Für eine Besiedlung des Mars braucht es weniger Menschen als gedacht

Seit vielen Jahren gibt es Pläne, den roten Planeten zu besiedeln. Unter anderem will Elon Musk dort für die Menschheit eine zweite Heimat einrichten. Ein französischer Wissenschaftler hat nun durchgerechnet, wie viele Menschen es bräuchte, um einen überlebensfähigen Außenposten aufzubauen.

Von Michael Förtsch

Geht es nach Elon Musk und seinem Raumfahrtunternehmen SpaceX dann könnte es schon bald losgehen. Sollte das Raumschiff Starship rechtzeitig fertig werden und alle Sicherheitstests überstehen, sollen 2022 die ersten Materialflüge zum Mars erfolgen und im Jahre 2024 der erste Mensch den Mars betreten. Bis 2050 könnten laut dem Milliardär bereits eine Million Menschen auf den roten Planeten gebracht werden, um eine stabile und „selbst-versorgende Stadt“ aufzubauen. Laut einem französischen Wissenschaftler sei eine solche Masse an Menschen aber nicht unbedingt notwendig.

Jean-Marc Salotti vom Bordeaux Institut National Polytechnique hat in einer nun von Nature veröffentlichten Studie berechnet, was die „Minimalzahl an Siedlern (ist), um auf einem anderen Planeten zu überleben“. Denn: „Diese Frage ist von besonderer Bedeutung für die Zukunft der Eroberung des Weltraums und vielleicht auch für die Zukunft der Menschheit im Allgemeinen“, schreibt der IT-Wissenschaftler und Raumfahrtforscher Salotti. Im Laufe der Jahre wären zahlreiche Mutmaßungen über notwendige Ressourcen, Organisationsstrukturen und Zusammensetzungen der Siedlergemeinschaft angestellt worden. Aber niemand habe sich tatsächlich und ausführlich mit den Variablen auseinandergesetzt, meint der Wissenschaftler.

Daher hat er ein mathematisches Modell aufgestellt, das möglichst alle relevanten und für eine funktionierende Gesellschaft notwendigen Faktoren berücksichtigt. Unter anderem natürlich vorkommende Ressourcen vor Ort, Produktionskapazitäten, Arbeitsanforderungen – beispielsweise für Wartungsarbeiten, Wasseraufbereitung, Abfallentsorgung, Verwaltung und vieles mehr –, Energieproduktion, Kolonieauf- und Ausbau, Verwaltungsaufgaben, aber auch soziale und gesellschaftliche Aktivitäten und Aufgaben – wie beispielsweise die Erziehung und Betreuung von Kindern. Aber auch Unsicherheits- und Risikofaktoren wie die Fähigkeit und Unfähigkeit von Menschen, Ressourcen und Zeit aufzuteilen, mögliche Unfälle, Katastrophen, interpersonelle Spannungen und die Nachteile einer möglicherweise ineffizienten Verwaltung versuchte er einzukalkulieren.

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110 Menschen reichen

Jean-Marc Salotti kommt in seiner Studie zum Schluss, dass „mit Hilfe eines mathematischen Modells die Mindestanzahl von Siedlern und die Lebensweise für das Überleben auf einem anderen Planeten bestimmt werden kann“. Und für sein Fallbeispiel, den Mars, wäre das Minimum, das auf den Planeten geschickt werden muss, um eine neue Welt aufzubauen 110 Personen. Zumindest wenn einige Grundvoraussetzungen erfüllt sind, die er für seine Studie aufgestellt hat. Beispielsweise bestimmte er, dass die Kolonisten über die Möglichkeit zum Anbau von Obst und Gemüse in Gewächshäusern, ein Habitat mit Glaskuppel und Sauerstoff verfügen und die Möglichkeit zur Extraktion von Wasser aus Eis vorhanden ist.

Trotz der recht exakten Zahl von 110 Kolonisten merkt der Forscher an, dass diese trotzdem eher als „eine grobe Schätzung mit zahlreichen Annahmen und Unsicherheiten“ betrachtet werden sollte. Um ein tatsächlich belastbares Ergebnis zu produzieren, fehlten schlichtweg noch Daten, die unter realen Bedingungen gesammelt worden sind. Dennoch ist es, meint der Forscher, „die erste quantitative Abschätzung der Mindestzahl von Individuen“, die es für den Bau einer extraterrestrischen Kolonie gibt. Dazu könnte die Berechnungsmethode auch für weitere Orte adaptiert werden. Beispielsweise den Mond, bei dem womöglich eine deutlich größere Anzahl an Personen nötig sein könnte.

Für Jean-Marc Salotti war die Kalkulation mehr als nur eine Fingerübung. Denn, wie er schreibt, sei seine Fragestellung derzeit noch total theoretischer Natur. Aber eines Tages könnte sie durchaus dringlich werden, wenn die Menschheit beispielsweise von einem „kataklysmischen Ereignis“ bedroht würde und die Besiedlung einer anderen Welt die einzige Möglichkeit darstellt, das Überleben der Spezies Mensch zu sichern.

Teaser-Bild: NASA

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