Filmische Illusion aus dem Computer: Von Pepper’s Ghost über den Green Screen bis zu StageCraft

Welche Szenerien, Objekte und Wesen sind real? Welche entstammen dem Computer? Mit immer ausgefeilteren Effekten lässt die Filmindustrie längst die Grenzen zwischen analoger und digitaler Welt verschwimmen. Dabei spielt der Green Screen nach wie vor eine zentrale Rolle. Doch eine Technologie, die bei The Mandalorian zum Einsatz kam, könnte ihn ablösen.

Von Adriano D’Adamo

Ein Mann in einer metallenen Rüstung sitzt in einer einsamen Wüste. Die Abendsonne spiegelt sich auf seinem Helm wider, während sie am Horizont verschwindet. An seiner Seite befindet sich sein einziger Gefährte – und Liebling des Internets: Baby Yoda. Neben der Kunst, eine kleine Puppe viral gehen zu lassen, demonstrierte die Star-Wars-Serie The Mandalorian auch noch eine neue Technologie, die eine gesamte Industrie weiterbringen könnte. Auch in dieser scheinbar klassischen Szene.

Die Disney-Plus-Serie stammt, wie die neueren Star-Wars-Filme, zum Großteil aus dem Computer. Das Studio setzte viel auf CGI – also auf Computer-Generated-Imagery. Objekte, Figuren oder ganze Landschaften wurden von Designer:innen am Rechner erschaffen. So weit so bekannt. Doch für The Mandalorian wurden technologische Fortschritte ausgenutzt und verbunden, die dazu beitragen, dass sich die CGI-Erzeugnisse mittlerweile nahtlos an „echte“ Objekte, Figuren und ganze Landschaften anschmiegen. Die Entwicklung von künstlichen Effekten und optische Illusionen in der Filmbranche erreicht damit einen neuen Höhepunkt – ein neues Phänomen ist sie allerdings nicht. Genau genommen gibt es solche Tricks schon seit fast 200 Jahren.

Der Urahn aller Spezialeffekte

Ein optischer Trick aus dem 19. Jahrhundert heißt Pepper’s Ghost, benannt nach dessen Erfinder John Henry Pepper. Damit lässt sich eine Art Hologramm erschaffen – in Form von halbtransparenten Gestalten und Objekten, die auftauchen und wieder verschwinden. Damit der gewünschte Effekt eintritt, wird ein Flachglas von beiden Seiten beleuchtet. Vor allem auf Theaterbühnen kommt Pepper’s Ghost heute noch zum Einsatz, wenn etwas mysteriös „verschwinden“ soll.

Auch Freizeitparks setzen darauf, wie zum Beispiel im Themenbereich von Harry Potter in den Universal Studios in Orlando. Am legendären Gleis 9 ¾ können die Leute „durch die Wand laufen“. In den Büchern und Filmen tun die Figuren das, um in die Welt der Zauberei zu gelangen. Besucher:innen im Freizeitpark kommen lediglich auf der anderen Seite der Wand heraus. Trotzdem sieht es aus einem anderen Winkel aus, als sie darin verschwinden. Eine kleine Illusion – ganz ohne Computer.

Große Produktionen nutzen solche Tricks normalerweise nicht mehr. Stattdessen kommt sehr häufig ein Green Screen – früher meistens ein Blue Screen – zum Einsatz. Gedreht wird also vor grünem Hintergrund. Damit Darsteller:innen wie bei Star Wars auf fernen Planeten oder TV-Moderator:innen in virtuellen Nachrichtenstudios zu sehen sind, kommt das sogenannte Chroma Keying zum Einsatz. Bei der Nachbearbeitung kann eine Farbe – meistens: grün – aus dem Bild entfernt werden, wodurch die Grafiker:innen die Darsteller:innen oder auch Gegenstände freistellen und in eine andere Hintergrund-Umgebung einfügen können.

Grüne oder blaue Hintergründe werden genutzt, weil sich diese am meisten von den Hauttönen der Schauspieler:innen unterscheiden und es der Postproduktion leichter machen, die gewünschten Szenen zu bearbeiten. Dabei kommt es aber an den Rändern des freigestellten Motivs zu einem Detailverlust, der digital ergänzt werden muss. Technisch war das Chroma Keying schon vor dem Computerzeitalter möglich. Es wurde in den 1930er-Jahren entwickelt. Der erste Kinofilm, der dem Publikum eine Blue-Screen-Illusion bescherte, war Der Dieb von Bagdad im Jahr 1940.

