Wie die Silicon-Valley-Chefs ihre Gesundheit 'hacken'

Die Silicon-Valley-Mogule haben Macht, Geld und können sich damit so ziemlich jeden Wunsch erfüllen. Aber auch sie können das Altern nicht aufhalten – noch nicht zumindest. Daher versuchen sie ihren Körper mit anderen Tricks jung und fit zu halten. Manches davon ist nachweislich hilfreich, anderes pseudo-philosophisch oder sogar gefährlich.

Von Michael Förtsch

Wer viel hat, der will oft noch mehr. Vor allem mehr Zeit zum Leben. Aber selbst wenn einige Milliarden auf dem Konto und die neuesten Technologien in Griffweite liegen, lässt sich mehr Lebenszeit nicht kaufen oder fabrizieren. Jedenfalls nicht einfach so. Daher investieren derzeit Millionäre und Milliardäre großzügige Summen in Start-ups und Forschungsprojekte, die ihnen die ewige Jugend durch Reprogrammierung von Zellen versprechen – oder zumindest die Suche nach einfachen Möglichkeiten, um einige Jahre länger auf dem Planeten zu verweilen als es die Biologie derzeit zulässt. Doch bis dahin wird es noch eine ganze Weile dauern, prognostizieren Wissenschaftler. Denn obschon es vielversprechende Ansätze auf dem Weg zur Verlängerung des menschlichen Lebens gibt, ist noch viel Forschung und Entwicklung gefragt.

Aus diesem Grund setzen insbesondere die oft selbsternannten Visionäre der Tech-Branche momentan auf health und wellness hacks, die ihnen ein besonders gesundes und langes Leben ermöglichen und ihren Verstand auf neue Ebenen heben sollen. Wie der WIRED-Redakteur Manvir Singh in einem Artikel attestierte, stilisieren sich so manche der gefeierten Gründer nicht mehr nur als gute Geschäftsmänner, clevere Entwickler oder fähige Investoren, sondern als Gurus, die die Grenzen ihres Daseins verschieben wollen. Und genau das versuchen sie mit den typischen Silicon-Valley-Methoden zu erreichen.

„Die Leute hier [im Silicon Valley] haben eine technische Denkweise“, sagte Serge Faguet bereits 2018 gegenüber dem Guardian. „Sie betrachten alles als eine technische Herausforderung.“ Faguet weiß, wovon er redet. Er selbst ist darauf aus, so lange gesund zu bleiben, bis das Mittel für das ewige Leben gefunden wird. Er meint, dass „wir [Menschen] komplexe Roboter sind – und Roboter können verbessert und aufgerüstet werden“.

Er überwacht seinen Körper minutiös mit einem Glukosesensensor und einem Sensorring von Oura, um Daten über seinen Nährstoffhaushalt, Schlaf und mehr zu erhalten. Er schluckt zudem regelmäßig das verschreibungspflichtige Diabetesmedikament Metformin, das Krebs und Herzkrankheiten vorbeugen soll. Ebenso nimmt er Modafinil, das angeblich die Hirnleistung steigert, Hormonpräparate, Östrogenblocker sowie MDMA – sprich: Ecstasy –, das ihm helfen soll, sich zu konzentrieren. Aber vor allem verzichtet er: auf jeglichen Zucker, vorverarbeitete Lebensmittel und, soweit wie möglich, auf Fleisch und Salz.

„Esst, wenn möglich, Bio-Produkte, vor allem wenn es um tierische Produkte geht“, schreibt Faguet in einem ausführlichen Artikel auf Hackernoon und rät, mehr Geld für bessere Lebensmittel auszugeben. Denn je billiger ein Produkt sei, umso mehr Tricks und Zusatzstoffe hätten Firmen eingesetzt. Die wären zwar nicht gleich toxisch und schädlich, aber auch nicht unbedenklich – wie etwa Antibiotika, die Tieren gefüttert werden oder Konservierungsstoffe, die Backwaren haltbar machen.

