Internetkunst hilft uns durch den Corona-Shutdown – und sollte ohnehin mehr gewürdigt werden


Künstler, deren Arbeiten für viel Geld gehandelt werden, dürften die Corona-Krise unbeschadet überstehen. Der milliardenschwere Kunstmarkt weicht ins Digitale aus. Doch was ist mit jungen Kreativen, für die ihre – nun gecancelten – Abschlussausstellungen oft zum Sprungbrett werden? Auch für die gibt es im Netz nun eine Alternative. Darüber hinaus bietet der Shutdown aber die Gelegenheit, die schon lang existierende, nativ digitale Kunst mehr zu würdigen.

Ein Gastbeitrag von Jonathon Keats

Als sich vor zwei Wochen zweihundertdreißig der weltweit führenden Kunsthändler zur Art Basel Hong Kong trafen, ergriffen sie eine wichtige Vorsichtsmaßnahme, um die Verbreitung von COVID-19 zu verhindern: Niemand tauchte persönlich auf. Alle richteten ihre Stände online ein. Auch die Kunden waren physisch abwesend und sahen sich wichtige Werke renommierter Künstler – von Jeff Koons bis Lisa Yuskavage – auf Computern und Smartphones an. Mehrere Tage lang standen Kunstwerke mit Preisen von bis zu mehreren Millionen Dollar zum Verkauf: das Retail Distancing, also die Reaktion des Einzelhandels auf die Ausgangssperren, dürfte damit auf die Spitze getrieben worden sein. Große Kunstmessen dürften dieses Geschäftsmodell demnächst übernehmen.

Auch einzelne Galerien eröffnen Coronavirus-freie Online-Showrooms und entwickeln ein Paralleluniversum für den Kunstmarkt, das mit den virtuellen Ausstellungen der weltweit führenden Museen mithalten kann. Selbst wenn physische Ausstellungsräume bald schließen müssen, wird Jeff Koons wahrscheinlich nicht Insolvenz anmelden müssen, ebenso wenig sein Galerist Larry Gagosian. Für andere Künstler ist die Situation jedoch weitaus prekärer. Viele Tausende werden dieses Jahr ohne Abschluss-Ausstellungen ihr Kunststudium beenden, die üblicherweise der Startschuss für erfolgreiche Karrieren sind.

Doch warum folgen sie nicht einfach dem Beispiel der Art Basel? Das ist jedenfalls die Lösung, die ein Professor der Kunstakademie von Cincinnati namens Benjamin Cook vorschlägt. Da Cook nicht über die Ressourcen verfügt, um eine eigene Website zu erstellen, hat er improvisiert und den bevorzugten Online-Showroom vieler Künstler für seine Zwecke angepasst: Instagram.

Elizabeth McGradyMartian Mother (2019) von Elizabeth McGrady, ausgestellt in der Social Distance Gallery auf Instagram. Bild: Elizabeth McGrady

Die am 13. März gestartete Social Distance Gallery von Cook beherbergt Ausstellungen von Kunststudierenden, die eigentlich in den Galerien der Akademien stattfinden sollten, in denen die Schüler bald ihren Abschluss machen. Die Online-Galerie hat bereits Dutzende von Sammlungen mit Werken von Künstlern von ganz verschiedenen Institutionen gezeigt, von der Duke University bis zum Converse College stammen. Jeden Tag kommen neue dazu. Auch europäische Künstler können sich bei Benjamin Cook bewerben.

Höhere Preise für Instagram-Kunst

Das Geniale an Cooks Projekt ist die schnell wachsende Reichweite. Wie die Art Basel nutzt die Social Distance Gallery überlappende Zielgruppen. Sie hat deswegen bereits mehr als 18.000 Follower. Das dürfte einerseits auf die Netzwerke der teilnehmenden Künstler zurückzuführen sein. Und andererseits auf das Interesse von Menschen, die schon immer aufstrebende Künstler im Auge behalten. Anders hätten sie wohl nie die Gelegenheit gehabt, so viele neue Talente auf einmal zu treffen.

