondern ein emergentes Phänomen des Planeten. Konkret ging es in Alaska darum, den Fluss als ein System, ein Instrument zu gewinnen, mit dem wir die Zeit messen. Fließt der Fluss schneller, vergeht die Zeit schneller. Fließt er langsamer, vergeht auch die Zeit langsamer.

Der Campbell Creek, der nur einer der Flüsse ist, die wir für das Projekt betrachten, verläuft mitten durch die Stadt und auch durch einen Park. Ich wollte, dass die Menschen dort die Zeit aus der Perspektive des Flusses wahrnehmen. Und dafür schlug ich ihnen vor, jeden Monat den Fluss zu besuchen, um aufzeichnen, was sie dort beobachten. Von der Farbe des Wassers, über die Flora und Fauna bis zu anderen Dingen, die ihnen wichtig erscheinen. Nach einem Jahr könnten ihre Aufzeichnungen dann als Baseline , als Referenzpunkt dienen, um Veränderungen wahrzunehmen. Kommt man Jahre später zurück zum Fluss, kann man das, was man dort vorfindet, mit den eigenen Aufzeichnungen vergleichen und die ähnlichste Seite finden. Und dann wird man feststellen, ob sich der Fluss aufgrund des Klimawandels verändert hat. Der Januar fände dann – nach deinem Almanach – im März oder im November statt.

Nun sind Flüsse zwar ein großartiges System, um die Zeit zu messen, aber keineswegs das einzige. Deswegen habe ich den Almanch der Atmosphäre entwickelt, den man sich auch auf Deutsch herunterladen und ausdrucken kann. Er basiert auf den Beobachtungen des Wetters und der Umwelt um uns herum – und kann selbst in Quarantäne geführt werden, wodurch die Zeit des Shutdowns zum neuen Ausgangspunkt werden kann. Die Muster von Regen und Wind, die Farbe des Himmels, die Qualität der Luft oder die Auswirkungen des Wetters auf die Natur. Das lässt sich auch während der Pandemie aus dem Fenster oder vor der Haustür beobachten. Für jeden Monat gibt es eine Seite im Almanach, die man ausfüllen kann, wie man will: mit Wasserfarben, Gedichten, Zeichnungen oder Text.

Und wozu das alles?

Jonathon Keats: Indem sie in ihrem Almanach festhalten, was sie tagtäglich in ihrer unmittelbaren Umgebung beobachten, können Menschen ihre Sensibilität für die Umwelt schärfen. Sie verwandeln ihren Körper in ein meteorologisches Instrument. Gerade Stadtmenschen können so wieder in ihre Umwelt integriert werden und wahrnehmen, dass auch sie ganz persönlich mit den natürlichen Arten und Systemen um sie herum verbunden sind. Durch unsere Technologien haben wir uns viel zu sehr von ihnen isoliert und deshalb das Bewusstsein dafür verloren, wie unser Planet durch unsere Entscheidungen in Mitleidenschaft gezogen wird.

Die Abstraktion und die Absolutheit der Zeit, die wir mit der Atomuhr messen, sowie die Industrialisierung haben uns zu Zahnrädern in einer Maschine gemacht. Um da herauszukommen, brauchen wir alternative Zeitmessungen. Die sollen die technisch gemessene Zeit nicht ersetzen, aber eine zusätzliche Perspektive bieten. Historisch betrachtet haben die Menschen die Zeit übrigens sehr lange nur anhand ihrer Umwelt, des Wetters oder der Flüsse wahrgenommen.

Ich will den Menschen nicht vorschreiben, was sie denken sollen. Aber ich hoffe, dass ich ein Umdenken auslösen kann. Ich wünsche mir, dass wir eine gemeinschaftliche, tiefgreifende Diskussion und eine Erkundung der möglichen Zukünfte starten können, damit wir entscheiden können, welche Zukunft die nachhaltigste und verantwortungsvollste ist. Ganz persönlich wünsche ich mir eine Zukunft, die uns nicht strukturell von anderen natürlichen Systemen und damit von uns selbst entfremdet. Eine Zukunft, in der wir nicht Ressourcen ausbeuten, die von anderen Lebensformen geschaffen wurden, sondern eine Symbiose mit anderen Spezies eingehen. Dann könnten wir die Natur in ein dynamisches Gleichgewicht bringen.

Wir sind Menschen. Und es gehört aus meiner Sicht zu unseren Eigenschaften, dass wir Technologien entwickeln und einsetzen. Vom Faustkeil bis zu Künstlicher Intelligenz und Robotern.

Das klingt ein bisschen so, als würdest du die Zeit zurückdrehen wollen. Und Technologien wie Künstliche Intelligenz, Roboter, aber auch Biotechnologie hätten in dieser Zukunft wahrscheinlich keinen Platz, weil sie unnatürlich sind, oder?

Jonathon Keats: Da muss ich widersprechen. Zum einen sind Technologien genauso natürlich wie alle anderen Systeme, die der menschliche Verstand und unsere Interaktion mit den Ressourcen dieses Planeten hervorgebracht haben. Und zum anderen rufe ich absolut nicht dazu auf, in eine Vergangenheit zurückzukehren, die es ohnehin nie gab – außer in unserer nostalgischen Vorstellung. Und noch weniger wünsche ich mir die Vergangenheit zurück, die wir finden würden, wenn wir historische Forschung betreiben.

Ich wünsche mir einfach, dass wir uns selbst – und alles, was wir haben, was wir herstellen und was wir tun – wieder als Teil der Natur verstehen. Wir haben als Spezies zwar die Macht, Systeme zu entwickeln, die uns zunächst große Vorteile, anderen Arten aber große Nachteile bescheren. Damit schaden wir aber dem Planeten – und auf Dauer auch uns selbst. Doch wir sind ebenfalls in der Lage dazu, Technologien und Systeme so zu gestalten, dass dies nicht passiert.

Wir sind Menschen. Und es gehört aus meiner Sicht zu unseren Eigenschaften, dass wir Technologien entwickeln und einsetzen. Vom Faustkeil bis zu Künstlicher Intelligenz und Robotern. Aber wir sollten uns bewusst dafür entscheiden, welche Technologien wir nutzen, warum wir dies tun und welche Folgen das haben könnte. Für die Zukunft wünsche ich mir eine Gesellschaft, die Entscheidungen trifft – und nicht einfach die Folgen früherer Entscheidungen bestimmen lässt, was wir überhaupt noch tun können.

Eine englische Version des Almanachs ist bei livingmemories.ch verfügbar. Dort gibt es auch eine Anleitung, wie ihr eure Aufzeichnungen hochladen könnt, um an einer Studie von Nora Buletti am TdLab der ETH Zürich teilzunehmen.

Titelbild: Getty Images

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Eine atmosphärische Chronologie! Wunderbare Idee.

Es ist eine sinnvolle und sinnstiftende Art und Weise Kunst als ästhetische Produktion des Rezipienten, der somit zum Akteur und selbst zum Künstler wird, zu verstehen.

Ich schaue mir jetzt öfter in Keats Art die Fernsicht von Zürich in die Berge an, wie klar oder diesig es ist, die derzeitige überwiegende Absenz der Flugzeuge am Horizont – eine bemerkenswerte Baseline – und die Schneelage in den Schweizer Bergen. Die nimmt ab, je sommerlicher es wird.
In welchem Jahr wohl der Schneelagen-August im März sein wird…

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