VR-Experiment aus Augsburg: Lässt sich Musik auch ganz visuell erleben?

Lässt sich Musik auch ganz ohne Ton erleben? Rein visuell in Virtual Reality? Genau das will ein Augsburger Kreativkollektiv herausfinden – und zwar vor allem für eine ganz bestimmte Zielgruppe: für hörgeschädigte und gehörlose Menschen. Mehr über dieses Experiment erfahrt ihr in der 15. Folge unseres Podcasts New Realities , die ihr hier auch nachlesen könnt.

Von Wolfgang Kerler


Hier gibt’s die Podcast-Folge zum Hören. Abonnieren kannst du den New Realities Podcast von 1E9 und dem XR HUB Bavaria bei Podigee, Spotify, Deezer und bei Apple Music

Wolfgang: Das Augsburger Kreativkollektiv WIDE HORIZON FILMS, das aus den Motion Designern und Filmemachern Michael Gamböck und Franziska Hauber sowie aus dem Elektromusiker und DJ Tom Simonetti besteht, hat zurzeit eine Crowdfunding-Kampagne bei Startnext laufen. Denn sie brauchen Geld, um ein Experiment zu finanzieren: Sie wollen Musik durch ein immersives 360-Grad-Erlebnis für die VR-Brille visuell erfahrbar machen – und das insbesondere für hörgeschädigte oder gehörlose Menschen. Dabei arbeiten sie auch mit einer Schule für hörgeschädigte Menschen in Augsburg zusammen.

Michael und Franzi sind heute bei mir und erzählen gleich mehr darüber. Und außerdem ist ihre Freundin Hannah zu Gast, die selbst nur mithilfe von Cochlea-Implantaten hören kann. Sie gehört also zur Zielgruppe der Experience und es freut mich sehr, dass auch sie sich die Zeit genommen hat, um uns von ihrem Verhältnis zu Musik zu berichten. Hannah, Franzi und Michael, schön, dass ihr da seid!

Michael: Danke, dass wir da sein dürfen!

Wolfgang: Die erste Frage geht an euch, Franzi und Michael. Ihr hab das Crowdfunding gestartet für eure immersive Experience, die ihr erschaffen wollt, mit der ihr Musik visuell erlebbar machen möchtet – gerade für Menschen, die nicht oder nicht gut hören können. Wie seid ihr darauf gekommen?

Franziska: Das ist ein bisschen eine längere Geschichte. Wir haben beide interaktive Medien studiert in Augsburg und da sind wir über ein paar Projekte immer mehr zur Virtual Reality gekommen. Wir haben viel in Animation und Film zuerst gemacht, haben dann einen Kurzfilm in einem Planetarium gemacht und dann wir zwei zusammen als Bachelorarbeit in VR ein Musikvideo produziert. Und somit haben wir gedacht, dass das eigentlich ganz gut angekommen ist dieses VR-Musikvideo, und wollten dann auch weitermachen in diese Richtung.

Michael: Es hat uns auch einfach großen Spaß gemacht, das kann man auch dazu sagen. Und wir haben auch damals bei der Bachelorarbeit mit dem gleichen Künstler, dem Tom Simonetti zusammengearbeitet. Und das Team war einfach super und da wollten wir dran anknüpfen. Und haben dann letztes Jahr irgendwann Anfang Sommer, Ende Frühling zusammen gequatscht und gesagt: Hey, lasst doch da nochmal was machen! Der Tom hatte eh wieder eine Idee. Und irgendwie sind wir dann darauf gekommen, da wieder anzugreifen. Wir hatten auch ein bisschen Zeit dafür.

Und haben uns während des Projekts dann auch ein bisschen gefragt: Okay, wer neben den technischen und gestalterischen Nerds, wen interessiert das? Wen könnte so ein VR-Musikvideo oder auch ein 360-Grad-Musikvideo – wir machen meist den linearen 360-Grad-Film, den man dann in der VR-Brille anschauen kann – wen könnte es noch interessieren? Und wir haben uns dann gedacht: Möglicherweise ist das Thema für Gehörlose interessant und haben geschaut, dass wir in diese Richtung weiterdenken?