Wie in der analogen Welt variiert die Qualität. Im Gegensatz zur realen Welt ist es bei Instagram allerdings schwieriger, das zu beurteilen, da die Werke nicht physisch erfahrbar sind. Und anders als bei den Werken bekannter Künstler hat man noch keine Arbeiten der Studierenden in analogen Ausstellungen oder Museen gesehen, was ihre Beurteilung einfacher machen würde, da man einen physischen Bezugspunkt hat.

In einem eigenen Kunstwerk arrangiert sich Cook mit dieser Herausforderung. Eine kürzlich erschienene Serie mit dem Titel Some Walls Are of Brick wurde speziell für Instagram entwickelt. Hochauflösende Scans seiner Bilder können gekauft werden, um sie auf einer persönlichen Instagram-Seite „aufzuhängen“ (oder zu posten) und die Seite damit zu dekorieren, wie es physische Kunstwerke traditionell für die Häuser von Menschen getan haben. Jedes Werk ist auf eine Auflage von zehn Stück limitiert und kostet drei Dollar (ein Bruchteil des Preises eines Koons oder Yuskavage). Cook sieht sein Projekt als einen Weg, binäre Unterscheidungen zwischen der physischen und der Online-Welt in Frage zu stellen. „Wir sollten uns damit befassen, wie wir bestimmte Verhaltensregeln, Richtlinien, Ideen über das Eigentum von Daten, aber auch Bedrohungen, die sich online manifestieren, mit derselben Ernsthaftigkeit angehen, mit der wir an Probleme physischer Natur herangehen würden“, schreibt er auf seiner Website.

Obwohl Cook das Problem, den Lebensunterhalt als Künstler ohne Zugang zu einem physischen Markt zu verdienen, sicherlich nicht löst, zeigt Some Walls Are Made Of Bricks, dass konventionelle Geschäftsmodelle an unkonventionelle Umstände angepasst werden können. Es gibt keinen Grund, warum die Preise für Instagram-Kunst nicht erhöht werden können. Die Frage ist allerdings, ob die althergebrachten Mechanismen des Kunstmarktes erhalten bleiben sollten, die dabei im Grunde nur angemessen neu verpackt werden. Oder sollte der Online-Zwang des gesellschaftlichen COVID-19-Lebens stattdessen als Gelegenheit gesehen werden, alle Parameter zu überdenken und sogar die Rahmenbedingungen der künstlerischen Produktion ganz neu zu gestalten?

Internet-Kunst mit einer Präsenz in der Offline-Welt

Es gibt eine lange und beeindruckende Geschichte der Kunst, die speziell für das Internet gemacht wurde. Trotz aller bewundernswerten Anstrengungen, die große Museen unternommen haben, um virtuell zu werden, ist Rhizomes Net Art Anthology die derzeit erfolgreichste Online-Ausstellung, in der man das erleben kann. Ein Großteil der Arbeiten, die dort zu finden sind, ist interaktiv und verwendet die Tools der Zeit, in der sie gemacht wurden, einschließlich von Browsern, die jetzt digital emuliert werden müssen.

Eine besondere Qualität solcher Kunstwerke besteht darin, dass sie nativ für das Internet kreiert wurden. Eine andere Stärke wird durch die aktuelle Notwendigkeit des Social Distancing besonders deutlich – umso mehr, da weitere Pandemien in der Zukunft wahrscheinlich sind: Obwohl es sich um Internet-Kunst handelt, besitzen viele der Werke eine Präsenz in der Offline-Dimension, eine Verlängerung in unsere Welt aus Fleisch und Blut. Sie besteht idealerweise in der Interaktivität, die unserer Isolation entgegenwirkt und eine Verbindung zwischen uns schafft – mit Bezug auf den Planeten, den wir alle teilen.

Eduardo KacRekonstruktion von Eduardo Kac, Reabracadabra, 1985. Animiertes Gedicht für Videotext. Foto mit freundlicher Genehmigung des Künstlers. Bild: Eduardo Kac

Eine vom Künstler Frans van Lent kuratierte Website namens Concept Bank zeigt, wie dies funktionieren kann. Die Concept Bank ist im Wesentlichen eine Online-Clearingstelle mit Anweisungen für Performance-Kunstwerke, die von einer oder mehreren Personen ausgeführt werden können, wobei die Darsteller möglicherweise das einzige Publikum sind. In einigen Fällen erfordern die Werke für mehrere Interpreten keine physische Nähe. Kollektive Performances auf Distanz schaffen und verstärken eine mehrdeutige Verbindung. Und weil die Concept Bank online ist, ist sie für alle gleichermaßen zugänglich.

