Gegen Einsamkeit: In diesem Café in Japan arbeiten Roboter, die von Menschen mit Einschränkungen ferngesteuert werden

Durch die Pandemie wurde es schwieriger, Menschen persönlich zu treffen – ob in fernen Ländern oder ganz in der Nähe. Für Menschen, die sich aufgrund von Behinderungen oder Krankheiten kaum bewegen können oder bettlägerig sind, war das schon vorher Alltag. Deshalb entwickelte das japanische Unternehmen OryLab ferngesteuerte Kommunikationsroboter, die es Menschen mit Einschränkungen ermöglichen, sich zu unterhalten, zu interagieren und sogar zu arbeiten. Egal, wo sie sich befinden.

Ein Interview von Camilla-Shiori Oura-Müller und Björn Eichstädt

Ory Yoshifuji, Gründer und CEO von OryLab, zeigt die Möglichkeiten in seinem Café DAWN, das das Unternehmen in Tokyo betreibt. Unsere Medienpartner von J-BIG, Camilla-Shiori Oura-Müller und Björn Eichstädt, haben sich mit dem Unternehmer über das Thema „Einsamkeit“ und das Konzept seiner Roboter und des Roboter-Cafés unterhalten.

Im Café DAWN in Tokyo nimmt ein humanoider Roboter Bestellungen auf, bringt den Gästen Kuchen und Getränke und unterhält sich mit ihnen. Dieser Roboter wird jedoch von einem Menschen von einem anderen Ort aus gesteuert. Wie sind Sie darauf gekommen, dass Menschen aus der Ferne Roboter steuern und mit anderen Menschen kommunizieren?

Ory Yoshifuji: Menschen, die wegen körperlicher Beeinträchtigungen nicht einfach ihr Haus verlassen können, fungieren in unserem Café in Nihonbashi, Tokyo, als Servicekräfte und steuern die Roboter remote, um Kunden zu bedienen. Im Restaurant haben wir drei Arten von Robotern: OriHime-D, einen 120 cm großen humanoiden Roboter, der sich fortbewegen kann; OriHime, einen kleineren Roboter, der in die Handfläche passt und Dia-Präsentationen zeigen kann; und einen von gelernten Baristas gesteuerter Roboter, der den Kaffee perfekt zubereitet. Wir nennen diese Roboter auch Bunshin-Roboter, was auf Japanisch so viel heißt wie „Mein Alter Ego“.

Als ich zehn Jahre alt war, konnte ich mehrere Monate lang nicht zur Schule gehen, da ich oft krank war und auch psychisch unter Stress litt. Schon damals wünschte ich mir einen zweiten Körper. So würde ich zur Schule gehen können, auch wenn mein anderer Körper gerade krank ist. Es gibt viele Menschen auf der Welt, die ebenfalls nicht in der Lage sind, sich aktiv zu bewegen oder auszugehen. Das war der Ausgangspunkt meiner Idee.

Wenn Menschen wie ich damals oder Menschen mit körperlichen Einschränkungen einen zweiten Körper nutzen könnten, der sie mit der „Außenwelt“ in Verbindung bringt, würde es deutlich einfacher, Menschen kennenzulernen, Freundschaften zu schließen oder zu arbeiten und Geld zu verdienen. Die ursprüngliche Idee und Motivation unserer Forschung ist, Hindernisse, die zur Einsamkeit führen können, mit Hilfe von Technologie zu überwinden und allen Menschen die Teilhabe am Leben in der Gemeinschaft zu ermöglichen.

Wann haben Sie mit der Entwicklung ihrer Roboter begonnen?

Ory Yoshifuji: Zunächst habe ich 2009 mit der Entwicklung eines humanoiden Roboters angefangen. Das war noch während meines Studiums. Auch damals war ich oft angeschlagen, also begann ich versuchsweise mit einem Roboter für den Eigengebrauch, um Kurse an der Universität belegen zu können. Schon ein Jahr später war der Roboter fertig.