Franziska: Ansonsten denkt man, wenn man an VR denkt, eher an Gaming-Nerds, die sich teure VR-Brillen leisten können. Es ist noch nicht in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Und das fanden wir interessant, weil jeder, der mal eine VR-Brille aufhatte, weiß, dass das schon eine krasse Erfahrung ist da drin und dass das auch Spaß macht, da auch drin zu sein. Und dann haben wir dadurch, dass man auch mit Cardboards ziemlich billig daheim VR auch erleben kann, eben weitergedacht: Wer könnte das auch benutzen können außer die Nerds und Techniker, die eh eine VR-Brille daheim haben.

Wolfgang: Ihr seid also eher aus der Richtung gekommen: Wir finden das cool, wir machen das gerne, wen könnten wir damit noch ansprechen. Jetzt habt ihr euch überlegt, dass das vielleicht für gehörlose Menschen interessant sein könnte. Nun machen wir hier einen Podcast, deswegen konnten wir leider keinen Gast dabeihaben, der völlig gehörlos ist, auch heute noch. Aber umso mehr freut es mich, dass wir dich dabeihaben. Du bist nicht nur eine Freundin von den beiden, sondern du kennst sozusagen beide Welten, weil du – wenn ich das richtig verstanden habe – gehörlos auf die Welt gekommen bist – und mithilfe von Cochlea-Implantaten hören kannst. Jetzt auch schon eine Weile.

Bevor wir darüber reden, wie du vielleicht Musik wahrnimmst, würde mich erstmal interessieren: Was hast du dir denn gedacht, als die beiden – oder die drei – mit der Idee ankamen, plötzlich VR- oder 360-Grad-Musikvideos für Gehörlose entwickeln wollen? Fandest du’s eine gute Idee, fandest du’s strange? Was waren deine Gedanken?

Hannah: Ich musste wahrscheinlich im ersten Augenblick darüber nachdenken, was bedeutet nochmal genau VR und in welche Verbindung kann man das bringen für Gehörlose. Und dabei spielt der visuelle Aspekt eine große Rolle, was auf jeden Fall sehr interessant ist für Gehörlose, weil wir hören ja in dem Sinne nichts, aber man kann auch viel durch Sehen oder Spüren wahrnehmen. Also ich finde auf jeden Fall das Projekt sehr spannend, aber auch eine Herausforderung, die die drei jetzt angenommen haben – und ich bin gespannt, in welche Richtung das geht.

Michael: Wir auch immer noch ein bisschen. Wir wissen ja auch noch nicht ganz, wohin es läuft, es ist ein bisschen ein Experiment, aber freuen uns total drauf.

Wolfgang: Ihr wollt es auf jeden Fall versuchen und wir sprechen ja auch noch darüber, wie ihr auch mit eurer Zielgruppe zusammenarbeiten wollt. Hannah, damit wir einen Eindruck bekommen: Wie hörst du Musik? Und wie hast du Musik gehört, bevor du die Implantate bekommen hast, beziehungsweise: Wie hast du Musik rezipiert, sag ich mal, damals konntest du ja gar nichts hören? Wie machst du das heute? Und was bedeutet Musik für Gehörlose Menschen?

Hannah: Ich bin mit einem leichten Hörschaden auf die Welt gekommen. Man hat es erst mit zwei Jahren ungefähr festgestellt, dass ich schlecht hören kann. Ich habe dann erst die ersten Lebensjahre Hörgeräte getragen, aber die haben halt nicht den richtigen Nutzen gebracht, dass ich jetzt wirklich viel hören konnte, und die Hörschädigung hat immer mehr zugenommen, es ist immer schlechter geworden, bis sich meine Eltern dazu entschieden haben, dass sie mich implantieren. Das war auf der rechten Seite mit acht Jahren, auf der anderen Seite mit zehn Jahren. Ich kann mich jetzt heute leider nicht mehr so genau daran erinnern, wie ich mit acht Jahren gehört habe. Ich kann mich größtenteils daran erinnern, dass es nicht gut war und schlecht war.

