Selbstversuch: Was bringt die permanente Blutzuckermessung mit günstigen Sensoren?

Von der smarten Uhr die Schritte zählen und den Puls messen lassen, war erst der Anfang der Selbstvermessung: Mit erschwinglichen Sensoren kann jetzt jeder kontinuierlichen seinen Blutzucker messen. Doch was bringt das? Stefan Fritz aus der 1E9-Community hat den Selbstversuch gemacht – und berichtet uns darüber.

Ein Erfahrungsbericht von Stefan Fritz

Als Geek probiere ich eine Menge technischer Spielzeuge aus. Bisher war ich eher enttäuscht, was den direkten positiven Einfluss neuer Tracker und Apps auf meinen Körper und mein Wohlbefinden angeht. Auch die häufig versprochene Erweiterung der Selbsterkenntnis hat sich nicht so richtig eingestellt.

Zeit für einen etwas grundsätzlicheren und umfassenden Selbstversuch und die Einordnung der Ergebnisse in einen Gesamtrahmen aus Markt und Gesellschaft.

Quantified Self: Der Stand der Dinge

Seit Gary Wolf und Kevin Kelly 2007 den Begriff Quantified Self geprägt haben, hat sich daraus nicht nur eine Bewegung entwickelt, sondern vor allem ein Markt. Apple ist in Bezug auf Umsatz mit der Apple Watch der größte Player. Der Konzern hat nicht nur den Uhrenmarkt umgekrempelt, sondern ist auch der Treiber für die Anerkennung der gesammelten Daten als echte „Medizindaten“.

Worum es den Unternehmen geht, ist klar: die Schaffung großer neuer Märkte im Bereich Wellness, Fitness und Medizin. Aber worum geht es den Menschen in der QS-Bewegung? Vor allem um Selbsterkenntnis. Für viele von uns ist es spannend, ein paar Messdaten des eigenen Körpers zu erheben und diese dann nett visualisiert zu sehen. Sie in Verläufen über Tage, Monate oder Jahre zu verfolgen, sich mit anderen zu vergleichen. Diese Erkenntnis ist spannend, aber der eigentliche Sinn von Erkenntnis ist ja die Anpassung und Veränderung. Beim Selbsttracking also offensichtlich die Veränderung bei uns selbst.

Der interessanteste Messwert für mich selbst war in den letzten Jahren die Ruhe-Herzfrequenz. Hieran kann ich nicht nur meinen Stresslevel, sondern auch zuverlässig Infekte und andere Entzündungen in unspezifischer Form gut einen Tag früher erkennen als sich konkrete Symptome einstellen. Irgendwie aufschlussreich, aber wegen der Unabwendbarkeit und unspezifischen Aussage blieben diese Messungen dann doch brotlos. Keine echte Aktion, keine echte Verhaltensänderung wurden dadurch möglich.

Meistens muss ich vor allem eins: Daran glauben!

Schritte zählen, Herzfrequenz messen, EKG unterwegs anfertigen, Blutsauerstoff messen. Ja, ich habe mich daran gewöhnt, exakte Rundenzeiten beim Laufen zu haben. Spannende abgeleitete Messgrößen wie die maximale Sauerstoffaufnahme VO2 max, die früher bei den Profis zur Trainingsoptimierung genutzt wurden, stehen heute auch mir zur Verfügung.

Das ist aber irgendwie der übliche Gang von Fortschritt. Schneller, besser, höher. Klar, der Sozialdruck ist hoch und heute braucht man dann schon eine Tracking-Watch. Aber ist das alles Lebens-verändernd?

Ich hasse Nudging und Bevormundung durch primitive Algorithmen. Ich brauche keine Apps, die mir in unempathischer Form vermitteln wollen, dass ich einem Allerwelts-Mittelwert aus zweifelhaften Studien hinterherlaufe. Wir erliegen simplen falschen Narrativen, wie der 10.000 Schritte Welle, die dann akribisch in Prozent Zielerreichung umgerechnet wird. Der Nutzen ist gleich null.

