Europäischer Hoffnungsträger: Das finnisch-deutsche Start-up IQM Quantum Computers sammelt 39 Millionen Euro ein

Das finnisch-deutsche Startup IQM will als erstes Unternehmen Quantencomputer bauen, die in konkreten kommerziellen Anwendungen allen Digitalcomputern überlegen sind. Dafür setzt es auf einen eigenen Ansatz. Investoren stellen IQM nun 39 Millionen Euro frisches Kapital zur Verfügung. Unter den Geldgebern sind auch zwei frühe BioNTech-Investoren.

Aus der 1E9-Redaktion

Mit dem geglückten Experiment zur Quantum Supremacy, das im Magazin Nature publiziert wurde, öffnete Google im vergangenen Jahr eine bislang verschlossene Tür – zumindest einen Spalt weit: Hinter ihr verbergen sich Lösungen zu Problemen, die mit heutigen und zukünftigen digitalen Supercomputern praktisch nicht zu bewältigen sind. Google-Chef Sundar Pichai verglich den Durchbruch mit dem 12-sekündigen ersten Flug der Gebrüder Wright. Quantencomputer seien damit keine theoretische Forschungsfrage mehr, sondern eine Technologie-Entwicklungsaufgabe.

Fast als Randnotiz bemerkte Google im Nature-Artikel, dass für die Zunahme der Rechenleistung bei Quantencomputern nicht mehr nur das Mooresche Gesetz mit seinem exponentiellen Pfad gelten könnte, sondern diesmal sogar eine doppelt exponentielle Kurve verfolgt werde.

Längst ist daher ein globales Quanten-Wettrennen entfacht, in dem Konzerne und Start-ups mit hohem Kapitaleinsatz und mit staatlicher Unterstützung versuchen, die Tür zur Quantenüberlegenheit noch weiter zu öffnen. Sie wollen – anders als im Google-Experiment, bei dem es nur um eine eher theoretische, mathematische Aufgabe ging – Lösungen für relevante, globale Problemen finden. Und dann wollen sie diese kommerzialisieren. Mit dem 39-Millionen-Euro-Investment ist mit IQM nun auch ein erster und echter Europäer im Rennen. Die Firma sitzt in Finnland und Deutschland.

IQM verfolgt einen eigenen Ansatz

Während sich Wettbewerber vorgenommen haben, Quantenprozessoren mit Millionen von sogenannten Qubits zu bauen, den kleinsten Informations-Speichereinheiten im Quantencomputer, will IQM den Quantenvorteil bereits mit Hunderten bis wenigen Tausend solcher Einheiten erreichen. „Damit verringert sich der Abstand zum eigentlichen Ziel. Der Quanten-Vorteil rückt technologisch näher und wird dadurch schon heute greifbar“, sagt Jan Goetz, CEO und Mitgründer von IQM, der als @jannemann auch Teil der 1E9-Community ist.

Eine weitere Besonderheit des Unternehmens ist die Co-Design Strategie, die es erlauben soll, mit weitaus weniger Qubits relevante Probleme schneller als klassische Computer zu lösen: Anstatt einen Quantenrechner zu bauen, der universell arbeiten, also alle Probleme bedienen kann, sollen die IQM-Prozessoren problemspezifische Werkzeuge sein: Hardware und Software werden gemeinsam designt und auf das jeweilige Problem abgestimmt.

Solche anwendungsorientierten Quantenprozessoren „könnten beispielsweise Simulationen von sehr komplexen Molekülen möglich machen, was die Entwicklung neuer Medikamente deutlich beschleunigen würde“, erklärte Jan Goetz in einem früheren Interview mit 1E9. Ein Quantencomputer könnte das Penicilin-Molekül schon mit etwa 286 Qubits simulieren. Ein klassischer Digitalcomputer bräuchte 10 hoch 86 Bits. Das entspräche mehr Transistoren als es Atome im uns bekannten Universum gibt. Dieser Vergleich verdeutlicht die Überlegenheit in der Rechenkapazität, die bereits mit wenigen Hundert oder Tausend Qubits zur Verfügung stehen könnte.

Das sind die IQM-Investoren

Mit der Pharmaindustrie verbunden sind auch die IQM-Neuinvestoren Helmut Jeggle und die Gebrüder Strüngmann. Gemeinsam haben sie unter anderem das deutsche Biotech-Unternehmen BioNTech von Anfang an als Kapitalgeber begleitet. BioNTech gilt mit seinem US-Partner Pfizer als vielversprechendster Kandidat, um einen der ersten wirksamen Corona-Impfstoffe auf den Markt zu bringen, wie die gestrigen Meldung zu den Wirksamkeitsdaten andeutet. Für Helmut Jeggle ist der „langfristige Fokus und Quantentechnologie, die globale Märkte bedient“ von Bedeutung für sein Engagement bei IQM.

Als weitere Neuinvestoren kommen bei der 39-Millionen-Runde auch der chinesische Internetkonzern Tencent und der Wagniskapital-Fonds Vsquared aus München hinzu. Ling Ge, die Europachefin von Tencent, die selbst im Bereich Quantencomputing promoviert hat, sagt, dass „technologische Innovation, das Weltklasse-Format des wissenschaftlichen Teams und ihr Antrieb Quantencomputer zu bauen IQM zum europäischen Leader im Bereich Quantencomputer gemacht hat“. Tencent will IQM nun bei der Kommerzialisierung der Technologie unterstützen. Vsquared sieht IQM als „wegweisend für die aufkommende Quantenindustrie“ und als Sinnbild für „einen neuen europäischen Unternehmergeist“.

Alle Bestandsinvestoren, wozu Vito Ventures, die MIG Fonds aus München, sowie Open Ocean, Maki House und Tesi aus Finnland gehören, beteiligen sich in der aktuellen Finanzierungsrunde ebenfalls. Der Gesamtbetrag der bislang von IQM eingeworbenen Mittel steigt damit auf über 70 Millionen Euro.

Titelbild: IQM

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Ich hab hier noch einen ziemlich interessanten Artikel über das Verschlüsselungs Problem gefunden…Peter Shor sieht da eine Gefahr der gesamten Sicherheit im Netz… Schon etwas älter:

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Der gute Shor. Ich glaub das wird noch dauern. Aber vielleicht können wir davor Quanten-Computer-Spiele spielen, zB auf der Deutsches Museum Maschine, die es bald geben wird :slight_smile: :test_tube: :dna: :alembic: :game_die: :alien:

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Cool., will mehr über die Deutsche - Museum Maschine wissen…! Repliziert die immer wieder mit der Materie des Kosmos weitere Deutsche Museen.? , solange bis die gesamte Materie unseres sichtbaren Universums aufgebraucht ist? :thinking::exploding_head::sparkles:

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