Das modulare Transport- und Fahrsystem des DLR soll die Mobilität der Zukunft mitgestalten

Mit U-Shift arbeitet das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt an einem futuristischen Transportkonzept. Fahrende Plattformen sollen je nach Bedarf und Einsatzzweck verschiedene Module aufschultern können. Dadurch können sie als Bus, Postwagen oder Transporter funktionieren. Allein ist das DLR mit dieser Idee aber nicht.

Von Michael Förtsch

Die Straßen vieler Städte sind ziemlich voll. Busse, Transporter, Kleinlaster und PKW drängen sich zwischen den Häusern hindurch. Viele davon sind nur einen kleinen Teil des Tages unterwegs und stehen sonst herum. Die Lösung? Wie wäre es, wenn ein Elektrofahrzeug mehr als nur eine Aufgabe erledigen könnte? Wenn es etwa sowohl Transporter und Bus als auch als Lieferwagen sein könnte. Das wäre möglicherweise ein großer Schritt zur Verringerung des Verkehrs. Genau an solch einem Konzept arbeitet derzeit die Abteilung für Verkehrsforschung des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt. Denn dort hat ein 16 Köpfe starkes Team das sogenannte U-Shift-System entwickelt. Das wirkt futuristisch, clever und durchaus radikal.

Die Grundidee von U-Shift ist erstmal relativ simpel. Fahrzeuge sollen in Modulen funktionieren. Die Basis von U-Shift ist eine flache Fahreinheit von der Größe eines Kleintransporters, die von den Machern als Driveboard bezeichnet wird. In eine U-förmige Aufnahmefassung können dann, je nach Einsatzzweck, verschiedenste kapselartige Aufbauten eingeklickt werden. Sei es nun ein Transportcontainer, ein Busabteil, eine Paketbox, ein Büro auf Rädern oder Module, die bisher noch nicht einmal bedacht wurden. Der Einfall für das Konzept kam den Entwicklern, so Marco Münster vom DLR und Projektleiter von U-Shift, bei einem Workshop „für zukünftige Mobilität in Städten, Ballungsgebieten, Überland“.

„Die Trennung von Antriebseinheit und Transportkapsel bringt eine neue Art der Flexibilität und Effizienz für die Mobilität von morgen“, sagt Marco Münster zu 1E9. Die Driveboards können tagsüber vollkommen autonom mit Bus-Modulen bestückt Menschen umherfahren, in der Nacht können sie dann beispielsweise Warenlieferungen in und zwischen Städten transportieren. Bei einem Lieferunternehmen könnten sich die Fahrzeuge, die gerade noch große Transportboxen angeliefert haben, in wenigen Sekunden in kompakte Postautos verwandeln. Bei einem Defekt würde zudem nicht gleich das ganze Fahrzeug ausfallen, sondern nur das Driveboard, das schnell ausgewechselt werden kann. Und das leise, schnell und ohne menschliches Zutun.

Der Prototyp zeigt, es funktioniert!

Dass U-Shift grundsätzlich funktioniert, hat das DLR im September mit einem Prototypen bewiesen. „Der wurde in rund einem Jahr fertiggestellt“, sagt Marco Münster. Entwickelt wurde er in Kooperation mit dem mit Forschungsinstitut für Kraftfahrwesen und Fahrzeugmotoren Stuttgart, dem Institut für Technik der Informationsverarbeitung und dem Karlsruher Institut für Technologie. Gebaut wurde das Fahrzeug letztlich vom Konstrukteur AKKA Concept. Der Prototyp kann, wie das DLR testete, bereits sicher einzelne Module aufladen, mit einem Hubsystem anheben, transportieren und wieder absetzen.

Autonom unterwegs ist der derzeitige U-Shift-Prototyp jedoch nicht. Noch wird er per Fernsteuerung gelenkt – und ist daher aus Sicherheitsgründen nur mit 16 Kilometern pro Stunde unterwegs. Denn er soll zunächst einmal ermöglichen, das grundlegende Konzept zu testen und erste Erfahrungen zu sammeln. Schon beim nächsten Prototypen soll sich das aber ändern. Bei dem soll das Driveboard bereits mit Sensoren, Kameras, Nahbereichsradar und Lidar ausgestattet sein. Die Bus-Kapsel soll über zusätzliche Kameras und einen Lidar verfügen. „Dann fahren wir autonom“, sagt Marco Münster und hofft zudem auf eine Reichweite von 290 Kilometern. Die Entwicklung des neuen Prototypen hat bereits begonnen.

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Es gibt Konkurrenz

Wirklich neu ist die grundlegende Idee von U-Shift nicht. Es gab und gibt bereits ähnliche Konzepte. Unter anderem hatte Mercedes im Jahr 2018 mit seiner Vision Urbanetic eine vergleichbare Studie für modulare Fahrzeuge vorgestellt. Auch hier soll ein Fahrplattform als Basis entwickelt werden, die beispielsweise Transport- und Passagier-Kapseln aufnehmen kann. Anfang 2019 rollte ein Prototyp mit dem eigenwillig gestalteten Passagier-Modul selbstständig durch Las Vegas. Das israelische Start-up REE arbeitet gleich an einer ganzen Reihe von Fahrplattformen in verschiedensten Größen, auf denen dann einfach und schnell verschiedenste Aufsätze aufgebaut werden können. Auch hier haben erste Testreihen bereits begonnen.

Diese Konzepte schauen wir uns auch immer mit Begeisterung an und bewerten Sie im Vergleich zu unseren Konzeptansätzen.
Marco Münster

Laut Marco Münster ist man sich dieser Teams und deren Visionen durchaus bewusst – aber mache bei U-Shift einiges anders und besonders, was etwa die Schnittstelle bei der Fahrplattform und den Hebemechanismus angeht. „Ja es gibt unterschiedliche Konzeptfahrzeuge, die auch Driveboard und Kapsel voneinander trennen“, sagt er. „Diese Konzepte schauen wir uns auch immer mit Begeisterung an und bewerten Sie im Vergleich zu unseren Konzeptansätzen.“ Allerdings ist das DLR kein Mobilitäts-, sondern ein Forschungsunternehmen. Das DLR selbst kann, soll und will U-Shift daher nicht auf den Markt oder zu einer Serienentwicklung bringen will. Zumindest nicht selbst. Ein wirklicher Konkurrenzdruck existiere daher nicht.

Dennoch will das Team U-Shift natürlich zum Erfolg machen und zeigen, dass das Konzept funktioniert. Auch in der Hoffnung, es vielleicht in Zukunft auf öffentlichen Straßen zu sehen. „Wir suchen immer Partner aus unterschiedlichen Bereichen, die ihre Technologien, Tools und Methoden bei uns im U-Shift einbringen wollen“, sagt Marco Münster. „Auch Überlegungen zu Ausgründungen gibt es. Mit Freude würden wir den Sprung des U-Shift in eine Serienanwendung sehen und den Weg soweit wir können mitgestalten.“

Teaser-Bild: DLR

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