Die ESA will orbitalen Müll mit einer Weltraum-Kralle entfernen

Im Jahr 2025 soll ein Start-up aus der Schweiz im Auftrag der ESA den über 100 Kilogramm schweren Überrest einer Raketenmission aus dem Erdorbit fischen. Geschehen soll das mit einem lenkbaren Satelliten, der mit einer großen Klaue ausgestattet ist. Der Testlauf soll zeigen, ob so in Zukunft der Erdorbit von Schrott gesäubert werden kann.

Von Michael Förtsch

Der Orbit der Erde ist voller Müll. Die NASA hat derzeit mehr als eine halbe Million Objekte im Blick, die als Weltraumschrott klassifiziert werden. Darunter sind verwaiste Satelliten, abgebrochene Solarpaneele, Antennen- und Raketenteile und einiges mehr. Hinzu kommen mehrere Millionen Teile, die zu klein sind, um kontinuierlich verfolgt zu werden. Beispielsweise Metall-, Keramik- und Kunststoffsplitter, die von Hitzeschutzplatten oder aus orbitalen Kollisionen stammen. Dieser schwebende Müllhaufen wird zu einer immer größeren Gefahr und droht, zukünftige Weltraummissionen zu gefährden. Daher hat die Europäische Weltraumorganisation ESA nun einen Vertrag mit einem Start-up geschlossen, das verspricht, das Problem zumindest in Teilen lösen zu können.

Insgesamt 86 Millionen Euro lässt sich die ESA die gemeinsame Mission mit dem Schweizer Unternehmen ClearSpace kosten. Ziel ist es, erstmals ein großes Stück an Weltraumschrott im Orbit einzufangen. Das Start-up, das aus einem Projekt der Hochschule Ecole Polytechnique Fédérale de Lausanne hervorgegangen ist, arbeitet mit ClearSpace-1 an einem flexibel lenkbaren Satelliten, der mit einer großen Klaue ausgestattet sein soll. Mit der sollen sich größere Schrottteile anpeilen, einfangen und dann entsorgen lassen.

Bis zum Jahr 2025 soll der Müllsatellit bereit sein und von der ESA in die Erdumlaufbahn gebracht werden, um zu testen, ob er funktioniert. Als Beweis sollen die Schrottjäger einen 112 Kilogramm schweren Nutzlastadapter, der seit dem Start der Trägerrakete Vega im Jahr 2012 im Orbit vagabundiert, finden und greifen. Anschließend soll der Nutzlastadapter in eine Bahn gelenkt werden, die ihn in Richtung der Erdatmosphäre führt und letztlich zum Wiedereintritt bringt. Dabei würde er verglühen. An der Entwicklung des Greifarm-Satelliten sind nebst ClearSpace Firmen aus ganz Europa beteiligt. Darunter unter anderem Airbus Defence and Space und STT Systemtechnik aus Deutschland.

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Weltraumüberwachung aus Deutschland

Laut ClearSpace sollen die Mission im Jahr 2025 und der ClearSpace-1-Satellit lediglich ein erster Schritt sein. Langfristig sollen umfassende Möglichkeiten entwickelt werden, um den Erdorbit von Müll zu befreien und den Weltraum für zukünftige Missionen wieder sicherer zu machen. „Die Frage des Weltraummülls ist drängender denn je“, sagt ClearSpace-Chef Luc Piguet. „Heute haben wir fast 2.000 aktive Satelliten im Weltraum und mehr als 3.000, die nicht mehr aktiv sind.“ In den kommenden Jahren würde sich dieses Problem mit Mega-Konstellationen wie Starlink intensivieren. Daher bräuchte es Mülllaster wie von ClearSpace, die sich um die Überreste kümmern.

Unterstützt werden sollen die Bemühungen durch Überwachungsanlagen, die den Weltraumschrott im Auge behalten – auch von europäischer Seite. Dazu gehört nach fünfjähriger Bauphase auch das erste deutsche Weltraumradar German Experimental Space Surveillance and Tracking Radar – oder kurz: GESTRA – auf der Schmidtenhöhe bei Koblenz, das erst im Oktober eingeweiht worden war. Es soll Weltraumschrott in erdnahen Orbithöhen von 200 bis 2.000 Kilometern erkennen und verfolgen. Derzeit befindet es sich noch in einer Testphase. Ab Anfang 2021 soll es in den Regelbetrieb gehen.

Teaser-Bild: ClearSpace

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Wichtiges Projekt, da der Weltraummüll ein ernsthaftes und steigendes Problem darstellt.

Schon Teile in Milimetergröße können aufgrund der Geschwindigkeit in der Umlaufbahn verheerende Schäden mit Tausenden von Bruchstücken verursachen, die dann die nächste Gefahr darstellen.

Eine Kettenreaktion könnte zu einem exponentiellen Wachstum der Bruchteile führen (sog. Kessler-Syndrom). Die Kollisionen würden regelrecht die Runde machen. Es könnte im Extremfall nicht mehr um Tausende, sondern um Milliarden von Teilchen gehen. Der große Aufbruch in den Weltraum wäre ad acta gelegt, ganz zu Schweigen von den Kollateralschäden (Verlust von Satelliten und der damit verbundenen Technik, ggf. auch von Menschenleben).

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Extrem spannend finde ich die Tatsache dass ein Startup (!!) diesen Vertrag gewonnen hat. Sowas in Europa, wo Raumfahrt sehr politisch ist, ist ein absolutes Ausreißer Ereignis.
Daraus lese ich entweder, dass die großen hier selbst nicht aktiv werden können oder dass auf Agentur Ebene (ESA) ähnlich wie mit der NASA in den USA die Weichen gestellt werden um agilere Innovationswege auszuprobieren als sie über die airbusse sonst möglich wären. Nur so konnte ein spacex entstehen. Und die Wettbewerbsfähigkeit der Europäer ist vermutlich auch davon abhängig ob wir in der Lage sind kommerziell getriebene Innovation auch in der Raumfahrt zu ermöglichen.

Was scheint mir auch der Startschuss hin zu einer Service Economy in Space zu sein. So werden langfristig kosten noch mehr sinken und evtl sogar permanente Space Plattformen entstehen.

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