Ich habe gelernt, mit Cochlea-Implantaten zu hören, und es ist für mich schwierig einen Vergleich zu ziehen, wie ein normaler Mensch, sag ich mal, Musik wahrnimmt oder hört. Ich kann nur sagen, ich könnte nicht unterscheiden, ob jemand jetzt sehr gut singen kann von der Tonlage und den Ton trifft oder ob jemand schlecht singen kann. Ich denke, ich nehme Musik wahr als einen Komplex mit verschiedenen Instrumenten, mit Klängen, mit Gesang, mit Bass – also verschiedene Sachen spielen eine Rolle. Und für mich ist es nicht so leicht, sag ich mal, die verschiedenen Dinge herauszufiltern, wie ein menschliches Gehör das könnte. Ein menschliches Gehör kann vielleicht mehr den Gesang heraushören oder sowas. Und für mich ist das alles in einem sozusagen. Deswegen höre ich auch lieber gerne Musik, wo man den Text sehr gut verstehen kann.

Wolfgang: Das Projekt, wenn ich es richtig verstanden habe, geht auch ein bisschen in den Komplex der digitalen Teilhabe – also, dass man Musik durch andere Ausdrucksformen noch mehr Menschen zugänglich macht. Hast du manchmal das Gefühl, dass du von der Musikwelt ein bisschen ausgeschlossen bist, weil du es eben anders wahrnimmst, weil es für dich auch schwierig ist, Musik zu verstehen, weil du die einzelnen Elemente nicht so auseinander hörst? Fühlst du dich da manchmal ein bisschen als würdest du was verpassen? Oder wie ist das für dich?

Hannah: Ich sag mal so: Gehörlose haben nicht viele Möglichkeiten, Musik wahrzunehmen zuhause. Wenn man natürlich in Clubs geht oder auf Festivals geht, wo man einen richtig guten Bass hat, dann ist auf jeden Fall die Möglichkeit da, die Musik spürbar über den Bass wahrzunehmen.

Mir fällt es auch schwer, auch wenn ich höre, bei Liedern mitzusingen, weil ich im ersten Augenblick nicht verstehe, wie ist der Text, oder müsste denn erstmal ein paar Mal lesen, damit ich die Musik wahrnehmen kann und auch verstehen kann, was dahinter ist. Die Gehörlosen haben nicht viele Möglichkeiten, dass in Clubs wahrzunehmen außer durch das Gespür und den Bass.

Wolfgang: Glaubst du, dass durch eine optische Komponente das unterstützt werden könnte, dass du Musik auch genießt?

Hannah: Als optische Komponenten könnte ich mir sehr gut vorstellen, wenn man zum Beispiel Musik visualisiert im Sinne von Schwingungen einbauen als Video oder als Bild in verschiedenen Farben oder mehrere Schwingungen, dass sich die Gehörlosen zumindest bildlich vorstellen können, wie die Musikinstrumente spielen oder wo der Gesang ist. Ob das ein hoher Gesang ist oder ob der eher tiefer ist. Vielleicht mit Farben spielen, mit dem Songtext spielen, weil man kann ja viel durch Sehen mitbekommen. Und dann wäre es ganz gut, wenn der Bass vielleicht eine kleine Rolle spielen könnte.

Wolfgang: Franzi und Michael, es ist schwierig Musik in ein anderes Medium als Ton zu übersetzen. Hannah hört ja, aber für sie ist es schon schwer, Musik als Genuss wahrzunehmen, so klingt es jedenfalls für mich, weil es auch ein bisschen anstrengend klingt. Jetzt wollt ihr das sogar für ganz gehörlose Menschen machen. Wie genau wollt ihr das machen? Wie wollt ihr dabei vorgehen, dass das auch funktioniert?

