Was wurden aus den mysteriösen Drohnen-Schwärmen in den USA?

Über mehrere Monate sahen Hunderte von Menschen im Mittleren Westen der USA mysteriöse Fluggeräte am Himmel. Viele beschrieben die Flugobjekte als Drohnen-Schwärme. Die Behörden nahmen die Sichtungen ernst. Doch bis heute ist unklar, was am Himmel los war.

Von Michael Förtsch

Es sind Videoaufnahmen, wie sie in einer dieser Sendungen über UFOs auf dem Discovery Channel gezeigt werden könnten. Es ist stockfinster. Nur schwer sind ein Stall, einige Strom- und Telefonmasten und eine Straße gegen den dunklen Himmel auszumachen. Ganz klar lassen sich aber vor den dunklen Wolken und dem letzten Schein der untergehenden Sonne kleine Lichtpunkte erkennen, die langsam aber gezielt umherziehen. Gemächlich driften sie von links nach rechts und scheinen dabei, leicht hoch- und runterzusteigen. Immer wieder hielten Menschen im Mittleren Westen der USA zwischen Dezember 2019 und Januar 2020 solche Szenen auf ihren Smartphones und Kameras fest. Auf Twitter, Facebook und YouTube finden sich Dutzende solcher Aufnahmen.

Die Zeugen glaubten aber nicht, von UFOs oder Aliens heimgesucht zu werden. Sondern von etwas ganz und gar Irdischem. Statt Berichten von fliegenden Untertassen oder außerirdischen Raumschiffen gingen bei Polizeidienststellen, dem Militär und der Flugsicherheitsbehörde aus Dörfern und Kleinstädten in den Bundesstaaten Nebraska, Kansas und Colorado zahlreiche Berichte ein, die ganz explizit von Drohnen sprachen. Ab 22:00 Uhr würden sie auftauchen und in Schwärmen von bis zu 50 Exemplaren teils in großer Höhe, teils schon fast zum Greifen nahe in einem Schachbrettmuster über die Siedlungen und Felder hinwegziehen. Dienststellen wie das Sheriff-Büro von Morgen County erreichten allein an einem Tag mehr als 30 Anrufe. Insgesamt sollen es mehrere Hundert gewesen sein, die in den drei Bundesstaaten zusammenkamen.

„Es ist nicht beängstigend, sondern eher entnervend“, sagte Chelsea Arnold in einem Interview mit der Today Show . Gemeinsam mit ihrem Freund verfolgte sie einige der Drohnen für mehrere Kilometer mit dem Auto durch Washington County, Colorado. Dabei seien die Fluggeräte mit einer Geschwindigkeit von über 100 Kilometern pro Stunde unterwegs gewesen. Als sie sie einholten, hätten die surrenden Drohnen plötzlich ihre Lichter ausgeschaltet und wären in der Dunkelheit verschwunden. Während einige Menschen nur diese ominösen Lichter sahen, die „den Himmel in einen Weihnachtsbaum verwandelten“, meinten andere ziemlich genau gesehen zu haben, was da flog. Darunter auch Polizeibeamte und Piloten aus über 16 Gemeinden in den drei Bundesstaaten.

Woher kommen sie?

Was da angeblich am Himmel im Mittleren Westen der USA schwebte und blinkte, das sollen keine Drohnen gewesen sein, wie man sie für einige Hundert Euro einfach auf Amazon kaufen kann. Sondern es soll sich um professionelle Fluggeräte mit einer Spannweite von bis zu zwei Metern gehandelt haben. Also Drohnen, wie sie vom Militär oder Behörden eingesetzt werden, um Überwachungsoperationen durchzuführen. Genau das trug seinen Teil zur Verunsicherung bei. Denn schnell wurde von der Polizei, der Bundespolizei FBI, der Antidrogenbehörde DEA und auch von Luftwaffenbasen wie der Warren Air Force Base dementiert, dass man etwas mit den Sichtungen zu schaffen hätte. Gleiches galt für Drohnen-Start-ups wie Zipline und Wing. Allerdings seien, wie The War Zone , ein Online-Magazin für Militärtechnologie, recherchierte, die Beschreibungen durchgehend sehr konsistent gewesen.

Zumindest die Flugaufsichtsbehörde FAA nahm das Thema sehr ernst, wie Dokumente belegen, die zwischenzeitlich freigegeben wurden. Mehrere hochrangige Beamte hätten sich dessen angenommen und zunächst Berichte und Informationen eingeholt. Darunter auch Aussagen darüber, dass nebst den bereits bekannten Drohnen auch eine „Big Drone“ gesehen worden sein soll. „Diese größere Drohne […] soll still geschwebt haben, während alle anderen [Drohnen] in unmittelbarer Nähe herumfliegen“, heißt es im Bericht. „Die große Drohne ist etwa 1,5 bis 2 Meter im Durchmesser mit einer zylindrischen Form und einer roten Front.“

Diese größere Drohne […] soll still geschwebt haben, während alle anderen [Drohnen] in unmittelbarer Nähe herumfliegen.