Ja, es gibt coole Tools zum Schlaftracking. Ja, ich kann mir Hightech ins Schlafzimmer holen, um den Schlaf zu verbessern. Aber meistens muss ich vor allem eins: Daran glauben!

Die echte Erkenntnis: gering. Ja, ich habe Routinen angepasst, ja ich optimiere im Kleinen mit dem konkreten Feedback aus den vielen Zahlen, aber es ist nicht lebensverändernd. Es ist mehr ein prinzipielles Vorgehen und die Möglichkeit, die ich schätze. Um mich zum Kauf der neuesten Version einer Tracking-Uhr zu bewegen, reicht es meistens ab und zu aus.

Kontinuierliche Glukose-Messung (CGM) – Stoffwechsel-Tracking in Echtzeit

Jetzt kommt eine neue Welle auf uns zu. Wir vermessen den wesentlichsten Stoffwechselprozess, den es in unserem Körper gibt: die Essensaufnahme und die Verstoffwechselung zu Glukose.

Was für Diabetiker lebensnotwendig ist, nämlich einen guten aktuellen Überblick und ein Verständnis ihres Glukose- bzw. Zuckerwertes im Blut zu haben, Spitzen zu erkennen und zu vermeiden, das können auch Nicht-Diabetiker nutzen. Anstatt sich in den Finger zu piksen, gibt es bereits seit einigen Jahren Tracker, die je nach Modell zwischen zehn und 20 Tagen getragen werden können, für eine Echtzeit- und Langzeit-Überwachung des eigenen Glukoselevels.

Weltweit existiert bereits mehr als eine Handvoll Start-ups, die um bzw. für diesen noch etwas trockenen Messwert Apps gebaut haben, um den Glukoselevel im eigenen Blut mit unserem konkreten Ess-, Sport- und Schlaf-verhalten in Verbindung zu bringen.

Sie haben Namen wie Veri, NutriSense, January AI oder SuperSapiens (um nur einige zu nennen) und nutzen für den Messvorgang vor allen die (relativ gesehen) preiswerteste Sensortechnologie von Abbott (Freestyle Libre 2). Es gibt im Detail andere Sensoren wie den Libre 3, oder Dexcom G6 oder Eversense. Aber der Preis und die einfache Integration in den Alltag durch das Auslesen mit dem Smartphone haben die meisten Metabolismus-Startups zum zuverlässigen Libre 2 greifen lassen – einem flachen, kreisrunden Sensor mit einem Durchmesser von 3,5 Zentimeter.

Den Fremdköper am Arm spürt man am Anfang, aber das vergeht nach einigen Tagen.

Vor ein paar Wochen habe ich mich zum Selbst-Experiment entschlossen, gemeinsam mit meiner Partnerin. Die Sensoren werden mit einem Applikator auf der Haut am Oberarm aufgebracht und verbleiben dort beim Schlafen, Duschen und auch Schwimmen für exakt 14 Tage (auf die Minute), bevor sie ausgewechselt werden.

Es erfordert einen kleinen inneren Ruck, weil man weiß, dass der Applikator mit wohldosierter Federkraft eine kleine Nadel in den Oberarm sticht. Doch davon merkt man nichts. Den Fremdköper am Arm spürt man am Anfang, aber auch das vergeht nach einigen Tagen.

Das Ergebnis der Messungen hat mich umgehauen. Warum?

  • Live und konkret zu sehen, was ein Glas O-Saft, ein süßes Teilchen oder auch ein Apfel für ein Gemetzel in unserem Körper anrichten, ist absolut shocking. (Glukose-Spikes mit einer Veränderung von mehr als 50 Milligramm pro Deziliter. Zum Vergleich: Bei einem Erwachsenen ohne Diabetes liegt der Blutzucker-Wert nüchtern bei um die 100 mg/dl.)
  • Gleichzeitig ist es wirklich aufschlussreich, zu erfahren, was die Zufuhr solcher Nahrungsmittel für konkrete Auswirkungen hat. Weil man endlich Hungergefühl, kleine Fressattacken und Müdigkeit in einen direkten Zusammenhang mit den unerbittlichen Messwerten aus dem eigenen Körper bringen kann.
  • Es ist faszinierend, zu sehen, wie genau sich verschiedene Lebensmittel auf den eigenen Metabolismus auswirken, wie Mengen, Uhrzeiten und Kombinationen das Ergebnis verändern und welchen Impact ein Drehen an diesen Stellschrauben hat.
  • Mindestens genauso spannend ist es, zu sehen, wie unterschiedlich verschiedene Körper (der meiner Partnerin und der eigene) auf dasselbe Lebensmittel in derselben Menge reagieren.