Der seit 2012 bei Google arbeitende Erfinder und Futurist Ray Kurzweil verfolgt eine ähnliche Strategie. Er hofft auf das baldige Eintreffen der Singularität und damit die Möglichkeit, menschliche Körper mittels Nanorobotern zu reparieren oder seinen Verstand vor seinem Ableben zu digitalisieren. Wie er in Interviews ausführte, gibt er pro Jahr rund eine Million US-Dollar aus, um seine Gesundheit zu erhalten. Dazu komme eine strenge Diät- und Sportroutine. Zu seinem Frühstück gehören seinen Aussagen zufolge frische Beeren, Fisch, Haferbrei, grüner Tee und Espresso mit dunkler Schokolade. Auf Zucker verzichte er weitestgehend.

Ebenso lasse er sich von Ärzten einen Mix aus rund 100 Nahrungsergänzungsmitteln und Medikamenten auf seine persönliche Biochemie abstimmen. Darunter Metformin, das auch Faguet schluckt, aber auch Phosphatidylcholin, was ein Bestandteil von Zellen ist, der, wie Untersuchungen nahelegen, die kognitive Alterung bremsen und die Gesundheit von Haut und Organen erhalten kann. Dazu kommt Vitamin D, mit dem laut mehrerer Studien, wie das Deutsche Krebsforschungszentrum schreibt, eine „Verringerung der Sterberate an Krebs um etwa 13 Prozent“ einhergeht.

Das macht Jack Dorsey

Andere Tech-Größen setzen auf weniger medikamentöse, aber nicht unbedingt weniger radikale Methoden. CNBC berichtete 2019 davon, dass der einstige Twitter-Chef Jack Dorsey lediglich Multivitamin- und Vitamin-C-Pillen schluckt, aber sonst ein äußerst rigides Wellness-Programm exerziert. Er isst demnach nur einmal am Tag – und zwar zwischen 6:30 Uhr und 9:30 Uhr –, trinkt jeden Morgen Wasser mit Himalaya-Salz und Zitronensaft und fastet jedes Wochenende. Er ernähre sich fast ausschließlich von Fisch, Huhn, Rindfleisch, Salat und Spinat. Dieser Low-Carb-Ernährungsplan ist allerdings nicht ohne Kritik. Ernährungsexperten verglichen ihn mit einer starvation diet – also: Hungerdiät –, die zu Problemen wie Deprivationerscheinungen, Immun- und Kreislaufschwächen und Ermüdungserscheinungen führen kann.

Zusätzlich experimentierte Dorsey, wie er selbst twitterte, mit zusätzlichen Fastenperioden, nahm drei Tage lang nur Wasser zu sich und lief während seiner Zeit bei Twitter morgendlich fünf Kilometer zum Büro. Täglich absolviert er mehrere heiße Saunagänge und springt anschließend in ein drei Grad kaltes Eisbad. Kalte Bäder und Duschen haben einen messbaren Effekt: Sie lösen eine Kälteschockreaktion aus, steigern den Blutdruck, lassen das Herz schneller schlagen und aktivieren das sympathische Nervensystem. Insbesondere nach dem Sport kann das eine positive Wirkung entfalten, Schwellungen vorbeugen und laut einer 2016 erschienenen aber nicht unumstrittenen Studie möglicherweise auch das Immunsystem stärken. Bei vorbelasteten Personen kann ein Eisbad jedoch auch zu Atemproblemen, Herzrhythmusstörungen oder sogar zu einem Herzinfarkt führen, warnen Ärzte.

