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11. März 2021

Warum ihr die Serie 'For All Mankind' schauen solltet


Es ist einer der wichtigsten Momente der Menschheitsgeschichte. Am 16. Juli 1969 startete eine Saturn-Rakete in den Weltraum. Fünf Tage später, am 21. Juli, stieg Neil Armstrong die Leiter eines Landemoduls hinab und betrat als erster Mensch einen fremden Himmelskörper. Aber was, wenn es ganz anders gelaufen wäre? Genau diese Frage stellt die Serie For All Mankind – und zeichnet eine faszinierende Historie, die so nie geschehen ist.


Von Michael Förtsch


Rund 500 Millionen Menschen verfolgten 1969 live die Landung auf dem Mond. Menschen in allen Ländern schauten zu, wie ein US-Amerikaner seinen Fuß in den staubigen Sand des Erdtrabanten setzte. Damit war das Wettrennen in den Weltraum und das technologische Wettrüsten um die Vormacht im All vorbei. In der Welt von der Apple-Plus-Serie For All Man Kind nahm die Geschichte allerdings einen anderen Weg. Einige Dinge liefen anders und ließen die Geschichte eine Abzweigung nehmen. In der Realität verzweifelten die russischen Ingenieure unter dem genialen Raketentechniker Sergei Koroljow, der 1966 bei einer Operation starb, beim Bau der Mondrakete N1. Doch in For All Man Kind überlebt Koroljow und bekommt die Probleme in den Griff. Dadurch landet am 26. Juni 1969 der Kosmonaut Alexei Leonov als erster Mensch auf dem Mond.


Leonov steigt aus dem Landemodul Lunniy Korabl und widmet seinen ersten Schritt auf dem Erdtrabanten seinem Land, der sowjetischen Bevölkerung und der marxistisch-leninistischen Ideologie. Dieses Ereignis erschüttert die Vereinigten Staaten – umso mehr als der Landeversuch von Apollo 11 mit Armstrong und Aldrin in einer Beinahe-Katastrophe endet und die Sowjetunion nur kurz darauf auch noch die erste Frau auf den Mond bringt. Die USA wollen das Rennen in den Weltraum dennoch nicht aufgeben, sondern antworten mit einem „jetzt erst Recht“: Der Wettlauf ins All endet also nicht, sondern beginnt erst richtig. Das Autorenteam um den Kampfstern-Galactica -Schöpfer Ronald D. Moore nutzt dieses Szenario, um ein äußerst faszinierendes Was-wäre-wenn-Gedankenexperiment aufzumachen, mit dem die eigentliche Geschichte um private Dramen nicht so ganz mithalten kann.


In der Realität war das Sally Ride – und zwar erst 1982. Die erste Frau im All war die Kosmonautin Valentina Tereshkova – und das bereits 1963. Sie diente als Inspiration für die fiktive Raumfahrerin Anastasia Belikova, die in der Serie im September 1969 auf dem Mond landet. ©Apple

Der Kampf um die Vormachtstellung im All hat in For All Mankind nicht nur Einfluss auf die Technik, sondern auch auf Kultur und Gesellschaft. Das beginnt damit, dass sich für die USA und die Sowjetunion die Prioritäten im globalen Schachspiel der Supermächte verschieben. Statt erst 1975 ziehen sich die USA bereits zwischen Ende 1969 und Herbst 1970 aus Vietnam zurück. Eine Invasion von Afghanistan durch die sowjetische Armee findet gar nicht erst statt. Statt in militärische Geplänkel fließen die Gelder nun in Forschungs- und Raumfahrtprojekte. Und selbst die riskantesten Programme scheinen nun möglich und finanzierbar – von denen zahlreiche auf realen Plänen und Erwägungen basieren, die nie umgesetzt wurden.


Reale Pläne


Mit Mercury 13 gab es in den 1960ern eine Gruppe von Pilotinnen, die die gleichen harten Tests wie die NASA-Astronauten bestanden. In der Realität bekamen sie nie die Chance, als Astronautinnen in Erwägung gezogen zu werden. Ganz zu schweigen von einem Flug ins All. In der Serie müssen die USA jedoch nicht nur um die technologische Vorherrschaft wetteifern, sondern auch ihr internationales Ansehen als progressive Gesellschaft verteidigen. Daher wird 1970 eine rein weibliche Gruppe von ASCANs – As tronaut Can didates – zusammengestellt. Und 1971 wird die fiktive Pilotin Molly Cobb die erste Amerikanerin im All, was Millionen von Frauen auf der Welt inspiriert und den Kampf für die Gleichberechtigung vorantreibt. Bald schon steht auch eine Frau an der Spitze der NASA, nämlich die von der Ingenieurin Frances Northcutt inspirierte Figur der Margo Madison, die in der Serie als Vertraute von Wernher von Braun ihre Karriere startet.