Bisher marginalisierte Kunstformen sollten jetzt gefördert werden

Natürlich kann die Concept Bank nicht für den Lebensunterhalt der mitwirkenden Künstler oder Darsteller sorgen. (Ich habe selbst einen Beitrag dazu geleistet und kann das aus persönlicher Erfahrung bezeugen.) Deshalb muss sich das System tiefgreifender wandeln. Das Metropolitan Museum of Art hat gerade einen Vorschlag der American Alliance of Museums, kurz: AAM, für den Kongress unterstützt. Dessen Kern: Vier Milliarden US-Dollar sollen im Rahmen des erwarteten COVID-19-Konjunkturpakets in Höhe von zwei Billionen US-Dollar für die Unterstützung gemeinnütziger Kunstorganisationen bereitgestellt werden. Das Geld wird dringend benötigt. Das Museum geht davon aus, dass es während der Schließung 100 Millionen US-Dollar verlieren wird. Und die AAM prognostiziert, dass 30 Prozent der Museen möglicherweise nicht über die Ressourcen verfügen, um wieder zu eröffnen.

Der Kongress sollte das Geld zur Verfügung stellen. Kultur ist kein Luxus, sondern eine Notwendigkeit, eine humanisierende Kraft, die in Krisenzeiten umso wichtiger ist. Die Finanzierung sollte auch ein Präzedenzfall für die dauerhafte staatliche Unterstützung des künstlerischen Schaffens sein – und für das grundsätzliche Umdenken in der Politik, öffentliche Güter und Dienste stärker zu unterstützen. Kultur ist in einer demokratischen Gesellschaft als Grundlage für kollektive Entscheidungen und den Schutz von Minderheiteninteressen besonders notwendig. Wenn die Regierung Politiker bezahlt und Geld für Wahlen ausgibt, muss sie gleichermaßen für das Betriebssystem bezahlen, das einen Konsens herbeiführt. Kunstschaffende sind mindestens so unverzichtbar wie Gouverneure und Senatoren – wahrscheinlich sogar noch mehr, wenn die Gesellschaft das Trauma einer globalen Pandemie überwinden will.

An der Art Basel an sich und hochpreisigen Kunstprodukten ist nichts auszusetzen. Und Künstler wie die auf der Instagram-Seite der Social Distance Gallery sollten auf jeden Fall Zugang zum Markt haben, den Benjamin Cook großzügig zur Verfügung stellt, damit sie ihre Bilder und Fotografien verkaufen können. Materielle Kunst wird immer einen Platz in unserer Welt haben, ebenso wie physische Galerien und Museen.

Aber genau jetzt gibt es eine Konvergenz von Chancen und Notwendigkeiten, die nach Kunstansätzen, die bisher marginalisiert waren oder ein Schattendasein führten, verlangt. Die Stärke der Netzkunst liegt im Netzwerk, das sie schafft, und das wertvolle am Konzept der Concept Bank ist, dass sie ein elektronisches Gemeingut, ein Commons darstellt für die konzeptionelle Vernetzung mit dem Potenzial für physische Manifestation. Die radikale Neubewertung der Staatsausgaben und der öffentlichen Bedürfnisse im Rahmen von COVID-19 sollte zur Finanzierung solcher Kunstformen führen. Die zukünftige Gesundheit unserer Gesellschaft hängt davon ab.

Jonathon Keats, alias @jonathonkeats, ist Experimentalphilosoph, Kritiker und Künstler, zuletzt Autor von You Belong to the Universe: Buckminster Fuller and the Future und Forged: Why Fakes Are the Great Art of Our Age, die beide bei der Oxford University Press erschienen sind. Seine Konzeptkunst wurde weltweit in Museen und Galerien ausgestellt. Er ist aus Speaker bei der 1E9-Konferenz 2020.

Dieser Artikel erschien zuerst auf Englisch bei Forbes.com.

Titelbild: Simple Net Art Diagramm von MTAA-RR, veröffentlicht unter der Creative Commons Attribution 2.5 License

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