Das Metaverse (von Mark Zuckerberg) ist tot – lang lebe das Metaverse?

Wann habt ihr das letzte Mal wohlwollend über das Metaverse geredet? Vermutlich ist das schon eine Weile her. Selbst Mark Zuckerberg, der seinen Konzern von Facebook in Meta umbenannte, scheint einen Bogen um das Thema zu machen. Abschreiben sollte man die Idee virtueller Welten, die miteinander und der physischen Welt verschmelzen, allerdings nicht. Der Hype kam nur viel zu früh, um den Erwartungen gerecht zu werden.

Von Wolfgang Kerler

Ganze 33 Minuten ließ sich Mark Zuckerberg vergangene Woche Zeit, bevor er das Wort „Metaverse“ in den Mund nahm. Ausgerechnet in seiner Rede bei der hauseigenen Entwicklerkonferenz Connect – jenem Event, bei dem er vor zwei Jahren die Umbenennung seines Konzerns verkündet hatte. Aus Facebook wurde damals Meta.

Das US-Magazin TechCrunch wertete die diesjährige Zurückhaltung als gute Entscheidung, hätte zu viel Gerede über das Metaverse den Firmenchef doch nur zum Gespött des Internets gemacht. Wieder einmal. Andere, wie Insider, erklärten das Metaverse à la Zuckerberg schon vor Monaten für tot – und legten ihm gleich noch den Rücktritt nahe, hätte er doch Milliarden verpulvert und mit seiner halbgaren Idee die Jobs von tausenden Mitarbeitern vernichtet.

War es das also mit dem Metaverse? Das wäre ein ziemlich überstürztes Urteil.

Ein Hype, der überzogene Erwartungen weckte – und nur enttäuschen konnte.

Facebook verwandelte sich vor zwei Jahren in Meta, weil Zuckerberg die Zukunft des Social-Media-Konzerns im Metaverse sah. In virtuellen Welten, in denen Menschen als Avatare zusammenkommen, um sich auszutauschen, zu spielen, zu arbeiten, zu lernen.

Keine neue Idee: Der Begriff „Metaverse“ stammt aus einem Science-Fiction-Roman von 1992 – aus Snow Crash von Neal Stephenson. Schon vorher wurden in popkulturellen Klassikern wie Neuromancer oder Tron digitale Parallelwelten beschrieben. Und spätestens seit Second Life, das 2003 startete, kennt die ganze Welt das Konzept, ein zweites Leben im Internet zu führen – als Avatar. Als erstaunlich lebendige Nische des Internets existiert die Plattform übrigens bis heute. Perfektioniert wurde unsere Vorstellung vom Metaverse dann mit dem Roman Ready Player One und seiner Verfilmung. Brille auf – und ab in ein Meer aus virtuellen Szenarien, die sich so echt anfühlen wie die physische Welt und Millionen von Menschen zusammenbringen.

Mit den aufwendig gerenderten Videos und einer globalen Werbekampagne knüpfte Meta alias Facebook vor zwei Jahren an genau diese Vorstellung vom Metaverse an. Zunächst ziemlich erfolgreich: Meta entfachte einen globalen Hype. Fast 180 Milliarden Dollar sollen 2021 und 2022 laut McKinsey in Metaverse-Technologien investiert worden sein. Unzählige Start-ups, aber auch Tech-Giganten wie Microsoft verschrieben sich der Vision. Die Prognosen, was für ein Riesengeschäft das Metaverse werden könnte, überschlugen sich. Die Citi Bank lieferte vermutlich die gigantischste Zahl: 13 Billionen Dollar könnte die Metaverse-Industrie im Jahr 2030 schwer sein.

Das Problem: Was 2021, 2022 und auch heute noch an realer Technologie vorhanden ist, reicht nicht einmal annähernd an das heran, was Ready Player One und die Werbekampagnen von Meta und anderen Firmen und Projekten versprachen.

Klar, Meta verkauft seit der Übernahme von Oculus mit die besten Virtual-Reality-Brillen – die Quest 3 steht gerade in den Startlöchern. Doch außerhalb der Gaming- und Kreativszene gelang der Durchbruch damit noch nicht. Die Leute sehen offenbar noch keinen Grund dafür, sich stundenlang eher klobige, unbequeme Geräte über den Kopf zu stülpen. Im Frühjahr enthüllte ein Leak, dass bisher etwa 20 Millionen Quest-Headsets verkauft wurden. Für Nischen-Gaming-Hardware nicht schlecht, aber viel zu wenig, um das Metaverse zu starten.

