So entstand der fantastische Blade-Runner-Kurzfilm Slice of Life

Ist das der nächste Blade-Runner-Film? Beinahe könnte man den Kurzfilm Slice of Life dafür halten. Jedoch entstand der nicht in einem Hollywood-Studio, sondern in der Garage zweier Filmfans aus Kroatien. Die haben rund vier Jahre daran gearbeitet – mit viel Handarbeit und trotz zahlreicher Stolpersteine.

Von Michael Förtsch

Dauerregen prasselt vom Himmel. Riesenhafte Gebäude recken sich dunkel und düster in den Himmel. Hinter ihnen schwenken Suchscheinwerfer umher, die aufsteigende Dampf- und Rauchwolken erleuchten, die aus Klimaanlagen und Brennöfen strömen. In einige der hohen Fassaden sind gigantische LED-Wände eingelassen, auf denen Werbefilme für Zigaretten und Fastfood-Ketten flimmern. Dazwischen und weit im Himmel ziehen sich Lichter wie an einer Perlenschnur entlang. Es sind fliegende Fahrzeuge, die trotz all des Platzes nur langsam vorankommen. Inmitten dieser dystopischen Kulisse schlägt sich ein namenloser Drogendealer durch und bunkert sein Geld im Luftschacht einer öffentlichen Toilette, um damit ein Ticket zu kaufen, das ihn von der trostlosen Erde wegbringt.

Das alles sieht aus und fühlt sich an wie eine Szene aus dem Science-Fiction-Klassiker Blade Runner von 1982 – oder aus Blade Runner 2049, der 2017 in die Kinos kam. Jedoch stammen diese Szenen nicht aus einer Hollywood-Produktion, sondern einem Kurzfilm namens Slice of Life, der Ende Juli auf YouTube veröffentlicht wurde. Gedreht haben ihn die beiden kroatischen Film- und Werbeclip-Macher Luka Hrgović und Dino Julius, die mit einer kleinen Firma namens Julius Film sonst Imagefilme und Werbespots fürs Fernsehen produzieren. „Es hat uns vier Jahre gekostet, den Film zu machen – neben unseren normalen Jobs“, sagt Dino Julius im Gespräch mit 1E9. „Es fühlt sich wunderbar an, endlich etwas der Welt präsentieren zu können, an dem man so lange geschuftet hat.“

Es hat uns vier Jahre gekostet, den Film zu machen – neben unseren normalen Jobs.

Dino Julius

Dass die Produktion so lange dauerte, hat einen guten Grund. Wie einst bei Blade Runner wollten die passionierten Special-Effects-Entwickler und Regisseure die futuristische Dystopiewelt nicht einfach in einem Computer erzeugen. Stattdessen sollte so viel wie möglich analog und in Handarbeit entstehen. Einerseits sollte so dem Erbe von Blade Runner und dessen Machern wie Ridley Scott die Ehre erwiesen werden. Andererseits wollten sich die beiden Filmemacher einfach der Herausforderung stellen, dem Film eine zeitlos schöne Optik zu verpassen und so zu arbeiten, wie es in den 1980ern, und damit der Blütezeit des Science-Fiction-Kinos, üblich war. Dabei machten sie dann aber, wie sie selbst sagen, auch jeden Fehler, den man nur machen könnte.

Sprung durch die Dimensionen

Seinen Anfang nahm Slice of Life nicht als eine Blade-Runner-Hommage, sondern als ein gänzlich eigenständiges Science-Fiction-Drama. Eines, das sich um einen Helden drehen sollte, der durch Dimensionen springt – in der Suche nach „der letzten Dimension“. „Die Science Fiction war einfach ein Genre, in das wir hineinschnuppern wollten“, erklärt Luka Hrgović. Um zu sehen, was machbar wäre, schrieben die kroatischen Filmemacher ein Skript für eine kurze Szene und bauten kurzerhand das Set einer Science-Fiction-Toilette in der Garage von Luka Hrgović. Doch nach einigen Aufnahmen gaben sie die Idee auf. Denn für die Last Dimension getaufte Geschichte hätte es neben der Toilette letztlich auch noch Raumschiffkulissen, aufwendige Kostüme und Alien-Masken gebraucht – und dafür sehr viel Geld und sehr viel Zeit. „Es war zu ambitioniert“, sagt Hrgović. „Es war einfach nicht drin.“

