Ein Plädoyer für Freiheit und Neugier: Das Buch „How Innovation Works“ von Matt Ridley

Der Brite Matt Ridley gehört zu den erfolgreichsten Sachbuchautoren der Gegenwart – und für Bernhard Lermann, der sein neuestes Buch How Innovation Works für uns gelesen hat, auch zu den besten. Er empfiehlt es als Genuss und als ein Plädoyer für mehr Neugier auf das Neue.

Von Bernhard Lermann

Eine Glühbirne ist etwas Wunderbares! Vielleicht eine der wichtigsten Erfindungen der letzten zweihundert Jahre. Nicht umsonst steht sie als Symbol für die zündende Idee. Unter den Erfindungen der Menschheit nimmt sie aber auch deshalb einen besonderen Platz ein, weil ihre Geschichte typisch ist für das, was Innovation und Erfindungsgeist ausmacht.

Offenbar können einundzwanzig unterschiedliche Erfinder für sich in Anspruch nehmen, bis zum Ende der 1870er Jahre unabhängig voneinander die Glühbirne entwickelt oder entscheidend verbessert zu haben. Obwohl die meisten davon sich weder näher gekannt noch zusammengearbeitet hätten. Und auch wenn der aus Deutschland stammende Uhrmacher Heinrich Goebel bereits 1854 die erste gebrauchsfähige Glühlampe mit einer verkohlten Bambusfaser zum Leuchten gebracht hatte, so war es Thomas Alva Edison, der 1879 mit einer Kohlenfadenlampe die industrielle Massenfertigung startete.

Als er sie patentieren ließ, war außerdem der Markt auch reif für die Glühbirne, da Werner Siemens inzwischen den Dynamo erfunden hatte, der die Stromerzeugung erheblich vereinfachte und die Glühbirne zum Massenprodukt machte.

Was unterscheidet Erfindung von Innovation?

„Simultaneous invention marks the progress of technology as if there is something ripe about the moment. It does not necessarily imply plagiarism“, schreibt Matt Ridley in seinem neuen Buch How Innovation Works, das zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht in deutscher Übersetzung erhältlich ist. Wenn also gleichzeitig mehrere, sehr ähnliche Erfindungen passieren, sei die Zeit einfach reif für diesen technologischen Fortschritt.

Ridleys zentrales Argument besteht allerdings darin, dass Verbesserungen in der Technologie nicht von Erfindern, sondern von Innovatoren vorangetrieben werden. Erfinder machen wesentliche Entdeckungen, die wissenschaftliches Know-How schaffen. Innovatoren hingegen nutzen Trial und Error, um Tausende von kleinen Änderungen an einem Produkt oder einem Prozess vorzunehmen, der an sich bereits gut funktioniert, damit er skaliert werden kann, um Regulierungsbehörden auszutricksen und die Konkurrenz zu schlagen.

Der Leser wird immer wieder überrascht

Für Ridley hat Samuel Morse, der Entwickler des Schreibtelegrafen, mehr dafür getan, die Welt miteinander zu vernetzen, als irgendjemand vor oder nach ihm. Denn er habe die politischen und praktischen Hürden überwunden: „Morse’s real achievement, like that of most innovators, was to battle his way through political and practical obstacles.“

Matt Ridley gehört zu den besten Sachbuchautoren der Gegenwart. Auch sein neuestes Buch ist ein Genuss. Er trägt sein beträchtliches Wissen lässig vor, so wie es die Briten nun mal am besten können. Selbst der gebildete Leser wird in der ersten Hälfte des Buches immer wieder überrascht, wenn Ridley anschaulich erzählt, wie verschiedene Innovationen entstanden sind – von der Landwirtschaft bis hin zur Künstlichen Intelligenz. In den letzten fünf Kapiteln zeigt er uns auf, wie man Innovation fördert und wie sie schiefgehen kann.

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Innovation braucht Freiheit

Seine Schlussfolgerung fasst er in zwei Sätzen zusammen: „The secret sauce that leads to innovation is freedom. Freedom to exchange, experiment, imagine, invest and fail; freedom from expropriation or restriction by chiefs, priests and thieves; freedom on the part of consumers to reward the innovations they like and reject the ones they do not.“ Der Schlüssel zur Innovation liegt also in der Freiheit, zu experimentieren und Fehler zu machen, in der Freiheit von Vorschriften oder Aneignung durch Vorgesetzte oder Priester und letztlich auch in der Freiheit der Konsumenten.

Ein bewundernswerter Slogan, denn Freiheit ist ein sensibles Gut. Sie kann dort existieren, wo man sie nicht erwartet, und sie kann leiden, wo sie bereits im Überfluss existiert – zum Beispiel durch übereifrige Vorsicht. Innovation, so Matt Ridley, „is the reason most people today live lives of prosperity and wisdom compared with their ancestors“. Innovation ist der Grund für unseren Wohlstand und unser Wissen. Wenn das stimmt, dann ist es in unser aller Interesse, immer mehr darüber lernen zu wollen, wie wir zu mehr Innovation kommen. Matt Ridleys neues Buch hilft dabei.

