Die Programmier-Community Stack Overflow will Inhalte an OpenAI verkaufen – Nutzer rebellieren

Tausende Programmierer sind verärgert. Der Grund: Die Entwickler-Community Stack Overflow hat eine Kooperation mit OpenAI angekündigt. Dabei sollen Fragen und Antworten rund um Programmiertricks und -codes in neue KI-Modelle einfließen – ob die Entwickler wollen oder nicht.

Von Michael Förtsch

Die Website Stack Overflow gibt es seit 2008. Sie wurde von den beiden Programmierern Jeff Atwood und Joel Spolsky gestartet, um einen Ort zu schaffen, an dem sich Software- und Webentwickler austauschen können. Vor allem über Probleme und Lösungen, die sie bei ihren beruflichen und privaten Projekten haben. Inspiriert wurde die Website von der Internet-Community Reddit, ihrer Frage-Antwort-Struktur und den Möglichkeiten, Antworten zu bewerten und Reputationspunkte zu sammeln. Dadurch wurde Stack Overflow schnell zu einer der wichtigsten Ressourcen sowohl für erfahrene als auch für angehende Programmierer. Die Website wird sogar als das geheime Rückgrat der Softwareindustrie gehandelt. Seit 2021 gehört die Website der Investmentfirma Prosus, die sie für 1,8 Milliarden US-Dollar gekauft hat.

Am 6. Mai kündigte Stack Overflow eine Partnerschaft mit OpenAI an. Die KI-Firma wird daher ganz legal Inhalte zum Training neuer KI-Modelle nutzen können, die von den insgesamt 23 Millionen Nutzern der Plattform verfasst wurden. Wobei in die Modelle GPT-3 und GPT-4 ohnehin schon Millionen von Inhalten aus Stack Overflow eingeflossen sein sollen, wie Entwickler vermuten. So liefert GPT-4 manchmal Eins-zu-Eins-Kopien einzelner Codeabschnitte als Antworten auf Fragen, die ursprünglich als Antwort auf eine Frage auf der Seite gepostet wurden. Es wird vermutet, dass OpenAI mit dieser Partnerschaft, ähnlich wie bei vergleichbaren Kooperationen mit Medienunternehmen, einem Rechtsstreit zuvorkommen und sich einen dauerhaften Zugang zu neuen Inhalten sichern will. Denn viele Plattformen haben inzwischen die Crawler von KI-Firmen ausgesperrt.

Die Nutzer von Stack Overflow sind nicht begeistert. Viele argumentieren, dass ihre Inhalte nun genutzt werden, um sie als Programmierer überflüssig zu machen. Auch sei keine Diskussion mit den Nutzern geführt worden, sondern über ihre Köpfe hinweg entschieden worden – beziehungsweise sei keine Möglichkeit geschaffen worden, der Weitergabe der eigenen Inhalte zu widersprechen. Viele Stack-Overflow-Nutzer protestierten deshalb. Unter anderem, indem sie ihre Inhalte aktiv löschen oder Beiträge nachträglich in eine Protestnote umwandeln. Dies stößt bei den Betreibern der Plattform auf wenig Gegenliebe.

Löschen? Unmöglich!

Wie Nutzer auf X – ehemals Twitter –, Reddit, Mastodon und anderen Social-Media-Kanälen schreiben, hätten Moderatoren von Stack Overflow ihre gelöschten oder veränderten Inhalte ungefragt wiederhergestellt. Nutzer, die sich auf diese Weise gegen die Partnerschaft mit OpenAI auflehnen, würden sogar mit einer Sperrung ihres Accounts von bis zu sieben Tagen bestraft. Offenbar sind die Betreiber mit den Protesten der Nutzer überfordert. Denn die Wiederherstellung gelöschter Inhalte dauert mitunter Stunden.

Nach den Nutzungsbedingungen von Stack Overflow behält sich das Unternehmen das Recht vor, alle Inhalte für den eigenen Gebrauch zu archivieren. Den Nutzern wird keine Möglichkeit gegeben, die Erlaubnis zur Nutzung ihrer Inhalte zu widerrufen. Denn alle Inhalte werden unter einer Creative-Commons-Lizenz veröffentlicht, die eine weitgehende freie Nutzung und Weiterverarbeitung zulässt. Dennoch hoffen einige der Stack-Overflow-Rebellen, ihre Inhalte mit Hilfe der europäischen Datenschutzgrundverordnung löschen zu lassen. Die europäische Datenschutzgrundverordnung kennt ein Recht auf Vergessenwerden, mit dem Plattformbetreiber zur Löschung personenbezogener Daten aufgefordert werden können. Es ist jedoch unklar, ob Artikel 17 der Datenschutz-Grundverordnung auf diesen Fall anwendbar ist.

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Wie einige Kommentatoren anmerkten, sei es ironisch, dass ausgerechnet Stack Overflow mit einer Firma wie OpenAI kooperiert. Denn seit dem Aufkommen von generativer Künstlicher Intelligenz und ihrer Fähigkeit, Computercode zu generieren, ist der Traffic zu Stack Overflow stark eingebrochen. Hatte die Website im 2021, im Jahr vor dem Start von ChatGPT, noch rund 290 Millionen monatliche Besucher, waren es im März 2024 noch 185,1 Millionen. Rund sechs Prozent an Nutzern soll Stack Overflow monatlich seit dem Start von ChatGPT verloren haben.

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