Michael: Zuerst mal ist es natürlich ein Experiment und wir können nicht garantieren, dass es am Ende auch für jeden funktioniert. Aber wir haben ein paar Ideen im Kopf, die wir unbedingt ausprobieren wollen. Und da hat Hannah eigentlich schon sehr viele Facetten davon angesprochen, dass wir eben verschiedene Ebenen der Musik aufgreifen wollen – und sowohl, jetzt was Hannah auch gesagt hat, wirkliche Elemente aufgreifen, möglicherweise auch die Musik aufteilen und davon verschiedene Elemente in verschiedener Weise aufgreifen. Uns geht’s aber auch darum, die Emotion des Musikers oder die Gefühle, die jemand beim Musikhören oder beim Musikhören dieser speziellen Musik wahrnimmt, die irgendwie auch darzustellen in Form von Bildern, Zeichnung oder was es am Ende auch wird.

Franziska: Genau. Also ist das Gefühl eher hell, ist es dunkel, ist es schnell, ist es konfus. So Sachen kann man ja visuell gut darstellen, wenn man sich darauf einlässt und wenn man sich da rein arbeitetet. In der Bachelorarbeit sind wir auch schon in diese Richtung gegangen, haben uns aber noch nicht so intensiv damit auseinandergesetzt.

Konkret unser Plan ist es auch, mit der Förderschule Hören in Augsburg zusammenzuarbeiten. Dort sind wir über den Stefan Dörle vom Bezirk Schwaben vernetzt worden und hatten vor – oder haben immer noch vor – in eine Klasse zu gehen, dass da jeder auch mal eine VR-Brille aufsetzen kann, mal ein paar Sachen anschauen kann, was es schon gibt, und wir auch Feedback bekommen, was gut ankommt, was schlecht ankommt, was funktioniert, was die Jugendlichen dort auch gerne anschauen, um da eben Feedback für unser Projekt zu bekommen. Das hatten wir schon vor, es wurde ein bisschen unterbrochen durch Corona. Aber wir werden schauen, wenn die Schulen wieder öffnen können, dass wir das noch nachholen können.

Michael: Also wir holen das auf jeden Fall nach. Das steht fest im Plan, das tatsächlich auch mit Menschen auszuprobieren. Das gibt uns und hoffentlich auch denen ganz viel einerseits an Erfahrung irgendwie menschlich, andererseits aber bestimm auch, wie man an so ein Projekt und ein Video rangeht. Aktuell haben wir auch eine Alternative erarbeitet – und zwar einen digitalen Fragebogen, wo wir jetzt nicht speziell auf VR eingehen, sondern auf Musikwahrnehmen und auch auf Musikvideos und wollen ein paar Kleinigkeiten von Gehörlosen wissen, um überhaupt einschätzen zu können: Ja, was sind denn überhaupt die Hürden, was sind die Schwierigkeiten beim Musikwahrnehmen und welche Facetten sind den Personen auch besonders wichtig.

Wolfgang: Die Schule, mit der ihr zusammenarbeitet, ist eine Schule für gehörlose Schüler?

Michael: Für Hörgeschädigte.

Franziska: Da gibt es verschiedene Stufen.

Wolfgang: Und die sollen euch den Input geben, jetzt über einen Fragebogen und dann über persönliche Besuche, Testläufe, Ausprobieren, dass das Ganze am Ende nicht an der Zielgruppe vorbei produziert wird?

Franziska: Genau, konkret eben die Besuche und die Feedbacks auf persönlicher Ebene mit VR-Brille, die machen wir mit der Schule zusammen. Und den digitalen Fragebogen haben wir vor deutschlandweit, deutschsprachigweit zu verschicken – an Schulen, an Vereine, wo wir eben rankommen.

