Forscher haben Organe von toten Schweinen wiederbelebt

Wenn ein Lebewesen stirbt, beginnen dessen Organe sehr schnell, sich zu zersetzen. Dadurch werden Organspenden zu einem Wettlauf gegen die Zeit. US-amerikanischen Wissenschaftlern ist es nun aber gelungen, die Organe von toten Schweinen mittels künstlichen Bluts zu reaktivieren – und das eine Stunde nach ihrem Tod.

Von Michael Förtsch

Es klingt nach einem Experiment, das in einem Horrorfilm stattfinden könnte. Ein Team von Wissenschaftlern an der renommierten Yale University hat den Versuch unternommen, die Körper von toten Schweinen in Teilen wiederzubeleben. Wie die Wissenschaftler um David Andrijevic in einer Studie im Fachblatt Nature berichten, haben sie hierfür ein sogenanntes Perfusionssystem namens OrganEx entwickelt. Dabei handelt es sich um ein komplexes Pumpsystem ähnlich einer Herz-Lungenmaschine, die den Schweinekörper mit einer Blutersatzflüssigkeit – einem sogenannten kryoprotektiven Perfusat – versorgt, die Sauerstoff, verschiedene Nährstoffe und eine synthetische Nachtbildung des Blutfarbstoffes Hämoglobin beinhaltet.

Laut den Forschern sei es gelungen, mit der Maschine und dem Kunstblut den Blutkreislauf in den eine Stunde zuvor verstorbenen Tieren fast vollständig wiederherzustellen. Dadurch seien auch verschiedene Organe erneut aktiv geworden. Außerdem sei es geglückt, den Abbau und die Zerstörung der Zellen von Gewebe zu stoppen. „Nicht alle Zellen sterben gleich, sondern es gibt eine längere Abfolge von Ereignissen“, sagt Andrijevic. „Es ist ein Prozess, in den man eingreifen kann. Er lässt sich stoppen und einige Zellfunktionen können wiederhergestellt werden.“

Über mehrere Stunden sind die toten Schweine mit OrganEx behandelt und anschließend untersucht worden. Der Studie der Forscher zufolge seien in zahlreichen Organen „viele zelluläre Schlüsselfunktionen“ vorhanden gewesen. Das Herz der Schweine habe erneut pumpen können, Muskelzuckungen seien aufgetreten und sogar im Gehirn sei Aktivität feststellbar gewesen, die aber nicht auf die Rückkehr eines Bewusstseins oder einer Denkfähigkeit hinweise. Unter dem Mikroskop sei es für die Wissenschaftler schwer gewesen, gesunde von reanimierten Organen zu unterscheiden. Das Experiment baute auf einen Versuch aus dem Jahr 2019 auf, bei dem es bereits geglückt war, ein Gehirn nach dem Tod eines Schweines vor dem Zerfall zu bewahren.

Nicht nur eine Hoffnung für die Organspende

Die von den Yale-Forschern entwickelte Methode könnte es erlauben, die Organe von verstorbenen Patienten, die etwa für eine Transplantation vorgesehen sind, funktionsfähig zu halten oder sogar teilweise zu revitalisieren. Bislang müssen Organe von Organspendern möglichst rasch entnommen und durch Kühlprozesse vor dem bislang für unumkehrbar gehaltenen Zerfall bewahrt werden. Bis zu einem medizinischen Einsatz sei aber „eine weitere Optimierung und Ausweitung unserer Technologie erforderlich“, sagen die Wissenschaftler. Ebenso müsse die Behandlung weiter untersucht werden, um die genauen Prozesse besser nachvollziehen und die langfristige Entwicklung der erneut aktivierten Organe verfolgen zu können.

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Möglicherweise könnte OrganEx auch genutzt werden, um Unfallopfer zu behandeln und ihre Organe und ihr Gehirn vor dauerhaften Schädigungen zu bewahren. Laut Ärzten wie Sam Parnia von der NYU Grossman School of Medicine könne diese Entdeckung wegweisend sein. Jedoch sehen einige Wissenschaftler und Ärzte durch den Prozess auch neue ethische und moralische Fragestellungen aufgeworfen. Denn wenn sich ein Organismus nach einem bestätigten Tod wieder reanimieren ließe, müsse die Definition des Begriffs Tod im medizinischen Kontext überdacht werden. Zudem müsse gefragt werden, ob es vertretbar sei, eine verstorbene Person auf diese Weise „am Leben“ zu erhalten, wenn sie eigentlich bereits verstorben ist.

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Titelbild: Lucia Macedo auf Unsplash

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