Diese Erkenntnisse allein haben für mich gegenüber den bisherigen Erfahrungen aus Messwerten des eigenen Körpers schon eine ganz andere Intensität. Einige andere Tester, wie die Jouranlistin Sofia Quaglia von Slate , sind nicht ganz so begeistert und sehen einfach einen weiteren Wert, den man tracken kann und der im Normalfall zwischen 70 und 140 mg/dl schwankt. Alex und Brittany Robles, zwei Fitness-Trainer, die das Blutzucker-Tracking ausprobierten, sind deutlich positiver in ihrem Fazit.

Es macht also offensichtlich nicht bei jedem von uns Klick. Mein Kick zum Klick waren zum einen die vielen Aha-Erlebnisse beim weiteren Lesen in der Community der Veri-App und zum anderen das Begreifen, dass man an seinem Verhalten etwas ändern kann.

Endlich eine direkte Korrelation zwischen Erkenntnis, verändertem Handeln und Feedback-Messung

Wer die neue Self-Gaming-Challenge annimmt und den Glukoselevel durch Herausfinden und Veränderung von Lebensmitteln, Zeiten, Reihenfolgen ab sofort – wie von Medizinern empfohlen – möglichst in einem engen Band halten will, der wird mit schnellen Erfolgen belohnt.

Anders als beim abstrakten Fitnesslevel, einer deutlich verbesserten Rundenzeit oder dem Gewicht gibt es beim Glukose-Tracking eine Reaktion des Körpers in 60 Minuten. Das macht es möglich, selbst herauszufinden, wie der eigene Stoffwechsel tickt.

  • Man hat eine Idee für eine Veränderung, kann sie sofort ausprobieren, bekommt Feedback. Peek kleiner, größer, breiter, kürzer.
  • Jeder findet mit Neugier und Ausprobieren Wege zum Verzicht auf süße Teilchen oder Schokolade.
  • Aber es geht nicht um Verzicht, sondern um das Finden von Alternativen und den Impact für den eigenen Körper.
  • Es geht um das wirkliche Verstehen von Kohlenhydraten, Zucker, Ballaststoffen und Proteinen und den dahinterliegenden Stoffwechselprozessen.

Die Auswirkungen nach ein paar Wochen sind ebenfalls deutlich: geringere Müdigkeit nach den Mahlzeiten, keine Hungerattacken mehr und problemloses intermediäres Fasten, also das bewusste einhalten von langen Pausen zwischen zwei Mahlzeiten. Auch entdeckt man den Rieseneinfluss von kleinen Bewegungseinheiten ab zehn Minuten auf unseren Stoffwechsel.

Klar wird die Intensität der Beschäftigung nach mehreren Wochen etwas geringer, weil es noch andere Dinge im Leben gibt. Doch die Erkenntnisse behält man – und damit auch die Verhaltensänderung.

Selbstbestimmtheit und Leistungssteigerung

Bei den meisten CGM-Start-ups geht es darum, dem Nutzer mit Hilfe der eigenen Messwerte und der Aufzeichnung der Lebensmittel und Aktivitäten eine neue Selbstbestimmtheit zu ermöglichen. Das Finden der richtigen Lebensmittel und der richtigen Kombinationen, indem man Glukosespitzen vermeidet.