Anfangs war ich der einzige Nutzer. Ab dem Jahr 2013 jedoch wurde der Roboter nach und nach von Menschen mit der ALS-Krankheit oder schweren Behinderungen genutzt. Deshalb haben wir eine Funktion hinzugefügt, die einen Computer über Augenbewegungen bedienen lässt. Das hilft vor allem Menschen, die sich körperlich kaum bewegen können. Während wir diese Systeme entwickelten, stellten wir fest, dass einige der Nutzer große Freude empfunden haben. Viele Nutzer wollten daraufhin arbeiten und jemandem nützlich sein. Deshalb haben wir mit der Forschung zum Thema Arbeit begonnen, um zu beweisen, dass auch Menschen, die ihren Körper nicht bewegen können, ein ausgefülltes Berufsleben haben können.

Was für Zukunftsideen haben Sie für Ihre Tele-Roboter?

Ory Yoshifuji: In Japan gelingt nur fünf Prozent der körperlich beeinträchtigten Studierenden nach dem Studium der Berufseinstieg. Die Einstiegsquote für ein Studium von Schülern aus Sonderklassen liegt bei nur drei Prozent. Mit anderen Worten: Die meisten dieser Jugendlichen haben nach dem Schulabschluss kein Geld, keine Bleibe und landen schließlich in Pflegeheimen. Wir wollten etwas gegen diese Situation tun und beschlossen, einen Weg zu finden, wie sie mithilfe von Robotern an der Gesellschaft teilhaben können.

Wir wollen eine Gesellschaft schaffen, in der jeder leben kann, ohne einsam zu sein.

Ich will allerdings nicht primär die Menschen mit besonderen körperlichen Einschränkungen „retten“ – meine Meinung ist, dass wir alle früher oder später bettlägerig werden – gerade in einer alternden Gesellschaft. Künftige bettlägerige Menschen sind also die „Junior-Kollegen“ der jetzigen Bettlägerigen, die wir „Senior-Kollegen“ nennen. In Japan verwendet man für Menschen mit viel Erfahrung den Begriff Senpai und diese werden mit viel Respekt behandelt. Wir glauben, dass die Herausforderungen, die wir gemeinsam mit unseren bettlägerigen Senpai angenommen haben, ein wichtiger Faktor bei der Schaffung einer lebenswerten Gesellschaft für die Zukunft sein sollten. Je älter die Gesellschaft, desto mehr eingeschränkte Menschen werden wir haben.

Das Kernthema unserer Forschung ist es, Einsamkeit „aufzulösen“. Wir wollen eine Gesellschaft schaffen, in der jeder leben kann, ohne einsam zu sein. Man spricht nicht einfach einmalig mit jemandem und merkt sofort, dass man nicht einsam ist, fühlt sich wohl oder freundet sich an. Es ist wichtig, etwas gemeinsam zu unternehmen. Erst dann beginnen wir zu hinterfragen, wer wir eigentlich sind, wofür wir arbeiten wollen und welche Rolle wir spielen.

Warum haben Sie ein Restaurant als Ort gewählt, an dem Sie die Arbeit von Menschen mit Ihren Robotern gestalten?

Ory Yoshifuji: Ich persönlich befürchte, wenn Roboter mit Künstlicher Intelligenz uns Menschen die Arbeit wegnehmen und eine Welt schaffen, in der wir leben, ohne etwas tun zu müssen, wird eine Zeit kommen, in der unsere Rollen verschwinden und wir von niemandem mehr gebraucht werden. Davor habe ich ehrlich gesagt Angst. Ich glaube nämlich, dass Rollen und Aufgaben Menschen die Möglichkeit geben, sich zu treffen, Kontakte zu knüpfen und zu pflegen. Wir glauben, dass das Schaffen einer Situation, in der Menschen etwas für andere und mit anderen tun, der beste Weg ist, das Problem der Einsamkeit zu lösen. Daher wollten wir nicht nur ferngesteuerte Roboter entwickeln, sondern auch Menschen durch Roboter glücklich machen. So entstand die Idee, ein Café zu eröffnen.

