Darum haben sich 15 Menschen für 40 Tage in einer dunklen Höhle eingeschlossen

Für 40 Tage haben sich mehrere Menschen in einer Höhle in Frankreich einschließen lassen. Smartphones, Uhren und sonstige Geräte sind verboten – nur etwas Licht und ein Elektroherd sind erlaubt. Dadurch soll erforscht werden, wie sich Körper und Geist verhalten, wenn der Bezug zu Zeit und Raum verloren geht.

Von Michael Förtsch

Die Zeit, das ist eigentlich klar, läuft auf der Erde immer gleich ab. Aber wie wir Zeit empfinden, kann stark von den Umständen abhängen. Das haben während der Corona-Pandemie und den Lockdowns viele Menschen erfahren. Aber was genau geschieht da? Und was, wenn jeglicher Anhaltspunkt für den Verlauf der Zeit verloren geht? Genau das will eine französisch-schweizerische Forschungskooperation ermitteln – mit einem spektakulären und nicht ganz unumstrittenen Menschenexperiment. Denn für den Versuch haben ließen sich 15 Personen in einer dunklen Höhle einschließen, ohne Möglichkeit, die Sonne zu sehen, nach draußen zu gehen oder etwas über die Außenwelt zu erfahren.

Das Deep Time getaufte Experiment findet seit dem 14. März in einer Felsenhöhle in Tarascon-sur-Ariège im Südwesten Frankreichs statt und ist laut dem Initiator, dem Entdecker und Forscher Christian Clot, „weltweit einzigartig“ und „beispiellos“. Bei den 15 Freiwilligen handelt es sich um Clot selbst und sieben Frauen und sieben Männer mit unterschiedlichen Lebensläufen. Unter ihnen ist ein Mathematiklehrer, eine Geschäftsanalystin, eine Neurowissenschaftlerin, eine Schmuckverkäuferin, ein Biologe und auch ein Arbeitssuchender. In der Höhle haben sie keinen Zugriff auf Smartphones oder Uhren. Nahrung ist für die 40 Tage vorhanden. Aber Strom müssen sie mit einem Muskelkraftgenerator selbst erzeugen, der Lampen und einen kleinen Elektroherd betreibt. Wasser müssen sie aus einem natürlichen Brunnen schöpfen. An Annehmlichkeiten gibt es sonst nur einen Tisch, Stühle und kleine Privatbereiche.

In der Höhle herrschen 12 Grad Celsius und eine Luftfeuchtigkeit von 95 Prozent. Wann, wie viel Zeit vergangen ist, wie viel Tage sie noch unter der Erde verbringen müssen, das wird den Probanden nicht mitgeteilt. Vor allem der psychische Stress und die körperlichen Reaktion auf diese Zeitlosigkeit könnten immens ausfallen, daher werden sie kontinuierlich von einem Team aus Medizinern und Psychologen überwacht. Jeder der Kandidaten ist mit Sensoren ausgestattet, die ihren Kreislauf, ihren Schlaf, Stoffwechsel und andere Funktionen überwachen und aufzeichnen. Außerdem müssen die Versuchsteilnehmer in unregelmäßigen Abständen Gleichgewichts-, Konzentrations- und Koordinationstests absolvieren. Ab Freitag, den 23. April dürfen sie die Höhle wieder verlassen.

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Wissen, das im Weltall nützlich sein könnte

Die Forscher hoffen, mit dem Experiment herauszufinden, wie Menschen auf sogenannten Referenzverlust – also das Entziehen der Einschätzbarkeit von Zeit und Raum – reagieren. Entsprechende Daten und Erfahrungen könnten bei der Vorbereitung von bemannten Langzeitmissionen auf dem Mond, aber auch bei Reisen zum Mars helfen. Ebenso könnten gewonnene Erkenntnisse nützlich sein, um die Besatzungen von Frachtschiffen, U-Booten und Forschungsstationen an entlegenen Orten wie der Arktis und Antarktis besser zu betreuen. Daher wird das Experiment unter anderem vom National Center for Space Studies der französischen Raumfahrtbehörde unterstützt.

Die ersten Resultate will das Forscherteam noch in diesem Jahr teilen, sagt Stéphane Besnard, Mediziner vom Klinikum der Universität Caen, der den Deep-Time-Versuch mit überwacht. Insgesamt, glauben die Planer des Versuchs, könnten die Daten die Wissenschaft für Jahre beschäftigen. Das Experiment hat jedoch auch durchaus seine Kritiker. Einige Wissenschaftler fürchten sowohl kurzfristige als auch langfristige psychologischen Schäden bei den Teilnehmern des Experiments und stellen die ethische Vertretbarkeit in Frage. Die Planer des Versuchs versichern jedoch, dass eine Ethikkommission sämtliche Aspekte kontrolliere und es für die Teilnehmer natürlich eine intensive psychologische Nachbetreuung geben wird.

So einzigartig, wie der Initiator Christian Clot sagt, ist der Versuch Deep Time übrigens nicht. In den 1960ern hatte der Höhlenforscher Michel Siffre bereits zwei Monate in einer Höhle in den französischen Alpen gelebt und dabei registriert, dass er sich auf einen 48-Stunden-Rythmus umgestellt hatte. 1972 sollte er das Experiment im Auftrag der NASA in einer Höhle im texanische Del Rio wiederholen – für sechs ganze Monate. Jedoch geriet das Experiment vollkommen außer Kontrolle. Nach drei Monaten litt er unter Panikattacken und Gedächtnisverlust, er entwickelte eine Depression und Suizidgedanken und stand kurz davor, sich absichtlich ein Bein zu brechen, um den Versuch abbrechen zu können.

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