Diese Science-Fiction-Romane retten euch durch den Sommer

Der Sommer ist bald da! Schon jetzt zeigen sich die ersten langen Sonnentage. Doch wegen des Coronavirus sind Partys wohl noch nicht die besten Ideen. Und in Biergärten ist weniger Platz als sonst. Warum also nicht gleich zu einem guten Buch greifen – ganz egal, ob nun auf Papier, dem E-Reader, dem Smartphone oder Tablet. Denn da locken auch in diesem Jahr vor allem wieder viele spannende, ungewöhnliche und intelligente Science-Fiction-Werke.

Von Michael Förtsch

Tatsächlich dürfte das nun bestens bekannte Social Distancing auch im allmählich in die Gänge kommenden Sommer noch ratsam sein. Aber man kann das kommende Sonnenwetter ja auch genießen, ohne sich in große Menschenmassen zu stürzen. Eben mit einem guten Buch in der Hand. Und das muss nicht der typische Sommersonnenkrimi sein, der nur kurz im Gedächtnis bleibt. Nein, viel interessanter und spannender wird es mit cleveren Science-Fiction-Werken.

Und davon sind in den vergangenen Monaten so einige erschienen – sowohl von bekannten Autoren als auch von Debütschriftstellern, die gekonnt in die Zukunft, auf die Implikationen neuer Technologien auf die Gesellschaft, die Chancen und Irrwege des Fortschritts und weit hinein in den Weltraum schauen. Darunter Kim Stanley Robinson, der mit Roter Mond einen Thriller über die Kolonisierung des Erdtrabanten abfasste. Und Arwen Elys Dayton, die in ihrer Anthologie Stronger, Faster, and More Beautiful verschiedenste Möglichkeiten aufzeigt, wie der Mensch sich selbst manipuliert.

Aber auch einige Klassiker lohnen durchaus. Denn manch Geschichte, die vor Dekaden geschrieben wurden, passt gut in unsere Zeit. Beispielsweise Die Wand in der Marlen Haushofer die Geschichte einer Frau erzählt, die urplötzlich von ihrer Außenwelt abgeschnitten ist.

88 Names

88 names

Der junge John Chu hat einen ungewöhnlichen Job. Er ist ein sogenannter Sherpa – aber keiner, der abenteuerlustige Bergsteiger führt. Stattdessen begleitet er Spieler, die wenig Zeit, aber viel Geld besitzen, durch Virtual-Reality-Spielwelten und stattet sie mit einem hochgezüchteten Spielcharakter, Waffen und Informationen aus. Ganz egal, ob in den Ritter- und Drachenwelten von Asgarth , Metropolen in einer virtuellen Zombieapokalypse oder dem von Weltallpiraten durchsetzen Kosmos des Alpha Sektor .

Sein neuester Kunde ist ein Mann, der sich nur als Mr. Jones vorstellt und ihm für seine Dienste unerhört viel Geld anbietet. Chu glaubt zunächst, hinter diesem Pseudonym verstecke sich wohl ein exzentrischer Silicon-Valley-Milliardär. Doch nach und nach wächst in ihm die Überzeugung, dass Mr. Jones in Wahrheit wohl der nordkoreanische Diktator Kim Jong-un ist. Der Roman von Bad-Monkeys- und Lovecraft-Country-Autor Matt Ruff ist zackig geschrieben, voller Popkultur- und Videospielanspielung. Einfach clever, politisch und herrlich skurril.

Verschwörung gegen Amerika

Verschwörung gegen Amerika

Familie Roth führt ein ruhiges Leben in New York. Herman ist Versicherungsvertreter, seine Frau versorgt die beiden Kinder Philip und Sandy. Doch dann kommt es zum Krieg in Europa. Die USA sind gespalten darüber, ob sie intervenieren sollen. Einer, der öffentlich gegen eine Einmischung poltert, ist der Luftfahrtpionier Charles Lindbergh, der immer wieder mit antisemitischen und der Nazi-Regierung freundlich gesinnten Aussprüchen auffällt. Plötzlich stellt er sich zur Präsidentschaftswahl – und gewinnt! Seine erste Amtshandlung: Er schließt einen Vertrag mit Nazi-Deutschland und Japan darüber, dass sich die USA nicht in den Krieg einmischen.

