Wie ein Mönch vor fast 400 Jahren einen Flug zum Mond wagen wollte

Der Mond hat die Menschen seit jeher fasziniert. Lange vor der ersten bemannten Landung auf dem Erdtrabanten im Jahr 1969 hatte ein Mönch aus England einen Plan ausgetüftelt, wie eine Reise dorthin gelingen könnte. Er plante einen fliegenden Streitwagen und eine Universalsprache, um mit den Mondmenschen zu kommunizieren.

Von Michael Förtsch

Es war das Ergebnis eines unglaublichen Wettrennens um Vormacht, Ansehen und Technologie. Die Vereinigten Staaten von Amerika und die Sowjetunion investierten Unmengen an Geld und Personal, um sich während des Kalten Krieges beim Vorstoß in den Weltraum zu übertrumpfen. Es ging darum, den ersten Satelliten, das erste Tier und den ersten Menschen in den Kosmos zu befördern. Der ultimative Beweis für die technologische Überlegenheit sollte allerdings die Landung auf dem Mond werden, die schließlich am 20. Juli 1969 den Amerikanern gelang. Vor mittlerweile über einem halben Jahrhundert setzte das Modul der Apollo 11 auf dem Erdtrabanten auf und Neil Amstrong stieg aus, um als erster Mensch den staubigen Mondboden zu betreten. Wäre es nach einem anderen Mann gegangen, hätte dieser Erfolg schon deutlich früher gefeiert werden sollen. Viel früher. Vor fast 400 Jahren.

Zu dieser Zeit, in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts, befand sich die Welt im Umbruch. 1618 begann der Dreißigjährige Krieg, der die Machtverhältnisse in Europa umwerfen sollte – und für bittere Hungersnöte sorgte. Gleichzeitig bildete sich das erste weltumspannende Handelsnetz heraus, das auf den Entdeckungen von Christopher Kolumbus, Ferdinand Magellan und anderen Seefahrern aufbaute und weitere Abenteuer animierte. Vor allem aber kam es zu Revolutionen in der Wissenschaft. So beschrieb der Forscher William Harvey als erster den Blutkreislauf in Mensch und Tier. Und ein gewisser Galileo baute 1610 ein Fernrohr und erdreistete sich, das heliozentrische Weltbild von Nikolaus Kopernikus zu propagieren. Er behauptete, dass nicht die Erde, sondern die Sonne im Zentrum steht. All das beobachtete der Jakobinermönch John Wilkins mit größter Aufmerksamkeit.

Der 1614 in Fawsley, England geborene Wilkins stammte aus gutem Hause. Sein Vater war ein angesehener Goldschmied und Uhrmacher, sein Schwager war Oliver Cromwell und er selbst intelligent und wissbegierig. Er lernte am Magdalen College in Oxford, wurde Vikar, Kaplan und theologischer Leiter am Wadham College in Oxford. Nicht zuletzt gehörte er zu den Gründungsmitgliedern der Royal Society, der auch heute noch angesehen Gesellschaft von Wissenschaftlern und Gelehrten. Denn er befasste sich neben theologischen Themen vielfach mit Naturwissenschaften, neuen und radikalen Erkenntnissen. Sein Blick richtete sich dabei insbesondere weg von der Erde – in den Sternenhimmel. Denn was Forscher dieser Tage durch ihre Fernrohre sahen, ließ darauf schließen, dass da draußen noch andere Welten sein könnten. Und am erreichbarsten davon schien der Mond.

Wie eine Torte

Der britische Astronom Sir William Lower schrieb einst, dass der Mond aussieht „wie eine Torte, wie sie mir mein Koch vorherige Woche gemacht hat“. Er meinte damit, dass er voller Hügel und Täler sei, wie sie auch entstehen, wenn Creme, Marzipan oder Konfitüren auf eine Torte aufgetragen werden. In einer Abhandlung verglich er die Oberfläche später zudem mit dem, was auf den detaillierten Land- und Seekarten der niederländischen Seefahrer zu sehen ist. Andere Autoren und Wissenschaftler spekulierten zu dieser Zeit ebenfalls über den Mond als unentdecktes und mystischer Land, darunter Johannes Kepler in seinem Roman Somnium, Francis Godwin mit The Man in the Moone und Ben Jonsons mit seiner Theatersatire News from the New World Discovered in the Moon. Diese Werke regten auch die Fantasie und Vorstellungskraft von John Wilkins an. Er glaubte, dass der Mond, wenn er der Erde so nah scheint und so gut sichtbar ist, doch auch zu erreichen sein müsste – vielleicht wie in diesen Fiktionen. Mehr noch: Er war überzeugt, dass mit der richtigen Technik und genug Anstrengung, noch zu seiner Lebenszeit die ersten Abenteuer an den lunaren Gestaden anlanden könnten.