Aber es gibt noch einen anderen Aspekt: Leistungssportler und ambitionierte Hobbysportler können mit dem gleichen Grundsatz, nämlich der Vermeidung von Glukosespitzen, noch etwas anderes Erreichen: mehr Leistung im Wettkampf. Das Start-up SuperSapiens hat mit genau diesem Ansatz seine App etwas anders ausgerichtet. Wann und in welcher Menge nehme ich als Sportler Kohlenhydrate, Eiweiße und Zucker zu mir, um beste Ergebnisse zu erzielen. Die Erfolge sind beachtlich.

Wohlgemerkt: Hier geht es nicht um Leistungssteigerung durch Einnahme von seltsamen Substanzen, sondern um die reine Optimierung von Reihenfolge, Zeitpunkt und Menge unserer Nahrung.

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Noch ist die kontinuierliche Glukose Messung (CGM) was für Geeks. Aber was ist, wenn in den nächsten Jahren CGM durch einen optischen Sensor in einer Uhr oder einem Armreif möglich wird – und wir in großer Anzahl und mit der Selbstverständlichkeit, mit der wir heute Herzfrequenz und Blutsauerstoff messen können, Zugang zu unseren kontinuierlichen Glukosewerten haben?

Werden dann viel mehr Menschen ihre Essgewohnheiten verändern, weil sie endlich wirklich begreifen können, was industrielle Lebensmittel und vor alles Zucker und Weißbrot mit unserem gesamten Organismus machen und wie konkret die Auswirkungen sind?

Sind wir in der Lage, uns auf Basis von Erkenntnissen zu verändern?

Für mich ist CGM der erste mögliche Wendepunkt in der Geschichte der Menschheit, an dem wir zeigen können, ob wir aus direkter und selbst erlebter und erfahrener Erkenntnis eine persönliche Veränderung durchführen können oder nicht. Es ist der Prüfstein der Self-Tracking-Welt.

Die Frage auf deren Beantwortung ich gespannt bin, lautet also: Ist der Wunsch nach Erkenntnisgewinn und das direkte Biofeedback des eigenen Körpers wirklich für eine breite Masse ein echter Grund zur Veränderung oder eben nicht?

Klar, in ein oder auch erst in fünf Jahren werden wir eine zweite Chance bekommen. Ein neuer Messwert, der uns noch umfassenderes Verstehen von Stoffwechsel-Prozessen ermöglicht.

Aber ein erstes Gefühl, ob wir es als Menschheit schaffen, uns jeder im Einzelnen und doch gemeinsam anzupassen, das werden wir haben. Und dieses Gefühl wird der Wegweiser sein, ob wir Menschen überhaupt in der Lage sein werden, unser Verhalten aktiv und bewusst zu ändern. Wenn wir es mit so klar und unzweifelhafter Korrelation nicht schaffen, dann werden wir uns große Sorgen, um unsere Veränderungsfähigkeit zum Erhalt unseres Planeten machen müssen.

Stefan Fritz, Jahrgang 1967, ist Autor, Gründer, Unternehmer, Investor und dreifacher Familienvater. Bereits während des Physik-Studiums gründete er sein erstes Unternehmen, dem bald weitere folgten. Als Gründer der synaix und späterer Manager im CANCOM-Konzern baute er über 25 Jahre sowohl zahlreiche digitale As-a-Service- und Plattform-Geschäftsmodelle als auch softwarebasierte Lösungsportfolios auf. Heute ist er Partner der PRIMEPULSE, einer Investmentgesellschaft, die sich auf B2B Deeptech Geschäftsmodelle für Venture Capital, Private Equity und gelistete Unternehmen fokussiert hat.

Dieser Artikel erschien zuerst auf stefanfritz.de.

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Titelbild: Shutterstock

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Danke für diesen Artikel. Gibt es von den genannten Diensten (Veri, Nutrisense, etc) eine Empfehlung?

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Habe selber Veri genommen, weil europäisch und Preismodell attraktiver. Denke aber, dass sich die Erfahrung mit all den Apps ziemlich ähnlich machen lässt und es letztlich auch etwas geschmackliches ist….

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Danke auch für den Artikel.
Der Sensor muss doch beim Liegen auf der entsprechenden Seite unangenehm sein, oder?

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Nein kein Problem. macht man soweit hinten am Arm, dass man nicht drauf liegt

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Danke.

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