Spürbarer werden für viele jedoch andere Beschlüsse. Lindbergh will die jüdische Bevölkerung in den USA amerikanisieren . Das trifft auch die Familie Roth, die gezwungen wird, ihre Kinder in Südstaaten-Gastfamilien zu schicken und Anfeindung auf der Straße ertragen muss. Dann droht ein Gesetz in Kraft zu treten, dass die gewaltsame Umsiedlung von Juden rechtens machen soll. Verschwörung gegen Amerika ist ein düsterer und etappenweise geradezu alptraumhafter Alternativ-Welt-Roman von Philip Roth, der vor politischem Isolationismus und der dunklen Macht des Antisemitismus warnt. Mit The Plot Against America wurde der Roman von HBO in diesem Jahr als Mini-Serie verfilmt.

The Drowned World

The Drowned World

Der Klimawandel ist real, aber die Menschheit hat ihn ignoriert. Das führt im bereits 1962 erschienenem Roman von J. G. Ballard jedoch nicht zum Ende der Welt. Stattdessen hat sich der Planet in ein eigentümliches und fremdartiges Naturparadies transformiert. Einstige Metropolen stehen unter Wasser, Küsten haben sich Kilometer weit verschoben und Wüsten sind zu Sümpfen geworden. Um zu überleben, muss die Menschheit diese neue Welt verstehen lernen.

Robert Kerans ist Biologe und wird zusammen mit einem Team ins einstige London geschickt, das im Jahr 2145 als eine dampfende Lagune daliegt. Aber bereits kurz nach ihrer Ankunft werden die Forscher von bizarren Träumen geplagt, wie Ballard in poetischen Worten beschreibt. Einer der Wissenschaftler flieht auf Nimmerwiedersehen aus dem Camp. Andere verlieren sich in Halluzinationen. The Drowned World gilt als Mitbegründer der heutigen Climate Fiction und als spiritueller Urahn von modernen Kult-Werken wie Auslöschung .

Wie man einen Toaster überlistet

Wie man einen Toaster überlistet

Salima hat es geschafft. Jahre nachdem sie in die USA einreiste und in Flüchtlingsheimen überleben musste, ist sie endlich angekommen. Sie bezieht ihr erstes eigenes Appartement, das im oberen Stock eines nagelneuen Hochhauses gelegen ist. Doch das hat seinen Preis. Denn das Hochhaus ist mit smarter Inneneinrichtung und Technik ausgestattet. Der Toaster nimmt nur die autorisierte Brotmarke an, die vom Hersteller des Toasters selbst verkauft wird und der Fahrstuhl bevorzugt Besserverdiener.

All das will Salima nicht auf sich sitzen lassen. Die junge Frau entschließt sich, die Technik zu hacken. Die 176-Seiten-Novelle von Cory Doctorow zeichnet eine absurde Zukunftswelt, die so bizarr eigentlich nicht ist. Denn bereits jetzt blockieren Drucker gerne Farbpatronen, die nicht aus der eigenen Fabrik kommen. Und wer bei bestimmten Online-Händlern einen festen Jahresbetrag zahlt, der wird schneller beliefert als die anderen. Der Autor und Aktivist rechnet in der Satire dadurch bissig und scharfsinnig nicht nur mit einer möglichen Zukunft, sondern auch unserer Gegenwart ab. Das ist sowohl grandios witzig als auch erhellend.

Andromeda: Die Evolution

Andromeda Die Evolution

In Michael Crichtons Andromeda schlug im Jahre 1967 ein Satellit nahe des Örtchens Piedmont, Arizona ein. Was er aus dem All mitbrachte, tötete alle Einwohner, die Soldaten, die den Satelliten bergen sollten, und zersetzt Polymere – und damit Flugzeuge, Panzer, ja, all das, was die Zivilisation am Laufen hält. Einem Team aus Wissenschaftlern gelang es nur knapp, die Weltraumseuche einzudämmen. Im Jahr 2017 ist klar, dass die sogenannten Andromeda-Partikel bei weitem nicht besiegt sind. Im brasilianischen Regenwald streckt sich nämlich alsbald ein riesiges Turmgebilde in die Höhe, das aus den gefährlichen Teilchen besteht.

Erneut muss eine Gruppe der weltbesten Wissenschaftler ran – zusammen mit einem Expeditionsteam, das die Struktur aus nächster Nähe untersucht. Das von Nidhi Vedala geführte Projekt soll die Zerstörung der Welt verhindern. Aber was, wenn Andromeda gar keine außerirdische Seuche ist, sondern der Versuch einer Kontaktaufnahme aus dem All? Andromeda: Die Evolution stammt nicht aus Crichtons Feder, sondern der von Robocalypse-Autor Daniel H. Wilson, der es verblüffend gut schafft, dem Ton und der Detailverliebtheit der 2008 verstorben Sci-Fi- und Thriller-Ikone gerecht zu werden.

