Replicas ist ein Film über die Mensch-Maschine, der sich vor cleveren Fragen fürchtet

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Im Film Replicas arbeitet ein genialer Wissenschaftler daran, den menschlichen Verstand in einen Roboterkörper zu übertragen. Als seine Familie stirbt und er sie zurückholen will, findet er die Lösung. Das klingt spannend – aber ist es nicht. Denn der Film traut sich nicht, die Fragen zu beantworten, die er stellt.

Von Michael Förtsch

Es ist keine neue oder gar originelle Vision. Schon viele Science-Fiction-Romane, Filme und Anime haben sich daran abgearbeitet. So manch ein Silicon-Valley-Millionär und Milliardär glaubt, dass diese Idee noch in einem greifbarem Zeitrahmen Wirklichkeit werden könnte: die Möglichkeit, den Verstand und Geist eines Menschen zu digitalisieren – und dann in einen synthetischen Körper zu übertragen. Dennoch: Genau darum geht es auch in Replicas , der nach einem gefloppten Kinostart nun auf Amazon Prime gelandet ist.

Keanu Reeves gibt darin den genialen Wissenschaftler William Foster, der für das Militärforschungsunternehmen Bionyne arbeitet, das sich in der Öffentlichkeit als Biotech-Start-up ausgibt. Er soll einen Weg finden, das Bewusstsein und den Verstand von gefallenen Soldaten in Roboterkörper zu übertragen. Das gelingt ihm in einer Reihe von Versuchen aber nur mit mäßigem Erfolg. Denn: Wenn die Toten die Kontrolle über ihre Gliedmaßen erlangen, beginnen sie, sich selbst zu zerfetzten. Foster braucht eine Auszeit und will mit seiner Familie eine Bootstour unternehmen. Doch auf dem Weg kommt er im Regen von der Straße ab.

Seine gesamte Familie stirbt. Nur er selbst überlebt. Aber er will sie nicht gehen lassen. Mit Hilfe des Klonforschers Ed Whittl stellt Foster biologische Kopien seiner Familienmitglieder her und speist die Erinnerungen aus ihren toten Gehirnen in die neuen Körper – und im Gegensatz zu seinen Versuchen funktioniert es ohne große Stolpersteine. Er kommt auf die Lösung des Problems, das ihn bei den Testsmit den mechanischen, nicht-biologischen Repliken behinderte. „Wir versuchen ein menschliches Bewusstsein in einen synthetischen Körper zu übertragen“, sagt Foster. „Aber das weiß es nicht.“

Muss ein künstlicher Körper atmen?

Anders als bei einem menschlichen Körper, bei dem das Gehirn auf natürliche Weise registriert, dass ein biologisches Gefäß vorhanden ist, laufen die unbewussten Prozesse des Gehirns bei einem künstlichen Körper ins Leere. „Es sucht nach seinem Herzen, seiner Lunge aber es kann sie nicht finden“, so Foster. Daher gerate die digitale Kopie des Gehirns in Panik , denkt, es befinde sich in einem sterbendem Körper und schaltet letztlich ab. Der Roboterkörper muss dem Verstand also vortäuschen, dass da ein Körper mit Organen und menschlich-biologischen Prozessen vorhanden ist.

So einige Szenen in Replicas erinnern frappierend an Minority Report. Denn natürlich werden Erinnerungen nicht an der Tastatur manipuliert, sondern mittels wilden Wischerei in Hologrammen, die in der Luft herumsegeln. Entertainment Studios

In nur wenigen Minuten wird dieses Dilemma in dem Film von Regisseur Jeffrey Nachmanoff abgehandelt. Dabei ist es eine der interessanten Fragestellungen, die Replicas aufmacht: Was würde unser Gehirn oder Verstand von synthetischen Körper erwarten? Denn tatsächlich laufen stetig Tausende von automatischen und halbautomatischen Prozessen ab, die, wenn sie aussetzen oder unterdrückt werden, Stress- und Angstreaktionen provozieren. Angefangen vom Atemreflex, dem Schlagen des Herzens, über das Blinzeln mit den Augenlidern bis hin zum Kratzen von juckenden Stellen.