Da er keine anderen Forscher finden konnte, die ernsthaft an einem solchen Konzept arbeiteten, sah Wilkins sich selbst in der Pflicht. Im Jahr 1638 hatte er bereits seine Abhandlung The Discovery of a World in the Moone veröffentlicht, in der er über die Mechanik der Gestirne und die Entdeckungen auf der Mondoberfläche aufklärte. Für eine Neuausgabe im Jahr 1640 begann er dann auch einen Plan auszuarbeiten, wie eine Reise zum Mond funktionieren könnte – mit der Technik und dem Wissensstand des 17. Jahrhunderts. Seine Idee? Es müsste ein Streitwagen gebaut werden, der einem Schiff gleicht und nicht nur mit Rädern, sondern auch mit Flügeln, einem vertikal rotierendem Segel oder Turbinenschraube ausgestattet ist.

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Angetrieben von Muskelkraft müsste das Raumschiff gleich einem Vogel in die Luft gehoben werden. Eventuell, spekulierte der Forscher weiter, könnten aber auch echte Vögel mit großen Schwingen an so ein Vehikel gebunden werden, um es in die Luft zu wuchten. Außerdem dachte Wilkins über eine mechanische Vorrichtung mit Uhrwerken und Sprungfedern nach, die für Flügelschläge sorgen könnten, „konstruiert nach denselben Prinzipien, nach denen Archytas eine hölzerne Taube und Regiomontanus einen hölzernen Adler gebaut hat“. Auch über den Einsatz von Schießpulver brütete er. Nur mit genug Auftrieb und einer „Wucht von Gewalt“, da war sich Wilkins sicher, wäre es möglich, dass irgendwann Abenteurer in die Luft gelangen.

Flucht aus der magnetischen Sphäre

Von der Natur der Gravitation wusste der Jakobinermönch zu dieser Zeit noch nichts. Es war rund 50 Jahre bevor Isaac Newton in seiner Philosophiae Naturalis Principia Mathematica die Anziehungskraft von Massen beschreiben sollte. Jedoch war sich der Gelehrte durchaus einer irdischen Schwere bewusst – und dass diese überwinden werden muss. Wilkins glaubte – wie manche seiner Zeitgenossen –, dass es eine „Sphäre der magnetischen Kraft“ sei, die Mensch, Tier und alles sonst auf der Oberfläche halte. Aus Experimenten mit einem Kompass und einem Magnet, der ab einem gewissen Punkt aufhörte, die Nadel zu irritieren, schloss er, dass auch der magnetische Zug der Erde irgendwie und irgendwo abrupt seine Kraft verlieren müsste. Genauer gesagt: rund 30 Kilometer über der Erdoberfläche. Das folgerte er aus der Beobachtung von Vögeln und Wolken.

Nur diese vergleichsweise bescheidene Höhe müssten die Astronauten demnach erreichen. Danach würden sie losgelöst von der Anziehungskraft der Erde durch die Luft – von einem kosmischen Vakuum konnte er nichts wissen – in Richtung des Mondes schweben und später auf gleichem Wege zurück gelangen. Das müsste schon irgendwie zu machen sein, meinte der Mönch und vertrat diese Ansicht auch gerne bei Vorträgen und Reden. Jedoch sah Wilkins durchaus noch andere Herausforderungen als den Flug in die Höhe, für die er nach Lösungen suchte. Oder zumindest nach Hypothesen, warum diese keine echten Probleme darstellen würden.

Unter anderem glaubte Wilkins, dass die Raumfahrer nicht allzu viel an Proviant in ihrem fliegenden Streitwagen mitnehmen müssten. Schließlich würden sie sich befreit vom Joch der magnetischen Erdanziehung „überhaupt nicht in Arbeit verausgaben und den [Energie]ausgleich von Nahrung nötig haben, sondern vielleicht sogar ganz ohne auskommen“. Als Beleg zog er Zeitungsberichte über Menschen heran, die angeblich ganze Winter verschlafen haben, ohne zu verhungern. Dazu: Wenn Bären und andere Tiere in einen Winterschlaf verfallen können, dann sollten das doch auch Menschen überstehen können, oder?

Gleichzeitig nahm Wilkins an, dass für die Menschen in seinem fliegenden Wagen ohne die an den Kräften zehrende Erdanziehung auch die „Erquickung des Schlafes“ unnötig sei – und wenn doch, „welch weicheres Bett könnte es geben als die Luft“. Ernster nahm der Mönch schon die Gefahren der dünnen Luft, die er in „der Höhe“ des Alls erwartete. Er hatte Berichte von Bergsteigern studiert, die von Schwindel und Atemnot berichteten. Um dem und ähnlichem zu begegnen, schlussfolgerte Wilkins, müsste die Luft lediglich „angedickt“ werden. Dafür würde es genügen, wenn die Astronauten durch einen feuchten Schwamm oder ein Tuch atmen.

Sündige Aliens?

