Videodesign, Game Engines, VR-Brillen: So machen neue Technologien Theater zum immersiven Erlebnis


Auf der Bühne eintauchen ins Berlin der 1920er Jahre? Oder mit der Kutsche durch einen Wald von vor 200 Jahren fahren? Mit neuen Technologien ist das möglich. Mit aufwendigen virtuellen Designs kann die Darstellende Kunst nicht nur ganz neue Erlebnisse schaffen, sondern auch neue Zielgruppen erreichen. Für 1E9 hat Moritz Wessely darüber mit Raphael Kurig vom Münchner Gärtnerplatztheater gesprochen, der zu den Pionieren des Videodesigns gehört.

Ein Interview von Moritz Wessely

Im Februar hatte ich ein Erlebnis, das mich nachhaltig beeindruckt hat. Ich besuchte das Geschwister-Scholl-Gedenkkonzert des Universitätschors der LMU München. Passend zur Musik wurden dabei der gesamte Lichthof und die Kuppel des Gebäudes durch aufwendige Projektionen von Zitaten der Widerstandsgruppe Weiße Rose ausgefüllt, die zu den Klängen aufstiegen und miteinander verschmolzen.

Die hoch-immersive Wirkung der Vorstellung machte mich neugierig: Welche Möglichkeiten und Chancen bieten neue Technologien für die Darstellende Kunst, also für Theater, Oper, Musical, Tanz, Konzeptkunst? Und wie verändert sie sich dadurch?

Um dieser Frage nachzugehen, unterhielt ich mich mit Raphael Kurig. Er ist Leiter der Abteilung für Videoproduktion und -design am Münchner Staatstheater am Gärtnerplatz. Mit leistungsstarken Beamern arbeitet er schon seit einem Praktikum während seines Filmstudiums. Was er damit projiziert, hat sich durch neue Technologien jedoch inzwischen enorm weiterentwickelt. Mit seiner Agentur Indivisualist produziert Raphael auch für Räume und Gebäude außerhalb des Theaters Videoinstallationen, Mappings und Live-VJaying. Immer geht es darum, immersive Erlebniswelten zu erschaffen. Seine neuesten Kreationen kann man auf seinem Instagram-Account verfolgen.

1E9: Raphael, du hast die Videoabteilung des Gärtnerplatztheaters aufgebaut. Dadurch hast du einen guten Überblick. Haben sich das Theater, aber auch andere Formen der Bühnenkunst in den vergangenen Jahren stärker gegenüber Videodesign und neuen Technologien geöffnet?

Raphael Kurig: Eindeutig. Und zwar Hand in Hand mit der Entwicklung der Technologien, insbesondere den Fortschritten in der Beamer-Technik. Ein gutes Beispiel dafür, das viele kennen dürften, sind die Eurovision Song Contests. Wenn man sich alte Aufnahmen anschaut, war früher vielleicht etwas Beleuchtung im Hintergrund und sonst nichts. Heute wird nur noch mit riesigen LED-Wänden gearbeitet, mit großformatigen Videoeffekten, die künstlerisch einbezogen werden. Ein großes Durchbruchsjahr für Videodesign war 2013 der Eurovision Song Contest in Malmö. Da gab es zum Beispiel lange, weiße Kleider der Künstler, auf die gemapped wurde. Und das waren Sachen, die wir sehr bald im Theater einsetzen konnten.

Also habt ihr am Gärtnerplatztheater versucht, neue Technologien in eure Arbeit einzubinden, sobald sie verfügbar waren?

Raphael Kurig: Absolut. Das Gärtnerplatztheater war immer vorne mit dabei. Ich habe damals sogar den Wikipedia-Eintrag über Videodesign geschrieben, da es nicht einmal eine einheitliche Bezeichnung für das gab, was wir machten.

Wie geht ihr vor, wenn ihr eine neue Inszenierung vorbereitet?