NASA Trilogy


For All Mankind ist bei weitem nicht alleine damit, eine alternative Realität um den Wettlauf ins All aufzuzeichnen. Das hat insbesondere schon der britische Autor Stephen Baxter mit seiner NASA-Trilogie getan. Jedes der drei Bücher erzählt eine andere Was-wäre-wenn-Raumfahrtgeschichte. In Voyage wird, nachdem die USA den Mond erreicht haben, vom noch lebenden John F. Kennedy entschieden, dass das nächste Ziel der Mars sein muss. Dadurch startet bereits 1986 das NERVA-Raumschiff Ares zum roten Planeten.


Die Mars-Mission ist ein Erfolg, der jedoch auf Kosten anderer Programme geht. In Titan reisen Astronauten mit modifizierten Space Shuttle zum Saturn-Mond, um anderes Leben zu suchen. Und in Moonseed gibt es noch eine 18. Apollo-Mission zum Mond, die Mondgestein zur Erde bringt, auf dem eine mysteriöse Substanz entdeckt wird, die die Erde zu vernichten droht.



Statt dem verlorenen Wettrennen um den ersten Menschen auf dem Mond nachzuhängen, wollen die USA das Race for the Base gewinnen – also vor den Sowjets eine dauerhafte Basis auf dem Mond errichten. Und das gelingt knapp mit wenigen Monaten Vorsprung: Am 12. Oktober landet das aus einer geplanten Skylab-Station gebaute Kernmodul der Basis Jamestown unweit dem Shackleton-Krater, in dessen Nähe zuvor das Vorkommen von Wassereis bestätigt wurde. Nach und nach wird Jamestown mit weiteren Modulen und einem Kernreaktor ausgebaut – Bauteile, die von gigantischen Sea-Dragon-Raketen ins All geschafft werden. So ein Plan für eine Mondbasis wurde einst tatsächlich vom Unternehmen McDonnell Douglas ausgearbeitet. Und zumindest laut Raumfahrtexperten wie den Astronauten Garrett Reisman hätte eine solche Basis in der Apollo-Ära durchaus gebaut werden können.


Technik fürs All auf der Erde


Der Wettlauf ins All führt in der Serie auch dazu, dass sich die Vereinigten Staaten und Europa bei der Raumfahrt früher als in der Realität annähern. Bereits in den 1980ern arbeiten Astronauten der European Space Agency Seite an Seite mit NASA-Astronauten auf der Jamestown-Basis und bei regelmäßigen Space-Shuttle-Missionen zusammen. Und natürlich sickert auch die Raumfahrttechnik der in der zweiten Staffel über 35 Apollo-Missionen langsam, aber sicher in die Gesellschaft durch. Ein Sicherheitssystem, das für den Reaktor der Mondbasis entwickelt wurde, verhindert 1979 den Unfall des Kernkraftwerks Three Mile Island. Videotelefonie ist wirklich ein Ding . Solarpaneele, die kleine Raumstation wie das Skylab versorgen, werden auf Häusern installiert. Und bereits in den 1980ern schaffen Elektroautos ihren Durchbruch – dank der Batterie- und E-Motor-Technik, die die Mondautos antreibt.


In For All Mankind wird die Entwicklung von Elektroautos durch die Raumfahrt befeuert. Bereits in den 1980ern beginnen sie sich durchzusetzen. ©Apple

In der Serie zu sehen ist etwa ein Ford-PKW, der immerhin 100 Kilometer mit einer Batterieladung schaffen soll. In der Realität gab es zwar gegen Ende der 1970er-Jahre Versuche, mit Konzeptwagen und experimentellen Elektrofahrzeugen wie dem AMC Electron oder der Electrovette ein Interesse der Kunden zu schüren. Aber es fehlte die zuverlässige und vor allem günstige Technik, um die Wagen wirklich zu einem Massenprodukt zu machen. Entwickler bei General Motors sagten später über die Electrovette und ähnliche Visionen, dass es „einen Durchbruch bei den Batterien“ gebraucht hätte, um in den 80ern ein Elektroauto zu bauen, das erschwinglich und in großen Stückzahlen produzierbar gewesen wäre. So kam mit dem EV1 das erste Elektroauto für die Masse erst 1996 – um dann auf kuriose Weise wieder zu verschwinden.



Der Kalte Krieg ist in For All Mankind (zumindest bislang) kein vornehmlich militärisches Wettrüsten, sondern ein technologisches und logistisches. Statt lediglich fünf Space Shuttle sind zehn der Raumschiffe im Dauereinsatz – und ein elftes im Bau, das in der Realität lediglich als Modell existierte. Selbst wenn die Lage zwischen den USA und Europa auf der einen Seite und der Sowjetunion auf der anderen natürlich stark angespannt ist: Die Dauerangst vor einem Atomkrieg gibt es so nicht. Ob es wirklich so gekommen wäre, wäre der Wettlauf ins All weitergegangen? Teilweise vielleicht, aber im Großen und Ganzen wohl eher nicht. Laut Ronald D. Moore ist For All Mankind aber auch eine „wirklich optimistische Serie“, die zeige, dass, wenn man ein Rennen verliert, dadurch „viel mehr gewinnen“ kann und es einen vielleicht „auf einen besseren Weg“ bringt.

Michael Förtsch

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