Im 17. Jahrhundert war es möglich, große Entfernungen schon mit einiger Genauigkeit zu bestimmen – sogar was kosmische Entfernungen angeht, der Vorarbeit von Astronomen wie Hipparchos, Poseidonios und den noch jungen von Kepler belegten Gesetzmäßigkeiten sei Dank. John Wilkins setzte die Entfernung zum Mond mit 179.712 Meilen oder 289.218 Kilometer an – und griff damit nur 95.000 Kilometer zu kurz. Er ging davon aus, dass sich die Distanz im Schwebeflug in etwa 180 Tagen bewältige ließe. Dann würden die Astronauten mit ihrem Wagen auf der benachbarten Welt aufsetzen. Im Geist seiner Zeit hoffte er dabei, dass die Erdlinge dann dort nicht nur auf leere Landschaften stoßen würden, sondern auf andere intelligente Lebensformen. „Von welcher Art sie sind“, formulierte er, „ist allerdings ungewiss.“

Wenn Gott, so umschreibt der Historiker David Cressy die Logik des Mönchs in einem Artikel, eine andere Welt wie die unsrige erschuf, warum sollte er sie nicht auch bevölkern? Mit diesem Glauben war er bei weitem nicht alleine. Diese auf Ableitungen aus der christlichen Lehre basierende Einschätzung war im 17. Jahrhundert durchaus verbreitet. Die hypothetischen Mondmenschen hatten sogar einen Namen: Seleniten, nach der griechischen Mondgöttin. Der Kleriker Wilkins hatte bereits zuvor die Arbeit an einer Universalsprache und einem allgemein verständlichen Zeichensystem begonnen, aus dem Jahre später eine „universale philosophische Sprache“ hervor gehen sollte. Zu dieser Zeit mutmaßte er, könne damit ein reibungsloser Erstkontakt erfolgen und, nach der Abreise der Astronauten, eine Kommunikation durch den Raum machbar werden.

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Letztlich hoffte der Mönch, dass seine Ideen alsbald zu regelmäßigen Flügen zwischen Erde und Mond führen würden. Dass Handelsbeziehungen geknüpft, Import- und Exportschiffe zwischen den Welten hin- und hersegeln würden. Und, ganz im Geiste dieser Zeit, sollten die Nationen der Erde auf dem Mond natürlich auch Kolonien gründen und Missionare schicken. Jedenfalls dann, wenn die Mondmenschen nicht sowieso schon Christen sind, da sie vom gleichen Gott geschaffen sein müssten, wie alle anderen Wesen im Universum. Wilkins spekulierte etwa, dass die Seleniten „nicht mit Adams Sünde infiziert [wären], aber vielleicht hatten sie einige ihrer eigenen [Ursünden]“.

Unmöglich, aber nicht lachhaft

John Wilkins war vollkommen von der Machbarkeit seiner Mondreisepläne überzeugt. „Ich behaupte ernsthaft und mit guten Gründen, dass es möglich ist, einen fliegenden Wagen zu bauen“, beteuerte er in seinen Schriften. Und zu dieser Zeit hatte er auch allen Grund dazu. Denn das Wissen jener Ära sprach eher dafür als dagegen, dass eine solch fantastische Reise umsetzbar wäre. Der Jakobinermönch wollte seine Konzepte daher nicht in der Theorie belassen und auf eine Umsetzung durch Dritte warten, sondern unternahm eigene Anstrengungen, sie selbst in die Wirklichkeit zu hieven.

Ich behaupte ernsthaft und mit guten Gründen, dass es möglich ist, einen fliegenden Wagen zu bauen.

John Wilkins

Gemeinsam mit dem Universalgelehrten Robert Hooke, einem Clubbe von Wissenschaftlerfreunden, Studierenden und anderen Interessierten führte er im Garten des Wadham College in Oxford zahlreiche Experimente mit Fluggeräten und verschiedenen Mechaniken durch. Auch suchte er mit Briefen und Besuchen bei angesehen Adeligen und Mäzenen nach Sponsoren für seine durchaus kostspieligen Versuche, wie der britische Wissenschaftler Allen Chapman in einer Abhandlung für die Royal Astronomical Society schreibt. Natürlich wurde nie etwas aus dem fliegenden Streitwagen, den John Wilkins sich ausmalte. Er konnte auch noch selbst erkennen, wieso.

Die wissenschaftlichen Einblicke in die Mechaniken der Welt entwickelten sich im 17. Jahrhundert rasant. Binnen weniger Jahre und Jahrzehnte lösten sich die Annahmen auf, auf denen der Jakobinermönch seinen Traum vom Flug zum Mond aufgebaut hatte. Sie wurden durch neue Theorien und Fakten abgelöst, die die extraterrestrische Exkursion geradezu albern erscheinen ließen. Darunter die Definition der Gravitation aber auch die Entdeckung des Vakuums und die Erkenntnis, dass der Raum zwischen den Gestirnen nicht mit atembarer Luft gefüllt ist. Dennoch sollte der Traum von Wilkins nicht belacht oder belächelt werden. Denn laut Forschern wie Allan Chapman von der Oxford University war der Plan des Jakobinermönchs wohl „der erste ernsthafte Vorschlag für einen Weltraumflug“.

Teaser-Bild: Komposition/Gemeinfrei

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Mega spannend…! Dank! … Da hätt ich allerdings noch einen Nachtrag:… Ich dachte immer Wan Hu (Middle Ming Dynasty 16.Jhd.) war der 1. Astro…äah… Taikonaut.:wink:

So oder so auch eine witzige Geschichte, denn Wan Hu baute sich einen Raketen-Stuhl mit dem er dann steil explodiert ist…:wink:

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