The Future of Another Timeline

Future of Another Timeline

Zeitreisen sind nicht einfach. Ganz und gar nicht. Dennoch versuchen Tess und eine Gruppe Cis- und Trans-Helferinnen genau diese zu nutzen, um aus dem Jahr 2022 heraus die unterdrückerische und vor allem sexistische Politik eines gewissen Anthony Comstock ungeschehen zu machen. Geradezu chirurgisch feine Eingriffe in die Vergangenheit sollen eine bessere Zukunft erschaffen. Aber: Die Verlockungen sind für einige letztlich zu groß, auch das eigene Leben zu optimieren und alte Fehlentscheidungen zu tilgen.

Parallel zu Tess ist da noch Beth, die 1992 lebt und ein Problem hat. Auf der Rückbank eines Autos hat sie die Leiche eines Jungen liegen, der ihre Freundin vergewaltigen wollte. Sie muss den Körper verschwinden lassen. Nur: Nachdem das geschafft ist, will sie auch andere Frauen vor sexuellen Übergriffen bewahren – und das mit Gewalt! Annalee Newitz’ Roman ist rasant, gewitzt, überdreht, quirlig und gerne auch mal drastisch. An manchen Stellen holpert das Punk-Zeitreiseabenteuer, das tut dem Lesespaß aber kaum einen Abbruch.

Eden

Eden

Es hat nicht funktioniert. Industrie, Konsum und die Gier nach Rohstoffen haben die Umwelt aus den Angeln gerissen. Panisch entschließt sich die Menschheit daher, rund um die Erde 13 sogenannte Virgin Zones einzurichten. Es sind riesige Reservate und Schutzgebiete, in denen die Natur vollkommen unkontrolliert und unbeeinflusst ihren Lauf nehmen soll. Sie sollen von nun an als Lunge der Welt dienen. Das Betreten dieser Zonen ist streng verboten. Dennoch schaffen es Dylan und seine Tochter Jenn mitsamt einigen Abenteurern in die Zone Eden einzudringen.

Dylan will mit seiner Gefolgschaft das Naturrefugium erforschen und dokumentieren. Aber: In dem riesigen Schutzgebiet verschwand einst auch die Mutter von Jenn. Die junge Frau hofft sie, wiederzufinden. Auf ihrer Exkursion müssen die Abenteurer jedoch feststellen, dass sich die Natur in der Zone nicht nur bestens erholt hat, sondern auch weiterentwickelte. Tim Lebbon, der Autor von The Silence , liefert mit Eden einen modernen und flotten Öko-Horror-Thriller, der trotz der fast 400 Seiten schnell gelesen ist und wohl auch einen mitreißenden Film abgäbe.

Die vielen Leben des Harry August

Die vielen Leben des Harry August

Harry August hat es durch – sein Leben. Schon wieder. Bereits elf Mal ist er gestorben, um dann im Jahr 1919 wiedergeboren zu werden. Jedes Mal nahm er dabei seine Erfahrungen und sein Wissen aus dem vorherigen Leben mit. Zunächst war das aufregend – aber nun hat er sich damit abgefunden und beinahe daran gewöhnt. Jedenfalls bis dann etwas geschieht, das er so noch nicht kannte. Als er wieder einmal auf dem Totenbett liegt, warnt ihn ein Mädchen, dass der Weltuntergang bevorsteht und nur er ihn aufhalten kann.

Der Roman von Claire North erinnert zunächst an Und täglich grüßt das Murmeltier . Und Tatsache: Die Geschichte und Harry August sind über weite Strecken ähnlich charmant und schrullig wie der Bill-Murray-Klassiker. Jedoch steht hinter der Zeitschleife weitaus mehr. Außerdem ist Harry nicht der einzige, der in einer solchen feststeckt. Doch wenn dem so ist, wieso verläuft die Historie immer wieder gleich? Die vielen Leben des Harry August ist ein anregendes Gedankenexperiment, das zuweilen etwas sehr träge voranschreitet und nicht sein volles Potential entfaltet. Trotzdem sorgt es für einige vergnügte Lesestunden.

Das Tor

Das Tor Abdel Aziz

Die Revolution wurde niedergeschlagen. Die Regierung hat in dem nicht näher benannten Land daraufhin drakonische Gesetze erlassen, um ein weiteres Aufbegehren der Bevölkerung zu unterdrücken Eines davon: Für jede noch so alltägliche Erledigung müssen Bürger eine Erlaubnis einholen – sei es eine Behandlung beim Arzt oder das Kaufen neuer Schuhe. Wer eine Lizenz haben will, muss sich vor einem Tor anstellen, das täglich angeblich nur eine bestimmte Anzahl an Bürgern einlässt.