Raphael Kurig: Wir erstellen das Gesamtdesign natürlich nicht allein, sondern stimmen uns ständig ab – mit den Bühnenbildnern und der Regie. Es soll schließlich ein Ergebnis entstehen, das am besten zum Charakter des Stücks passt. Jeder im Team hat einen Schwerpunkt. Meine Mitarbeiter übernehmen den gestalterischen Part und verwenden dafür zum Beispiel After Effects und 3D-Programme. Ich programmiere die Show auf dem Medienserver und übernehme die Kommunikation und sorge dafür, dass die Abstimmung mit den übrigen Beteiligten funktioniert.

Unsere Arbeit ist ein Prozess aus vielen kleinen Schritten. Schließlich besteht ein Design auch nicht aus einem einzelnen Video. Wir haben es mit verschiedenen Schichten zu tun: Wolken, Vordergrund, Hintergrund, Bäume und so weiter. Am Ende laufen die Designs auf maximal 32 Videospuren und eigentlich unbegrenzten Grafikspuren.

Und wie sieht das am Ende aus? Hast du ein Beispiel für uns?

Raphael Kurig: Schauen wir uns zum Beispiel die einzelnen Hintergrundelemente beim Ballett Berlin 1920 genauer an: Die Tribüne stammt von einem Foto des Olympiastadions in München. Die Lampen haben wir in After Effects erstellt, das sind einfach weiße Farbpunkte. Das Dach stammt von der Tonhalle in Düsseldorf. Der hintere Zwischenteil ist eine Seite des Hamburger Hauptbahnhofs. Die Massenszene ist ein Foto von Lego-Figuren, das wir einfach entfärbt haben, sodass es nicht mehr erkennbar ist. An der Handlungsszene sieht man auch gut, was mit Licht alles gestaltbar ist. Zum Beispiel wird ein Boxring durch ein Lichtquadrat abgegrenzt. Simpel, aber wirkungsvoll. Wir arbeiten also extrem kleinteilig, damit am Ende der moderne Gesamtkontext des Stücks entsteht. Denn für mich ist ein zentraler Punkt meiner Arbeit, Entertainment zu schaffen und Theater zugänglich zu machen. Und das geht mit Videodesign sehr gut.

Verschwimmt dadurch nicht die Grenze zwischen Darstellender Kunst und Film?

Raphael Kurig: Wir wollten nie Film sein, das ist auch nicht unser Ziel. Woran wir tatsächlich arbeiten, ist, das cineastisch-mitreißende Element von Theater, Oper oder Konzert zu intensivieren und die Zuschauer:innen noch mehr zu fesseln.

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Lasst ihr euch dabei auch von anderen Kunst- oder Entertainmentformen inspirieren?

Raphael Kurig: Ja, auch, was die Technik angeht. Wir haben mit 2D-Animation begonnen, dann kam 3D-Animation und mittlerweile arbeiten wir mit Grafik-Engines, die eigentlich für Computerspiele gemacht wurden.

Wie können wir uns das vorstellen?

Raphael Kurig: Wir nutzen Tools, mit denen wir unsere Designs in Echtzeit visualisieren können. Zum Beispiel verwenden wir das System von Notch, das auch Rammstein, Billie Eilish oder der Cirque du Soleil einsetzen. Welche Implikationen das hat, lässt sich wieder sehr gut an einem Beispiel erklären. Folgendes Bühnenbild stammt aus Chicago 1930 : Wir sehen eine bewegte Straßenszene. Der Hintergrund kommt nach vorne, während das Auto hindurch „fährt“. Der Hintergrund muss also auf die Richtung reagieren, in die das Auto steuert. Wenn man so eine 3D-Szene ohne Game Engine in 3D baut, muss man vorher genau festlegen, dass es nach einer Minute und fünf Sekunden nach links und nach zwei Minuten nach rechts geht. Dieses genaue Timing ist im Theater schwierig. Meistens ist Orchester dabei und man kann nicht genau sagen, wann der letzte Ton gespielt ist. Die Freiheit des Dirigenten will man auch nicht zu stark einschränken. Mit einer Game Engine können wir uns jederzeit entscheiden, links oder rechts abzubiegen, geradeaus zu fahren oder etwas ganz anderes zu machen. Dementsprechend wird das virtuelle Bild gerendert. Und sieht inzwischen realistisch wie ein Foto aus.

