So wehren sich die Demonstranten in Hongkong gegen Überwachungstechnologie

Seit Monaten demonstrieren in Hongkong hunderttausende Menschen, zunächst gegen ein neues Auslieferungsgesetz, inzwischen gegen den gesamten pro-chinesischen Kurs der Regierung und gegen das Vorgehen der Polizei gegen die Protestierenden.

Nun spielen Bürgerrechte in Hongkong wohl noch eine etwas größere Rolle als in China selbst. Doch mit Überwachungstechnologie ist der Staatsapparat dort trotzdem ausgestattet. Um dem - und damit der Inhaftierung und Verurteilung - zu entgehen, setzen die Demonstranten nun teils ebenfalls auf Tech. Ein paar Beispiele.

Mit Laserpointern gegen Gesichtserkennung. Bild: Getty Images

Um zu verhindern, dass sie auf Kameraaufnahmen der Polizisten per Gesichtserkennung identifiziert werden können, leuchten Demonstranten mit Laserpointern möglichst in die Objektive. Auf Twitter sind Aufnahmen davon aufgetaucht.

Die New York Times berichtete dann wohl als eine der ersten Medien darüber - in einem Artikel, der auch sonst sehr interessante Einblicke in die gefährliche, engagierte Arbeit der Protestbewegung gibt. Ein Mann, der mit der Zeitung gesprochen hat, gab an, dass er Face ID bei seinem Smartphone deaktivierte, damit die Polizei ihn nicht festhalten und mit seinem Gesicht das Gerät entsperren kann.

Gegen stationäre, also an Gebäuden angebrachte, Überwachungskameras gehen die Demonstranten mit anderen Mitteln vor: mit Spraydosen. Ist kein Tech, aber dennoch wirksam.

Ein Demonstrant ist kurz davor, eine Überwachungskamera mit Farbspray außer Kraft zu setzen. Bild: Getty Images

Ebenfalls „untechnisch“ sind die Bemühungen, kein Bewegungsmuster im öffentlichen Raum zu hinterlassen. Eigentlich hat Hongkong seit Jahren eine einfache Methode, um etwa die U-Bahn zu benutzen (und viele andere Dinge in Anspruch zu nehmen): die Octopus Karte. Obwohl diese eigentlich „anonym“ erworben werden kann, haben die Behörden in der Vergangenheit wohl über die mit einer Karte verknüpften Kreditkartendaten und andere Informationen Menschen identifiziert und so deren Fahrten im ÖPNV nachvollziehen können. Das berichtete jedenfalls die South China Morning Post. Auch Gizmodo hat darüber in einem auch darüber hinaus aufschlussreichen Text geschrieben.

Was also tun die Menschen, die nicht nachverfolgt werden wollen? Sie kaufen wieder Papiertickets und zwar mit Bargeld. Auch wenn das ungewohnt lange Schlangen in den U-Bahnstationen verursacht, wie dieser Tweet zeigt.

Ein weiteres Problem, mit dem sich die Protestbewegung konfrontiert sieht: Die Polizisten gehen offenbar dazu über, keine Namenskennzeichnung mehr zu tragen, wenn sie gegen die Demonstranten vorgehen. Um die Beanten dennoch zu identifzieren, wurde ein Chat auf Telegram gestartet - mit dem Namen: Dadfindboy.

Da werden zwar auch viele bizarre Memes und wohl auch Kommentare, die zu Gewalt aufrufen, ausgetauscht - ist in chinesischen Schriftzeichen, daher kann ich euch leider keinen Wortlaut wiedergeben - aber vor allem Fotos von Polizisten und dazugehörige Screenshots von Social Media Accounts sowie Namen und andere private Informationen. Der Kanal hat inzwischen fast 75.000 Abonnenten.

Das war nur ein kleiner Überblick über die Dinge, von denen ich in den vergangenen Tagen gehört habe. Aus meiner Sicht könnten die Ereignisse in Hongkong nur Vorboten einer Welt sein, in der wir wirklich permanent Daten erzeugen, die im Zweifelsfall von Behörden auch benutzt werden könnten. Seid ihr noch auf andere Beispiele gestoßen?

Hier noch ein paar weiterführende Links zu diesem Text:

7 Like

Im hochtechnologisierten Hongkong entziehen sich Bürger und Protestierende der Datenüberwachung indem sie mit Cash zahlen, oder Papiertickets lösen. Also back to the roots.

Den Augen und Ohren des Staats entgegnen sie mit modernsten Mitteln.

Glaube nicht, dass es bei Lasern und verschlüsseltem Messaging bleiben wird.

Entsteht in Hongkong eine neue Form hochtechnologisierter Protestbewegungen?

What’s next?

2 Like

Der Künstler/ Aktivist Ai Weiwei teilt auf seinem Instagram aktuell viele Videos der Proteste. Auch dort sieht man viele Laserpointer.

2 Like

Danke für die Info! Wirklich viele Bilder und Videos, die einen guten Eindruck davon vermitteln, was in Hongkong gerade passiert. Regenschirme und Schutzhelme tragen sie auch. Wohl ebenfalls gegen Gesichtserkennung, aber auch gegen den Einsatz von Tränengas oder Pfefferspray, wenn ich die Kommentare richtig deute.

Spiegel Online hat nun auch über das Thema berichtet. Demnach werden Informationen über Demonstrationen, die immer möglichst kurzfristig und an verschiedenen Orten stattfinden, auch über Tinder und Pokemon Go verbreitet. Außerdem setzen die Demonstranten auf AirDrop - das schränkt die Reichweite natürlich gewaltig ein, funktioniert aber über Bluetooth ohne einen zentralen Server, der von Sicherheitsbehörden attackiert werden könnte.

1 Like

Die Proteste in Hong Kong sind mittlerweile ziemlich „cyberpunk“ und verkörpern grandios das „improvise adapt overcome“-Meme. Alleine wie teils simpelste Technologien und im Internet geborene „Codes“ verwendet werden, um sich gegen die Polizei durchzusetzen.

Das mit Pokémon Go ist sogar noch etwas raffinierer als Der Spiegel schreibt. Denn dort lassen sich ja „Lockmittel“ zünden, um Pokémon anzulocken – was von anderen Spielern gesehen werden kann. Und offensichtlich wird das auch genutzt, um Versammlungsziele, sichere Hotspots etc. pp. Anzuzeigen.

Ebenso wird auf den Protesten selbst FireChat genutzt, eine Chat App, die kein Internet benötigt, sondern auch über Mesh Netzwerke – das Netz der via WLAN, Bluetooth, Multi Peer verknüpften Telefone – läuft. Eben falls Polizei oder Regierung auf die Idee kämen, mal den Mobilfunk abzuschalten

2 Like

Auch gegen Tränengas sind einige Demonstranten gerüstet. Erst schrieb jmd es sei Essig, dann Schlamm in der Flasche, die das Tränengas neutralisiert. Aber vorbereitet sind sie.

1 Like