Menschen wie Yahya schleppen sich deswegen über Wochen mit entzündeten Wunden umher, um sich jeden Morgen mit Tausenden anderen vor das Tor zu stellen. Auf dem Weg dorthin, wird ihnen der Kauf von Brot verweigert, weil sie bei der letzten Wahl falsch wählten und während des Wartens blättern sie in der Staatszeitung Die Wahrheit . Mit den Tagen und Wochen wird allmählich klar, dass niemals jemand gesehen hat, wie sich das Tor öffnete und jemand hineinging. Der Debüt-Roman von Basma Abdel Aziz ist eine düster-komplexe Dystopie, die mit scharfsinnigen Beobachtungen aufwartet, aber durch ein eigensinniges Vokabular etwas holprig zu lesen ist.

Die Dunkle Quelle

Die Dunkle Quelle

Am 12. November 2014 hat die Sonde Rosetta den Lander Philae auf den Kometen Tschurjumow-Gerassimenko – oder kurz: 67P – abgesetzt. Er sendete Bilder von der Oberfläche, von Staub und Gasausstößen. Dann folgte eine Funkstille. Der Lander war offensichtlich defekt. Doch in Die Dunkle Quelle erwacht er nach zwölf Jahren plötzlich wieder – und beginnt erneut zu senden. Er liefert Daten, die vom DLR empfangen werden und derart rätselhaft sind, dass die NASA sich entschließt, ein bemanntes Raumschiff hinter dem Kometen herzuschicken.

Die Mission verschlingt Unsummen, ist riskant und aufwendig. Doch sie könnte sich lohnen – und den Blick der Menschheit auf sich und das Universum verändern. Als die Astronauten Tschurjumow-Gerassimenko erreichen, müssen sie feststellen, dass der Menschheit eine große Gefahr droht. Jedoch sind sie nicht in der Lage, eine Warnung zu senden. Der Roman des deutschen Physikers Matthias Matting – unter dem Pseudonym Brandon Q. Morris – spielt ein fesselndes Was-wäre-wenn-Szenario durch, das geschickt wissenschaftliche Fakten und Pläne wie für das Lunar Gateway einwebt und dadurch sehr authentisch erscheint.

Die Zeuginnen

Die Zeuginnen

Über 30 Jahre nach Der Report der Magd hat die Schriftstellerin Margaret Atwood ihrem dystopischen Roman einen Nachfolger beschert. Im Original beschrieb sie das Leben der Frauen im Staat Gilead, in dem viele Menschen durch bakteriologische Verseuchungen steril wurden. Sogenannte Mägde wie Desfred wurden daher gezwungen, für höher gestellte Familien Kinder auszutragen. Die Zeuginnen setzt viele Jahre nach dieser Erzählung an und beschreibt drei Frauen, die über unterschiedliche Wege mit Desfred verbunden waren,

Sie berichten über ihr Leben im System des Staats Gilead – und wie es letztlich zum Fall des klerikal verbrämten Unrechtsstaates kam. Lydia war etwa Täter und Opfer zugleich. Agnes sah das Unrecht, aber vermisst Gilead trotzdem. Und Daisy wächst außerhalb von Gilead auf, wurde aber dort geboren und will ihre Herkunft erkunden. Die Zeuginnen ist kein einfacher, sondern schwieriger Roman. Er lässt lange darüber im Unklaren, wie die Protagonistinnen verflochten sind. Aber vor allem macht er die misogyne, totalitäre und postapokalyptische Grausamkeit des fiktiven Staates derart plastisch und spürbar, dass es fast schon schmerzt.

Dahinter das offene Meer

Dahinter das offene Meer

Es klingt eigentlich ziemlich idyllisch. Ein alter Mann und ein Junge leben auf einer Windturbinenplattform in der Nordsee. Der Blick aufs Festland ist allerdings durch den steigenden Meeresspiegel schon lange verschwunden. Und selbst wenn dem nicht so wäre, würde er von den unzähligen Windrädern versperrt, die langsam vor sich hin rotten. Die Aufgabe des Duos: Die noch laufenden Räder so lange wie möglich in Betrieb halten. Dafür werden sie von der Firma bezahlt.