Eine Game Engine nutzen wir auch für eines unserer nächsten Stücke: Schuberts Reise nach Atzenbrugg , das von einer Kutschfahrt Schuberts von Wien in das kleine Dorf Atzenbrugg erzählt. Er fährt also durch die Welt von vor 200 Jahren, die es so heute nicht mehr gibt. Die Wälder beispielsweise waren damals völlig anders. Auf der Bühne sieht der Zuschauer den Aufbau mit der Kutsche, während im Hintergrund die Projektionen ablaufen und die Kutsche durch diese Landschaft „fährt“.

Du hast im Vorgespräch erzählt, dass es dein Traum war, Menschen ins Staunen zu versetzen – so wie im Kino. Kommst du diesem Traum durch Videodesign näher?

Raphael Kurig: Auf jeden Fall. Ein Schritt in diese Richtung war für mich auch die Lichtwoche München 2019. In der habe ich jeden Abend zwischen 18 und 22 Uhr verschiedene Mappings, also Projektionen, auf das Gärtnerplatztheater geworfen. Das Problem bei solchen Mappings ist, dass man normalerweise mit einem Bewegtbild arbeitet, das aus 25 Frames, also Einzelbildern, pro Sekunde arbeitet. Das lässt sich mit der Handykamera aber nicht richtig filmen. Doch ich wollte Kunst erschaffen, die die Leute aufnehmen, „mitnehmen“ und auch teilen können. Wenn ich sage, ich will Leute inspirieren, geht es mir ja nicht nur um drei, vier Leute. Deswegen habe ich das bei meinen Mappings entsprechend angepasst.

Ich war dann etwas überrascht und ziemlich überwältigt von der Eröffnung. Ich war zu schon zuhause, nachdem ich untertags alles aufgebaut und eingestellt hatte. Auf einmal rief mich die Social-Media-Managerin des Gärtnerplatztheaters an und meinte: „Du musst unbedingt kommen. Der ganze Platz ist voller Menschen.“ Und der Platz war tatsächlich voll mit Fotografen, Menschen standen dichtgedrängt und haben die Mappings bewundert. Das war Wahnsinn.

Was sind deine Visionen und Träume für die nächsten Jahre?

Raphael Kurig: In Tokio gibt es das sogenannte Teamlab, eine 1000 Quadratmeter große, immersive Kunst-Erlebniswelt. So etwas in München zu erschaffen, zusammen mit meiner Kollegin Betty Mü, das ist unsere große Vision. So kamen wir auf Idee WEAREVIDEO zu gründen, eine Firma von drei Spezialisten auf allen Gebieten, die es dazu braucht. Ich will auch außerhalb des Theaters etwas kreieren. Aktuell sind wir daher auf der Suche nach Partnern und Locations, um etwas dieser Kategorie für München aufzubauen. Und natürlich muss es auch finanzierbar sein.

Was das Theater angeht, das immer meine Homebase war und ist, wünsche ich mir, noch mehr die Transformation zu einem wirklich multimedialen Theater mitzugestalten, in dem wir einfach tolle Erlebnisse für alle Altersgruppen schaffen.

Und wie sieht so ein multimediales Theater aus?

Raphael Kurig: Das sind zum Beispiel halbkonzertante Projekte, wie Die Perlenfischer. Vorne auf der Bühne standen die Sängerinnen und Sänger, dahinter kamen Orchester und Chor. Und im Hintergrund lief ein von uns dazu gestalteter, animierter Film. Solche Inszenierungen haben eine nachhaltige Wirkung. Ich kann mich immer daran erinnern, wie ich als 5-Jähriger ins Theater oder die Oper mitgeschleppt wurde und das Bühnenbild so verstaubt-langweilig war. Dadurch habe ich auch das Stück nicht verstanden. Oder in der 3. Klasse war ich mit der Schule in der Neuen Pinakothek. Dort gab es niemanden, der einem zum Beispiel die Sonnenblumen von van Gogh erklärte. All diese Bilder habe ich nicht verstanden. Man braucht jemanden, der einen in die Materie einführt. Diese Einführung erreicht man entweder durch sehr gute Lehrer:innen – oder eben durch Show .