Noch ernüchternder fiel die Präsentation der VR-Plattform Horizon Worlds Ende 2021 aus, Metas erstes soziales Netzwerk in Virtual Reality, an dem der Konzern damals schon seit zwei Jahren werkelte. Bis zu 20 Userinnen und User gleichzeitig sollten sich darin in digitalen Räumen treffen können. Doch die Grafik, insbesondere die Avatare, erinnerte an 20 Jahre alte Videospiele – und übertraf selbst altgediente Social-VR-Tools wie Mozilla Hubs oder VRChat kaum. Das comichafte Alter Ego von Mark Zuckerberg ging viral – in wenig schmeichelhaften Memes. Im Oktober 2022 gelangten Meta-Interna an die Öffentlichkeit, aus denen hervorging, dass selbst Meta-Mitarbeiter keine Lust auf Horizon Worlds hatten.

Den endgültigen Todesstoß schien dem Metaverse dann ChatGPT zu geben. Der KI-Chatbot entfachte ab Ende 2022 einen gewaltigen Hype um generative Künstliche Intelligenz, zu der auch Bild-, Video- und Audiogeneratoren gehören. KI brachte die Leute zum Staunen, kaum jemand hatte – bei allen bleibenden Schwächen – mit solchen Fähigkeiten gerechnet. Die Lage war und ist also ganz anders als beim Metaverse, wo die realen technischen Möglichkeiten die Menschen eher enttäuschten. Inzwischen ist auch das Investorengeld weitergezogen in Richtung KI. Selbst Meta fokussiert sich darauf.

Ein bezahlbares Mixed-Reality-Headset macht noch kein Metaverse.

Nun also 33 Minuten, bevor sich Mark Zuckerberg überhaupt traut, das Wort „Metaverse“ auszusprechen. Das kann er sich nur erlauben, weil Meta bei generativer KI zu den führenden Unternehmen gehört – er hat also genug andere Dinge zu erzählen: ein KI-Chatbot für alle Meta-Apps wird angekündigt. Oder ein KI-Bildgenerator von Meta. Vor allem aber geht es um das, was die neue VR-Brille Quest 3 alles können soll. Wobei VR nicht mehr ganz zutreffend ist. Zuckerberg nennt sie die erste „Mainstream Mixed-Reality-Brille“ – in klarer Abgrenzung zu Apples für 2024 geplante MR-Brille Vision Pro. Die soll über 3.000 Euro kosten. Die Quest 3 wird ab dem 10. Oktober für Preise ab 549 Euro verkauft.

Dass Zuckerberg das Metaverse nur erwähnt, als es um die Möglichkeit geht, es auch mit KI-gesteuerten Avataren zu bevölkern, überraschte sicher einige – zumal es sich bei der Präsentation der Quest 3 voll auf das Potential von Mixed Reality stürzt, ohne das Metaverse groß zu thematisieren. Noch ein Zeichen dafür, dass selbst er das Metaverse abgeschrieben hat? Das muss nicht sein. Zum einen wird ihm die eigene PR-Abteilung dazu geraten haben, das Wort zu meiden. Siehe oben. Zum anderen hat vielleicht selbst Zuckerberg erkannt, dass das richtige Metaverse, wie wir es aus der Science Fiction kennen, vorerst eine Vision bleibt, die technisch schlicht noch nicht umsetzbar ist.

Vermutlich ist das Metaverse ohnehin etwas, was keine einzelne Firma plötzlich starten kann, sondern das Ergebnis einzelner technologischer Entwicklungen, die irgendwann zusammenkommen, um ein großes Ganzes zu bilden. Wahrscheinlich wird das reale Metaverse, wenn es irgendwann da ist, auch mehr Augmented- beziehungsweise Mixed-Reality-basiert sein als die fiktiven Vorbilder in Snow Crash oder Neuromancer, die vor allem auf VR setzen. Aber Science-Fiction-Autoren können ja auch nicht alles vorhersehen.

Das Metaverse zerfällt wieder in seine Bausteine – die jedoch immer besser werden.

Für die Zwischenzeit heißt das, dass das Metaverse wieder in seine Bestandteile zerfallen, die jedoch immer besser werden. Nicht zuletzt wegen der Milliardensummen, die seit dem von Meta entfachten Hype in die Weiterentwicklung diverser Technologien gepumpt wurden. Die Quest 3 ist dafür ein gutes Beispiel.

Sie ist leichter, bequemer und dennoch deutlich leistungsfähiger als das Vorgängermodell, bietet bessere Grafik in Virtual Reality und schlägt sich offenbar auch in Mixed Reality sehr ordentlich. Aber sie ist eben noch keine schicke Designerbrille mit durchsichtigen Gläsern, durch die man tatsächlich hindurchblicken kann und auf deren Gläser digitale Inhalte projiziert werden. Sie bleibt vom Design eine eher sperrigere VR-Brille, die durch Kameras und Sensoren den physischen Raum um sie herum auf ihren Displays sichtbar macht. Mixed Reality über Umwege. Ein echter Fortschritt, jedoch kaum das Gerät, dass sich Hunderte Millionen Menschen kaufen werden. Auch Apples teure Vision Pro dürfte das noch nicht schaffen.