Ich denke, dass Berufe in speziellen Fachgebieten oder die ein hohes Maß an Denkarbeit erfordern, wie zum Beispiel Roboterentwicklung, Programmierung etc., für Menschen, die das nicht studiert haben, schwierig sein können. Viele von uns haben aber in der Jugend auch erstmal damit angefangen, in der Gastronomie als Servicekraft zu arbeiten. Im ersten Schritt sah ich ein großes Potenzial in der Kundenbetreuung, die von Robotern übernommen werden können.

Wie empfinden die Teammitglieder des Cafés das Arbeiten mit den ferngesteuerten Robotern?

Ory Yoshifuji: Einige der Mitarbeiter, die mit den OriHime-Robotern arbeiten, sind Menschen, die seit zehn Jahren oder länger nicht mehr gearbeitet haben und nicht damit gerechnet haben, eines Tages wieder arbeiten zu können. Oder sie sind Menschen, die schwerbehindert sind und Arbeiten im Homeoffice übernommen haben, aber nicht viel Austausch mit anderen hatten. Sie sagten uns, dass sie nie gedacht hätten, dass sie jeden Tag so vielen Menschen begegnen würden.

Die Erfahrung, neue Menschen kennenzulernen und mit ihnen zu interagieren, stärkt das Selbstvertrauen. Viele unserer Mitarbeiter sagen auch, dass sie einen Ort gefunden haben, zu dem sie sich zugehörig fühlen, und jetzt mehr Fähigkeiten lernen wollen. Ihre Einstellung ist definitiv positiver geworden. Wir sind glücklich, dass unser Café einen Beitrag für Kommunikation und psychische Gesundheit leistet.

Welches Feedback geben die Gäste, die das Café besucht haben?

Ory Yoshifuji: Am Anfang zögern die Kunden ein bisschen mit dem Roboter zu sprechen, aber sobald sie erkennen, dass sie von einem Menschen und nicht von einer KI bedient werden, können sie sich ganz natürlich unterhalten und beginnen zu plaudern.

Die Einstiegsfrage ist dabei oft: „Von wo aus bedienen Sie den Roboter?“. Wir haben festgestellt, dass es sogar etwas einfacher sein kann, mit einem ferngesteuerten Roboter ein Gespräch zu führen als mit einem anderen Menschen. Wenn eine Person, die gerade vor Ihnen steht, sagt: „Heute ist großartiges Wetter, nicht wahr?“, können Sie nicht viel mehr antworten als: „Ja, das stimmt“. Aber wenn sich die Person gerade nicht im selben Raum befindet, sondern in einer entfernten Stadt oder sogar im Ausland, dann ist die Situation natürlich ganz anders. Dann kommen oft Fragen und Aussagen wie: „In Japan ist es schön, oder? Bei mir in Australien ist gerade Winter.“ Wir haben herausgefunden, dass eine andere Situation oder Unwissenheit gekoppelt mit Neugierde zu einem interessanteren Gespräch führt.

Neben der Tatsache, dass der Roboter eine Lösung ist, um mit jemanden auf Distanz zu kommunizieren, schätzen wir auch die zweite Tatsache sehr, dass es Menschen durch die Verwendung eines Roboters als Alter Ego leichter fällt, sich zu unterhalten und kennenzulernen.

Das ist spannend – ist OryLab noch in anderen Themengebieten aktiv?

Ory Yoshifuji: Wir vermieten derzeit auch die OriHime-Roboter an Unternehmen oder Privatpersonen. Außerdem haben wir unser augengesteuertes Eingabesystem international patentiert und verkaufen es als Kommunikations-Tool für Patienten mit schwer behandelbaren Krankheiten wie ALS. Hierfür erhalten wir staatliche Zuschüsse, so dass die Patienten es zu einem Preis von nur zehn Prozent der eigentlichen Kosten kaufen können.

In Tokyo gibt es viele Unternehmen, die gerne Menschen mit Behinderungen eine Beschäftigung anbieten wollen.