Eine bereits seit einigen Jahren gehypte Methode ist die Ganzkörperkryotherapie mittels Kältekammern. Hierbei wird der Körper in einer oben offenen Tonne oder einer kleinen Kammer für bis zu drei Minuten einer Temperatur von -110 Grad Celsius ausgesetzt. Diese kurz einwirkenden Extremtemperaturen sollen Zellvorgänge anregen und bei chronischen Schmerzen, Gelenkproblemen, Schlafstörungen und Angstzuständen helfen. Bei bisherigen Studien wurden zwar Hinweise auf mögliche Wirkungen ausgemacht, aber bislang kein definitiver Nachweis dafür erbracht.

Fragwürdige Philosophien

Der als Investor, Web3-Enthusiast und vor allem als Gründer des Social-Media-Urgesteins Digg bekannte Kevin Rose folgt einer weniger extremen Philosophie als Jack Dorsey. Aber auch er schwört auf Kälte – und zwar mit Bezug auf die Lehren von Wim The Iceman Hof, einem Extremsportler, der 2011 fast zwei Stunden in Eiswasser zubrachte. Rose folgt außerdem der Lehre des Unternehmers, Podcasters und Autors Tim Ferriss, der predigt, man solle sich gezielt in unangenehme oder sogar schmerzhafte Situationen bringen und lernen, auf das Angenehme zu verzichten – eine freie Interpretation der philosophischen Lehre des Stoizismus.

Rose selbst nimmt daher regelmäßig kalte Duschen und verzichtet selbst bei Winterwetter auf eine Jacke und warme Schuhe. Er trägt stattdessen Hemd und Sandalen, selbst im Schnee. „Ich versuche, Praktiken in mein Leben einzubauen, die die Umgebung unserer Vorfahren und ihre täglichen Herausforderungen nachahmen“, sagte er in einem Gespräch mit DailyStoic.

Gefährlicher Trend

Gezieltes Fasten und Kälte können, richtig angewandt, gesundheitliche Vorteile bringen. Einige Silicon-Valley-Vertreter wie Doug Evans, der Gründer des so verspotteten wie gescheiterten Saftpressen-Start-ups Juicero, setzen dagegen auf einen mehr als fragwürdigen Trend. Sie schwören auf „rohes Wasser“ oder „lebendes Wasser“, wie es von Unternehmen wie Alive Water für zehn Euro und mehr je Liter verkauft wird. Evans habe sich während eines Aufenthalts beim Burning-Man-Festival zehn Tage ausschließlich von solchem Wasser ernährt, das aus natürlichen Quellen stammt und ungefiltert und unbehandelt abgefüllt wird.

Das lebende Wasser und die darin enthaltenen Mineralien und „lebenden Stoffe“ sollen angeblich Wunder wirken – die Haut verschönern, Haare glänzend machen, Knochen und Gelenke stärken und für eine harmonische Darmflora sorgen. Belegt sind all diese Behauptungen nicht. Ärzte und Ernährungsexperten sehen das „rohe Wasser“ eher kritisch. Denn auch wenn das Wasser regelmäßig in Labors getestet werde, warnen Forscher, dass nicht gereinigtes Wasser durchaus noch Rückstände von Exkrementen, Parasiten wie Kryptosporidien, E.Coli-Bakterien oder auch Krankheitserreger wie Hepatitis-A-Viren enthalten könnte.

Fast für das Hirn?

Eines der jüngsten Wellness-Experimente des Silicon Valley nennt sich Dopamin-Fasten. Erfunden und bekannt gemacht hat es Cameron Sepah, Professor für Psychiatrie an der University of California. Dabei geht es darum, die Ausschüttung des Neurotransmitters Dopamin für eine bestimmte Zeitspanne wie 24 oder auch 48 Stunden so stark wie möglich zu minimieren. Und zwar durch den Verzicht auf Aktivitäten wie Sex, Videospiele, Social Media, Musik, aber auch Sport und Treffen mit Freunden. Durch das Minimieren von glücklichen Momenten soll das Belohnungssystem im Gehirn neu kalibriert werden.

