Microsoft möchte euch mit toten Menschen chatten lassen

Bieten unsere Twitter- und Facebook-Einträge und anderen digitale Hinterlassenschaften genug Daten, um uns nach unserem Ableben als digitale Chatbots wieder zu erwecken? Zumindest einige Microsoft-Entwickler scheinen genau das zu glauben. In einem Patent beschreiben sie, wie das funktionieren könnte.

Von Michael Förtsch

Im Laufe eines Lebens hinterlassen Menschen unendlich viele Spuren im Internet. Etwa zahlreiche Posts und Bilder auf Facebook und Twitter, Videos auf YouTube und endlose Chat-Verläufe in Messengern wie WhatsApp, iMessage oder Signal. Bei einem Blick auf jene lässt sich zumindest erahnen, wer und wie einer dieser Mensch gewesen sein könnte. Dieser Ansicht ist auch Microsoft und hat ein Patent für ein Verfahren erhalten, bei dem aus den digitalen Hinterlassenschaften einer Person ein Chatbot generiert werden soll, der eben „jene spezifische Person“ und die „Persönlichkeit dieser spezifischen Person“ imitiert.

Geschaffen werden soll der Chatbot gemäß dem Patent mittels eines Machine-Learning-Prozesses, wie er schon jetzt genutzt wird, um Chatbots wie Meena oder auch Text-Generatoren und KI-Modelle wie GPT-3 zu schaffen. Dabei lernt ein künstliches neuronales Netz zumeist auf Basis von reinem Text, wie in statistischer Hinsicht normalerweise Konversationen ablaufen. Also beispielsweise, dass auf die meisten Fragen eine Antwort erfolgt, dass Bezug auf das Thema der Frage genommen wird und vieles mehr. Dadurch lassen sich schon jetzt Chatbots entwickeln, die durchaus einen menschlichen Konversationspartner in Grenzen glaubhaft imitieren können.

In dem nun jedoch einer Künstlichen Intelligenz die Social-Media-Daten einer einzigen Person vorgesetzt werden, das ist die Annahme der Microsoft-Entwickler, könnte diese ganz spezifisch die Konversationsart eben jener speziellen Person erlernen und replizieren. Darunter eben etwa Besonderheiten und Eigenheiten, die diese Person ausmachen. Sei es die Vorliebe, bestimmte Worte zu benutzen und falsch zu schreiben oder mit Floskeln, Witzen oder Anekdoten zu antworten. Laut Microsoft soll das Machine Learning auf Basis von verschiedenen Social-Media-Daten geschehen. Posts in sozialen Netzwerken, „elektronische Nachrichten“, aber auch Briefe und Video- und Audioaufzeichnungen.

Angebunden werden könnte eine Datenbank, auf die der Chatbot für Themen und Reaktionen zurückgreifen könnte. Darin könnten Bücher und Filme verzeichnet sein, die die Person liebte, Musik, die sie gerne hörte, oder Sachen, die sie besaß und gekauft hat. Ebenso wie „Zustimmungsindikatoren“, also beispielsweise, welchen Personen jemand auf Twitter folgte, welche Facebook-Posts mit einem Like versehen wurden und ähnliches. Angereichert werden könnte diese Datenbank mit weiteren Daten und Faktoren, die die Menschen dazugeben, die diese Person kannten.

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Wie in Black Mirror?

Laut dem Microsoft-Patent könnte mit dem Verfahren eine verstorbene Person digital wieder zum Leben erweckt werden. Jedenfalls in Teilen. Denn schließlich hänge es davon ab, wie viele Daten für das Training und die Datenbank zur Verfügung stehen. Sind abseits von schriftlichen Hinterlassenschaften etwa auch genügend Bilder und Videos vorhanden, könnte ein Mensch nicht nur in schriftlicher Form geklont werden. Sondern es könnte auch versucht werden, in Deepfake-Manier seine Stimme und sein Aussehen zu kopieren. Etwa im Fall von Prominenten, die in Form von Filmauftritten und Interviews genügend „Trainingsmaterial“ hinterlassen haben.

Ein solcher Chatbot könnte als Dienst angeboten werden, um sich von einem toten Verwandten zu verabschieden. Mit genug analogen Daten ließe sich aber eventuell auch eine historische Figur wieder erwecken. Ebenso könnte mit Schauspielern über ihren nächsten Film gesprochen werden. Gruselig? Das ist es natürlich schon. Insbesondere weckt das Patent Erinnerungen an die Black-Mirror -Episode Be Right Back , in der eine junge Frau einen Dienst mit genau dem gleichen Konzept nutzt, der ihren toten Freund mittels Künstlicher Intelligenz wieder zum Leben erweckt. Die KI ermöglicht ihr zunächst, mit dem Toten zu telefonieren. Später nutzt sie eine mit allen hinterlassenen Daten trainierte Künstliche Intelligenz, um ihren toten Freund als Androiden zurückzubekommen.

Teaser-Bild: Yuichiro Chino / Getty Images

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Hoffentlich funktioniert es besser, als aktuelle Werbeanzeigen^^

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