Noch ein interessanter Punkt unserer Arbeit ist, dass unsere Café-Mitarbeiter häufig von Unternehmen angesprochen werden und ein Job-Angebot bekommen. In Tokyo gibt es viele Unternehmen, die gerne Menschen mit Behinderungen eine Beschäftigung anbieten wollen. Der Großteil dieser Menschen wohnt jedoch nicht in der Metropole. Viele leben auf dem Land. Dort gibt es wiederum das Problem, dass man das Büro nur mit dem Auto erreichen kann. Viele Unternehmen haben seit der Corona-Krise versucht, Homeoffice einzuführen – die passende Aufgabe zu finden war jedoch oft das Problem. Unsere Roboter konnten dieses Dilemma lösen und wir bekommen immer mehr Anfragen von Unternehmen, die unser Roboter für die Rezeption, für Kundenbetreuung oder als Dolmetscher nutzen wollen. Wir fungieren mittlerweile also auch als Personalagentur.

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Das Hauptmerkmal des OriHime-Roboters ist, dass er aus der Ferne bedient werden kann. Das bedeutet, man könnte damit von überall aus der Welt arbeiten. Planen Sie, Ihr Geschäft in Zukunft auch im Ausland auszuweiten?

Ory Yoshifuji: Ich habe einen Freund, der in Dänemark lebt. Wir haben bereits gemeinsame Touren mit OriHime-Robotern durch die Stadt Aarhus unternommen und eine Ausstellung organisiert. Andererseits haben wir auch bereits Café-Mitarbeiter, die aus Schweden und Australien arbeiten. Durch die Entwicklung von Robotern, die auf diese Weise eingesetzt werden können, können wir meiner Meinung nach viele interessanten Dinge tun, um neue Arbeitsstile und Begegnungen zu schaffen, die über nationale Grenzen hinausgehen.

Außerdem glaube ich, dass es in anderen Ländern und auch in Japan viele Menschen gibt, die arbeiten wollen, es aber wegen ihrer körperlichen Gebrechen nicht können. Deshalb habe ich zwei Wochen lang mit Cafés in ganz Japan experimentiert, um zu sehen, wie die Kunden auf die Roboter reagieren. Wir möchten in den nächsten Schritten schauen, ob dieses Konzept nur in Japan funktioniert oder ob es auch in anderen Ländern ein Mittel gegen Einsamkeit werden könnte. Wir haben unsere globalen Aktivitäten wegen der Pandemie eine Weile aufgeschoben, aber wir würden gerne im nächsten Jahr oder wenn sich die Lage beruhigt hat, irgendwo im Ausland ein Experiment mit Roboter-Cafés durchführen.

Auch der Einsatz unserer Roboter im Rahmen von Events wären für uns interessant. Wir suchen Partner, die sich in die Situation einfühlen und mit uns zusammenarbeiten wollen, um herauszufinden, ob das Konzept nur in einem Land wie Japan funktioniert oder auch auf andere Länder übertragen werden kann.

Zu guter Letzt: Erzählen Sie uns etwas über Ihre Vision und die Pläne für die Zukunft.

Ory Yoshifuji: Japan ist heute eine überalterte Gesellschaft und die Zahl der körperlich behinderten Menschen wird in Zukunft steigen. Japan ist ein Land der Langlebigkeit, aber gleichzeitig auch ein Land, in dem die Menschen am Leben gehalten werden, unabhängig davon, ob sie es wollen oder nicht. Die Menschen werden mit Beatmungsgeräten, Magensonden usw. versorgt, aber die Wünsche der Patienten, wie sie leben wollen und wie sie ihr Leben gestalten können, werden dabei nicht immer berücksichtigt. Außerdem ist die Prozentanzahl der ALS-Patienten, die mit einem Beatmungsgerät ausgestattet werden, bei uns weltweit am höchsten. Bisher wurde allerdings nicht viel darüber nachgedacht, wie man das Leben führen kann, nachdem man mit Beatmungsgeräten ausgestattet ist.

Die japanische Technologie zur Lebensverlängerung kann nur dann von Wert sein, wenn wir darüber nachdenken, wie wir unser erhaltenes Leben gestalten wollen. Wir forschen und arbeiten mit vielen bettlägerige Senioren-Kollegen zusammen und hoffen, dass eines Tages die Arbeitsweise der Menschen, die sich nicht frei bewegen können, bewundert wird und für viele ein Vorbild ist.

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