Wolfgang: Warum eigentlich Virtual Reality oder 360-Grad-Video mit VR-Brille? Warum macht ihr nicht einfach ein schönes zweidimensionales Video daraus?

Franziska: Ja, so ein bisschen hat das auch damit zu tun, woher wir kommen. Und dass wir erfahren haben, dass in Virtual Reality alles einfach nochmal krasser wahrnehmbar ist. In ne VR-Brille, wenn man da reingeht, ist das erstmal eine Überwindung für manche auch. Aber wenn man dann drin ist, ist man einfach in einer anderen Welt drinnen – und es ist nicht so wie ein Laptop oder ein Fernseher, wo einfach nebenbei ein Bildschirm ist, wo man dann gleichzeitig noch ins Handy schaut. Also man taucht sozusagen direkt in eine andere Sphäre ein. Das finden wir sehr spannend, weil man es viel mehr wahrnehmen kann.

Michael: Die VR-Brille ist halt nicht nur ein Begleitmedium, sondern es erfordert die komplette Aufmerksamkeit. Man hat technisch bedingt gar nicht die Möglichkeit, gleichzeitig ins Handy zu schauen und des Weiteren bietet so eine VR-Brille für den visuellen Sinn einfach unfassbar viele Eindrücke und Möglichkeiten, um es noch erlebbarer und noch näher zu machen. Es ist ja nicht nur um einen herum und nah, sondern wenn man es so produziert dreidimensional und somit schon ein Wahnsinnserlebnis da drin zu stecken. Und wir glauben auch, dass das viel bringen kann und vielleicht auch Gehörlosen sehr viel Spaß machen kann, sich da ein bisschen austoben zu können.

Franziska: Oder einfach mal einmal die Woche sich fünf Minuten die Auszeit gönnen, um in die VR-Brille zu schauen.

Wolfgang: Bevor wir Hannah nochmal fragen, was sie eigentlich von VR hält, würde ich gerne noch was aufgreifen, was Hannah vorhin gesagt hatte: Dass der Beat, der Bass natürlich auch körperlich spürbar ist. Habt ihr schon darüber nachgedacht, vielleicht auch, wenn’s VR-Brillen mit Controller sind, die oft auch Vibration haben, oder eben, die haben ja auch Lautsprecher mit drin, wo man auch ein bisschen Bass drauflegen kann, sowas einzubauen, dass auch ein haptisches Erlebnis dabei ist? Oder wäre das noch zu aufwendig? Ist nur ins Blaue hineingefragt, weil Hannah vorhin das so erzählt hat.

Franziska: Haben wir schon überlegt, dass der Bass eben sehr wichtig ist. Für das Musikvideo an sich ist uns erstmal wichtig, dass es eben daheim angeschaut werden kann. Das heißt, dass jeder es mit dem Smartphone mit dem Cardboard sich das auch daheim anschauen kann. Und dann wäre es schwieriger auch noch, dass wir bestimmen können, was dort für ein Subwoofer steht. Aber worüber wir auch schon nachgedacht haben, ist, vielleicht auch mal eine Ausstellung zu machen, wo wir mit virbrierenden Basslautsprechern arbeiten. Das ist bei uns auch im Hinterkopf.

Michael: Auf jeden Fall. Wir wollen es unbedingt ausprobieren. DA gibt es ein paar Möglichkeiten. Es gibt Stühle für Schlagzeuger, die nur die Vibration übertragen. Sowas wollen wir mal testen. Oder eben wirklich mit so Vibrationslautsprechern arbeiten. Dann gibt’s auch noch ganz faszinierende andere Geräte – Armbänder, die vibrieren, wo das irgendwie alles zusammenfließen könnte. Da wollen wir auf jeden Fall mal schauen, was das sich gegenseitig gibt, weil wir da auch großes Potential sehen.

Wolfgang: Hannah, wie klingt das alles für dich – auch gerade der Virtual-Reality-Aspekt, dass du es in der Brille wahrnehmen würdest?

