Aus Spielern werden Designer: Warum „Dreams“ die Zukunft der Games-Branche ist

Was ist das wichtigste neue Game des Jahres 2020? So mancher Spielefan wird da wohl Cyberpunk 2077 antworten. Oder Half-Life: Alyx. Oder vielleicht auch The Last of Us 2. Die Antwort hängt aber nicht zuletzt davon ab, wie man „wichtig“ definiert. Das für die Spieleindustrie wichtigste Game ist jetzt erschienen: Dreams ist deutlich mehr als ein Computerspiel. Es ist ein mächtiger Editor, mit dem man spielerisch eigene Games entwerfen kann. Dreams könnte eine neue Generation von Game-Designern hervorbringen – aus der Spieler-Community selbst.

Von Achim Fehrenbach

Sagt euch der Name Roblox etwas? Mit 100 Millionen aktiven Nutzern pro Monat zählt es zu den beliebtesten Computerspielen der Welt. In Roblox , das bereits 2005 veröffentlicht wurde, kann jeder Teilnehmer seine eigenen Spiele erschaffen – vom Action-Abenteuer bis zum Racer. Nutzer teilen oder verkaufen ihre Schöpfungen – und dadurch sogar zum Millionär werden. Während die Roblox -Macher durch Transaktionsgebühren kräftig mitverdienen.

Nintendo, Epic Games und Google mischen ebenfalls mit

Das Roblox -Prinzip liegt inzwischen voll im Trend: Es erscheinen immer mehr Spiele, die ihre Nutzer zu Game-Designern machen. Im Sommer 2019 veröffentlichte Nintendo Super Mario Maker 2, mit dem Spieler eigene Level rund um die Abenteuer der Klempner-Brüder basteln. Der Multiplayer-Hit Fortnite von Epic Games besitzt mit Fortnite Creative einen Modus, in dem sich Level-Bauer austoben können. Blizzard Entertainment hat seinem Shooter Overwatch einen eigenen Workshop spendiert. Auch Google mischt mit dem Game Builder im Business der Spiele-Editoren mit.

Der neuste Spielebaukasten Dreams von Media Molecule (LittleBigPlanet) war bereits seit Frühjahr 2019 in einer Vorabversion erhältlich. Heute, also am 14. Februar 2020, ist die Vollversion des Playstation-Exklusivtitels erschienen. Sie bietet eine breite Palette von Design-Werkzeugen, die von 3D-Modellierung über logische Verkettungen bis hin zu Lichteffekten und einem Musik-Editor reichen. Das Ganze wird über etliche Tutorials recht anschaulich erklärt: Man lernt, wie man Würfel oder Kugeln formt, organisch wirkende Landschaften gestaltet und Trigger setzt, die bestimmte Funktionen auslösen - zum Beispiel das Absenken einer Zugbrücke. Ähnlich wie Super Mario Maker 2 setzt Dreams auf das Teilen und Remixen nutzergenerierter Inhalte: Im sogenannten Dreamiverse können Spieler nicht nur ganze Games, sondern auch einzelne Elemente, zum Beispiel Figuren, Landschaftsteile oder Sounds, zur Verfügung stellen und abrufen.

Editoren werden einsteigerfreundlich

Nutzergenerierte Inhalte – auf Englisch: User-Generated Content oder UGC – sind für sich genommen nichts Neues. Schon seit Jahrzehnten „modden“ PC-Spieler ihre Lieblingstitel, so entstanden auch Hits wie DotA oder Counter-Strike. Die Reihe LittleBigPlanet machte UGC auch auf Konsolen populär: Allein in LittleBigPlanet 3 schufen Fans bis heute mehr als zehn Millionen Level, darunter voll funktionsfähige Rechenmaschinen. Minecraft machte nutzergenerierte Inhalte ab 2009 endgültig zum Mainstream: Die Nutzer bauen mit den digitalen Klötzchen alles Mögliche – vom Todesstern bis zum Kontinent Westeros. Heutige Kreativspiele wie Dreams oder Super Mario Maker, kurz: SMM, setzen den Nutzern technisch immer weniger Grenzen - und sind auch sehr einsteigerfreundlich, weil sie gut dokumentiert und übersichtlich strukturiert sind.

Schon anlässlich des ersten SMM von 2015 brachte das amerikanische Tech-Magazin The Verge die Sache auf den Punkt: „Das Bauen von Leveln in Super Mario Maker ist, als ob man eine Sprache lernt, von der man schon die meisten Vokabeln kennt.“ Auf dieser Basis lassen sich Bausteine, Gegner und Effekte leicht zu etwas Neuem kombinieren. Zu den beeindruckendsten Leistungen zählt die des damals erst 14-jährigen Spielefans „Claptrap9“: Er baute Super Mario Maker 2 mithilfe von LittleBigPlanet 3 nach - also einen Level-Editor im Level-Editor.

Viele Vorteile für Spielefirmen

Für die Spielefirmen bietet es gleich mehrere Vorteile, wenn Gamer zu Game-Designern werden. Erstens lässt UGC die Spielefans kreativ werden – das sorgt für Langzeitmotivation und dauerhafte Kundenbindung. Zweitens liefern die Spieler frische Inhalte frei Haus, was bedeutet, dass die Firmen selbst weniger Geld in Content-Nachschub investieren müssen. Drittens passt UGC hervorragend zur Streamer- und Influencer-Kultur, die ständig auf der Suche nach neuen und einzigartigen Inhalten ist. YouTube, Twitch und Co. bringen den UGC-Games zusätzliche Aufmerksamkeit.

In Dreams haben Nutzer schon unzählige und teils sehr beeindruckende Games entworfen. Zu den besten Eigenkreationen zählen das Sci-Fi-Rennspiel SlidEout 3019, die Weltraumabenteuer Curiosity und Outpost 60, die Billard-Simulation Beech Pool, das Metal Gear Solid HD Remake, der Nachbau des unvollendeten Horrorspiels P.T., der Shooter Prometheus sowie die Van-Gogh-Hommage Starry Night. „Wir wollen eine neue Generation von Game-Designern, Künstlern und Musikern hervorbringen“, sagt Community-Manager Tom Dent. In der Tat könnte Dreams dafür sorgen, dass viele User ihre eigenen Games-Ideen in die Tat umsetzen. Und damit die kreative Zukunft der Spieleindustrie mitgestalten.

Titelbild: Szene aus Curiosity, einem in Dream erstellten Game von DISARMEDX

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