Erde, Mond und Mars: Welche Raumfahrt-Highlights uns 2021 erwarten

Ein aufregendes Raumfahrtjahr steht bevor – voller Erfolge, mancher Misserfolge, sensationeller Neuheiten und eines weiter aufblühenden Marktes. Manches, was derzeit noch vollmundig für 2021 angekündigt wird, können wir auch erst einmal vergessen und im kommenden Jahr erneut aufgreifen. Denn die Planung wird auch 2021 oft mit der Realität kollidieren. Welche Projekte eine Chance haben und welche nicht, prognostiziert für uns der Raumfahrtexperte Eugen Reichl.

Ein Gastbeitrag von Eugen Reichl

Beginnen wir mit den Dingen, die wir für 2021 erwarten müssten, wenn wir den Ankündigungen der Firmen und Institutionen glaubten. Doch vieles, was in diesen Tagen noch vollmundig für 2021 geplant ist, werden wir in diesem Jahr definitiv nicht sehen.

So wird es auch in diesem Jahr keinen Erstflug der europäischen Trägerrakete Ariane 6 geben. Der wurde schon vor einigen Wochen verschoben – und das um ein volles Jahr von Mitte 2021 auf Mitte 2022. Die Begründung: „Corona“. Das ist enttäuschend, steckt in dem Projekt doch keine sonderlich neue oder irgendwie riskante Technologie. Bis vor etwa fünf Jahren peilte man den Erstflug der Ariane 6 noch zum 50. Jubiläum der ersten bemannten Mondlandung an, also für den Juli 2019. Tatsächlich werden wir von Glück reden können, wenn er vor dem 50. Jahrestag der letzten bemannten Mondlandung im Dezember 1972 stattfindet. Und das mit einer Rakete, die – auch wegen der permanenten Verzögerungen – zunehmend ohne Zukunft ist und konzeptionell eher in die achtziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts gehört.

Auch SLS, Dream Chaser oder Ganganyaan werden es 2021 nicht schaffen

Permanente Verschiebungen gibt es auch bei einem Programm, das in einer ganz anderen Liga spielt: bei ARTEMIS, mit dem die amerikanische Raumfahrtbehörde NASA zurück zum Mond will. Hier ist ebenfalls die Trägerrakete für den Verzug verantwortlich: das Space Launch System, kurz SLS. Nach den ursprünglichen Planungen hätte es schon 2017 einsatzbereit sein sollen. Seit einer ganzen Weile steht nun als offizieller Termin für den unbemannten Erstflug des SLS der Oktober 2021 auf dem Plan. Doch dieses Datum können wir getrost vergessen. Der Flug wird in diesem Jahr nicht stattfinden. Meine Vermutung für die ARTEMIS I Mission, die neben dem noch unbemannten Orion-Raumschiff auch einen Schwarm von 13 Mondsonden ins Al bringen soll, ist der Juni 2022. Doch selbst dafür müsste etwas eintreten, was bisher in diesem Projekt noch nie der Fall war: Es muss gut laufen.

Auch der wiederverwendbare Raumgleiter Dream Chaser, der Versorgungsflüge zur ISS übernehmen soll, wird in diesem Jahr nicht wie angekündigt fliegen, sondern irgendwann 2022. Vielleicht. Südkoreas Nuri-Rakete, die das Land von ausländischen Trägern weitgehend unabhängig machen soll, dürfte es ebenfalls nicht schaffen. Genauso wenig wie Japans H3-Rakete. Indiens noch unbemannter Testflug der Ganganyaan-Kapsel hat dieses Jahr keine Chance. Somit verschiebt sich auch der erste bemannte Flug um mindestens ein Jahr von 2022 auf 2023. Blue Origins Schwerlast-Trägerrakete New Glenn wird den für 2021 angekündigten Erstflug ebenfalls nicht antreten. Und auch für die Vulcan-Rakete der United Launch Alliance sieht es mau aus.

Insgesamt sind mehr als zwei Dutzend neue Typen von Trägerraketen für 2021 zum Erstflug gemeldet – angefangen bei der Alpha von Firefly bis zur Zhuque-3 von Landspace. Doch am Ende werden vielleicht fünf davon tatsächlich die Startrampe in Richtung Orbit verlassen. Und das sind nur die Großprojekte.