Da nun aber eine falsche Toilette in der Garage stand, überlegten sich die beiden, was sich sonst damit anstellen ließ. Anton Svetić, ein Schauspieler und Freund von Luka Hrgović und Dino Julius, hatte einen Einfall und tippte eine Kurzgeschichte. Die drehte sich um einen Drogendealer in einer düsteren Zukunft, der mit einem Flugauto durch die Stadt zieht und dann einen dummen Fehler begeht. Der Plot hatte schon viel mit Slice of Life gemein. Insbesondere die finale Schlägerei in der Toilettenkabine. Als sie schließlich erste Probeszenen drehten, ließen sich die Filmemacher visuell von Blade Runner inspirieren. „Wir überlegten uns daher auch, einige Easter Eggs unterzubringen – einfach aus Spaß“, so Hrgović. Darunter Firmenlogos aus dem Blade-Runner-Universum, Symbole wie das Einhorn oder die Blaster-Waffe von Rick Deckard.

Selbst wenn die Probeaufnahmen noch nicht umwerfend aussahen, waren sich Luka Hrgović und Dino Julius sicher, dass die Geschichte zu einem Kurzfilm taugt. Und zwar einem, der sich mit etwas mehr Aufwand in etwas Besonderes verwandeln ließe. Da sie nicht viel Geld zur Verfügung hatten, casteten sie Bekannte wie eben den Autor und Schauspieler Anton Svetić in die wenigen Rollen, fragten Freunde um Hilfe und schafften noch etwas mehr Platz in der Garage. Und zwar um die aus Blade Runner bekannte White-Dragon-Nudelbar in das improvisierte Heimstudio zu bauen, in der eine Szene angesiedelt sein sollte. Außerdem besorgten sie sich ein Auto – als fliegenden Wagen, mit dem der Drogendealer durch die Stadt zieht.

„Wir wollten ein richtig futuristisch-cooles 80er-Jahre-Auto, das wir so umgestalten konnten, dass es umso mehr nach Science Fiction ausschaut“, sagt Hrgović. Bei dem Fahrzeug handelte es sich um einen Citroen BX, der über zehn Jahre in einer Garage vor sich hingerottet war und erst einmal von einem Ameisennest befreit werden musste. „Er hatte jedoch dieses wundervolle Retro-Sci-Fi-Interieur“, schwärmt Dino. „Wir rissen den Beifahrersitz raus und installierten Monitore, Anzeigetafeln und Weihnachtslichter. Wir nahmen einfach Schrott, den wir finden konnten. Aber wenn die Lichter an waren und sonst alles dunkel, sah es echt cool aus.“

Ganz ohne Geld ging es nicht

Das kleine Team drehte immer, wenn es zwischen seinen bezahlten Filmaufträgen etwas Zeit fand. Das war hauptsächlich in mehreren Wochen im Sommer – und passierte mit vielen Tricks und Kniffen. „Wir hatten nicht nur nicht so viel Geld wie ein Hollywood-Studio“, lacht Dino. „Wir hatten zu Beginn echt gar kein Geld für gar nichts.“ Der Regen in den Szenen kam daher aus einer Sprühflasche, die Bewegungen des Wagens wurden mit Rütteln, einem Papierwindspiel vor einem Scheinwerfer und einem Projektor simuliert, der Lichter auf die Garagenwand projizierte. Die Truppe bastelte auch Mini-Versionen von verschiedenen Flugautos und Miniaturgebäude für die dystopische Silhouette der Metropole – fast so wie beim großen Vorbild. Für die Gebäude nutzten die kroatischen Science-Fiction-Fans jedoch Pappkartons, alte Telefone, einen Staubsauger, Computerteile und Eierkartons, die verklebt und dann angesprüht wurden. Aber das mit überzeugenden Ergebnissen.

Wir sind mit Filmen aus den 80er Jahren aufgewachsen, in denen Miniaturen verwendet wurden, und sie haben einfach etwas Magisches an sich.