Hannah: Ja, ich denke vielleicht im ersten Moment eine Überforderung der Wahrnehmung. Weil vielleicht mit dem Bild, mit der Simulation, wenn ein Bass dabei kommt, kann man das erstmal sehr gut auf sich wirken lassen. Ich denke aber, dass kann für die Wahrnehmung oder für das Gespür von Musik wirklich sehr, sehr schön nutzen. Oder das kann ein sehr gutes Experiment werden, was die Leute bestimmt ausprobieren wollen. Also ich auf jeden Fall.

Michael: Wird auch Zeit, dass du mal in eine VR-Brille reinschauen kannst. Ich hoffe, wir können das bald mal umsetzen!

Hannah: Ja, gerne!

Wolfgang: Hannah, glaubst du, dass das funktionieren kann mit diesen Umfragen, dass dann da auch so gemeinsame Muster hervorkommen, wie zum Beispiel gehörlose oder hörgeschädigte Menschen Musik wahrnehmen? Weil es könnte natürlich auch passieren, dass das jeder ganz individuell nimmt und es wahnsinnig schwer wird, daraus was zu machen. Ich weiß nicht, inwiefern du dich austauscht mit anderen und auch schon über Musik unterhalten hast. Wie wäre denn deine Einschätzung?

Hannah: Ich bin jetzt, sag ich mal, nicht in einem Gehörlosen-Umfeld. Ich habe nicht viel Kontakt oder in meinem Freundeskreis sind kaum Menschen, die Gehörlos sind. Ich bin auf eine normale Schule gegangen. Deswegen habe ich nicht so die großen Kontakte. Aber ich denke es ist auch viel Geschmackssache: der Musikrichtungen, zum Beispiel; wie jemand Musik wahrnimmt. Es ist Geschmackssache, ob jemand mehr Balladen mag, weil er die Texte besser verstehen kann, oder in eine andere Musikrichtung geht.

Wolfgang: Ist einfach mal versuchen und schauen, wie es ankommt.

Hannah: Ja, genau. Aber ich denke, es ist sicher gut, sich von vielen Mensch Tipps einzuholen.

Franziska: Was ich interessant finde an dieser Genrefrage ist, ob sich dann abbildet, dass irgendwie ein Genre ganz überhaupt nicht gemocht wird von vielen Gehörlosen oder ob es eher so ähnlich ist wie bei allen anderen. Also, dass Pop am beliebtesten ist. Oder, dass Elektro überhaupt nicht gehört wird. Das finde ich eine spannende Sache. Das ist auch im Fragebogen drin.

Wolfgang: Ich bin auch gespannt, ob ein Heavy-Metall-Song ganz anders aussieht als ein klassisches romantisches Stück, weil auch das muss man irgendwie transportieren, was für ein Genre es überhaupt ist.

Michael: Das auf jeden Fall. Auch das soll da irgendwie rüberkommen. Am Ende ist es natürlich trotzdem irgendwie unsere eigene Interpretation davon – und die ist natürlich irgendwie künstlerisch und intuitiv, aber das macht es vielleicht sehr spannend.

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Wolfgang: Zum Schluss würde ich gerne noch euch alle fragen, weil gerade auch der bayerische Digitalpreis ausgeschrieben ist. Da geht’s um digitale Teilhabe. Also es geht darum, wie die digitale Welt noch zugänglicher werden kann für noch mehr Menschen. Also nicht nur Menschen, die schlecht hören, vielleicht auch Menschen, die nichts sehen oder andere Einschränkungen haben. Was würdet ihr euch wünschen – es kann in eurem Kontext sein, aber auch in einem ganz anderen – oder was könntet ihr euch vorstellen, um die digitale Welt, in der wir gerade jetzt in Coronazeiten einen Großteil unseres Lebens verbringen, vielleicht noch zugänglicher zu machen? Habt ihr da Ideen?

