Fahrer verklagen Uber, um mehr über den Algorithmus zu erfahren

Bei Uber bestimmen keine Menschen, sondern eine Software, wer welche Fahrt für einen Passagier übernimmt. Jedoch glauben viele Uber-Fahrer, dass sie vom Algorithmus möglicherweise benachteiligt werden – wissen aber nicht, wieso. Daher klagen britische Fahrer nun gegen den Fahrdienstleister. Sie wollen wissen, was Uber über sie weiß und wie das System entscheidet.

Von Michael Förtsch

Werden Menschen in Zukunft eine Künstliche Intelligenz als Vorarbeiter oder sogar Firmenchef haben? Das sind Prophezeiungen, die zumindest Technologievisionäre wie Ray Kurzweil und Politiker wie Andrew Yang zeichnen – und auch davor warnen. Dabei sind schon jetzt Software- und trainierte Entscheidungsprogramme diejenigen, die in vielen Branchen bestimmen, wie und wann Menschen arbeiten. Insbesondere bei den Start-ups der Gig Economy. Beim Fahrdienstleister Uber gehört es sogar zum Kern des Geschäftsmodells, dass ein vollends digitales System die Fahrtenvermittlung abwickelt. Nun haben sich britische Uber-Fahrer zusammengefunden und das Unternehmen verklagt, um herauszufinden, wie das funktioniert.

Ist ein Uber-Fahrer in seinem Wagen, dann ist es, anders als bei einem traditionellen Taxi-Unternehmen, keine Leitstelle, die ihm die Fahrten vermittelt. Stattdessen bekommt er über die Uber-App sogenannte pickup requests . Jedoch kann es gut sein, dass so ein Fahrauftrag nicht einem Fahrer zugewiesen wird, der quasi direkt um die Ecke wartet, sondern einem Fahrer, der einen deutlich längeren Anfahrtsweg hat. Entschieden wird die Zuteilung der Fahrten von einer Software, die auf Basis von verschiedensten Kriterien abwägt und einen passenden Fahrer auswählt. Wonach und wie, das ist jedoch vollkommen intransparent und weder für die selbstständig arbeitenden Fahrer noch für die Passagiere nachvollziehbar.

Wie in Foren für Uber-Fahrer berichtet wird, kommt es immer wieder vor, dass ein Fahrer über Wochen hinweg zahlreiche Aufträge erhält. Dann aber die Zuweisungen von einem Tag auf den anderen einbrechen – obwohl weiterhin zahlreiche Fahrgäste bereitstünden. Manchen Fahrern, die sich in Gebieten aufhalten, in denen wegen eines hohen Fahrgastaufkommens höhere Preise gelten, würden wiederum stets nur Fahrten außerhalb dieser Zonen angeboten. Und das, während andere Fahrer gleichzeitig mit höheren Beförderungsentgelten von der App motiviert werden, in diesen Gebieten oder zu Stoßzeiten zu arbeiten.

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Britische Uber-Fahrer wollen nun wissen, wie es dazu und zu anderen Entscheidungen kommt, die ihnen über die App übermittelt werden. Daher verklagen sie mittels der Gewerkschaft The App Drivers and Couriers Union nun Uber – beziehungsweise die Niederlassung in Amsterdam in den Niederlanden, die das europäische Geschäft handhabt. Sie fordern Einblick in die Profile, die Uber von ihnen anlegt hat, und damit auch die Funktionsweisen des Algorithmus.

Eine Entscheidung könnte nicht nur Uber betreffen

Die App Drivers and Couriers Union erklärt in ihrer Klageschrift, dass Uber die Leistung der Fahrer überwache und dafür ihre Profile mit Informationen über verspätete Abholungen und Ankünfte, Fahrtenstornierungen, Fahrt- und Fahrerbewertungen und Beschwerden verknüpfe. Mehrfach hatten Fahrer sowohl individuell als auch kollektiv Informationen erbeten, wie ihre Profile gestaltet sind und welche Faktoren der Algorithmus tatsächlich heranziehe. Aber immer wieder habe Uber die Einsicht verweigert. Dadurch sei nicht klar, ob und wieso manche Fahrer von der Technik benachteiligt oder vielleicht sogar diskriminiert werden – oder ob die Software vielleicht einfach Willkür walten lasse.

Laut der Gewerkschaft seien die Fahrer berechtigt, zu erfahren, nach welchen Kriterien ihnen pickup requests zugewiesen werden. Ihnen eine Einsicht in ihre Profile und Einstufungen zu verweigern sei ein Verstoß gegen die Datenschutz-Grundverordnung der EU. Die Argumentation von Uber war in den vergangenen Jahren stets, dass die Fahrer als selbständige Unternehmer agieren und das Fahrtdienstunternehmen lediglich als neutraler Technologieanbieter agiere. Wolle jemand seine Daten einsehen könne er seine Anfrage an die entsprechende Abteilung bei Uber oder den Datenschutzbeauftragten des jeweiligen Landes eskalieren.

„Die App entscheidet millionenfach am Tag, wer welche Fahrt bekommt: wer die schönen Fahrten bekommt; wer die kurzen Fahrten bekommt“, sagt Anton Ekker, der Anwalt der den Fall führend vertritt. „Aber es geht nicht nur um Uber. Das Problem ist überall. Algorithmen und Daten geben viel Kontrolle, aber die Menschen, die ihr unterworfen sind, sind sich dessen oft nicht mehr bewusst.“

Sollte der Fall vor Gericht gehen und zugunsten der Fahrer entschieden werden, könnte das großen Einfluss auf die Zukunft von Unternehmen wie UBER aber auch andere Gig-Economy-Start-ups wie Deliveroo haben. Denn deren selbstständige Mitarbeiter könnten dann deutlich mehr Transparenz über die Art einfordern, wie sie ihre Aufträge bekommen, und dadurch die Möglichkeit erhalten, gegen Ungleichbehandlung und Benachteiligung vorzugehen. Dadurch könnten sie deutlich einfacher und klarere unternehmerische Entscheidung treffen.

Teaser-Bild: Humphrey Muleba on Unsplash

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