Der Junge hat jedoch noch eine andere und sehr private Mission. Er will herausfinden, was mit seinem Vater passierte, der vor ihm auf dieser Plattform gedient hat. Und tatsächlich entdeckt er Hinweise, die daraufhin deuten, dass sein Vater nicht ganz freiwillig auf der Plattform war und die Flucht zum Festland geplant hatte. Der Roman von Ben Smith ist weniger Science Fiction, sondern eher ein Drama, das zufällig in einer ziemlich dystopischen Kulisse angesiedelt ist. Aber eines, das bewegt und mit 256 Seiten auch durchaus an einem Wochenende weg gelesen werden kann.

Fall, Or Dodge in Hell

Fall Or Dodge in Hell

Richard „Dodge“ Forthrast war ein Wunderkind – aber hatte auch Glück. Er gründete ein Videospielunternehmen, das ihn zum Multimilliardär machte. Denn ein von seinem Studio entwickeltes Online-Rollenspiel wird von Milliarden Menschen gespielt. Es könnte ihm nicht besser gehen, bis er einen medizinischen Routineeingriff unternehmen lässt. Dabei geht etwas schief. Richard erleidet den Hirntot. Jedoch hatte er vorgesorgt und bestimmt, dass in einem solchen Fall sein Gehirn eingefroren werden soll, um ihn als digitales Verstandeswesen wiederzuerwecken, wenn die Technologie soweit ist.

Die Jahre vergehen … und dann erwacht Richard tatsächlich wieder. Und zwar in einer digitalen Welt, die als Bitworld bezeichnet wird. Er ist nicht der einzige. Ihm waren nämlich unzählige andere Milliardäre gefolgt, die sich selbst Eutropians nennen. Allerdings ist die Bitworld nicht das Paradies, das sich Richard ersehnt hat, sondern eine abstrakte und unverständliche Welt, die im totalen Chaos versinkt. Der Snow-Crash-Autor Neal Stephenson hat mit Fall, Or Dodge in Hell einen wilden Science-Fiction-Thriller verfasst, der gekonnt philosophische Fragen, griechische und nordische Mythologie und ganz reale Silicon-Valley-Fantastereien verquirlt.

Die Siliziuminsel

Die Siliziuminsel

Die Hölle ist real und liegt im Südwesten von China. Dort befindet sich die Siliziuminsel, wo der Elektroschrott der ganzen Welt gesammelt und recycelt wird. Und zwar von tausenden Menschen, die langsam, aber sicher an den giftigen Dämpfen zu Grunde gehen und völlig vernarbt sind von Schnitten durch scharfkantige Platinen und Gehäuse von Computern, Smartphones und anderem . Einige hat es noch schlimmer erwischt. Ausgemusterte High-Tech-Arm-Prothesen zerquetschten ihnen die Beine oder Hunde, die durch Chips im Kopf selbst nach ihrem Tod noch Eindringlinge abwehren wollen, bissen ihnen die Hand ab.

Hoffnung und ein besseres Leben erfahren die Müllmenschen, wie sie genannt werden, nur durch Virtual-Reality-Brillen, die sie in ihren Arbeitspausen entfliehen lassen. Die dystopische Welt könnte sich jedoch bald wandeln. Der US-Konzern Wealth Recycle will die Siliziuminsel in eine moderne Aufbereitungsanlage umwandeln. Aber der Plan wird von Vorurteilen und Misstrauen überschattet – und droht, das toxische, aber auch sensible Gleichgewicht aus Korruption, Staatskapitalismus und Kriminalität zu kippen, das sich um den High-Tech-Müllplatz gebildet hat. Die Siliziuminsel von Qiufan Chen ist eine bedrückende und entlarvende Dystopie, die mal ernüchternd zynisch, mal schwarzhumorig und dann wieder erfrischend optimistisch in die Zukunft blickt.

Der Wal und das Ende der Welt

Der Wal und das Ende der Welt

Ein halbnackter Mann wird am Strand eines kleinen britischen Dörfchens angespült. Er ist fast erfroren. Die warmherzigen Dorfbewohner nehmen und päppeln ihn auf. Nur ein Tag später wird ein Wal an der gleichen Stelle angespült. Der mysteriöse Mann trommelt nun alle zusammen, um den Wal zu retten und zurück ins Meer zu schieben. Daraufhin beginnt der bislang Namenlose den Dorfbewohnern seine Geschichte zu erzählen. Der Mann aus dem Meer ist Joe Haak, ein Genie, ein IT-Genie, um genau zu sein.

