So wollen 11 Start-ups die Welt mit Technologie besser machen!

Krankheiten, Naturkatastrophen, Cyberkriminalität oder die Klimakrise. Wir haben echt viele Probleme. Manchmal will man fast den Kopf in den Sand stecken und nichts mehr davon wissen. Doch zum Glück gibt es Gründerinnen und Gründer mit Ideen, wie wir die Apokalypse noch abwenden können. Elf davon wollen wir euch vorstellen.

Von Cindy Michel und Wolfgang Kerler

Vor der 1E9-Konferenz am 11. Juli 2019 haben wir einen Suchaufruf gestartet: Wir wollten Start-ups finden, die die Welt retten – mit neuen Technologien und Ideen. Es haben sich wirklich viele spannende und optimistische Gründerinnen und Gründer gemeldet. Einige davon haben wir nach München eingeladen, wo sie vor einer Jury und den Konferenzbesuchern ihre Lösungen vorstellen konnten. Für alle, die nicht dabei waren, geben wir hier einen Überblick über elf der „Finalisten“.

German Bionic: Mit Exoskeletten gegen die häufigste Volkskrankheit

Fast die Hälfte aller europäischen Arbeitnehmer*innen klagen über Kreuzschmerzen. Deshalb gelten Rückenprobleme auch als „Volkskrankheit Nummer 1“. Das Augsburger Unternehmen German Bionic hat eine technologische Lösung entwickelt, um diese zu lindern oder gar nicht erst entstehen zu lassen: industrielle Exoskelette. Die sehen auf den ersten Blick aus wie Hightech-Rucksäcke, sind aber Systeme, die menschliche Intelligenz und maschinelle Kraft miteinander kombinieren. Die Bewegungen des Trägers werden vom Exoskelett unterstützt oder verstärkt. Dadurch wird es deutlich leichter, schwere Gegenstände oder Werkzeuge zu heben und die Belastung auf die Wirbelsäule im unteren Rückenbereich wird verringert. Arbeitsunfälle können verhindert werden. Gerade für körperlich fordernde Aufgaben, die Roboter noch nicht allein übernehmen können, eignet sich das Exoskelett als Hilfsmittel. So kann auch der Mensch in die Industrie 4.0 integriert werden.

Kumovis: 3D-gedruckte Knochen auf Knopfdruck

Menschen, die etwa durch einen Verkehrsunfall eine schwere Kopfverletzung erleiden, brauchen eine neue Schädeldecke. Abertausende Patienten brauchen Zahnimplantate. Menschen mit chronischen Rückenschmerzen benötigen Wirbelsäulenimplantate. Und sie alle haben meist ein Problem: Sie müssen sehr lange auf die oft sehr teuren Implantate warten. Denn die werden irgendwo zentral hergestellt – und das oft nicht einmal individuell zugeschnitten auf den Patienten. Das soll sich durch die Technologie des Münchner Start-ups Kumovis ändern.

Kumovis hat gerade den ersten 3D-Drucker auf den Markt gebracht, der den Reinraum, in dem Medizinprodukte hergestellt werden müssen, gleich integriert hat. Er erinnert an einen großen Kühlschrank mit Fenstern – auch, was die Dimensionen angeht. Das bedeutet, er könnte direkt in Kliniken, Praxen und Gesundheitszentren stehen. Vom Scan des Körpersim CT bis zum Implantat für einen Patienten soll es mit dem Kumovis-Drucker nur noch 24 Stunden dauern. Die dazugehörige Software sorgt dafür, dass die Implantate wirklich passgenau auf den jeweiligen Menschen ausgedruckt werden.

YURI: Medizinische Forschung in der Schwerelosigkeit

Die (annähernde) Schwerelosigkeit birgt ein riesiges Potenzial für wissenschaftliche wie medizinische Forschungen. Ein Beispiel: Will ein Forscher Wirkstoffe zur Behandlung von Krebszellen testen, kann er das auf der Erde nur in einer Petrischale. Denn die Zellen vermehren sich nur in die Fläche. Anders in Schwerelosigkeit. Dort können sich die Zellen dreidimensional ausbreiten, was deutlich realistischere Tests möglich macht. Nur gibt es ein Problem: Auf der Erde kann man nur schlecht oder nur sehr, sehr kostspielig den Zustand (annähernder) Schwerelosigkeit erreichen. Die außerirdische Alternative wäre ein Besuch auf der Internationalen Raumstation (ISS), aber auch das ist nicht gerade einfach zu bewerkstelligen. Wie soll das Forschungsequipment dorthin kommen? Wie stellt man überhaupt den Kontakt zur ISS her? Ist das nicht ein furchtbarer Verwaltungsaufwand?