Stellen wir uns einmal vor, wir sind im Deutschen Museum und stehen vor dem großen, alten Handelsschiff, an das sich wahrscheinlich alle erinnern können, die schon einmal da waren. Und jetzt sind um das ganze Schiff herum Projektionen installiert. Große Wassermassen. Wir sind in der Nordsee im Jahr 1820. Das Schiff brettert durch die Wellen. Das Ganze wird untermalt von einem krassen Sounddesign und einer packenden Sprecherstimme. Dann erkennt man erst, was das für ein Schiff ist. Du merkst, ich kann und will mich mit meiner Technik nicht einfach nur auf das Theater beschränken, dafür steckt zu viel Potential darin.

Denkst du, mit diesem Einsatz von Technologie lassen sich Kunst und Darstellende Kunst auch für Publikum zugänglich machen, das nicht das Privileg hatte, von den Eltern damit vertraut gemacht worden zu sein?

Raphael Kurig: Ich denke wirklich, das kann funktionieren. Am einfachsten geht es beim Musical. Dort hat man eine unterhaltsame, leichte Storyline und kann sogar kitschige Welten bauen. Aber auch für Theater und Oper können wir durch spektakuläres Design neues, jüngeres Publikum catchen , ohne den Anspruch des Stücks aufzugeben. Das Potential von dem, was wir tun, liegt darin, Theater und Oper zu dem Stellenwert in der breiten Öffentlichkeit zu verhelfen, den sie verdienen und auch in Zukunft innehaben sollten. Deswegen lautet mein Plädoyer, Videodesign noch viel intensiver miteinzubeziehen, nicht nur am Gärtnerplatztheater, sondern generell in der Kulturszene. Video kann einfach wahnsinnig viel und wir wollen noch viel mehr Menschen damit erreichen.

Können Technologien auch die „gläserne Wand“ einreißen, die es zwischen Publikum und Darstellenden immer noch gibt?

Raphael Kurig: Ich glaube, es wird sich eine Parallelität zwischen dem klassischen und dem neuen Theater entwickeln, also mit Glaswand und ohne. Das Theater in Augsburg hatte kürzlich zum Beispiel 500 VR-Brillen angeschafft, um eine Oper in Virtual Reality zu erleben. Das Ganze konnte wegen Corona leider nicht stattfinden, dafür kann man sich jetzt die Brillen ausleihen und spezielle Inszenierungen zuhause in VR erleben. Ich finde solche experimentellen Konzepte hochspannend. Aber dennoch wird es immer diese Parallelität geben – und das ist auch wichtig. Am Gärtnerplatztheater legen wir Wert darauf, alle Technologien zu beherrschen, um es entweder auf die eine oder die andere Weise machen zu können.

Titelbild: Das Staatstheater am Gärtnerplatz in der Lichtwoche 2019, Sara Kurig

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Klasse Beitrag! Macht auf jeden Fall wieder einmal Lust auf einen Theaterbesuch. Hoffentlich darf man bald wieder… :mask:

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Hi Thomas,

bei gewissen Häusern kannst du das bereits, soweit ich weiß (war vergangenen Samstag bei einer Vorstellung in der Staatsoper, zwar mit Mundschutz und in kleiner Zahl, aber schön, wieder eine Vorstellung besuchen zu können)
Und freut mich, dass dir der Artikel gefällt :smiley:

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Die Ideen zum deutschen Museum finde ich klasse und auch, dass man Theater, Technologie in andere Szenarien versetzt und vielleicht sogar neue Kategorien und Erlebnisse erschafft. Tolles Interview und eine große Entdeckung für mich als theaterbanausen;)

Würde mich gerne mit raphael austauschen. Ist das hier auf 1E9 möglich?

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Hi Ludwig,

du kannst Raphael zB auf Instagram schreiben unter indivisualist.muc.
Er freut sich sicher. Ansonsten probiere es einfach mal über das Kontaktformular auf indivisualist.com

Beste Grüße

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