Franziska: Ohne jetzt so viel Ahnung davon zu haben. Aber ich höre in letzter Zeit sehr gerne und sehr viele Podcasts, also wirklich stundenlang. Während ich visuell arbeite, höre ich Podcasts. Und da haben Podcaster auch schon von sich aus angesprochen, dass es halt schwierig ist – die machen jede Woche einen Podcast, der über eine Stunde dauert – den transkribieren zu lassen, weil das eben Mehraufwand ist, der teuer ist, und sie sagen: Ja, wer soll das denn zahlen? Bei so Sachen denke ich mir, okay, kann man das nicht einfach eins weiterdenken und da eben die Teilhabe größer werden zu lassen in so alltäglichen Dingen.

Wolfgang: Also automatisierte Transkription, die nichts kostet, wäre großartig.

Michael: Die dann noch perfekt funktioniert.

Wolfgang: Hannah, hast du auch noch eine Idee?

Hannah: Für mich sind zum Beispiel im alltäglichen Leben, ob bei Instagram-Stories, YouTube-Videos oder Tutorials sind oftmals für mich Untertitel wichtig. Wie gesagt, Gehörlose können sich diese Videos nicht anschauen. Ich kann mir sie zwar anschauen, aber jeder Mensch hat eine andere Stimme oder einen Akzent oder was auch immer. Ich hab mich daran gewöhnt, auch Filme immer mit Untertitel zu gucken, weil es mir doch einiges vereinfacht, damit ich nicht nachfragen muss: Was ist gesagt worden. Und das wäre ein Teil, was ich mir wünschen würde, wenn man Untertitel weiter verbreitet.

Wolfgang: Vielen Dank. Und ich fasse mir an die eigene Nase, weil ehrlicherweise auch nicht alles, was wir machen, wirklich barrierefrei ist. Auch unsere Webseite ist nicht ideal für blinde Menschen oder Menschen, die schlecht sehen. Da is noch viel zu tun.

Das allerletzte, was wir ansprechen: Franzi und Michael, euer Crowdfunding. Sagt doch nochmal was dazu, was ihr braucht, um was zu machen.

Michael: Also wir haben jetzt schon unser erstes Fundingziel geknackt – und zwar 4.000 Euro. Und können damit auch ganz stolz und glücklich sagen, dass wir das Projekt auf jeden Fall angehen können, auch jetzt mit einem finanziellen Support von ganz vielen Leuten. Da sind wir super dankbar, dass das geklappt hat. Wir haben uns auch noch ein zweites, etwas größeres Ziel gesteckt. Das sind 12.000 Euro. Da würden wir dann das gesamte Album visualisieren. Das wäre super spannend.

Im Endeffekt geht’s aber jetzt auch uns ein bisschen darum, was aus dem Ganzen entstehen kann und in welche Richtung das weitergehen kann. Das muss ja jetzt auch nicht mit dem einen Projekt vorbei sein. Es könnte auch noch was anderes darauf folgen. Ich glaub, wir kratzen da jetzt gerade auch erst ein bisschen dran mit den ersten Tests und einer Umfrage und ich glaub, da können wir auf jeden Fall auch dranbleiben und weitermachen.

Franziska: Wir haben auf jeden Fall richtig Bock, das richtig gut zu machen und auch eben diesen Forschungsaspekt dabei zu haben, wo wir uns ja irgendwie selber reingesteigert haben. Wir wollen das gut machen und sind eben offen, ob danach noch eine Ausstellung folgt oder so.

Wolfgang: Sehr gut. Alles Gute von mir jedenfalls. Ich bin auch gespannt, was dabei herumkommt.

Mehr zum Projekt und zum Crowdfunding, um das es in dieser Podcastfolge geht, erfahrt ihr bei Startnext. Den Fragebogen von Michael und Franziska könnt ihr hier abrufen.

Titelbild: Fotografie von Franziska Hauber, Illustration von Hanna Verwohlt.

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