Bei einem Londoner Börsenunternehmen war Joe dafür zuständig, eine Künstliche Intelligenz zu entwickeln, die Kursverläufe und Crashs vorhersagen soll. Doch die KI namens CASSIE tat noch viel mehr. Sie prophezeite nicht nur einen kommenden Zusammenbruch des Aktienmarktes, sondern auch eine Seuche und das Ende der Welt. Was die Künstliche Intelligenz jedoch nicht mit einberechnete, war, dass sich Menschen vielleicht doch noch ändern können. John Ironmongers Der Wal und das Ende der Welt ist eine Endzeit-Geschichte, jedoch eine ziemlich heimelige und optimistische, die das Vertrauen in die Menschheit nicht verlieren mag und das Gute im Angesicht des Untergangs sucht.

Enemy

enemy

Junior und Henrietta genießen ein stilles Leben inmitten der kanadischen Provinz. Sie sind bescheiden und haben eigentlich wenig mit der Welt abseits ihrer Rapsfelder zu schaffen. Doch dann steht ein Mann vor ihrer Tür und berichtet, dass Junior für ein Raumfahrtprojekt der Regierung ausgewählt wurde – ohne sich jemals dafür beworben zu haben. Aber beide sollen sich nicht sorgen, beteuert der Gast. Denn von Junior soll ein Replikat erzeugt werden, das seine Abwesenheit auf der Farm kompensiert.

Tatsächlich wird Junior wenig später vermessen und gescannt – und dann von dem mysteriösen Mann abgeholt, um auf seine Mission zu gehen. Der Roman von Iain Reid ist sowohl Science Fiction als auch eine Charakterstudie, die zudem Themen wie Einsamkeit oder Selbstwirksamkeit erforscht und was es eigentlich bedeutet, eine echte Person zu sein. Etappenweise lässt Enemy durchaus an die Die drei Stigmata des Palmer Eldritch und andere Kultromane von Philip K. Dick denken. Und tatsächlich ist letztlich auch in diesem Roman irgendwie alles irgendwie anders als gedacht.

Roter Mond

Roter Mond

In Roter Mond von Kim Stanley Robinson ist Ende der 2040er Jahre Realität, was heute noch Vision ist. Menschen leben auf dem Mond. Fred Fredericks ist ein brillanter Ingenieur und wird hinauf geschickt, um für die chinesische Science Foundation ein Quantenkommunikationssystem zu installieren. Doch als es soweit ist, geschieht … etwas. Wenig später wird er von chinesischen Behörden beschuldigt, einen Mord auf dem Mond verübt zu haben. Er ist nun auf der Flucht – im Anhang die chinesische Dissidentin Chan Qi und ein Journalist, der beiden helfen will, die Wahrheit herauszufinden.

Ihre Odyssee führt sie zurück zur Erde und wieder auf den Mond, wo ein chinesischer Milliardär seine ganz eigene Mondbasis aufbaut und Siedler versuchen, eine unabhängige Mondnation zu gründen. Roter Mond ist im Gegensatz zum gefeierten Klima-Epos 2040 ein handfester Thriller, der die Weltpolitik und Gesellschaft eher streift als groß zu reflektieren und zu debattieren. Thesen zum Zusammenbruch des chinesischen Staatsapparates werden dennoch eingeworfen. Deutlich rasanter, kurzweiliger ist Roter Mond damit – und dank dem bildgewaltigen Panoramaerzählstil von Kim Stanley Robinson dennoch epochal.

The Outside

the outside

Die Menschheit ist weit hinaus in das All vorgestoßen – auch mithilfe von Künstlichen Superintelligenzen, die sich zu gottgleichen Wesen entwickelt haben und die Menschheit davor bewahren, sich selbst auszulöschen. Die geniale Wissenschaftlerin Yasira Shien forscht an einem neuen Antriebssystem, das noch weitere Reisen in den Kosmos ermöglichen soll. Aber etwas geht schief und sie zerstört eine Raumstation – und tötet damit jeden an Bord. Die KI-Götter wollen sie bestrafen, aber bieten ihr über einen Vermittler- Engel dann doch Gnade an, wenn sie ihnen hilft.

Die Superintelligenzen sind auf der Suche nach dem Mentor von Shien, der Physikerin Evianna Talirr, die der Herrschaft der KI-Götter entfliehen möchte. Die Suche konfrontiert die Wissenschaftlerin mit dem Outside, anderen und weitaus älteren und kosmischen Wesenheiten, die den Gedankenwelten von HP Lovecraft entstiegen sein könnten. Ada Hoffmann liefert hier einen in vielerlei Hinsicht einzigartigen Science-Fiction-Roman, der eine facettenreiche Welt erschafft, oft nur andeutet und viel der eigenen Vorstellungskraft überlässt – aber seine Charaktere leider etwas vernachlässigt.

