Forscher wollen Ex-Sträflinge von einer KI überwachen lassen – um ihnen zu helfen

Eine Gruppe von Forschern aus den USA will auf Bewährung entlassene Strafgefangene von einer Künstlichen Intelligenz überwachen lassen. Die soll aus biometrischen Informationen, Bewegungsdaten und Smartphone-Fotos ermitteln, wie und wieso Ex-Sträfling rückfällig werden könnten.

Von Michael Förtsch

Wer aus dem Gefängnis entlassen wird, der hat es nicht einfach. Es fällt vielen ehemaligen Strafgefangenen schwer, sich wieder in die Gesellschaft einzugliedern. Insbesondere in den USA gibt es daher ein großes Problem: Mehr als die Hälfte der ehemaligen Gefangenen sitzen laut einer Studie binnen fünf Jahren nach ihrer Entlassung wieder im Gefängnis – und binnen neun Jahren sogar 80 Prozent von ihnen. Theorien, warum es dazu kommt, gibt es viele. Sozialwissenschaftler machen unter anderem das Strafsystem und das Konzept der Inhaftierung selbst verantwortlich sowie auch Vorurteile gegenüber ehemaligen Strafgefangenen, die eine Rückkehr in das normale Leben verhindern. Aber Sicherheit über die Gründe und Auslöser besteht nicht. Das will eine Gruppe Forscher vom Polytechnic Institute der Purdue University, West Lafayette, Indiana nun ändern – mittels Künstlicher Intelligenz.

Ein Team um Marcus Rogers und Umit Karabiyik will auf Bewährung entlassenen Strafgefangenen sowohl Smartphones als auch Wearables wie Smartwatches zur Verfügung stellen, die biometrische Daten, ihre Standorte und die Bilder, die sie machen, sammeln. Diese Daten sollen dann von Künstlichen Intelligenzen analysiert werden, die darauf trainiert sind, Überschneidungen und Gemeinsamkeiten in den Daten – und dem Verhalten, das sich daraus ableiten lässt – zu finden. Und zwar bei den Personen, die womöglich erneut straffällig werden. Außerdem sollen die Systeme Abweichungen zu jenen Ex-Sträflingen finden, die sich offenbar wieder in die Gesellschaft eingliedern.

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Die Forscher hoffen dadurch forensisch-psychologische Aspekte, Risikoverhaltensweisen und die Auslöser auszumachen, die einen Rückfall in die Kriminalität bedingen. Seien es nun Stresssituationen, Traumata oder auch rein gesellschaftliche oder soziale Probleme. Wobei Karabiyik anführt, dass ein Grund für die Rückfälle natürlich ist, dass es ehemalige Sträflinge nach ihrer Entlassung schwer haben und „nicht das Gefühl haben, zur Gemeinschaft zu gehören“. Daher sollen auch die möglicherweise positiven Effekte von Reintegrationsprogrammen und Therapien mit einbezogen werden. Das Ziel sei es, Möglichkeiten auszumachen, einzugreifen und ehemalige Gefängnisinsassen besser zu unterstützen, sich wieder einzugliedern.

Keine Datenerfassung in Echtzeit

Wie die Forscher erklären, wollen sie die Teilnehmer des Forschungsprogramms jedoch keineswegs kontrollieren oder stetig überwachen. Denn die Daten würden nicht in Echtzeit erhoben und ausgewertet, sondern in Intervallen versendet und zu Stichprobenpaketen zusammengefasst. Insgesamt soll die Studie 250 Teilnehmer aus Tippecanoe County, Indiana haben. Die Hälfte soll in einer begleitenden Behandlung sein, die bei der Reintegration helfen soll und mit der Hardware ausgestattet werden. Die andere Hälfte soll wie bisher einfach entlassen werden. Fraglich ist natürlich, welchen Einfluss die Datenaufzeichnung auf das Verhalten der Entlassenen hat.

Dennoch hofft das Forscherteam mit seinem Ansatz positive Ergebnisse hervorzubringen. Am Ende solle bestenfalls ein intelligentes System stehen, das Therapeuten und Reintegrationshelfer unterstützt, kritische Situationen oder einen potentiell gefährlichen Lebenswandel zu erkennen – oder sogar Vorschläge für Jobs, Beschäftigungen oder andere Tätigkeiten liefert, die eine Rehabilitation befördern. Noch allerdings müssten erst die Systeme für die Datensammlung entwickelt werden.

Photo by Emiliano Bar auf Unsplash

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