Hat der Green Screen bald ausgedient?

Seit Jahrzehnten sind Green und Blue Screens Teil unzähliger Filmproduktionen, doch seit wenigen Jahren macht eine neue Technologie den einfarbigen Leinwänden den Platz streitig – und könnte sie sogar weitgehend ersetzen. Die Technologie heißt StageCraft und kam, wie schon angedeutet, bereits bei The Mandalorian zum Einsatz. Sie stammt von Industrial Light & Magic, einem Visual-Effects-Unternehmen von Lucasfilm, gegründet vom Star-Wars-Schöpfer George Lucas. Und im Grunde besteht StageCraft aus vielen LED-Leinwänden. Sehr vielen. 1.300 davon füllen eine sechs Meter hohe Kuppel namens The Volume mit einem Durchmesser von 23 Metern.

Auf die Kuppel können die – am Computer generierten – Hintergründe von Filmszenen projiziert werden, in der Mitte ist Platz für die Darsteller:innen und die Requisiten. So können Produktionen wie The Mandalorian quasi in der echten Umgebung gedreht werden, obwohl sie sich nur in The Volume befinden.

Gesteuert wird die ganze Anlage von der Brain Bar aus. Dort sind Techniker:innen zuständig für die Echtzeit-Steuerung der 3D-Modelle, die in der Kuppel gezeigt werden, für die Beleuchtung oder die Farbkorrekturen des Hintergrunds. Was auf den LED-Leinwänden zu sehen ist, sind keine statischen Renderings aus klassischen Grafikprogrammen, sondern im Grunde ein für die Filmproduktion erstelltes Videospiellevel aus der Unreal Engine von Epic Games. Auf der basieren auch Spiele wie Fortnite oder das Final Fantasy VII Remake. Neben der Erstellung von dreidimensionalen Szenerien, in deren Raum man sich frei bewegen kann, erleichtert die Game Engine auch eine realistische Beleuchtung der Hintergründe. Die Brain Bar kann die Lichtquelle für die Szene zu jedem Zeitpunkt verändern und die Engine passt Licht und Schatten dynamisch an.

Wo echtes Licht ist, gibt’s auch echte Reflexionen

Dass in der LED-Kuppel gedreht wird, hat viele Vorteile. Darsteller:innen können sich besser in die Szene hinein versetzen, weil sie vor den – zumindest optisch – richtigen Kulissen stehen. Die Kamerateams bekommen durch die dynamische Unreal Engine ganz neue Möglichkeiten. Vor allem sehen sie anders als beim Green Screen schon während der Dreharbeiten das ganze Bild, das sie aufnehmen. Und die Postproduktion hat weniger Arbeit, weil das Freistellen der Motive durch das Chroma Keying und das dazugehörige Wiederherstellen von verlorengegangenen Details an den Rändern zum Green Screen wegfällt. Ein kleiner, aber wichtiger Vorteil entsteht außerdem erst dadurch, dass die Darsteller:innen vor großen und vor allem leuchtenden Leinwänden spielen: die korrekte Lichtreflexion.

Warum dieses Detail so gut mit StageCraft funktioniert, lässt sich am Beispiel von The Mandalorian zeigen. Der Hauptdarsteller der Serie trägt eine metallene Rüstung mit vielen reflektierenden Oberflächen. Bei einer Produktion vor dem Green Screen müssten die Lichtreflexionen in der Postproduktion einzeln hinzugefügt werden. Durch den Dreh vor den „echten“ Kulissen, also den leuchtenden LED-Leinwänden, reflektiert sich das Licht der Leinwände aber bereits beim Dreh auf der Rüstung physikalisch korrekt und muss nicht digital hinzugefügt werden.

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Auch wenn StageCraft bisher nur bei wenigen großen Film- und TV-Produktionen zum Einsatz kam, hat sich gezeigt, dass der Green Screen bald abgelöst werden kann. Erste Ableger der Anlage von Industrial Light & Magic entstehen bereits. Dazu gehört auch die Hyper Bowl in München, aufgebaut in einer Messehalle. Die LED-Wand, die ebenfalls mithilfe der Unreal Engine bespielt wird, hat hier eine Fläche von fast 500 Quadratmetern. In den vergangenen Monaten wurden dort bereits Werbefilme für Volkswagen, Porsche oder Mercedes gedreht, aber auch virtuelle Live-Events veranstaltet. Bis deutsche und europäische Filmproduktionen die Technik für sich entdecken, dürfte auch nicht mehr lange dauern.

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Teaserbild: Industrial Light & Magic

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