Auch eine Reihe kleinerer Mondmissionen ist für 2021 angekündigt. Von diesen wird sich aber nur eine einzige halbwegs sicher realisieren lassen, mit etwas Glück auch zwei. Die eine wird die Capstone-Minisonde sein, die mit Rocket Lab auf die Reise Richtung Mond geht, und – man mag es nach unglaublichen 25 Jahren Vorbereitungszeit kaum fassen – auch die russische Mondsonde Luna 25 könnte 2021 auf die Reise gehen. Vielleicht gerade noch im Dezember, bevor schon wieder ein neues Jahr anbricht. Der gesamte Rest der Mondsonden bleibt auf der Erde: Peregrine, weil die Vulcan-Trägerrakete nicht rechtzeitig fertig wird. Die indische Chandrayaan 3-Sonde, Lunar Mission One und Nova-C von Intuitive Machines weil, nun ja, weil Chandrayaan 3, Lunar Mission 1 und Nova-C eben nicht rechtzeitig fertig sein werden. Und über ARTEMIS I haben wir ja schon gesprochen.

Ein Nachfolger für das Hubble Space Telescope und internationale Mars-Feststpiele

Nach dieser ernüchternden Aufstellung fragt ihr euch vielleicht: Was findet 2021 überhaupt statt? Die Antwort: Wenn keine derzeit noch unvorhersehbaren Katastrophen über uns hereinbrechen, dürfte es ein spannendes Jahr mit vielen bemerkenswerten Ereignissen werden.

Womöglich, ich mag es selbst kaum glauben, startet 2021 sogar das James-Webb-Weltraumteleskop. Der inoffizielle Hubble-Nachfolger ist eine Kooperation von NASA, ESA und CSA und hält bislang den absoluten Rekord in Dauerverschiebungen in Verbindung mit exponentiellen Kostensteigerungen. Vielleicht können sich manche noch erinnern: James Webb sollte ursprünglich 2007 starten und 500 Millionen Dollar kosten. Heute werden die Missionskosten auf etwa zehn Milliarden Dollar geschätzt. Der Start ist momentan noch für Oktober 2021 geplant und könnte vielleicht gerade noch im Dezember durchgezogen werden. Allerdings würde ich darauf nicht mehr als 50 Cent verwetten.

Im Februar werden gleich drei Raumsonden den Mars erreichen – und das auf jeden Fall, denn alle drei sind schon jetzt nicht mehr weit vom Ziel entfernt. Die Orbitsonde Hope der Vereinigten Arabischen Emirate und die hochkomplexe Orbiter/Lander/Rover-Kombination Tianwen 1 aus China werden in die Marsumlaufbahn eintreten. Der plutoniumbetriebene US-Rover Perseverance wird eine Direktlandung aus der Anflughyperbel unternehmen und hoffentlich sicher im Jezero-Krater niedergehen, um eine Forschungsmission von mindestens zehn Jahren Dauer zu beginnen. Dabei wird er Proben aus dem Gestein entnehmen, die gegen Ende des Jahrzehntes von einer Sonde abgeholt und zur Erde gebracht werden sollen. Im April oder Mai wird dann der chinesische Tianwen 1-Orbiter die Lander/Rover-Kombination absetzen.

Eigentlich sollte auch Europa bei der großen Mars-Gala dabei sein. Doch das ExoMars-Projekt der europäischen ESA und der russischen Raumfahrtagentur Roskosmos ist im Verzug. Ursprünglich war schon für 2018 vorgesehen, den Lander Kasatschok mit dem Rover Rosalind Franklin loszuschicken. Nun wird das für 2022 angepeilt. Doch ob mit oder ohne Europa: Die internationale Mars-Gala wird einer der ersten Höhepunkte des Raumfahrtjahres 2021 werden.

SpaceX, OneWeb, Boeing & Co.

Für viel Unterhaltung wird auch in diesem Jahr SpaceX sorgen. Im Durchschnitt können wir etwa alle zehn Tage mit einer Orbitalmission des Unternehmens rechnen. Dabei wird SpaceX auch drei bemannte Raumfahrzeuge zur ISS senden, darunter – gegen Ende des Jahres – die erste von Axiom-Space privat finanzierte bemannte Mission. Außerdem drei unbemannte Cargo Dragon-Missionen. Und es werden bis zu drei Missionen mit der Falcon Heavy durchgeführt werden.

Im Frühjahr transportiert SpaceX den französischen ESA-Astronauten Thomas Pesquet und im Herbst den Deutschen Matthias Maurer mit einer Crew-Dragon-Kapsel zur Raumstation. Dort sollen die beiden jeweils sechs Monate verbringen.

