Über soziale Netzwerke bringt dieses Start-up Obdachlose und ihre Familien zusammen

Soziale Medien sind zum Glück mehr als Hate Speech, Fake News und Filterblasen. Selbst Facebook, Twitter und Co. lassen sich immer noch für gute Zwecke nutzen. Das amerikanische Start-up Miracle Messages bringt über sie Menschen wieder zusammen, die sich oft seit Jahrzehnten nicht mehr gesehen haben.

Von Kim Richters

Ob auf dem Weg zur Arbeit oder nach Hause: Wenn Kevin Adler vor fünf Jahren durch San Francisco ging, begegnete er Menschen, die auf der Straße lebten. Die Zahl der Obdachlosen in der Metropole am Rand des Silicon Valleys steigt seit Jahren, während neue Bürotürme entstehen und die Mieten explodieren.

Zu dem Zeitpunkt arbeitete Kevin Adler noch im Bereich der Bildungstechnologien. Er hatte eine Fundraising-Plattform für weiterführende Schulen aufgebaut und verkauft. Nun beschloss er, sich den obdachlosen Menschen zuzuwenden: „Ich hatte es satt, einfach vorbeizugehen“, erzählt er im Gespräch mit 1E9.

Deswegen gründete er Miracle Messages. Die anfängliche Idee dahinter: In den sozialen Medien sollten obdachlose Menschen die Chance bekommen, aus ihrem Leben zu erzählen. Adler hoffte, dass ihre Geschichten Menschen zum Umdenken bringen – und sie damit aufhören, Obdachlose „als Probleme und nicht als Menschen“ zu sehen. Für ihn war das eine ganz persönliche Mission. Auch sein Onkel Mark habe immer wieder auf der Straße gelebt, erzählt er. „Ich habe ihn nie als Obdachlosen gesehen. Er war immer nur ein geliebtes Mitglied der Familie.“

Ein Wiedersehen nach über 20 Jahren

Schon kurz nach dem Start ging Adler mit seinem Unternehmen noch einen Schritt weiter als ursprünglich geplant. Er begann, Obdachlose wieder mit den Menschen zusammenzubringen, die sie aus den Augen verloren hatten: mit Angehörigen, Freunden, Bekannten. Die Anliegen der Obdachlosen werden vom Miracle-Messages-Team in den sozialen Medien verbreitet. Zusätzlich werden Onlinedatenbanken durchforstet, um die Menschen zu finden, für die ihre Audio- und Videonachrichten bestimmt sind.

So funktionierte es auch bei Jeffery, einem der ersten auf der Straße lebenden Menschen, denen Adler half. Der Gründer nahm eine Nachricht für Jefferys Familie auf, die dieser seit über 20 Jahre nicht mehr gesehen hatte. Über eine Facebook-Gruppe von Jefferys Heimatstadt erreichte Adler schließlich dessen Schwester, mit der Jeffrey daraufhin nicht nur Nachrichten austauschte. Er traf sie auch persönlich. Rund 210 Mal konnte Kevin Adler bisher Menschen wie Jeffery helfen, sagt er. Sein Unternehmen ist bislang größtenteils in US-Städten wie San Francisco oder Los Angeles aktiv.

Während Miracle Messages mit rund 100 Freiwilligen zusammenarbeitet, besteht das in San Francisco sitzende Kernteam aus 25 Mitarbeitern. Gründer Adler finanziert die Arbeit unter anderem durch Spenden von Privatpersonen, anderen Unternehmen oder Stiftungen. Zudem hat er begonnen, das Konzept von Miracle Messages entgeltlich sozialen Einrichtungen zur Verfügung zu stellen.

Manchmal will die Familie keinen Kontakt

Doch nicht immer gibt es ein Happy End. Zwar seien 80 Prozent der gefundenen Angehörigen oder Freunde einverstanden, wieder mit dem obdachlosen Menschen Kontakt aufzunehmen. Der Rest sei es aber nicht, sagt Adler: „Wir geben unser Bestes, die Nachricht gebührend zu überbringen.“ Doch in solchen Fällen respektiere man die Entscheidung des Kontaktierten.

Laut Adler haben Menschen, die auf der Straße leben, im Schnitt 20 Jahre keinen Kontakt zu früheren Bezugspersonen. „Manchmal nehmen Menschen den Kontakt zu anderen nicht von allein wieder auf, weil sie Angst vor Ablehnung haben, sich schämen oder keine Belastung sein wollen,” erklärt er. Miracle Messages vermittle und helfe dabei, diesen Schritt eher zu wagen, glaubt er. „Wir bieten Reunion-as-a-Service“, fasst der Gründer sein rund fünf Jahre altes Unternehmen in Start-up-Manier zusammen.

Adler nutzt Tools, die heutzutage aus unserem Leben nicht mehr wegzudenken sind. Soziale Netzwerke wie Facebook oder Twitter werden von Milliarden Menschen weltweit genutzt – und die mittlerweile oft (und zurecht) kritisiert werden. Doch nach wie vor schaffen sie eine immense Reichweite, die auch für positive Dinge genutzt werden kann. Der Miracle-Messages-Gründer Kevin Adler sagt jedenfalls: Smartphones und Social Media müssen nicht nur für Selfies und Katzen-Videos da sein.

Kevin Adler wird die Geschichte von Miracle Messages auch bei unserer 1E9-Konferenz am 11. Juli in München erzählen. Sei dabei und erlebe inspirierende Keynotes, interaktive Diskussionen, erstaunliche Kunstwerke und praktische Workshops rund um die Technologien der Zukunft. Werde Teil der 1E9-Community!

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Danke @Kim - für diesen wertvollen Beitrag.
Wertvoll sage ich, weil das Thema der Zusammenführung von Menschen Obdachlose und Familie zum Thema hat. Wir wissen, dass Menschen auch Angst haben an Obdachlosen vorbei zu laufen, oft ekeln sie sich sogar. Als Menschen mit Würde werden sie, die Menschen ohne Obdach, in der Tat selten ‘gesehen’.
Auch der Hinweis, dass soziale Netzwerke ein hervorragendes Werkzeug sind ist eine dankbare Erinnerung daran, auf den Geist des Benutzers zu schauen und nicht das Werkzeug in Misskredit zu bringen.

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