In Replicas ist es natürlich ein einfacher Algorithmus , der dem digitalisieren Verstand vorgaukelt, dass all das noch vorhanden wäre und damit die Reflexe befriedigt. Umfangreicher und mit mehr Einsicht und Neugier ging vor zwei Jahren die Mockumentary The Beyond auf das Thema ein. Dort sollen Astronauten in künstliche Körper gesteckt werden, um durch ein schwarzes Loch zu reisen. Ihre Roboterkörper, in die die biologischen Gehirne eingepflanzt werden, simulieren eine eigentlich unnötige Lungenaktivität, einen Blutfluss und gar das Fließen von Tränen.

Kopie und Fälschung

Das ist nicht die einzige Frage, der Replicas wenig elegant ausweicht. Noch kurz vor dem Schluss zieht es einen Twist aus dem Ärmel, der gleichsam Debatten- und Diskussionsstoff bilden könnte. Nämlich was passiert, wenn der Verstand nicht übertragen, sondern kopiert wird: Also der Mensch im menschlichen Körper sowie auch in einer Roboterhülle steckt. Doch die Frage, was das nun bedeuten könnte, welche dieser Personen nun mehr oder weniger echt ist, die mag der Film erst gar nicht stellen. Stattdessen springt er zu einem unbefriedigenden Ende, das darauf deutet, wem die Technologie letztlich wohl zu Gute kommen würde: den Milliardären dieser Welt.

Der Roboter mit menschlichem Verstand: Eine faszinierende Vorstellung aus der Replicas leider wenig macht. Entertainment Studios

Replicas hätte also durchaus Ansätze gehabt, das Thema Mensch-Maschine in technologischer wie auch ethisch-moralischer Hinsicht zu erforschen – aber schreckt vor den interessanten Fragen zurück. Stattdessen verliert sich der Film nach den ersten 45 Minuten in schlecht geschriebenen Dialogen, Logiklöchern, irrationalen Entscheidungen der Protagonisten, peinlich animierten Robotern und unmotiviert inszenierten Actioneinlagen. Dabei wären mehr mutige Denkanstöße und clevere Fiktionen richtig und wichtig.

Denn schon jetzt leben unter uns die erste Cyborgs; Menschen mit elektronischen Prothesen und Verbesserungen. Der Sprung hin zum kompletten Roboterkörper als Träger für ein Gehirn oder einen digitalisierten Verstand scheint zwar noch weit, ist aber vielleicht nicht soweit, wie wir derzeit denken.

Fazit: Eine verpasste Chance

Replicas hätte die Chance gehabt, ein spannendes Thema weiterzudenken. Denn tatsächlich stolpert der Film über mehrere interessante Gedanken, die er aber nicht aufgreifen und bearbeiten will. Stattdessen ergeht sich der Streifen in dumpfer Action, die weder die Handlung, die Charaktere oder das übergreifende Thema weiterbringt. Replicas ist damit eigentlich kein Anschauen wert – es sei denn, als Beispiel dafür, wie clevere Science Fiction nicht geht.

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#2

Danke für den Hinweis zu The Beyond: Film The Beyond: Über Transhumanismus in der Raumfahrt | GQ

Diese Mensch-Maschine Thematik finde ich super. Auch das Thema KI im Zusammenspiel mit embodied intelligence: wie beinflusst Körperlichkeit (unsere Aktuatorik, Sensorik, etc) das was wir im “Geiste” sind und werden?

Abgefahren die “Hardware”, oder den verkörperlichten Teil der im Mensch steckenden Intelligenz in einen Maschinenkörper zu gießen… Beyond schau ich mir an. Danke!

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#3

Gerne und jederzeit. The Beyond basiert ja auf dem Kurzfilm Project Kronos, der auch sehr, sehr, sehr sehenswert ist.

Gibt’s hier für rund 3 Euro:

Oder hier in leider mieser Qualität:

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