Luka Hrgović

„Wir sind mit Filmen aus den 80er Jahren aufgewachsen, in denen Miniaturen verwendet wurden, und sie haben einfach etwas Magisches an sich“, erklärt Luka Hrgović. „Es macht nicht nur Spaß, sie zu bauen und zu filmen, sondern es vermittelt auch ein anderes, besseres Gefühl auf der Leinwand. Die Kamera filmt tatsächlich reale Objekte, und es fällt echtes Licht auf sie. Besser kann es nicht werden.“ Ganz ohne Computer ging es aber natürlich nicht. Die Miniaturen wurden mehrfach unter verschiedenen Lichtbedingungen mit einer Blackmagic-Filmkamera aufgenommen, die Aufnahmen dann digital kombiniert und ebenso digital mit zusätzlichen Blinklichtern und den fliegenden Autos versehen. Auch die flimmernden Werbeanzeigen wurden am Rechner erstellt – wie für die Zigarettenmarke Slice of Life, der der Film seinen Namen verdankt. Aber um sie realistisch wirklich zu lassen, wurden sie dann mit „dem beschissensten Projektor, den wir finden konnten“, auf eine Wand gestrahlt, abgefilmt und dann so in die Szenen integriert, erzählt Dino.

Mit jeder neuen Szene rückte der Film näher an das Blade-Runner-Universum. „Wir gruben immer tiefer, forschten nach, wie Sachen bei Blade Runner gemacht worden waren“, sagt Dino. „Es war so etwas wie eine Filmschule für uns – wir schauten Blade Runner ohne Ton und konzentrierten uns nur darauf, wie Sachen beleuchtet wurden. Wieder und wieder. Oder schauten, wie Sets gestaltet worden waren, wie sich die Kamera bewegte und vieles mehr.“ Währenddessen stellte das kleine Team allerdings fest, dass es ganz ohne Geld leider nicht geht. „Wir konnten manche Dinge, die wir unbedingt tun wollten oder mussten, nicht machen oder kamen nur langsam voran“, erklärt Luka Hrgović. Daher fragte das Slice-of-Life-Team Ende 2017 nach Geld – auf der Spendenplattform Kickstarter. Und tatsächlich konnten die frühen Szenen, die sie dafür zeigten, über 1.400 Spender von dem Projekt überzeugen. Fast 70.000 Euro bekamen die Filmemacher zusammen. Für sie eine enorme Summe.

Mehr Details für eine glaubwürdigere Welt

Das Geld der Fans investierten die Filmemacher vor allem in neue Werkzeuge und besseres Equipment. Darunter ein 3D-Drucker und eine CNC-Maschine für detailreichere Miniaturen, Leuchten und einen HD-Projektor für Rückprojektionen. Ebenso fühlte sich das Team verpflichtet, nun wirklich einen Film abzuliefern, der mehr als nur einen Blade-Runner-Fan-Film darstellt. „Wir realisierten jetzt, wo viele Leute darauf warteten, dass wir definitiv an der Story arbeiten müssen“, sagt Dino. „Der Film entwickelte und veränderte sich daher über die Jahre.“ Die Geschichte wurde mal erweitert, mal wieder gekürzt und das Ende mehrfach abgewandelt. Allem voran suchten die Filmemacher nach einer nachvollziehbaren und menschlichen Motivation für die Hauptfigur, zu tun, was sie tut.

Die fanden sie, genau, im Blade-Runner-Universum. Der abgehalfterte Kriminelle, der in seinem Auto lebt, sein Essen aus der Mülltonne holt, hat einen Traum: Er spart, um seinem bisherigen Leben und der Erde zu entfliehen – er will mit einem Ticket und einem Raumschiff zu einer der Off-World-Kolonien, die schon in Blade Runner beworben worden waren. „Die Off World Islands sind ein Symbol für ein besseres Leben“, sagt Dino. „Sie sind ein Symbol der Hoffnung, der Traum eines Utopia, das unser Held wohl nie zu Gesicht bekommen wird und das auch nur schwer zu fassen ist. Und wer weiß, ob sie [die schönen Off-World-Inseln] wirklich existieren.“

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Die überarbeitete Geschichte und die neue Technik bedeuteten aber, dass viele Szenen noch einmal und zahlreiche weitere zusätzlich gedreht werden mussten. Wieder und wieder – bis alles passte. Manche Aufnahmen wurden bis zu 50 Mal angegangen, bis sie im Kasten und alle zufrieden waren. Dazu kamen zusätzliche Sets wie das eines Geldautomaten, den der Gangster hackt. Für eine Szene ging das Team auch vor die Tür und drehte im Hinterhof eines ehemaligen Pharmazieunternehmens in Zagreb, der heute für Kulturveranstaltungen und Partys genutzt wird. Auch wenn die Einstellungen nur kurz zu sehen sind. Das war für die Filmemacher nicht immer ein Spaß. Vieles ging schief und war schwierig.