Genau da kommt das Space-Startup YURI aus der Nähe vom Bodensee ins Spiel: „Wir machen Experimente in der Schwerelosigkeit möglich“, sagt Mark Kugel von YURI, „vor allem auf der ISS, aber auch in anderen Raumkapseln, Raketen oder Parabelflügen.“ Das junge Unternehmen hat nicht nur spezielle Behälter entwickelt, in denen Experimente autonom im Weltall stattfinden können, sondern organisiert auch den Launch und den benötigten Platz in der Raumstation.

Simple Mobility: Einfache Mobilität, die die Umwelt schont

Die Idee dieses Start-ups ist wirklich einfach zu erklären, wie der Firmenname schon sagt: Simple Mobility stellt elektrische Roller her, die den städtischen Verkehrsproblemen ein Ende bereiten sollen. Keine Tretroller, echte Motorroller – nur eben elektrisch. „Während die Politik über Flugtaxis fantasiert, wollen wir mit unserem SIMPLE eSCOOTER eine praktische Lösung für umweltfreundliche Mobilität bieten“, sagt Marvin Metzke, der Chef des Berliner Start-ups. „Abgase, Lärm, Stau und Parkplatzmangel verlangen nach smarten E-Lösungen. Die großen Hersteller planen E-Autos, für die es keine Infrastruktur gibt.“ Der Akku des neuen Rollers, der knapp 2000 Euro kostet, lässt sich dagegen einfach herausnehmen und zuhause an der Steckdose zu laden.

letsact: Tinder für ehrenamtliches Engagement

Mittlerweile gibt es für so ziemlich alles eine Online-Plattform, die Menschen zusammenbringt. Sei es für den unkomplizierten One-Night-Stand, für die Ferienwohnung oder den Fahrradausflug am Wochenende. Doch ausgerechnet eine Vermittlungslösung fehlte bisher: eine App, die potentielle Ehrenamtliche und gemeinnützige Initiativen matcht. Dabei möchte sich laut Umfragen etwa ein Drittel der Bevölkerung in Deutschland engagieren. Gleichzeitig brauchen über 300.000 Non-Profit-Organisationen Unterstützung. Hier will letsact aus München Abhilfe schaffen. Die App des Start-ups soll Leuten, die Gutes tun wollen, bei der Suche nach sozialen oder ökologisch nachhaltigen Projekten in ihrer Gegend helfen und gleich noch mit den richtigen Organisationen zusammenbringen. Tausende haben die App schon heruntergeladen und ein paar hundert Non-Profits sind auch schon dabei.

gridX: Die Plattform für die Energie der Zukunft

Vor vier Jahren reisten die Gründer von gridX nach ihrem Studium ein bisschen um die Welt. Einer von beiden musste allerdings noch seine Abschlussarbeit abschicken. Da waren sie gerade in Ecuador. Doch kurz vor dem Senden: Stromausfall. Zum Glück konnten zwei Einheimische die Elektrizität wiederherstellen – mit Kabeln, die sie vom Dach herunterwarfen, die an Solarpaneele angeschlossen waren. Plötzlich war es egal, dass aus dem offiziellen Stromnetz immer noch kein Saft kam. Nach diesem Erlebnis kam die Idee, gridX zu gründen.

Denn in Deutschland und vielen anderen Ländern basiert die Energieversorgung immer noch zu weiten Teilen auf großen, zentralen Kohle- und Kernkraftwerken. Auf diese ist auch das Stromnetz ausgelegt – nicht auf unzählige Solardächer, Windräder, Elektroautos, Biogasanlagen und sonstige dezentrale Stromquellen. Die sorgen für Schwankungen im Netz. Deshalb hat gridX eine Hard- und Softwarelösung entwickelt, mit der Häuser sich selbst, autark mit Energie versorgen können. Oder in der sich Unternehmen oder Nachbarschaften zu Microgrids, also unabhängigen Kleinnetzen, zusammenschließen können. Oder Verbraucher untereinander Strom handeln können. Auf seiner Plattform will gridX Millionen kleiner Stromproduzenten zusammenbringen.

Inclusify: Inklusion durch digitale Technologien

Das Start-up Inclusify aus Nürnberg glaubt fest daran, dass digitale Technologien der Schlüssel zu einer wirklich inklusiven Gesellschaft sind. Barrieren, die bisher Menschen mit und ohne Einschränkungen voneinander trennten, sollen eingerissen werden. Je nach Themengebiet oder Unternehmen entwickelt Inclusify angepasste Lösungen, für Barrierefreiheit im Internet, in Firmen oder im öffentlichen Raum. Ein Beispiel gefällig? Das St.-Pauli-Museum in Hamburg können blinde Menschen in einer Testphase auch ohne eine permanente menschliche Begleitung erkunden – mithilfe einer HoloLens AR-Brille. Die hat Inclusify dafür umfunktioniert. Dank ihrer Sensoren kann die Brille den Trägern Beschreibungen der Ausstellungen und der Route als Audioinformationen abspielen.