Die Wand

Die Wand

Bereits im Jahr 1963 schrieb die Autorin Marlen Haushofer Die Wand, in dem eine Frau mit ihrer Cousine und deren Ehemann für ein geselliges Wochenende in die Berge auf eine Waldhütte fährt. Nach der ersten Übernachtung stellt sie verdutzt fest, dass sie vollkommen alleine ist. Als sie die Umgebung absucht, stößt sie mit ihrem Hund auf eine unsichtbare Wand, hinter der alles wie in der Zeit erstarrt und abgestorben scheint. Sie sucht nach Lücken in dem rätselhaften Feld, das sich über mehrere Kilometer erstreckt – aber kann keinen Ausweg finden.

Die Tage vergehen, dann die Wochen und letztlich Jahre, in denen sie mit Früchten und geschlachteten Tieren überlebt, die gleich ihr hinter der Wand eingeschlossen sind. Gesellschaft hat sie nebst dem Hund bald durch eine alte Katze und eine trächtige Kuh, die ihr zugelaufen sind. Sie findet sich zunehmend mit ihrem neuen Leben ab – und denkt bald nicht mehr an ihr altes Dasein zurück. Die Wand ist eine gemächliche, melancholische und zuweilen idyllische Erzählung, die das Geheimnis um die Wand bald beiseiteschiebt undvielmehr über Isolation, Zufriedenheit und das Leben mit und in der Natur sinniert.

Stronger, Faster, and More Beautiful

Stronger Faster and More Beautiful

Die Medizin, Bio- und Gen-Technik sowie die plastische Chirurgie finden immer mehr, effizientere und tiefgreifendere Möglichkeiten, um den menschlichen Körper zu manipulieren. Eben darum geht es in Arwen Elys Daytons Stronger, Faster, and More Beautiful , das kein Roman, sondern eine Anthologie von sechs separaten, aber miteinander verknüpften Geschichten darstellt, die 150 Jahre überspannen. In einer überlebt ein junges Mädchen nur knapp einen Autounfall. Ihr Körper muss nahezu komplett ersetzt werden – doch das muss sie verschweigen, um nicht zur Außenseiterin zu werden.

In einer weiteren Geschichte lässt sich ein junger Milliardär einfrieren, um später von seinem Krebs geheilt zu werden. Tatsächlich erwacht er wieder – aber als Cyborgwesen, das auf einem Asteroiden in ferner Zukunft Rohstoffe abbauen soll. In einer dritten Geschichte wird ein junger Mann so modifiziert, dass er unter Wasser atmen kann, um Seekühe zu hüten, in denen Organe zur Transplantation für Menschen heranwachsen. Arwen Elys Dayton warnt mit ihrem Kurzgeschichtenband vor allzu sorglosen Eingriffen in die menschliche Natur, fragt, wie und ob sich das „Ich“ dadurch wandelt. Aber sie arbeitet auch die Chancen heraus, die die Medizin und Wissenschaft mit neuen Methoden eröffnen.

Inversion

Inversion

Sie ist fast einen halben Kilometer lang, dutzende Meter hoch und schiebt sich mit Seilzügen über breite Schienen, die in einem endlosen Kreislauf vorne ausgelegt und hinten aufgesammelt werden. Denn die Stadt namens Erde muss sich stetig dem Optimum annähern, einer gedachten Zone, die sich kontinuierlich gen Norden verschiebt. Das ist gefühlt schon immer so. Weshalb? Das stellt niemand in Frage. Außer der junge Helward Mann, der sich daher einer Gilde anschließt, die als die Zukunftsvermesser bezeichnet wird. Sie sind die einzigen, die die Stadt verlassen dürfen.

Schon bald geht er auf eine Exkursion und muss feststellen, dass die Zeit abseits der Stadt anders zu verlaufen scheint. Die Gravitation drückt alles darnieder. Und als er in die Stadt zurückkommt, hat sich vieles verändert. Eine Bewegung ist entstanden, die den ewigen Kreislauf durchbrechen und die Stadt zum Stillstand bringen will. Christopher Priest hat in Inversion eine bizarre Kulisse mit mysteriösen Gesetzen und Regeln erschaffen, die aber aber unbedingt so sind, wie sie wirken. Inversion soll anregen, Konventionen und die eigene Perspektive zu hinterfragen.