Wir filmten seit einigen Jahren. In der Zeit hat Anton fast 50 Prozent von seinem Haaransatz verloren.

Dino Julius

Die Schlägerei in der Toilette, wie sie im fertigen Kurzfilm zu sehen ist, wurde während des Rekordsommers 2019 gedreht. „Wir starben fast unter der Hitze mit all den Scheinwerfern“, scherzt Dino. Um die Gesichter der Schauspieler in einigen Szenen feucht zu halten, nutzten sie ähnlich den Hollywood-Profis Glycerin. Denn Wasser verdampfte zu schnell. Aber das sorgte beim Hauptdarsteller Anton für einen allergische Reaktion. Noch dazu mussten die Filmemacher für Anton irgendwann ein Toupet besorgen. Denn: „Wir filmten seit einigen Jahren“, sagt Dino. „In der Zeit hat Anton fast 50 Prozent von seinem Haaransatz verloren.“

Für eine Szene an der Nudelbar fand das Team dann einfach keinen passenden Darsteller. Und dann musste auch noch ein zweites Auto her. Selbstsicher waren die Filmemacher nämlich davon ausgegangen, alle Fahrzeugszenen zu haben, die es braucht, und hatten den alten Citroen entsorgt, der viel zu viel Platz wegnahm. Sie hatten Glück und konnten einen weiteren Citroen ausfindig machen, der dann ebenso auf den Schrott kam. Dann stellen sie erneut fest, dass sie doch noch einige Aufnahmen aus dem Wagen brauchen könnten. Das Problem: Diesmal fand sich kein weiterer Citroen. Daher musste nun ein alter Mazda als Flugauto herhalten. Beim Filmen mussten also geschickt alle Unterschiede kaschiert werden, die den Zuschauern auffallen könnten – und vieles, vieles mehr. In Rückschau, meinen die Slice-of-Life-Macher, wären all diese Rückschläge jedoch total witzig – und einige auch einfach der eigenen Naivität zu verdanken, und damit total verdient.

Slice of Life soll zum Feature-Film werden

Seit Slice of Life fertigt gedreht und geschnitten wurde, hat er auf zahlreichen Film- und Kurzfilmfesten etliche Preise geholt. Seit Ende Juli 2020 ist er nun auch online zu sehen. „Es ist einfach irrsinnig“, sagt Dino. „Und bisher sind die Reaktionen einfach nur überwältigend. Die Leute scheinen den Film, den wir da gedreht haben, wirklich zu mögen – und sie wertschätzen, wie wir da herangegangen sind und dass wir vieles mit Old-School-Methoden umgesetzt haben.“ Jedoch habe sich das große Vorbild, nämlich Blade-Runner-Regisseur Ridley Scott, bisher noch nicht bei den beiden Kroaten gemeldet. Aber wer weiß, das könne ja noch werden, meinen die Filmemacher.

So lange arbeitet das kleine Team erst einmal an einem weiteren und weit größeren Projekt: einer Spielfilmfassung von Slice of Life. Dafür schreibt das Regie-Duo bereits das Drehbuch. „Wir werden einige Elemente aus dem Kurzfilm übernehmen“, sagt Dino. „Aber insgesamt wird es eine neue Geschichten mit einer breiten Auswahl an Charakteren.“ Was den Look, die Geschichte und alles weitere angeht, wollen sich die Filmemacher diesmal aber nicht nur von Blade Runner inspirieren lassen, sondern auch von den Filmen von Quentin Tarantino und der Coen-Brüder. Sie wollen nun eine Welt erschaffen, die durchaus eigen und besonders werden soll. „Das ist echt viel Arbeit“, sagt Dino. „Aber es macht auch verdammt viel Spaß.“

Teaser-Bild: JuliusFilm

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