Titelbild: Getty Images

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Danke für den Buchtipp @bernhard! Macht Lust auf mehr!

Das finde ich eine interessante Feststellung. Ich frage mich allerdings, ob das heute auch noch gilt? Gibt es überhaupt irgendwelche Erfindungen, Entwicklungen oder wissenschaftliche Erkenntnisse, die nicht gleich digital publiziert und damit für alle einsehbar sind? Und scannen Investoren das nicht sehr genau, um dann auch diejenigen mit genug Geld auszustatten, die vielleicht nicht die eigentlich Erfinder sind, sondern einfach frühzeitig das Potential erkennen? (Looking at you @justherb @Daria)

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Natürlich ist heute alles viel transparenter und die Innovationszirkel kürzer. Doch was bleibt: Alles bekommt seine Zeit. Das hat was mit Konvergenz zu tun. Die Zutaten für z.B. Flugtaxis gibt es alle bereits lange, doch erst jetzt sind die einzelnen Komponenten so erschwinglich und auch ausgereift, dass es Sinn macht, sie in großen Stückzahlen herzustellen und zusammenzufügen, was ja in diesem Moment passiert. Gute Innovatoren wissen eben, welche Materialien auch wirtschaftlich zusammenspielen. Darum geht übrigens u.a. in einem anderen Buch, dass ich gerade fertiggelesen habe, die nächste Review ist also schon in Arbeit :wink:

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Klingt sehr interessant. Der Grundgedanke in diesem Buch deckt sich mit meiner libertären Haltung. Auf einem freien Markt haben Innovatoren mehr Raum für Experimente. Leider liegt das Potential der Innovationstreiber durch Überregulierung weit unter ihren Möglichkeiten, wodurch die Risikobereitschaft sinkt. Ein aktuelles Beispiel dafür ist autonomes Fahren. So wichtig es auch ist, durch Regulierung für Sicherheit zu sorgen, so lange bleibt die Innovation auf der Strecke, zumindest innerhalb eines privaten Geländes :slight_smile:

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Nicht nur das. Ridley ist der Meinung, dass z.B. die Überregulierung bei der Atomkraft dazu geführt hat, dass viele Kraftwerke extreme Sicherheitsmängel aufweisen, da die Investitionen stark zurückgegangen sind. Das führte u.a. zur Katastrophe von Fukushima.

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Das Verhältnis von Innovation und Regulation ist vielleicht so ähnlich wie jenes von Freiheit und Sicherheit. Es bedingt einander eher statt ein Gegensatzpaar zu sein.

Innovation kann durch Regulation nicht gesteuert werden. Staatliche Vorgaben können aber die Bedingungen herstellen, damit Innovationen die Freiheit haben, sich zu entfalten. Regulation kann eine solche Bedingung sein. Gerade wenn eine Grunddbedingung von Innovationen (zum Unterschied zu Erfindungen) ihre Skalierbarkeit ist, gelingt das zB. nur durch die Einhaltung von Standards, v.a. wenn Monopolstellungen verhindert werden sollten.

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Regeln als Vorgaben können aber Bedingungen zumindest so schaffen, dass Innovation gerichtet verläuft. Und damit kann man sie schon ein Stück weit steuern, in dem man deren Entfaltung eben richtet.

Genau das ist eigentlich (meiner Meinung) Aufgabe von Staatlichkeit und von gutem Policy Making. Jetzt fände ich es schön Bedingungen zu schaffen (zB durch Steuervorteile und gezielte Nachteile!) um nachhaltige Geschäftsmodell at Scale zu befeuern. Das gibt es zT aber noch wenig ambitioniert. ZB sollen Gerätehersteller länger in der Garantie stehen, und wenn jemand mit 10 Jahren Funktion wirbt, dann muss er dafür auch rechtlich einstehen (ist heute nicht so). Langlebigkeit von Produkten, Reparierfähigkeit und weniger Schrott wird dadurch befördert.

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Absolut - keiner weiss wirklich was Apple so rumwerkelt, was in Sicherheits- und Militäranwendungen vielleicht schon möglich ist, etc etc. Oftmals weiss man auch, dass es einfach nicht hilfreich ist eine Erfindung / Erkenntnis zu publizieren, wenn man zB patentieren will, oder auf solch einer Basis ein Geschäft aufbauen will und sich einen Wettbewerbsvorteil sichern möchte.

Um den Claim der eigentliche Erfinder zu sein geht es uns eigentlich nie. Das ist meiner Meinung Balsam fürs Ego. Aus einer Erfindung etwas relevantes zu bauen, das genutzt werden kann und das „at scale“ - das ist interessant. Und eine ganz andere Herausforderung. Die interessiert uns und nicht der Fame des „Erstautors“.

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