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Vielen Dank für diese große Auswahl neuen SF-Futters. Nichts davon habe ich bisher gelesen, jetzt habe ich die Qual der Wahl :slightly_smiling_face:

Auf jeden Fall „Enemy“, da reicht mir schon der Vergleich mit Philip K. Dick.

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Ja! Genialer Reigen literarischer Erkundungen. Kann mich auch nicht entscheiden.
Man müsste zeitreisen können, um die Zeit zu haben alles zu lesen.

…Wer würde den Versuchungen der Zeitreisenden dann aber schon widerstehen können. Würde mir die 16jährige Klara Pölzl (spätere Hitler) zu gegebenem Zeitpunkt begegnen… ich würde mit ihr ein nachhaltiges Gespräch führen wollen…

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Ha! Sehr gut. Genauso muss es sein. Ich hoffe, mir ist auch eine einigermaßen ausgewogene Mischung gelungen.

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Danke : ) Habe versucht, viele Neuentdeckungen aber auch ein paar eher unbekannte Klassiker einzumengen. Denn die machen einigen tatsächlich die größte Freude.

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Ja, Die Mauer stand auch schon lang auf meiner Liste.

Aber du nährst doch die Vermutung, dass du entweder ein überirdisch gutes Zeitmanagement bei literarischem In- und Output hast, oder ein Zeitmaschinli :+1:!

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Habe beides leider nicht. Ich schlafe nur sehr schlecht und wenig.

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Meditation wäre eine Methode Schlaf zu verbessern.
Es heisst, man müsse dann auch weniger schlafen und dann kann man ja noch mehr lesen :sweat_smile:

Bringt mich noch zu Der zweite Schlaf von Robert Harris. Science Fiction im Tarnkleid des Historienromans und dann doch eine Reflexion über unsere Gegenwart… Wie ist denn deine Rezension zu diesem Buch?

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Als zeitlich eingeschränkter, langsamer Leser bin ich alleine schon mit der Trisolaris-Trilogie von Liu Cixin mehr als einen ganzen Sommer beschäftigt. :sweat_smile:
Einige Bücher werde ich trotzdem auf die Liste setzen.

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Wenn ich mir die Themen/Inhalte und Autoren so anschaue, ist dir das gelungen. Da wird jeder SF-Fan passend zu seinen persönlichen Vorlieben was finden.

Dein Lesepensum ist wahrlich beeindruckend. Und „ein wenig“ bist du ja hier bei 1E9 auch noch aktiv :astonished:

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Schöne Auswahl, herzlichen Dank dafür. Einige Bücher habe ich zwar schon gelesen, aber der Rest reicht sicher noch für einige Zeit.
Die reale Zeit stiehlt mir im Moment auch die Lust auf düstere Fiction.
Den Wal hatte ich auch gerade im letzten Dezember gelesen und die Fiktion wurde schnell durch die Realität eingeholt. Das war schon beeindruckend.

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„Lasst uns einen Pile of Shame errichten, der bis in den Himmel reicht!“
Danke für die Tipps, da ist ja eine Menge Interessantes dabei. Aber eine kurze Frage: Wie sehr ist Christopher Priests „Inversion“ gegenüber den vorigen Ausgaben „ergänzt und erweitert“? Ich habe nämlich - sicher vor dreißig Jahren oder so - „Der steile Horizont“ gekauft und gelesen. (Und fand sie gut, wobei mir Priests „Ein Traum von Wessex“ besser gefallen hat.) Lohnt da die Neuanschaffung von „The Inverted World“?

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Sehr gute Frage. Ich hatte Inversion das erste Mal unter dem Titel Die Stadt gelesen.

Die oben gezeigte Ausgabe ist tatsächlich eine ergänzte Neuübersetzung aus 2019/2020. Heißt, soweit ich sehe, dass eine Ausgabe der britischen Orion Publishing Group aus dem Jahr 2009 nochmal übersetzt worden war. Dabei handelte es sich um einen nahezu unveränderten Neudruck des Originals. Dadurch sind tatsächlich einige Teile enthalten, die in alten deutschen Ausgaben fehlten.

Unter anderem ist, beim Vergleich mit meiner alten Ausgabe, schon einmal der Prolog der Neuausgabe deutlich länger. Und auch einige Dialoge scheinen enthalten, die in meiner alten Ausgabe fehlten.

Dazu kommt noch ein Vorwort von Adam Roboters, das für Orion geschrieben worden war.

Ich bereue den Kauf der Neuausgabe nicht. Finde, sie ist sehr elegant und zeitgemäß übersetzt und liest sich um einiges flüsser.

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