Neben Meta werkeln viele andere Firmen an Bausteinen des Metaverse – weltweit. In Deutschland, zum Beispiel, arbeitet das Start-up Meshcapade an einer Technologie, die es ermöglicht, schnell und günstige digitale Avatare von Menschen zu erstellen. Das Start-up Oqmented baut Miniatur-Spiegel für die nächsten Generationen von Datenbrillen. Und Siemens setzt, wie andere Unternehmen, auf immer stärkere digitale Kollaboration, die Nutzung von Daten, aber auch von XR-Technologien und auf digitale Zwillinge von Maschinen und ganzen Fabriken – alles unter dem Schlagwort Industrial Metaverse. Wären all diese Projekte ohne den Metaverse-Hype so schnell so weit gekommen? Eher nicht.

Werde Mitglied von 1E9!

Hier geht’s um Technologien und Ideen, mit denen wir die Welt besser machen können. Du unterstützt konstruktiven Journalismus statt Streit und Probleme! Als 1E9-Mitglied bekommst du frühen Zugriff auf unsere Inhalte, exklusive Newsletter, Workshops und Events. Vor allem aber wirst du Teil einer Community von Zukunftsoptimisten, die viel voneinander lernen.

Jetzt Mitglied werden!

Gleichzeitig entwickelt sich die Internetnutzung in Richtung Metaverse. Gerade für jüngere Menschen findet ein Großteil des Lebens digital statt. Fast fünf Stunden pro Tag sind 14- bis 29-Jährige in Deutschland im Schnitt pro Tag online. Dabei spielen virtuelle Gamingwelten wie Fortnite oder Roblox eine immer wichtigere Rolle. Sie ziehen weltweit Hunderte Millionen Nutzer an, die dort längst nicht mehr nur spielen, sondern auch Freunde treffen, Liveevents besuchen oder die neusten Fähigkeiten ihrer Avatare zur Schau stellen.

Und das übrigens auch in VR, wie Mark Zuckerberg vor ein paar Tagen in einem Interview mit The Verge verriet, in dem er auch über die erfolgreichsten Anwendungen für die Quest-Brillen sprach: „Früher stand die Quest hauptsächlich für Gaming. Und jetzt, wenn man sich ansieht, mit welchen Experiences die Leute die meiste Zeit verbringen, sind es eigentlich nur verschiedene soziale Metaverse-Erfahrungen.“

Mark Zuckerberg hat das Metaverse noch nicht aufgegeben.

Zuckerberg scheint den Glauben ans Metaverse also doch nicht verloren zu haben, was er gerade auch im Podcast von Lex Fridman klarmachte. Das Gespräch drehte sich die ersten 15 Minuten nur ums Metaverse, fand sogar im Metaverse statt. Denn Fridman und Zuckerberg waren nicht, wie es sonst bei diesem Podcastformat üblich ist, im selben Raum.

Sie unterhielten sich in VR – als fotorealistische Avatare, die die Mimik der beiden widerspiegelten, was Fridman schwer beeindruckte: „Es fühlt sich wie die Zukunft an. Es ist wirklich, wirklich unglaublich.“ Kein uncanny valley, also das seltsame Gefühl, das oft bei Interaktionen mit digitalen Menschen auftritt. Man gewinnt beim Zuschauen und Zuhören den Eindruck, als wäre Horizon Worlds mit solchen Avataren zum Hit geworden – und das Metaverse längst Realität.

Doch, wie Zuckerberg erklärte, lassen sich solche Avatare bisher nicht mal eben zuhause erzeugen. Beide Gesprächspartner wurden vorher mit speziellen Scannern erfasst, mussten dabei diverse Emotionen ausdrücken, um die Datengrundlagen für ihre digitalen Ebenbilder zu erschaffen. In nicht allzu ferner Zukunft könnte das auch mit den Kameras und Sensoren von Smartphones möglich sein, was uns einem echten Metaverse wieder einen Schritt näherbringen würde.

Hat dir der Artikel gefallen? Dann freuen wir uns über deine Unterstützung! Werde Mitglied bei 1E9 oder folge uns bei Twitter, Facebook, Instagram oder LinkedIn und verbreite unsere Inhalte weiter. Danke!

Sprich mit Job, dem Bot!

Job, der Bot

War der Artikel hilfreich für dich? Hast du noch Fragen oder Anmerkungen? Ich freue mich, wenn du mir Feedback gibst!

4 „Gefällt mir“