Dieser Methode sollen sich schon mehrere Größen der US-Tech- und Start-up-Szene verschrieben haben, wie beispielsweise Mel Magazine und New York Times berichten. „Wir sind süchtig nach Dopamin“, sagt etwa James Sinka, einer der Gründer des Start-ups Sleepwell, gegenüber der New York Times. „Und weil wir ständig so viel davon bekommen, wollen wir am Ende immer mehr davon, so dass Aktivitäten, die früher angenehm waren, es jetzt nicht mehr sind. Durch die häufige Stimulierung von Dopamin wird der Grundwert des Gehirns erhöht.“ Das Fasten soll aber nicht nur die mentale Gesundheit verbessern, sondern auch Stress reduzieren, der auf die körperliche Verfassung schlägt.

Laut dem Harvard-Forscher Peter Grinspoon sei die Grundidee des Dopamin-Fastens – das Abschalten, Ruhesuchen und Computer- oder Smartphone-Ausschalten – in einer von Reizen überfluteten Welt tatsächlich eine heilsame und sinnvolle Praxis. Aber die Annahme, dass sich mit Reizentzug und striktem Verzicht auf freudige Erfahrungen das Dopamin regulieren und das Glücksempfinden neu starten ließe, sei unwissenschaftlich und einfach falsch. „Dopamin steigt zwar als Reaktion auf Belohnungen oder angenehme Aktivitäten an, nimmt aber nicht wirklich ab, wenn man überstimulierende Aktivitäten vermeidet“, so Grinspoon. Das propagierte Konzept des Dopamin-Fastens basiere auf einem vollkommenen Missverständnis der Hirnchemie.

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„Die Menschen betrachten Dopamin wie Heroin oder Kokain und fasten in dem Sinne, dass sie sich eine Toleranzpause gönnen, damit der Genuss dessen, was sie sich vorenthalten, beim erneuten Konsum intensiver oder lebendiger ist“, sagt Grinspoon. Doch so funktioniere es eben nicht. Wer sich eine Pause vom Alltag und dem Trubel des Lebens nehme, der tue sich zwar etwas Gutes, meint der Harvard-Forscher. Das sogenannte Dopamin-Fasten sei aber eine „extreme, asketische und ungesunde Version“ davon, die nicht nur den ungesunden Stress aussperre, sondern „ohne echten Grund“ auch Dinge, die einem Freude bereiten und glücklich machen – wie Freunde, Musik und anderes.

Wellness oder Hybris?

Die Gesundheits- und Wellness-Hacks der Tech-Größen zeigen überdeutlich, dass sie darauf hoffen, sich mit dem Einsatz von Geld und Zeit etwas mehr Jugendlichkeit und Produktivität verschaffen zu können. Und dass sie dafür bereit sind, selbst auf skurrile und schmerzhafte Methoden zu setzen. Methoden allerdings, die Experten für zuweilen riskant oder schlichtweg unnütz bewerten.

Der WIRED-Autor Stephen Armstrong bezeichnete einige der Ernährungstrends, die das Silicon Valley dominieren, als einen als progressive Diät und Pseudo-Wissenschaft getarnten Einstieg in eine Essstörung und womöglich noch schlimmeres. Vor allem aber sei es eine Hybris anzunehmen, dass sich auch Gesundheit und Leben wie ein Stück Software oder Technik mit einigen Handgriffen einfach mal schnell upgraden lassen.

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Wenn sich Firmenchefs so kasteien, sich das Leben schwer machen, um vielleicht ein Jährchen länger zu leben, kann man daraus schließen: Er wird von seinen Mitarbeitern das Gleiche erwarten. Sie müssen Höchstleistungen vollbringen, Pausen, Leerläufe und Urlaube sind verpönt. Möglicherweise müssen sie täglich mit ihm saunieren oder in Eisbäder springen um in seiner Gunst zu steigen. :wink:

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Ich weiß nicht, ob man das so pauschalisieren kann. Aber die Gefahr ist natürlich da.