OroraTech: Mini-Satelliten erkennen Waldbrände frühzeitig

Je schneller Wald- oder Buschbrände entdeckt werden, umso größer die Chancen sie einzudämmen. Doch oft brechen sie in völlig unbewohnten und daher auch unbeobachteten Regionen aus. Und wegen steigender Temperaturen und immer längerer Dürrephasen steigt die Zahl der Waldbrände. Was tun? Das Münchner Startup OroraTech hat ein Frühwarnsystem entwickelt, das automatisch und weltweit den Ausbruch von Feuern erkennen kann. Dafür sollen 100 günstige Nanosatelliten mit Infrarotsensoren aus dem Erdorbit den Planeten beobachten. Ein Satellit ist gerade einmal so groß wie eine Schuhschachtel. Sobald die Sensoren ein Feuer in der Wildnis lokalisieren, wird die Information an die für die Region zuständige Rettungsleitstelle geschickt. Die von den Satelliten gesammelten Daten können außerdem von Klimaforschern eingesetzt werden, um den Klimawandel zu untersuchen. Meteorologen können sie für präzisere Wettervorhersagen nutzen.

RYTLE: Der umweltfreundliche Paketzusteller

Der Siegeszug des Onlineshoppings geht weiter. Doch die Straßen in den Städten werden durch immer mehr Paketautos noch verstopfter – und die Luft noch verschmutzter. Für Logistikunternehmen und Kuriere ist gerade die „letzte Meile“ zum Kunden eine echte Herausforderung. Um diese nahezu emissionsfrei und trotzdem kostengünstig zu lösen, hat das Start-up RYTLE aus Bremen ein neues, vernetztes Konzept entwickelt. Dazu gehört der RYTLE MovR, ein elektrisches Lastenfahrrad, mit dem die Zusteller Pakete ausliefern. Pakete, die in ähnliche Stadtteile müssen, werden vorher in großen Boxen gebündelt, die genau auf eines der Lastenräder passen, und von den Zustellern in den RYTLE-Hubs morgens abgeholt werden können.

contunity: Jeder kann Elektronik

Dieses Start-up ist überzeugt davon, dass Menschen die Probleme dieser Welt nur mit kreativen und innovativen Ansätzen lösen können. „Dazu werden sehr häufig hoch komplexe Technologien benötigt, beispielsweise Elektronik“, sagt Gründer Tobias Pohl. Genau deshalb erblicken Ideen von Menschen, die keine Elektronik-Nerds sind, oft nie das Licht der Welt. Denn die Entwicklung von Elektronik ist kompliziert und zeitaufwändig sowie voller repetitiver Prozesse.

Hier will contunity aus Oberbayern ansetzen – und zwar mit einer Online-Engineering-Plattform, die durch Automatisierung und Künstliche Intelligenz die Entwicklung viel einfacher macht. Wissensbarrieren sollen eingerissen werden. So sollen sich mehr Menschen und Unternehmen mit Themen wie dem Internet der Dinge auseinander setzen können. „Unsere Engineering Plattform erlaubt es jedem, zum Elektronikexperten zu werden und beschleunigt die Entwicklung um den Faktor 10“, sagt Tobias von contunity.

qbound: Die Blockchain sorgt für Cybersicherheit

Cyberkriminalität sorgt allein in Deutschland für einen jährlichen Schaden von 55 Milliarden Euro – Tendenz steigend. Die Angriffe werden auch durch KI heftiger. Trotzdem setzen viele Firmen, wenn überhaupt, auf Sicherheitsmaßnahmen, die zum Teil buchstäblich aus dem letzten Jahrtausend stammen: Doch dicke Firewalls sind heutzutage riskant, schließlich müssen Unternehmen immer stärker auf externe Dienstleister setzen, die Zugang zu den eigenen Systemen brauchen. Und schon sind erste Löcher in der dicken Schutzmauer. Ist diese einmal überwunden, lässt sich nicht mehr viel retten. Das Start-up qbound aus München entwickelt dagegen eine Technologie, die kritische Anwendungen und IoT-Geräte einzeln gegen Angriffe abschirmt und sie dennoch in einem sicheren Netzwerk verbindet. Dabei setzt qbound auch auf die Blockchain-Technologie.

Teaser-Bild: Mark Kugel von YURI bei der 1E9 Startup Challenge am 11. Juli in München. Foto: Dan Taylor für 1E9

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Neue Ideen kann man nie genug haben. Wem also noch andere tolle Start-ups einfallen: Immer her damit!