Von SpaceX dürfen wir von der Basis im texanischen Boca Chica außerdem ziemlich sensationelle Testflüge erwarten. Das Unternehmen schickt seine Starship-Prototypen reihenweise zu immer anspruchsvolleren, zunächst noch suborbitalen Flügen los. Es wird spektakuläre Explosionen geben – RUD’s, oder Rapid Unscheduled Disassemblies, wie sie Elon Musk zu nennen pflegt – und gewiss auch einige ebenso spektakuläre Erfolge.

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SpaceX und OneWeb werden unterdessen damit fortfahren, ihre Satelliten-Konstellationen auszubauen, die die Erde aus dem Orbit mit schnellem Internet versorgen sollen. Die Starlink-Konstellation von SpaceX wird dabei in diesem Jahr bereits ihre erste Ausbauphase erreichen und in den regulären Betrieb gehen.

RocketLab beginnt mit den Orbitalstarts in Wallops Island – bisher startete das Unternehmen nur vom neuseeländischen Mahia aus – und wird auf dem Weg zur Wiederverwendbarkeit seiner Raketen einen guten Schritt weiter vorankommen. Boeings Starliner wird – einen erfolgreichen unbemannten Testflug im März oder April vorausgesetzt – gegen Ende des Jahres ebenfalls ins Geschäft mit der NASA für die bemannten Transporte zur ISS einsteigen. Die ISS wird außerdem zwei neue Module erhalten: Nauka und Prichal. Das ist der erste größere Ausbau der ISS seit vielen Jahren.

Auch China wird für Schlagzeilen sorgen

Und dann ist da noch China, das auch 2021 Aufsehen erregen wird. Einmal mit dem schon erwähnten Tianwen-1-Marsunternehmen, vor allem aber, weil es in diesem Jahr ernst wird mit dem Aufbau der chinesischen Raumstation. Ich erwarte heuer fünf oder sechs Missionen für dieses Großvorhaben: den Transport der ersten beiden Labormodule, nämlich Tianhe-1 und Wentian, zwei bemannte Missionen mit Shenzhou 12 und 13, beide jeweils von mehreren Monaten Dauer, und schließlich die Lieferung von Nachschub und Ausrüstung in zwei großen Tianzhou-Nachschubraumschiffen.

Auch eine Reihe interessanter Forschungsmissionen werden 2021 ihren Anfang nehmen: Der italienische Laser Relativity Satellite 2, kurz LARES-2, wird mit der ersten Vega C auf die Reise gehen. Hoffen wir, dass es nicht schon wieder zu einem Fehlstart kommt. Die NASA-Mission Double Asteroid Redirection Test, kurz DART, wird von Vandenberg aus zu ihrem Ziel, dem Doppelasteroiden 65803 Didymos, aufbrechen. Mit ihr soll erprobt werden, ob sich Asteroiden, die der Erde gefährlich werden können, durch eine Kollision umlenken lassen. Die NASA will auch die Kamera namens Imaging X-ray Polarimetry Explorer, kurz IXPE, starten, mit der etwa Schwarze Löcher untersucht werden sollen, und einige Monate später die Raumsonde Lucy auf eine Besuchsreise zu nicht weniger als acht verschiedenen Asteroiden entsenden. Sieben davon sind Trojaner des Jupiter, aber mit 52246 Donaldjohanson ist auch ein Asteroid des Hauptgürtels mit dabei.

Und noch etwas wird 2021 in den Raumfahrt-Schlagzeilen landen. Wahrscheinlich werden wir in diesem Jahr die ersten bemannten Flüge des New Shepard von Blue Origin und den ersten Passagierflug des SpaceShipTwo von Virgin Galactic erleben. Letzterer mit keinem Geringeren als Sir Richard Branson an Bord. Gerade bei Virgin Galactic behaupte ich das allerdings schon seit mehr als einem halben Jahrzehnt jedes Jahr aufs Neue. Aber dieses Mal würde ich richtig Geld darauf verwetten. Sagen wir: einen Euro.

Eugen Reichlist Sachbuchautor und hat bislang 35 Bücher zum Thema Raumfahrt veröffentlich. Er war lange Zeit in einem international agierenden Luft- und Raumfahrtkonzern im Bereich für chemische und elektrische Antriebe tätig. Seit gut einem Jahr ist er Freelancer.

Dieser Artikel erschien zuerst bei SPACE – Die Raumfahrtjahrbücher.

Titelbild: So soll es aussehen, wenn eine Raumkapsel den Rover Perseverance zum Mars bringt. Grafik: NASA

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