Wissenschaftler haben einer 3.000 Jahre alten Mumie ihre Stimme zurückgegeben

Mit einem Computertomografen und einem 3D-Drucker ist es britischen Wissenschaftlern gelungen, einen vor rund 3.000 Jahren verstorbenen Ägypter zum „Sprechen“ zu bringen – oder zumindest zum Stöhnen oder Seufzen. Dabei machten sich das Team aus Archäologen, Ingenieuren und Medizinern auch Gedanken darüber, ob das ethisch überhaupt vertretbar ist.

Von Wolfgang Kerler

Erfahrene Drei-Fragezeichen-Hörer wissen sofort, dass eine ägyptische Mumie nicht von sich aus anfängt zu sprechen. Da müssen lebende Menschen nachgeholfen haben. Genauso ist es auch im Fall der Mumie eines Mannes namens Nesyamun, einem Priester und Schreiber im Tempel von Karnak in Theben. Er hatte diese Position während der Regierungszeit von Ramses XI, die von 1099 bis 1069 vor Christus dauerte. Nesyamun starb also vor etwa 3.000 Jahren.

Einem Team aus Forschern um David Howard von der University of London gelang es nun, Nesyamun den Klang seiner Stimme zurückzugeben. Der erste dafür notwendige Schritt war es, seinen Vokal- oder Sprachtrakt mit einem Computertomografen, kurz: CT, zu vermessen. Bei einem Skelett wäre das nicht möglich gewesen, doch durch den Mumifizierungsprozess blieben Nesyamuns Kehlkopf und Rachen erhalten. Allerdings, das räumten die Forscher in einer Veröffentlichung bei Scientific Reports ein, hatte die Zunge im Laufe der Zeit ihre Muskelmasse verloren – und vom Gaumen war nichts mehr übrig.

Obwohl eine exakte Wiederherstellung der Stimme dadurch nicht machbar war, konnte auf Basis der Scans und mit der virtuellen Modellierung der fehlenden Teile ein Modell des Stimmapparats erstellt und mit einem 3D-Drucker ausgedruckt werden. Dieses schlossen die Wissenschaftler dann an einen elektronischen Kehlkopf und einen Lautsprecher an – und Nesyamung war nach 3.000 Jahren wieder zu hören. Mit einem „Äääääh“- oder „Mmmm“-artigen Laut. Ihn wirklich sprechen lassen, würde derzeit schon daran scheitern, dass niemand weiß, wie genau die alten Ägypter ihre Sprache tatsächlich artikulierten.

Hätte Nesyamun das gewollt?

Bevor die Forscher mit ihrer Arbeit begonnen, stellten sie sich die Frage, ob ihr Ansinnen überhaupt ethisch vertretbar sei. Schließlich handelte es sich bei der Mumie nicht um irgendein archäologisches Forschungsobjekt, sondern um die Überreste eines Menschen. Die Antwort darauf fanden sie in den Inschriften auf Nesyamuns Sarg, wie sie in ihrer Publikation erklären: „In diesen Texten bittet Nesyamun darum, dass seine Seele ewige Nahrung erhält, sich frei bewegen kann und die Götter sehen und ansprechen kann, wie er es in seinem Arbeitsleben getan hat.“

Und da Nesyamuns Stimme ein wesentliches Instrument zur Erfüllung seiner rituellen Pflichten gewesen sei, zu denen sowohl gesprochene als auch gesungene Elemente gehörten, wäre es wahrscheinlich sein Wunsch gewesen, wieder gehört zu werden. Von seinem wissenschaftlichen Erfolg verspricht sich das Team um David Howard neue Möglichkeiten, Geschichte an Menschen zu vermitteln – eingebunden in klassische Ausstellungen, aber auch in Form von digitalen Darstellungsformen.

Die Mumie wurde schon oft untersucht

Für Nesyamun, dessen Mumie im Leeds City Museum zu sehen ist, war es übrigens nicht die erste post-mortale Untersuchung, wie das Forscherteam schreibt. 1824 wickelten Mitglieder der Leeds Philosophical and Literary Society seine Mumie aus und examinierten sie – als Basis für eine der ersten wissenschaftlichen Publikationen über ägyptische Mumien.

Nach der Erfindung des Röntgengeräts folgten 1931 und 1964 weitere Analysen seines Körpers, bevor Wissenschaftler 1990 mittels einer Endoskopie und früher CT-Scans noch mehr über sein Leben und seine Todesursache herausfanden. Demnach war Nesyamun bei seinem Tod Mitte 50 und litt an schlechten Zähnen und einer Zahnfleischerkrankung. Wahrscheinlich starb er an einer allergischen Reaktion auf einen Insektenstich – und nicht, wie zunächst angenommen, weil er gewaltsam stranguliert wurde.

Titelbild: Der mumifizierte Körper von Nesyamun beim CT im Krankenhaus von Leeds. Bild: Leeds Museums and Galleries

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Würde das also möglicherweise auch mit Ötzi gehen? Denn der dürfte ja zumindest in Teilen ähnlich gut erhalten sein.

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Es ist nicht ausgeschlossen, dass wir Ötzi zu hören kriegen – auch wenn von seinem Vokaltrakt nicht mehr viel übrig ist. Denn es gibt auch Verfahren, um diesen anhand des Schädelknochens so halbwegs zu rekonstruieren… Hier, auch aus der Mumiemstudie:

Aside from the archaeological possibilities based on the relatively rare survival of intact vocal tract soft tissue as in the case of Nesyamun, it is possible to estimate vocal tract shapes purely from skeletal information22 via, for example, ellipses of dispersion for skull bony landmarks23

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