Da immer mehr dieser Sichtungen eintrudelten, wurde dann doch recht flott eine Untersuchung durch die Behörden gestartet. Denn auch wenn in vielen Bundesstaaten das unangemeldete Fliegen von Drohnen mit einem Remote Pilot Certificate absolut legal ist, gelten für Nachtflüge und Flüge über Privatgrundstücken besondere Auflagen und teils eine Genehmigungspflicht. Am 6. Januar 2020 fanden sich die US-Bundespolizei FBI, die Luftaufsichtsbehörde FAA, die Heimatschutzbehörde Homeland Security, die US Air Force und 16 lokale Polizeidienststellen zu einer Task Force zusammen. Obschon einige Sichtungen schnell als Fehldeutungen von Flugzeugen und Sternen abgeschrieben werden konnten, war nach den zahlreichen Videoaufnahmen und weiteren Zeugenberichte ziemlich sicher, dass zumindest irgendwas am Himmel los ist.

Da die Drohnen von irgendwo aus gesteuert werden mussten, wurden mit Polizeistreifen und Agenten nach einem Mobile Command Vehicle gefahndet: einem Van, Bus oder anderem Wagen, der mit einer Antennenanlage ausgestattet ist, die genug Reichweite hat, um die Drohnen unter Kontrolle zu halten. „Es ist klar, das ist kein Hobby-Pilot, der sie fliegt“, heißt es in einem Beitrag des TV-Senders CBS News . Die Masse an Sichtungen, die Zahl der Lichtpunkte, die auf Aufnahmen der Drohnen zu sehen sind, würden auf eine „massive Operation“ hindeuten. Aber die Suche nach dem Kontrollfahrzeug und Piloten blieb erfolglos. Die spannendste Entdeckunge war eine „Weltraum Kartoffel“, die mutmaßlich von einer Drohne auf ein Feld gefallen war. Sie stellte sich als Tracklog heraus, ein in ein Netz eingespanntes Bio-Gel, das Reifenspuren bei der Feldarbeit minimiert.

Bereits wenig später wurden die Ermittlungen eingestellt. So plötzlich wie das Drohnen-Mysterium aufgekommen war, so schnell ebbte es nämlich Ende Januar 2020 abrupt wieder ab. Möglicherweise aufgrund der Ermittlungen, wie von Medien aber auch beteiligten Beamten wie Sheriff Martin gemutmaßt wurde. „Kurz nach unserem Treffen“ habe sich das Problem von selbst gelöst. Binnen zwei Wochen nach dem Start der Task Force wurden nur noch vereinzelt Sichtungen von Drohnen-Schwärmen gemeldet. Mehrere davon ließen sich recht einfach auf andere Weise erklären. Darunter unter anderem mit den Starlink-Satelliten von Elons Musks SpaceX, die in ländlichen Regionen klar als eine Perlenschnur von Lichtern am Himmel zu sehen sind.

Was nach der Untersuchung blieb, waren vor allem jede Menge Fragen. Sicher konnte die FAA nur feststellen, dass es sich bei den Drohnen-Schwärmen „nicht um verdeckte militärische Aktivitäten“ der US-Armee, privater Militärdienstleister oder Rüstungsunternehmen gehandelt hat. Sogar das Pentagon habe auf Nachfrage bestätigt, dass es „keine Involvierung in ein Wissen um die [Drohnen-]Operationen“ gäbe. Daher wurde weiter gerätselt und spekuliert. Und das in alle nur erdenklichen Richtungen.

Manche der Einwohner mutmaßten, die Drohnen-Schwärme könnten von großen Öl- und Gas-Firmen stammen, die die Umgebung kartierten, um nach Orten für Fracking- und Bohroperationen zu suchen. Im Internet – insbesondere einer extra für das Drohnen-Mysterium angelegten Facebook-Gruppe – wurden sowohl Landspekulanten, Drogenkartelle, ausländische Spione als auch geheime Regierungsapparate als Drahtzieher vermutet. Aber auch Google, Faceook, Amazon, Elon Musk und natürlich Außerirdische wurde als Verdächtige auf die Liste gesetzt. Kurzzeit ging auch das Gerücht herum, der TV-Sender Discovery Channel würde für eine noch unangekündigte Sendung nach einer verlorenen Stadt suchen. Aber auch diese Vermutung hat sich zwischenzeitlich zerschlagen.

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Einige Drohnen-Enthusiasten spekulierten, dass die Flugaufsichtsbehörde FAA selbst hinter den Drohnen-Schwärmen gesteckt haben könnte. „Wer sagt, dass sie das nicht selbst waren? Vielleicht war das alles nur ein Schauspiel, um strengere Regeln für Drohnen durchsetzen zu können?“, schrieb ein Nutzer in einer Debatte auf dem Imageboard 4Chan. Tatsächlich hatte die Behörde Ende 2019 ein Gesetz vorgeschlagen, dass Hersteller zwingen würde, selbst kleine Drohnen mit Sendern zu bestücken, die ein Peilsignal aussenden.

Einer anderen Theorie zufolge gibt und gab es die Drohnen niemals. Der VICE -Autor Aaron Gordon glaubt, dass es sich bei den zahlreichen Sichtungen um nicht mehr als einen Fall von Massenhysterie gehandelt habe. Eine Theorie, die zumindest in Teilen ihre Berechtigung haben könnte. Denn nach ersten Fernseh- und Zeitungsberichten schoss die Zahl an Sichtungen in die Höhe. Eine gewisse Drohnen-Hysterie lässt sich im Rückblick also nicht leugnen. Viele Menschen sahen Lichter, weil sie glaubten, sie müssten welche sehen. Aber die Videoaufnahmen lassen sich nicht so einfach erklären. Irgendetwas war am Himmel über Colorado, Kansas und Nebraska. Die Frage, was das war, könnte die Menschen vielleicht noch über Jahrzehnte umtreiben – genau wie bei vielen anderen Sichtungen merkwürdiger Flugobjekte.

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